Zeichen einer ungebrochenen Liebe

Birgitta Kowsky

Sie wurden erwartet, vielleicht ersehnt. Und dann starben sie weit vor dem Geburtstermin. Diese Kinder hat man, wenn sie noch sehr klein waren, früher einfach beseitigt. Heute können sie bestattet werden. Zwei Trauerzüge: in Halle und Frankfurt am Main

Das Dutzend Trauergäste vor der kleinen Feierhalle des Südfriedhofs in Halle fällt sofort auf. Es sind überwiegend junge Leute, nicht die üblichen Rentner auf Beerdigungen. Sie stehen, meist paarweise, auf dem Kiesweg, die Frauen haben eine Hand in der ihres Partners vergraben, in der anderen knüllen sie ein Taschentuch. Manche Paare drehen einander den Rücken zu, ihre Blicke hinter Sonnenbrillen verborgen. Keiner scheint den anderen zu kennen.

Um die Ecke der Trauerhalle ist ein schlichter Kindersarg aufgebahrt, auf einem Tuch in den Regenbogenfarben, dazu ein bescheidener Blumenstrauß. Die Bestatter rechts und links wirken mit ihren smokingartigen Anzügen und den weißen Stoffhandschuhen seltsam deplatziert neben der Trauergemeinde, die sich nun zögernd in Gang setzt.

"Früher kam das alles in den Hausmüll"

Eine junge Frau mit leuchtend rotem Haarschopf läuft parallel zur Gruppe. Zwei, drei Meter trennen sie von den anderen. Ihre weißen Hosen und ihre bunte Jacke sind so anders als das verlegene Schwarz, das die meisten aus dem Schrank gekramt haben: T-Shirts, dunkle Jacken und Puma-Sportschuhe. Die Frau ist als Einzige allein gekommen. Hätte sie nicht einen Blumenstrauß in ihrer Hand, so könnte man glauben, sie sei nur eine neugierige Spaziergängerin.

Eine Mutter hat ihren vielleicht 15-jährigen Sohn an ihrer Seite, ein anderes Paar ihre fast erwachsene Tochter. Der Vater versucht, tröstend die Hand auf die Schulter seiner Frau zu legen, doch die weicht immer wieder zurück in die Arme des Mädchens. „Früher kam das alles in den Hausmüll“, brummt ein Mann, der den trauernden Familienangehörigen mit etwas Abstand folgt. „Das alles“ sind Embryonen und Frühgeburten, die tot oder nicht lebensfähig zur Welt kommen. Wiegen sie weniger als 500 Gramm, gelten sie nach dem Gesetz nicht als Person. Der Mann ist Intensivpfleger. Er folgt den trauernden Angehörigen in einer Gruppe von mehreren Mitarbeitern des St.-Barbara-Krankenhauses, wo die Frauen ein Kind zur Welt bringen wollten.

Viele Menschen waren empört

Auch Schwester Magdalena geht mit, sie ist Nonne vom Krankenorden der Grauen Schwestern, der 1897 in Halle die Klinik gründete. Eine Sozialarbeiterin aus der Gruppe betreut Trauernde sonst zu Hause. Der Verwaltungsdirektor ist erschienen, ebenso ein Pfleger von der Intensivstation. „Die meisten aus unserer Klinik sind von Anfang an dabei“, sagt Ernst Fukala, der als Letzter der Gruppe folgt. Der 71-Jährige war rund 30 Jahre lang pädiatrischer Chefarzt an der Klinik.

Von Anfang an? Das war vor mehr als zehn Jahren. Im Juli 1998 hatte das ARD-Fernsehmagazin Report berichtet, dass Föten und andere „organische Abfälle“ zu Granulat für den Straßenbau verarbeitet würden. Viele Menschen waren empört. Krankenhauspersonal und Angestellte in Gesundheitsämtern überlegten, wie ein würdigerer Umgang mit „nicht bestattungspflichtigen“ Föten aussehen könne. Bis heute gibt es in den Bundesländern unterschiedliche Gewichtsgrenzen.

Von der Befruchtung an ein Mensch

Im Jahr 2000 entschloss sich die Gruppe engagierter Katholiken in Halle, die sterblichen Überreste von Frühgeburten, und seien sie noch so klein, nicht einfach als biologisches Material entsorgen zu lassen, sondern zu bestatten. Ernst Fukala war einer von ihnen. Für ihn ist ein Mensch vom Moment der Befruchtung an ein Mensch, ein Gottesgeschenk. Die Fukalas waren schon in der DDR mit der herrschenden Lehre in Konflikt geraten. Sie stießen sich daran, dass die Abtreibungsfrage nach den Bedürfnissen des Produktionsplansolls geregelt und entsprechend vereinfacht wurde: Nicht die Entscheidung des Einzelnen stand im Vordergrund, sondern die Wirtschaft.

