Tempolimit auf deutschen Autobahnen - Vorteile

Tempolimit: Deutschlands Autobahnen - ein Reich der Freiheit?

Illustration: Jan Kruse

Deutschlands Autobahnen gelten als Reich der Freiheit. Weniger Hetze täte allen gut: der Umwelt, der Industrie, den Menschen

Ich war extra vorsichtig: „Ruhige Fahrweise bevorzugt“, schrieb ich in mein Mitfahrgesuch auf der Internetseite „www.mitfahrzentrale.de“. Ich wollte von Frankfurt am Main nach Dortmund. Andrea, so ihr Name, nimmt häufiger Leute mit, für 15 Euro. Ganz interessant, wen man auf dem Weg aus dem Schwäbischen, wo sie unter der Woche arbeitet, ins Ruhrgebiet so kennenlernt. Ein Mitfahrer war Andrea in Erinnerung geblieben, weil er nach eigener Auskunft der einzige Chinese in Crailsheim war. Und vor allem: weil er freiwillig auch dann noch auf der Rückbank sitzen blieb, als der Beifahrersitz schon frei geworden war. „Das war ein Tag wie heute, ich war verabredet und wollte pünktlich sein. Und weil es ging, fuhr ich schnell“, sagte Andrea, als wir am Gambacher Kreuz auf die A 45 wechselten und der Verkehr sich lichtete. „Da hatte er wohl Angst.“

In China gilt auf Autobahnen ein Tempolimit von 120 Stundenkilometern. Höchstgrenzen gibt es überall auf der Welt. Aus­nahmen sind Afghanistan, Bhutan, Burundi, Haiti, Libanon, ­Mauretanien, Myanmar, Nepal, Nordkorea, Somalia, der indische Bundesstaat Uttar Pradesh, dazu noch Vanuatu, ein Inselstaat. Und Deutschland, das umgeben ist von Ländern, in denen Autofahrer maximal 130 fahren dürfen. Hierzulande darf auf über der Hälfte der rund 12 800 Autobahnkilometer gerast werden.

Dabei gibt es für ein allgemeines Tempolimit viele Gründe: Fahren alle etwa gleich schnell, fließt der Verkehr flüssiger, es gibt weniger Staus. Raser und Drängler können keinen Stress mehr verbreiten, wenn sie mit Lichthupe dicht auffahren. Der Treibstoffverbrauch sinkt, bei einem Tempolimit von 120 geht der CO₂-Ausstoß um zehn Prozent zurück. Das hilft dem Klima, es spart Geld, und es macht das Land weniger abhängig von teuren Ölimporten. Daher empfiehlt auch die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Tempo 130 auf Autobahnen. Das würde der Automobilindustrie dringend notwendige Anreize ­liefern, das PS-Wettrüsten zu stoppen. Es wäre überfällig. Wenn sich die westliche Vorstellung von individueller Mobilität weltweit durchsetzt, funkioniert das nicht mit dicken Spritschluckern, sondern höchstens mit sparsameren Modellen, die nicht so raumgreifend sind.

Die Straßenverkehrsordnung - eine Bastion der Liberalität?

Gegner des Tempolimits verweisen auf ihre Freiheit: „Freie Fahrt für freie Bürger.“ Dabei ist es in unserer Gesellschaft doch – zum Glück! – Konsens, dass die Freiheit des Einzelnen genau dort ihre Grenzen findet, wo die Freiheiten anderer beginnen. Es drängelt sich ja auch niemand im Supermarkt an der Kasse vor und ruft: „Die Freiheit, hier so schnell wie möglich zu bezahlen, nehme ich mir!“ Autobahnen befördern solches Verhalten: Blinker raus, Lichthupe und immer drauf los. Die Straßenverkehrsordnung als Bastion der Liberalität?

Die Begrenzung anderer Freiheiten nehmen wir jedenfalls klaglos hin: Raucher müssen vor die Tür oder in Raucherbereiche, die an Käfige erinnern. Ist ja auch verständlich, Passivrauchen macht krank. Massenproteste dagegen, dass Unternehmen und der Staat unsere Kommunikationsdaten speichern wollen? Kaum bekannt! Und um Terroranschläge zu verhindern, sind viele bereit, sich in Körperscannern bis auf die Haut durchleuchten zu lassen.

