Zwangsheirat in Kenia

Nach dem Ballverlust

Frank Schultze / ZEITENSPIEGEL/Frank Schultze/ZEITENSPIEGEL

Anna spielte im Sturm. Sie war der Star ihrer Mannschaft. Bis sie entführt und zwangsverheiratet wurde – wie viele junge Mädchen im ländlich geprägten Norden Kenias. Ihr Traum von einer Fußballkarriere zerplatzte. Ihr Team strauchelte. Für beide ist der Neuanfang schwer
Deutschland spricht 2019

Der schläfrige Ausdruck in Annas Gesicht ist wie weggewischt. Die 15-Jährige richtet sich auf, ihre Augen blitzen unter dem Kopftuch. Sie schiebt ihr Baby auf den Arm von Fatuma, ihrer ehemaligen Trainerin. Ein kurzer Blick über das verlassene Fußballfeld, ein Nicken, und fort ist sie. Hinter dem Ball her, dieser kleinen Lederkugel, die zum Tänzeln, Kämpfen und Lachen einlädt. Und den hiesigen Mädchen gezeigt hat, dass es im Leben noch etwas anderes gibt als rigiden Islamunterricht und Verachtung.

Anna spielt einen Pass, obwohl sie an den Füßen nur Gummischlappen trägt. Sie rennt über das Feld, dass das bodenlange Kleid und der Schleier nur so fliegen. Jetzt gibt es nur sie und den Ball. Wie früher, als sie die Beste im Marsabiter Mädchenteam der unter 14-Jährigen war, eine gefeierte Stürme­-rin. Die anderen nannten sie Fàbregas, nach dem Mittelfeld­stürmer von Arsenal. „Dann wurde sie gekidnappt und zur Heirat gezwungen“, sagt Fatuma und wiegt Annas Baby.

Schieß! Aber nur aufs Tor

In Marsabit, im tiefs­ten Norden Kenias, ist Fußball viel mehr als ein Spiel. Und die 32-jährige Fatuma Abdulkadir Adan viel mehr als eine Trainerin. Für Anna ist sie Freundin, Vertraute und Ratgeberin. Mit Fatuma, wie sie hier alle nennen, kann das junge Mädchen über den 40-jährigen Mann reden, der sie vor zwei Jahren geraubt, geschwängert und geheiratet hat und ihr nun das Fußballspielen verbietet.

Fatuma ist auch Anwältin und Menschenrechtsaktivistin. Sie hat 2003 die ­Basisorganisation HODI (Horn of Africa Development Initiative) gegründet, die sich für den Frieden in der Region und die ­Rechte der Frauen starkmacht. Mittlerweile hat sie vier feste Mitarbeiter und ein kleines Büro. Ihr Motto ist: „Shoot to score, not to kill“ – schießen, um Tore zu erzielen, nicht um zu töten. Deshalb bietet sie Fußballtraining an und organisiert Turniere für Jugend­liche der verfeindeten Stämme. Seit 2008 gibt es auch eine Mädchenmannschaft.

Eine gewitzte Kämpferin

Hier, am Ende der Welt, wo die Vulkane riesige Krater in die Erdoberfläche gebrannt haben und die Dürre Menschen und Tiere aggressiv macht, mag keiner Angela Merkel kennen. Aber jeder weiß, wer Bastian Schweinsteiger ist. Fußball ist der Magnet, der alle anzieht und fasziniert, den Lastwagenfahrer wie die Stammes­ältesten, die Mütter wie die Kinder. Auch Fatuma kennt dieses Fußballfieber. Sie hat schließlich drei Brüder, und der Vater vergrößert derzeit den Schuppen an seinem Haus, in dem man für umgerechnet 18 Cent auf der Großleinwand deutschen und britischen Fußball schauen kann. Und ­natürlich auch die Frauenfußball-WM.