Frauen sollten an die Werkbank und nicht an den Herd. Fukala und seine Frau wollten aber ihre drei Kinder nicht im sozialistischen Kindergarten aufwachsen sehen. Sie blieb zu Hause und opferte dem Familienleben ihre Karriere als Ärztin. Ihm sei klar, dass sie das nicht leichten Herzens tat, sagt Fukala. Um der politischen Vereinnahmung der Medizin in der DDR zu entgehen, hatte er sich für ein konfessionelles Krankenhaus entschieden – und nahm damit Abstriche bei der Rente in Kauf. Mit einer Gruppe Gleichgesinnter im Haus der Grauen Schwestern kämpfte er für seine kleinen Patienten und gegen bröckelnde Mauern und Löcher im Dach, er kämpfte gegen schlechtere Bezahlung und personelle Engpässe, die durch Kollegen entstanden, die sich „über Ungarn entwestet“ hatten.

Die Trauer junger Eltern

Und so engagiert sich der Arzt auch für die Trauerfeiern. Fukala will Menschen einen Rahmen bieten, die in ihrer Welt keinen Ritus mehr kennen und hilflos sind, wenn das Schicksal zuschlägt. Im sechsten Stock des Markus-Krankenhauses, Frankfurt am Main, hat Andrea Klimm-Haag ihr Büro. Seit sieben Jahren blickt die Krankenhausseelsorgerin fast täglich von hier auf einen benachbarten Bettenturm. Gleich nebenan ist die Hauskapelle, zur anderen Seite des Flures die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Dort trifft Klimm-Haag täglich strahlende Mütter und stolze Väter, die ihr Neugeborenes im Arm wiegen, und Großeltern mit großen Teddybären im Arm. Meistens sind die Eltern überglücklich, nicht immer.

Manchmal kommen Frauen, die nach einer Totgeburt ihre Gebärmutter im Krankenhaus ausschaben lassen – um sicher zu gehen, dass da kein totes Gewebe mehr drin ist. Ihr Wunsch nach einem Kind, der schon fast erfüllt schien, wurde schmerzhaft enttäuscht. Nun liegen sie auf einer Station mit glücklichen Eltern. Ihr Alltag geht nach kurzem Klinikaufenthalt dann irgendwie weiter. Vielleicht lassen sie sich krankschreiben. Die Väter gehen am nächsten Tag wieder zur Arbeit. Für große Abschiede – keine Zeit. „Trost und Hoffnung in der Begleitung von Eltern mit Totund Fehlgeburten“ ist in den vergangenen sieben Jahren, seit Klimm-Haag als Seelsorgerin arbeitet, ihr Thema geworden. Die Trauer der jungen Eltern geht Klimm-Haag nahe.

Kirchliche Trauerfeier für die Frühchen

Die Frauenklinik am Markus-Krankenhaus ist eher klein. Von den 285 Faltschächtelchen mit Totgeburten, die die städtische „Pietät“ im Jahr 2009 aus der Uniklinik, dem Nordwestkrankenhaus und anderen Frankfurter Krankenhäusern abholte, stammten die wenigsten von hier. Die Schächtelchen werden im Krematorium verbrannt und dann – als Asche in einer Urne – auf den Frankfurter Hauptfriedhof gebracht – zu einer kirchlichen Trauerfeier.

Wie in Halle begann man auch in Frankfurt um das Jahr 2000, Totgeburten unter 1000 Gramm zu bestatten. Die damalige Leiterin des Gesundheitsamtes brachte die Vertreter mehrerer Krankenhäuser an einen Tisch. Sie einigten sich, dass alle Kliniken zu gleichen Teilen die Bestattungskosten von 300 Euro pro Kind tragen: die Kosten fürs Abholen, Kremieren und Bestatten. Alle Eltern können ihr Kind für die Trauerfeier anmelden, sie müssen sich allerdings mit dem christlichen Ritus einverstanden erklären. Es gibt eine Feier für alle.

Die alte Dame und die Trauer um eine Totgeburt

„Ich stelle mir vor, dass viele der Kinder, die wir heute beerdigen, freudig erwartet wurden“, hat die Krankenhausseelsorgerin bei der jüngsten Trauerfeier auf dem Hauptfriedhof gesagt. „Andere Kinder waren, so stelle ich mir vor, weniger erwünscht, schon gar nicht geplant.“ Zu ihr kommen auch Mütter, die eine Abtreibung hinter sich haben. Nach der Abtreibung eines behinderten Kindes fühlten sich Frauen oft schuldig, sagt Klimm-Haag, sie wüssten nicht wohin mit ihrer Schuld. Und wenn sie sich bei Freunden und Verwandten aussprechen würden, bekämen sie Sprüche zu hören wie: Du hast es doch so gewollt.