Gegen jede Gefahr wappnen wir uns. Dem Wissenschaftler, der heute eine Krankheit entdeckt, die jedes Jahr 500 Menschen umbringt, sind die Schlagzeilen von morgen sicher. Und dann würde gründlich vor den Ursachen der Krankheit gewarnt. Bloß kein Risiko eingehen! Aber dass jedes Jahr in Deutschland an die 500 Menschen bei Unfällen auf Autobahnen ums Leben kommen und weitere 5000 schwer verletzt werden, taucht nur in kurzen Zeitungsmeldungen auf. Stattdessen verweisen ADAC und Bundesverkehrsministerium darauf, dass Autobahnen zu den sichersten Straßen der Welt gehören. Kein Wunder. Auf Autobahnen gibt es keine unfallträchtigen Kreuzungen, der Verkehr fließt nur in eine Richtung; damit fallen zwei wesentliche Unfallursachen weg. Aber mit Tempolimit könnten die Autobahnen noch viel sicherer sein. Die Hälfte der tödlichen Autobahnunfälle geht auf überhöhte Geschwindigkeit zurück. Nicht zu vergessen: Ein Tempolimit kann auch auf Straßen abseits der Autobahn Leben retten, weil es Aggressivität aus dem Verkehr nimmt.

Nico hat seine eigene Kontra-Tempolimit-Theorie

Was treibt die Schnellfahrer an? Mein Freund Nico, 36 Jahre alt, arbeitet in einer Unternehmensberatung, als Führungskraft hat er es notorisch eilig. Bald wird er zum zweiten Mal Vater; den Mini hat er deshalb gegen einen Audi-Kombi getauscht. Das wird nichts daran ändern, dass Nico gern schnell fährt, von Stuttgart nach Berlin hat er es schon in sechs Stunden geschafft. „In Brandenburg und Sachsen-Anhalt, da kannst du konstant 200 fahren.“ Fast alle Gründe, die fürs Tempolimit sprechen, kontert er. ­Sicherere Straßen? Nico hat seine eigene Kontra-Tempolimit-Theorie: „Alle müssen aufpassen, weil alle unterschiedlich schnell fahren. Da fällt niemand in den Sekundenschlaf.“ Weniger CO₂-Emissionen? „Ach, das bringt doch nur ganz wenig, und ­außerdem: In den USA gibt es auch strenge Obergrenzen beim Tempo,  und trotzdem sind die Autos dort übermotorisiert.“

Wie er sich fühlte, als er in Berlin angekommen war, wollte ich noch wissen. „Ich war ganz schön angestrengt. Aber es hat Spaß gemacht, ich war schneller in Berlin als vom Navi vorhergesagt. Super!“ Ist es das? Dieses Gefühl: Ich fahre schnell, also bin ich Herr über meine Zeit? Die „Auto BILD“ schickte zu Testzwecken zwei Mercedes von Flensburg bis ins Allgäu; der eine Fahrer zuckelte gleichmäßig mit 125 Stundenkilometern Richtung Alpen, der andere raste – und war 13 Minuten eher da. 13 Minuten auf 900 Kilometer!

Es geht wohl eher um archaische Gefühle, für die sonst im Leben wenig Platz ist. Es gibt Designer, die den Kühlergrill eines Autos einem aufgerissenen Haifischmaul nachempfinden. Und es gibt Menschen, die viel Geld dafür ausgeben, im Rückspiegel anderer möglichst aggressiv daherzukommen. So war das auch auf meiner Fahrt von Frankfurt nach Dortmund. Andrea raste mit ihrem Opel 160, 170, auch mal 180 Stundenkilometer. Ich hatte den Eindruck, dass das andere Autofahrer schlecht ertragen konnten. Besonders Halter großer Wagen reagieren sensibel, wenn sie von einem Opel-Astra, Kombivariante, überholt werden. Sie zogen verlässlich immer wieder an uns vorbei. Was war ich froh, wenn mir gelegentliche Brückenbauarbeiten zu einer Verschnaufpause verhalfen. Und selbst Schnellfahrer Nico gibt zu: „Diese Drängelei, dieses Aggressive – neulich war ich in der Schweiz, da gibt es das nicht so oft.“