Mit ihren 32 Jahren ist Fatuma bereits eine gewitzte Kämpferin. Und Witz braucht hier jede, die sich gegen die patriarchalen, muslimisch geprägten Strukturen wehrt, die Frauen keine Stimme in der Ältestenversammlung lassen. Dass Mädchen Fußball spielen, ist bei aller Liebe zum Ball ­ein Tabu. „Fußball gibt den Mädchen Selbstbewusstsein und Freude“, sagt die etwas andere Trainerin. Sie hält Annas Baby im Arm und blickt auf die junge Mutter, die selbst noch ein Kind ist und heute zum ersten Mal lacht, während sie dem Ball nachjagt, hier am Fuß des Mount Marsabit, auf der leicht schrägen Wiese bei der Highschool.

Geliebt und gehasst

Die 30 000-Einwohner-Stadt Marsabit, wirkt mit ihren Hütten und kleinen Häusern eher wie ein größeres Dorf, die große Moschee und die Kirche liegen nur wenige Meter auseinander. Die Stämme der Bo­rana, Gabbra und Rendile befehden sich in blutigem Clinch. Fatuma Abdulkadir Adan kennen hier alle, die Anwältin, die sich gegen eine Karriere in Nairobi entschieden hat, um in ihrer Heimatstadt gegen Beschneidung, für den Frieden zwischen den Stämmen und gegen Armut zu kämpfen.

Die einen lieben sie. Wie die Mädchen, die ihr Sorgen anvertrauen. Oder der US-Botschafter in Nairobi, der sie 2008 am Weltfrauentag mit dem Titel „Unbekannte Heldin“ auszeichnete und dabei ihre Unerschrockenheit lobte. Die anderen hassen sie. Der fanatische, junge Imam einer kleineren Moschee beleidigt die fromme Muslimin beim Freitagsgebet als Hexe und beschimpft ihre dribbelnden Mädchen als verdorbene Luder. Fatuma bekam Mord­drohungen aufs Handy gesimst: „Wenn du nicht aufhörst, werden wir dich stoppen.“ Tote Tiere lagen vor ihrer Tür. Das war deutlich, aber wirkungslos. „Ich höre auf meine innere Stimme“, sagt Fatuma. Widerstand hat sie noch nie aufgehalten. Von ihrem Großvater, einem Imam, wurde sie zur Toleranz angeleitet und von ihrem Vater, einem Lehrer, zur Verantwortung.

Die Stimme der Hoffnung

Gleich hinter der Western Union Bank liegt das Büro von Fatumas Organisation HODI, an Marsabits staubiger Hauptstraße, wo die Viehlastwagen nach ­Nairobi auf Passagiere warten. Wer erste Klasse zahlt, zwängt sich mit in die Fahrerkabine. Zweite Klasse bedeutet, auf das Gestänge über den Rindern ­klettern, sich gut festhalten und zehn Stunden lang Staub schlucken. Wie Raben sitzen die Frauen in ihren schwarzen Kleidern direkt über dem Vieh, ihre Schals flattern im Wind. „Ich gönn mir manchmal erste Klasse nach Nairobi“, sagt Fa­tuma im Vorübergehen und winkt hoch zu den Reisenden. Sie trägt ein weißes Kopftuch, das bodenlange Kleid ist schwarz. Wer so viel Angriffsfläche bietet, muss mit der Kleidung nicht provozieren.


Dann sitzt sie am Schreibtisch in ihrem winzigen Büro und erzählt. Sie lacht gerne und viel, ein großes Lachen mit großen Zähnen. Ihre Hände sind dabei unablässig in Bewegung, zupfen das Kopftuch zurecht, das dauernd verrutscht, fassen das Gegenüber an, verleihen ihren Worten Schwung. Fatuma ist nicht schön, sie hat keine Kinder, sie war mit Anfang 30 noch ledig – jeder einzelne Punkt ein Makel, der Fatuma zur Außenseiterin machen könnte. Doch in Marsabit ist sie die Stimme der Hoffnung. Der Hoffnung, dass es auch ­anders geht.

