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"Der Kohlestrom verstopft das Netz"

Foto: ursinator/photocase

Die Betreiber der großen Stromnetze haben Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Wünsche für einen nationalen Netzentwicklungsplan aufgelistet. Kosten für Modernisierung und Ausbau: 32 Milliarden Euro in zehn Jahren. Unbedingt notwendig für die Energiewende. Stimmt das?

chrismon: Müssen die Stromnetze ausgebaut werden?

Valentin Hollain: 95 Prozent der Investitionen in erneuerbare Ener­gien kommen bisher von Bürgern, Stadtwerken und mittelständi­schen Unternehmen. Sie wollen die Energie dort erzeugen, wo sie verbraucht wird. Dieser Strom hat keine weiten Wege, das macht den Netzausbau in dieser Dimension verzichtbar. Nach dem Aus für die Atomkraft forcieren die Energiekonzerne Windparks auf dem Meer – also wieder zentrale Einheiten, keine dezentralen. Daher der Ruf nach gro­ßen Stromtrassen. Das lenkt vom eigentlichen Problem ab.

Was ist das Problem?

Der unflexible fossil-atomare Kraftwerkspark. In Deutschland sind sogar zehn neue Kohlekraftwerke im Bau, die sich nur langsam und auch nur teilweise abregeln lassen, so dass die Netze den Windstrom nicht mehr aufnehmen können.

Was schlagen Sie vor?

Dezentrale Blockheizkraftwerke, die sich hochflexibel steuern ­lassen, weil sie Wärmespeicher haben. Befeuert werden sie mit Erdgas, Biogas oder künstlichem Erdgas aus überschüssigem Windstrom. Die Dänen sparen mit so einem Kraftwerkspark viel Geld für Kohle und Öl.

Sparen wollen auch die Stromkunden, die aber immer mehr für Solarstrom zahlen!

Richtig ist: Zwischen 2000 und 2010 sind die Strompreise deutlich gestiegen, von gut 15 auf über 20 Cent/Kilowattstunde. Nur ein Fünftel davon geht auf die Um­lage nach dem Erneuerbare-­Energien-Gesetz (EEG) zurück. 80 Prozent waren vor allem Preiserhöhungen der Konzerne. Schon heute sinkt der Preis an der Leipziger Strombörse immer dann, wenn viel Sonnen- und Windstrom eingespeist wird. Die privaten Haushalte profitieren davon nicht; nur Industriekunden, die zu Tagespreisen ihren Strom kaufen. Ein Teil der Industrie verbraucht 18 Prozent des Stroms, zahlt aber nur 0,3 Prozent der EEG-Umlage. Diese Ausnahme­regeln müssen wir überprüfen. Das entlastet die Bürger.

Wenn die Industrie den teuren Solarstrom kaufen muss, gehen dann Arbeitsplätze ver­loren?

In den nächsten fünf Jahren wird sich der Preis für die Kilowattstunde Solarstrom hierzulande der Zehn-Cent-Marke annähern. Zum Vergleich: Eon und RWE ­haben der britischen Regierung neue Kernkraftwerke angeboten – für mindestens zehn Cent pro Kilowattstunde.

Valentin Hollain

Valentin Hollain ist  wissenschaftlicher Leiter bei Eurosolar. Die Vereinigung fordert eine Vollversorgung mit erneuerbarer Energie.

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