Drei Viertel der Befragten sprachen sich für ein Tempolimit aus

Warum findet sich keine politische Mehrheit im Bundestag, die Straßenverkehrsordnung um einen kleinen Satz zu bereichern – „Auf Bundesautobahnen gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 120 Stundenkilometern“? Wo wir uns sonst doch immer an den Errungenschaften unserer Nachbarn orientieren? Und wo doch sonst alles und jedes geregelt ist! Nur Mut, liebe Politiker, die Wähler dürften das geringste Problem sein – nicht alle sind Raser. In einer repräsentativen Umfrage aus dem Sommer 2007 haben sich fast drei Viertel für ein Tempolimit ausgesprochen.

Es ist wohl eher die Verbundenheit der Politik mit der Auto­lobby, die Angst hat, ihr inoffizielles Prüfsiegel zu verlieren – ­„Tested on German Autobahn“? Schließlich kennt man sich. Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der deutschen ­Automobilindustrie, war selbst fünf Jahre lang Bundesverkehrsminister. Eine bemerkenswerte Verquickung zwischen Lobby und Politik. Peter Ramsauer, CSU, der sechste Verkehrsminister seit Wissmann, lässt auf Nachfrage Textbausteine verschicken: „Mit Bundesverkehrsminister Ramsauer wird es kein generelles Tempolimit in Deutschland geben. Die christlich-liberale Bundesregierung will Mobilität ermöglichen und nicht behindern.“

Zum Glück gibt es keinen Zwang, die Autobahn zu benutzen. In Dortmund angekommen buchte ich mir sofort das Zugticket für die Rückfahrt. Teurer als jede Mitfahrgelegenheit, aber das war es mir wert. Ich kam wesentlich entspannter wieder zu Hause an.

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Lesermeinungen

Grüß Gott,

regelmäßig lese ich Ihr Magazin.

Zum Artikel von Nils Husmann wegen eines Tempolimits auf Autobahnen in Deutschland eine Anmerkung:

Der kleine Hinweis, daß in unserem Land nur auf ca. 6.000 KM Autobahn frei gefahren werden darf, geht im Artikel unter. Deshalb wäre es unsinnig, ein allgemeines Limit einzuführen, wenn sowieso die meisten Autobahnen reglementiert sind. An den wenigen Tageszeiten an dem der Verkehrsfluß ein schnelleres Fahren erlauben würde, sollte dies weiterhin möglich sein (Autobahnen sind die sichersten Straßen, und auch aus ökologischen Gründen sind die nur in Ausnahmezeiten möglichen Geschwindigkeiten vernachläßigbar).

Ansonsten: Weiter so mit Chrismon!

Alle Beiträge zum Thema „Tempolimit“ und „Es gibt keine zu engen Parkhäuser, es gibt zu große Autos“ sind typisch neid-basiert. Jeder, der sich kein schnelles und großes Auto leisten kann oder will, meint, er muss unbedingt über andere Lebensmodelle her ziehen. Es gibt aber Menschen, die Dinge möglichst schnell erledigen wollen und vor allem können. Die anderen fühlen sich mit ihrem Hausfrauen-Tempo am wohlsten.

Ich bin keine Raserin, aber ich fahre zügig. D.h. wenn es möglich ist (d.h. wenn die Autobahn recht frei ist), fahre ich auch mal 220. In den letzten 2 Jahren hatte ich ein einziges Ticket mit >10 km/h Überschreitung auf der Autobahn. Ich drängele nicht und bin immer der Meinung, dass wenn jemand es schafft, mich zu überholen, dann hat er es verdient. Auf längeren Strecken ist ein partnerschaftliches Fahren angenehmer. D.h. fahren und fahren lassen.