Früher bekamen Frauen das kleine tote Bündel aus ihrem Leib nicht zu sehen, bevor es mit dem restlichen organischen Müll im Krematorium entsorgt wurde. Man sagte ihnen: „Vergiss es einfach.“ Das ist Vergangenheit. Wie diese Frauen damit wohl zurechtkamen? Andrea Klimm-Haag zeigt auf die Krankenhauskapelle nebenan. Dort hat sie in einer Predigt einmal von den Beerdigungen der Totgeborenen erzählt, wie die Eltern vor das Grab treten und weinen, wie sie Teddybären und Spielzeug und Windrädchen mit den Namen ihrer Kinder auf das Beet legen, unter die Skulptur einer Trauernden. Nach der Andacht kam eine Frau auf sie zu, „Anfang achtzig“, schätzt Klimm-Haag. Die alte Dame erzählte, dass sie auch eine Totgeburt hatte, vor mehr als einem halben Jahrhundert, und die betrauere sie noch immer.

Ein Schmerz blieb zurück

Mag sein, dass es damals mehr persönliche Beziehungen gab, mehr Miteinander als heute, so dass solch ein Schicksalsschlag besser aufzufangen war. Mag sein, dass die Welt in den vergangenen Jahrzehnten etwas anonymer geworden ist und es heute schwieriger ist, der Trauer Raum zu geben. „Die alte Dame ist daran zwar nicht zerbrochen“, sagt Klimm-Haag. „Aber es blieb ein Schmerz zurück. Kein Wunder, wenn man sich vorstellt, dass diese Frau das Kind ja vorher monatelang in sich gespürt hat.“

Das offene Grab auf dem Südfriedhof in Halle, in das der Kindersarg gesenkt wird, liegt am Rande des Feldes, wo die  Ordensfrauen bestattet werden. Sie haben das kleine Rasenstück zur Verfügung gestellt. Die Plastik einer Mutter mit Kind – es mögen, aber müssen nicht Maria und das Jesuskind sein – dient als gemeinsamer Grabstein für die allzu jungen Kinder. Manchmal liegen kleine Stofftiere zu ihren Füßen, häufig Blumen.

Trauerberatung ist sehr gefragt

Ein Ort der Erinnerung ist wichtig, sagt der katholische Krankenhausseelsorger, Diakon Reinhard Feuersträter. Er erzählt von dem Klötzchenkreuz, das in der Klinikkapelle wächst und wächst. Trauernde können einen kleinen Holzwürfel nach ihren Vorstellungen bearbeiten und ihn dann in ein großes Kreuz einfügen. Etwas bleibt, auch wenn es unsichtbar ist, hatte Feuersträter in seiner Ansprache gesagt, und im Übrigen hatte er seine Worte so warm wie bedächtig gewählt, um niemanden der Anwesenden in ein konfessionelles Korsett zu zwängen. „Als ich hierherkam, musste ich erst mal neu lernen zu sprechen“, gesteht der Münsteraner nach der Trauerfeier.

„Wenn man Menschen begegnet, die keine religiöse Heimat haben, merkt man erst, wie viele Worthülsen ein Ritus enthalten kann.“ Die Nachfrage nach Trauerberatung ist groß, auch hier in Halle. In den Trauergruppen, die Feuersträter seit kurzem organisiert, kommt es zu unerwarteten Begegnungen. So hat er erlebt, wie sich zum Beispiel eine blutjunge Drogenabhängige, tätowiert und gepierct, und eine biedere Hausfrau gesetzten Alters unerwartet nahekamen, nachdem sie ihre ungeborenen Kinder verloren hatten: „Die eine machte sich Vorwürfe“, so Feuersträter, „weil sie süchtig war, die andere, weil sie, obwohl hochschwanger, noch im Vorgarten gearbeitet hatte. Ihre Trauer war die gleiche.“

Verwaiste Eltern am offenen Grab

An dem offenen Grab besprengen die verwaisten Eltern mit Wasser den Sarg, ohne dass die Worte Weihwasser oder Segen fallen – es ist ein „Symbol der Liebe, die euch verbindet“, hat der Diakon gesagt. Er lud die jungen Männer und Frauen auch dazu ein, ein Weihrauchkorn auf ein paar glühende Kohlen zu legen: „Ihr könnt dabei eure Wünsche und Gedanken aufsteigen lassen.“ Zwei der Frauen vergessen vor lauter Befangenheit, ihre Blumen in das Grab zu werfen. Es ist ungewohnt, in aller Öffentlichkeit Gefühle zu zeigen. Sie weichen eilig vom offenen Grab zurück und retten sich an den Rand der Szene.

Dann, als eigentlich alles gesagt und getan worden ist, macht die Frau mit den leuchtend roten Haaren eine Bewegung. Sie hatte bis dahin die Szene aus sicherem Abstand beobachtet, sich gesträubt, näher ans Grab zu gehen, wollte nicht das Wasser und wollte nicht den Weihrauch, stand einsam und ohne jede Regung wie eine Beobachterin dabei, auch sie hielt ihren Strauß immer noch in ihrer Hand. Bis die Trauerbegleiterin ihr anbietet, gemeinsam zu dem offenen Grab zu gehen. Da geht die junge Frau mit Riesenschritten zum Grab. Wirft den Strauß mit Schwung in die Tiefe, ein wenig verächtlich fast, trotzig. Und sie fängt plötzlich an zu schluchzen.

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