Ein Aufheller in düsteren Tagen

An der Wand hängen Zeitungsausschnitte und die Anerkennung von HODI als Nichtregierungsorganisation. Kleine Zeugnisse ihres Kampfes für Frieden und Frauen. Auf dem Schreibtisch liegt die ­Bio­grafie von Auma Obama, der Halbschwester des US-Präsidenten, mit einer persönlichen Widmung. Direkt daneben, immer in Sichtweite, ein Gedicht der ­jamaikanischen Poetin Jean Wilson: No more smalling up of me. Das heißt so viel wie: Ich lass mich nicht mehr kleinmachen. Eine Professorin aus den USA hat es Fatuma geschenkt, vor drei Jahren beim Eleonor Roosevelt Meeting in Genf, einem Treffen engagierter Frauen aus Wissenschaft, Politik und Graswurzelorganisationen.

Für Fatuma wirkt dieses Gedicht an vielen düsteren ­Tagen wie ein Aufheller. „Es macht mir Mut“, sagt sie, „als Frau hast du es besonders schwer. Sie wollen, dass du dich klein fühlst. Wenn ich ein Mann wäre, wäre alles viel einfacher.“ Das schlichte weiße Papier ist schon ganz zerknittert.

Geraubt, vergewaltigt, zur Heirat gezwungen

Vor zwei Jahren hatte Fatuma diesen dichterischen Mutmacher fast täglich nötig. 2009 war ein schwarzes Jahr für das Mädchen­team aus Marsabit. Erst wurde Mariam gekidnappt, die erste Torfrau. Dann Safia, die zweite. Dann die 13-jährige Fatuma, Kapitänin und Stürmerin. Und dann Anna, die Ballvirtuosin aus dem Mittelfeld.

Die 13-Jährige war auf dem Heimweg von der Kirche. Ihre Mutter wollte noch eine kranke Bekannte besuchen, die letzten Meter ging das Mädchen alleine. Nur wenige Meter vor dem schützenden Tor schlugen sie zu. Es waren fünf Männer, die die schreiende Anna ins Auto zerrten. Sie banden ihr die Augen zu, sie hielten sie zwei Tage und zwei Nächte fest, Anna weiß bis heute nicht, wo. Sie spricht nicht da­rüber, was alles geschah während dieser zwei Tage. Danach war sie schwanger und verheiratet mit einem Mann, der doppelt so alt war wie sie.

Ohne Fußball ist die Lebensfreude weg

„Zwangsheirat ist eine schreckliche Tradition“, sagt Fatuma. Und hier in Marsabit übliche Praxis. Jetzt sitzt Anna in ihrem alten Zuhause, zwischen ihrer Mutter und Fatuma, als brauche sie Halt. Ihre kleinen Geschwister spielen mit dem Baby, der rote Lehmboden der Lehmhütte ist gefegt, draußen im ­kleinen Garten stehen ordentlich in Reihe Bananenstauden und Avocadobäume. ­Alles sieht sauber aus, doch Anna sagt, sie fühle sich schmutzig.

Von der Lebens­freude auf dem Fußballfeld ist nichts mehr zu spüren. Sie schlägt die Augen nieder und mustert ihren zersplitterten Nagellack, als könnte sie darin die Zukunft ­sehen. Die Fünfzehnjährige ist jetzt Muslimin, weil auch ihr Mann Muslim ist. Sie geht nicht mehr zur Schule, weil sie ihre Tochter versorgen muss. Sie spielt nicht mehr Fußball, weil die neue Familie das unschicklich findet. „Ich konnte sie nicht zurücknehmen“, sagt ihre Mutter Zeinabu entschuldigend, „wie hätte ich noch ein Kind satt kriegen sollen?“

Tor in eine andere Welt aufgestoßen

Die Zwangsverheiratung der vier besten Spielerinnen war das vorläufige Ende der ersten Marsabiter Mädchenmannschaft. Dabei hatte alles so gut angefangen, damals, vor drei Jahren. Chipo, ein schlacksiger 22-Jähriger und versierter Fußballspieler, hat die Mädchen trainiert, sie gefordert, ermuntert. Sie waren erfolgreich, weil sich ihr Ehrgeiz nicht auf den Fußball beschränkte.