Dieses Jahr war ich mehrere Wochen in Dänemark und Schweden im Urlaub. In Dänemark hält sich niemand von den Einheimischen aber rein gar niemand an das Tempolimit. Da gilt die Devise „Tempolimit +30km/h“. Das gleiche gilt für Österreich. Wozu sind denn die Regeln, wenn sich niemand daran hält?

Die Schweden fahren generell gemütlich. Aber die Strecke von Kopenhagen nach Stockholm ist die reine Qual: nach mehreren Stunden mit 110 km/h Begrenzung ständiger Kampf mit Sekundenschlaf, trotz der Tageszeit (zwischen 10 und 16 Uhr) und vielen Pausen. Wegen Unterforderung schaltet sich Gehirn ab. So viel zum Thema weniger Unfälle.

Dagegen würde es weniger Unfälle geben, wenn Menschen endlich lernen würden, Spur auch mal zu wechseln und nicht stundenlang auf der Mittelspur ausharren, wenn die rechte Spur frei ist.

Männer, die 160 oder 170 km/h als „rasen“ bezeichnen, tun mir echt leid. Und wer meint, Bahn wäre eine Alternative, dann viel Spaß mit Verspätungen und Zügen mit ausgefallener Heizung oder Klimaanlage.

Tempolimit auf Autobahnen - eigentlich ein alter Hut, an dem wieder die deutsche Welt genesen soll. Leider ist die Wirklichkeit etwas komplexer.

- Einsparungen im Benzinverbrauch werden i.w. durch einen stetigen Verkehrsfluss (und dessen Steuerung) sowie durch Reduzierung des spezifischen Verbrauchs erreicht. Hier sind in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte zu verzeichnen. Das wird allerdings überlagert durch den steten Anstieg des Frachtverkehrs auf der Straße.

- Ungeachtet von Tempolimit - die meisten Autofahrer nutzen die Höchstgeschwindigkeit ihres Wagens nicht aus. Die individuelle `Vernunft` sollte nicht unterschätzt werden.

- Auch die Werbung als sicheres Indiz für neue Werte hat sich geändert. Sicherheit, Komfort, sparsamer Verbrauch haben längst Beschleunigungs- und Höchstgeschwindigkeitswerte ersetzt. `Freie Fahrt für freie Bürger` ist ein Argument von vorgestern. 

-  Die Unfallschwerpunkte liegen in Baustellen oder jenseits der Autobahnen, wo unübersichtliche Strecken, Witterung und subjektive Fehler fatale Folgen haben. Trotz örtlicher Geschwindigkeitsbeschränkungen.

Und wenn die Argumente ausgehen, dann ist der Griff zur redaktionellen Rhetorik ein schlechter Ersatz. Ob es die Einordnung Deutschlands in eine Ländergruppe zusammen mit Bhutan und Co ist, die Beschreibung subjektiver Ängste von überzeugten Bahnfahrern oder vermeintliche finstere Strukturen der Autolobby im Hintergrund.

Die Auffassung von Herrn Husmann mag politisch vertretbar sein, wenngleich ich sie nicht teile. Die Synode der EKD sollte aber politische Standpunkte allenfalls dann beziehen, wenn es nicht aus christlicher Sicht gute Gegenmeinungen gibt.

Ansatzpunkt ist insoweit, dass Tempo 130 generell zwar eine verantwortungsvolle Fahrweise bedeutet. Daher ist es wünschenswert, wenn möglichst viele so fahren. Das Tempolimit ist aber darauf gerichtet, schnelleres Fahren zu verbieten. Denjenigen, die dort schneller fahren wollen, wo dies möglich ist, wird misstraut, dass sie nicht in der Lage seien, davon verantwortungsvoll Gebrauch zu machen.

Nur aus der Freiheit wàchst Einsicht in eigene Verantwortung und Rückbesinnung auf Gewissen und Nächstenliebe. Verbote hingegen können insoweit abstumpfen. Dies zeigen auch die Erfahrungen mit Freiheitsbeschränkungen und sozialem Netz im Kommunismus.

Im übrigen ist zu befürchten, dass Autobahnen nach Einführung des Tempolimits durch Herabsetzung des Sicherheitsstandards aus Kostengründen baulich wie in anderen EU-Ländern unsicherer würden, so dass Verstöße häufiger zugleich höhere Unfallgefahr bedeuten würden.

Der Autor Nils Husmann setzt sich für ein Tempolimit in Deutschland ein.
Dabei weist er darauf hin, dass die Hälfte der tötlichen Autobbahnunfälle auf überhöhte Geschwindigkeit zurückgehe. Dies ist keine Frage einer Geschwindigkeitsbegrenzung. Es kommt immer auf die Situation an: so ist bei einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 80 km/h möglicherweise ein Tempo von 5o km/h schon überhöht! Wichtig ist immer eine angepasste Geschwindigkeit.

Zitat aus dem Artikel: "Höchstgrenzen gibt es überall auf der Welt. Ausnahmen sind Afghanistan, Bhutan, Burundi, Haiti, Libanon, Mauretanien, Myanmar, Nepal, Nordkorea, Somalia, der indische Bundesstaat Uttar Pradesh, dazu noch Vanuatu, ein Inselstaat." --------------------- Dieser in bewährter moderner VIP-Manier ohne Quellenangabe aus der Wikipedia entnommene Satz (Quelle meiner hässlichen Behauptung: http://de.wikipedia.org/wiki/Tempolimit ) wirft die Frage auf, wieviel Autobahnkilometer sich in Burundi befinden. Wer weiß die Antwort? Wikipedia weiß sie nicht, zumindest habe ich mit Standardsuchstrategien bei denen nichts gefunden. Eine andere Quelle meint, es handele sich um Null Kilometer: http://www.11-afrika.s-cool.org/?action=ctr

Nun habe ich die Zuschrift unseres Lesers Herrn Wilmsen im Wortlaut - vielen Dank dafür! "Es schmälert die Güte des begrüßenswerten Artikels nicht, dass in ihm der Aspekt des internationalen Ansehens Deutschlands fehlt. Nach meinen Erfahrungen leistet sich unser Staat keinen Gefallen, weltweit die einzige Industrienation ohne Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Autobahnen zu sein. Mir wurde dies entgegen gehalten, als ich 1987 im Auftrag des Auswärtigen Amts mit leitenden brasilianischen Diplomaten sprechen musste. Hintergrund war die Bitte von Bundeskanzler Kohl, u.a. in den Ländern Brasilien und Indonesien vorzufühlen, ob die dortigen Regierungen bereit wären, ein Pilotvorhaben zum Schutz tropischer Regenwälder zu beginnen, zu dessen Finanzierung Deutschland nennenswert beitragen würde. In den Verhandlungen erklärte mein brasilianischer Gesprächspartner, er wisse die Sorge von Bundeskanzler Kohl sehr zu würdigen, doch Brasilien besäße hinsichtlich seiner Entwicklungsplanung durchaus klare Prioritäten. In einer Pause sagte ein anderer brasilianischer Diplomat, er bewundere die Gründlichkeit der Deutschen bei z.B. der Nutzung unterschiedlich farbiger Mülltonnen sehr, in Brasilien würde dies nie klappen. Doch dann fragte er schmunzelnd und in rhetorischer Form, ob wir nicht das einzige Land der Welt ohne Geschwindigkeitsbeschränkungen auf den Autobahnen wären. (Gleichwohl: 1992 begann ein Pilotvorhaben zum Schutz tropischer Regenwälder in Brasilien, das genannte Land identifizierte sich damit und es entwickelte sich zum umfangreichsten Umweltschutzvorhaben, das Deutschland bislang in seiner Entwicklungszusammenarbeit förderte, d.h. bis 2009 mit gut 300 Mio. €."

Herr Husmann, da verstehen wir uns miss: mit keiner Silbe erkläre ich ein Limit für hinfällig, weil es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu Übertritten gesetzter Grenzen kommen wird. Ich schrieb: "Auch schön: 'Die Hälfte der tödlichen Autobahnunfälle geht auf überhöhte Geschwindigkeit zurück.' Ach. .. und wie wir das ja von Landstraßen und Ortschaften kennen, verhindern Geschwindigkeitsbegrenzungen automatisch das Überhöhen dieser? Nein. Ich würde eine Hypothese wagen: die Zahl derer, die gern 170 fahren (und da stapelt man tief), wird das auch nicht selten tun, wenn flächendeckend nur 120 erlaubt sind." Ich argumentiere nicht gegen das Tempolimit, sondern gegen Ihre Argumentation. Inwiefern? Auf Landstraßen herrschen Geschwindigkeitsbegrenzungen, dennoch wickelt sich keine unerhebliche Zahl von zu schnellen Autos um Alleebäume. Kurzum: wer gern mit unerlaubter Tachoanzeige unterwegs ist, den schreckt ein Limit kaum. Wobei ich mich bei Ihnen ja schon an 'überhöhter Geschwindigkeit' stieß, die muss ja als solches schon an ein zu übertretendes Limit gekoppelt sein, oder irre ich?

@J.H.: Danke für Ihren Nachtrag, da haben Sie Recht - auf Landstraßen wird oft zu schnell gefahren, 100 km/h hin oder her. Allerdings möchte ich erwidern, dass es auch viel mehr Landstraßen- als Autobahnkilometer gibt. Ich glaube, ein Limit auf Autobahnen ließe sich eher überprüfen. Ich will da aber auch gar nicht der totalen Überwachung und tausend neuen Radaranlagen das Wort reden; ich glaube vielmehr, dass ein einheitliches Limit nach einiger Zeit zu einem steteren Verkehrsfluss führt, weil viele Fahrerinnen und Fahrer das Mehr an Ruhe durchaus zu schätzen wissen. Ich vermute, dass es mit der Zeit weniger Ausreißer nach oben gibt. Und noch kurz zur "überhöhten Geschwindigkeit" - meiner Meinung nach ist diese nicht an ein Limit gekoppelt, sondern abhängig von den Umständen. Wenn Sie an diesen fürchtlichen Unfall im Frühjahr in Mecklenburg denken, als ein Sandsturm die Sicht behinderte - da war, gemessen an den Umständen, vermutlich schon eine Geschwindigkeit von 100 km/h nicht mehr angemessen und überhöht.

Autor Nils Husmann schrieb am 10. August 2011 um 14:16: "Und kurz zum Beitrag von J.H.: Natürlich gibt es bei einem allgemeinen Tempolimit Fahrer, die sich nicht daran halten. Das gibt es bei jedem Ge- und Verbot, kann doch aber kein Argument sein, grundsätzlich von Regeln abzusehen, oder?" ------------------------ N.H. hat sich nirgendwo in seinem Beitrag, auch nicht implizit, grundsätzlich gegen Regeln ausgesprochen. Er vermisste allerdings Argumente im Artikel. Durch den jetzigen Nachtrag dürfte sich die Lage nicht verbessert haben, eher verschlechtert. ------------------------ Die Regel gibt es schon längst, es handelt sich um den §1 der Autobahn-Richtgeschwindigkeits-Verordnung http://www.gesetze-im-internet.de/babrigeschwv_1978/__1.html N.H. hat argumentiert, dass die Verschärfung dieser Regel zu einer mit Bußgeld bewehrten Höchstgeschwindigkeitsregel die Zahl der Schnellfahrten nicht wesentlich reduzieren wird. Ob er damit Recht hat, weiß ich nicht. Er hat aber sicher Recht mit seiner Kritik, dass ohne Nachweis dieses Zusammenhanges die im Artikel suggerierte Senkung der Anzahl der tödlichen Autobahnunfälle durch eine Höchstgeschwindigkeitsregelung unbegründet ist. ----------------------- Ich finde es übrigens sehr begrüßenswert, dass Sie sich, lieber Herr Husmann, im Gegensatz zu vielen anderen chrismon-Autoren, an der Diskussion Ihres Artikels beteiligen.

Ich darf eben noch eine Anmerkung eines Lesers, der mir gemailt hat, nachtragen: Dieser Leser war im diplomatischen Dienst tätig und wurde bei Umweltverhandlungen auf das nicht vorhandene Tempolimit in Deutschland angesprochen. Tenor: Wolle man Schwellenländer zum Verzicht bewegen, solle man doch in Deutschland auch mal an ein Tempolimit denken, um die deutsche Position glaubwürdig zu machen. Ein ganz interessanter Hinweis. Und kurz zum Beitrag von J.H.: Natürlich gibt es bei einem allgemeinen Tempolimit Fahrer, die sich nicht daran halten. Das gibt es bei jedem Ge- und Verbot, kann doch aber kein Argument sein, grundsätzlich von Regeln abzusehen, oder?

J.H. (nicht überprüft) schrieb am 4. August 2011 um 19:19: "und doch missfällt mir eben einfach Ihre einseitige Schreibe" -------------------------- Da sind die Geschmäcker eben verschieden. Ich genieße solche Artikel. Sie stehen in bewährter Tradition. Früher mussten den Zweibeinern die Leviten gelesen werden, weil sie immer dem Karten- und Würfelspiel frönten und darüber ihre Seele an den Teufel verloren. Später ließen sich die Ebenbilder Gottes zu Tanzvergnügungen hinreißen, die einem nur die Schamröte ins Gesicht treiben konnten. Auch dort musste die Kirche darauf drängen, dass die Höchstgeschwindigkeit beim Hüftewackeln durch die weltliche Gewalt verordnet wurde. -------------------------- Und dann erst die Zeiten, wo das Treiben des Menschengeschlechts bezüglich des zweiten Teiles dieses Begriffes der ständigen Überwachung der gläubigen Aufpasser bedurfte. Nicht auszudenken, was da sonst alles in den Betten hätte passieren können! Rückenmarksschwund, ganze Generationen von ansteckenden Krankheiten hingerafft! Und alles nur, weil die zur Sünde Neigenden sich nicht selbst genug am Riemen reißen, wenn sie sich in den Zwängen einrichten, die man ihnen gerechterweise aufmacht. -------------------------- Das sind alles selbstverständlich vergangene Geschichten. Die Kirche geht mit der Zeit. Die Sünde aber auch. Der heutige Sünder fährt Auto statt Fahrrad. Er fährt zu schnell, mit der falschen Marke und dem falschen Benzin. Vorher kauft er beim Discounter ein statt im 3.Welt-Laden. Er greift zum billigsten Druckerpapier, statt auf den Umweltengel zu achten. Ekligerweise trägt er das dann in der Plastiktüte heim statt im garantiert genfreien Jutesäckchen. Die Welt könnte so schön sein, wenn doch nur alle alles richtig machen würden! Da muss die Kirche schon nach dem Staat rufen, damit die grüne Sauberfraumoral Gesetz wird. Deshalb muss endlich 120 auf Autobahnen zur Pflicht werden. -------------------------- Durch göttliche Fügung gab es früher in Bayern eine erfreuliche Nähe der politischen Forderungen der katholischen Kirche zur Politik der machthabenden CSU. Bundesweit hat sich inzwischen eine ebenso harmonische Verbundenheit der evangelischen Ethik mit den Moralvorstellungen der Grünen entwickelt. Nach der nächsten Wahl wird also alles gut werden. Jesus fährt mit 120 Sachen auf der Autobahn voran, die EKD mit den Grünen hinterher. Der auf sein Auto angewiesene Normalmensch kann dann ganz entspannt hinter dem Steuer sitzen. Er legt in der (Schreck)sekunde nämlich nur rund schlaffe 33 Meter zurück. Was soll da groß passieren? Für solche Geschwindigkeiten sind christliche Schutzengel und der Schutzpatron der Autofahrer, der Heilige Christophorus, technisch ausgelegt. Auf die Dienste des Heiligen müssen die Evangelen aus Konfessionsgründen aber verzichten, Bei mehr als 120 km/h muss allerdings der Chef selber ran. Das Leben des Autofahrers liegt dann allein in Gottes Hand, was gemäß einem bösartigen Atheistenverdacht jedoch auch keinen Anlass zur Entspannung bietet. --------------------------- Fazit: Der Markt, der uns allen eine Herzensangelegenheit ist, gebiert und gestaltet mit seinen Gesetzen einen motorisierten Straßenverkehr, bei dem jährlich allein in Deutschland die Toten in Tausenderstückzahl anfallen. Der freiheitliche Rechtsstaat gestaltet mit seiner Gesetzesmacht dieses Treiben so, dass weiter kein Schaden durchschlägt auf das Blühen und Gedeihen der wesentlichen ökonomischen Kennziffern. Man nennt das Verkehrssicherheitspolitik. Die Kirche liefert dazu die passende Moral, die lautet: "Verkneife dir den Spaß am Schnellfahren, sündiger Mensch!" Was soll da eigentlich noch schiefgehen?

Ich kann mich meinem Vorredner leider nicht anschließen, ganz im Gegenteil - an ein paar Stellen habe ich lediglich den Kopf schütteln können.. eine Schreibe, die nicht mal eben mit Zahlen jongliert und diese gleichsam kritisch hinterfragt, halte ich für wenig seriös. Beispiel: 'Hierzulande darf auf über der Hälfte der rund 12 800 Autobahnkilometer gerast werden' - Baustellen mitgerechnet? Verkehr flüssiger bei ähnlicher Geschwindigkeit: kennen Sie die Tests, bei denen mit gleicher Geschwindigkeit und gleichem Abstand mehrere Autos in einem kleinen Kreis fahren sollen? Es staut sich immer nach einiger Zeit. Immer. Zudem ist auch die Idee des PS-Wettrüstens hinfällig - in vielen anderen Ländern gibt es diese Verbote, wie Sie bereits schrieben, und bildet unser VW-Fox da die Importspitze? Wohl kaum - Porsche hat deutliche Produktions- und Lieferengpässe beim PS-und-Kraftstoffschluckmonster Cayenne und die werden wohl nicht alle für das böse Raserdeutschland gefertigt. Ihr Text ist voller Generalisierungen, die kein argumentatives Nachfragen überleben würden. Die Debatte um das Tempolimit wird denen um Rauchverbot und Körperscannern gegenübergestellt und letztere dabei verharmlost - "Massenproteste" kaum bekannt. An die mediale Verarbeitung und das wochenlange Belagern sämtlicher Foren des Austauschs können Sie sich aber schon entsinnen!? Auch schön: 'Die Hälfte der tödlichen Autobahnunfälle geht auf überhöhte Geschwindigkeit zurück.' Ach. .. und wie wir das ja von Landstraßen und Ortschaften kennen, verhindern Geschwindigkeitsbegrenzungen automatisch das Überhöhen dieser? Nein. Ich würde eine Hypothese wagen: die Zahl derer, die gern 170 fahren (und da stapelt man tief), wird das auch nicht selten tun, wenn flächendeckend nur 120 erlaubt sind. Damit ich nicht missverstanden werde: ich fahre Auto, bin 'durchschnittlich' motorisiert, achte auf den Verbrauch bei meinen Fahrten - nutze wo es nur geht das Rad, wenn ich aber längere Strecken fahre, inseriere ich online für eventuelle Mitfahrer.. und ich fahre auf der Autobahn nahezu ausnahmslos um die 130. Auch ich ärgere mich nicht selten über den grenzdebilen Audifahrer, der mich belichthupt bis ich glaube in einem Club zu sein und doch missfällt mir eben einfach Ihre einseitige Schreibe - denn ähnliche Argumentverächter schaffen es tatsächlich, dass man diese Limit-Ideen belächelt. Zumal das übrigens nach nunmehr vielen Autobahnkilometern meinerseits fast überflüssig scheint: subjektive Beobachtung, aber die breite Masse tuckert seit geraumer Zeit mit 120/130 durch Deutschland, weil die ökonomische Vernunft bremst. Die wenigen Ausreisser belächle ich entspannt an der Tankstelle.

Sehr guter Artikel! Danke. Meine Oma sagte immer: „Wer gut schmiert, der gut fährt.“ Damit haben wir die Antwort, warum es in Deutschland kein Tempolimit gibt, in einem Satz zusammengefasst. Die christlich-liberale Bundesregierung sollte sich dringend um die intellektuelle Mobilität und Flexibilität am Kabinettstisch kümmern. „Denken ohne Geländer“, nannte Hannah Arendt das.