Es war, als würde dieses Spiel ein Tor aufstoßen in eine Welt, die so anders ist: In der sie Spaß haben konnten, auch als ­Mädchen. In der sie etwas zählten, Erfolge hatten und wahrgenommen wurden. In der sie jemandem anvertrauen konnten, was sie beschäftigt: Dass die eine gerne länger zur Schule gehen würde, aber die Familie sich das nicht leisten kann. Dass die andere bei der Monatsblutung Probleme hat. Denn alle Mädchen sind beschnitten, noch so eine traurige Tradition. Dass die Dritte Profispielerin in Afrikas bester Frauenmannschaft werden will. ­Fatuma vermittelte ärztliche Hilfe oder versuchte, Geld für den Schulbesuch aufzutreiben. Und manchmal lachte sie einfach verschwörerisch mit ihnen über sportliche und andere Tag­träume.

Neues Team wird aufgebaut

Beim Turnier in Nairobi 2008 waren die Mädchen zum ersten Mal weg von zu Hause. Sie wurden bejubelt, von Radioreportern interviewt. Sie verloren nur ein Spiel und kamen auf den zweiten Platz. Anna schickte weltmännisch einen Gruß über den Äther an ihre Mutter im fernen Mar­sabit und träumte von einer Karriere bei den Black Queens, dem nationalen Frauenfußballteam von Ghana. So vieles schien damals möglich. Die Welt war plötzlich weit geworden. Heute müssen Fatuma und Chipo wieder ganz von vorne anfangen. Ein ganz neues Team aufbauen.

Wie vielfarbige Fähnchen hängen die Kleider und Schals über Zäunen und Büschen rund um den Sportplatz. Heute ist Waschtag an der Highschool in Marsabit. Eine bunte Kulisse für die Mädchen, die sich auf dem Platz zum Fußballtraining treffen. Scherze, zugeworfen wie Bälle, ­hallen über den Platz und vermischen sich mit den Anweisungen der Trainer. Etwas wie Frühling liegt in der Luft, eine Lebendigkeit, ein Aufbruch. Einige Mädchen spielen barfuß. Einige haben Arme und Beine bedeckt. Sie kämpfen um den Ball, um Tore, und sie sind gut.

Ansteckendes Lachen

Mit ihnen wird Chipo eine neue Mannschaft bilden. Und sie werden lernen, sich über die Beleidigungen hinwegzusetzen. Nach dem Spiel erzählen sie. Anfangs schüchtern kichernd, dann immer offener. Dass der Imam sagt, sie würden ihre Jungfräulichkeit verlieren. Dass sie verdorben seien, weil man ihren Körper sehen könne durch die Trikots. Und dass die Tatsache, dass sie sich von Jungs trainieren lassen, sei, als ob Hyänen Ziegen bewachten. Fa­tuma ermuntert sie, alles zu sagen. Sie stand im Tor und trägt jetzt Trainings­hosen und ein T-Shirt mit der Aufschrift: Shoot to score, not to kill. „Wir würden ­unsere Jungfräulichkeit verlieren, geht das denn?“, fragt sie und lacht ihr großes Lachen. Es ist ansteckend.

Im vergangenen Dezember hat sie doch noch geheiratet, Fatuma, die respektierte Außenseiterin. Ihr Ehemann ist vom Stamm der Rendile. Seine Großmutter hasst die Borana und Gabbra, Stämme, zu denen Fatumas Vater und Mutter gehören. „Nur über meine Leiche“, sagte die alte Frau. Fatuma Abdulkadir Adan hat sich verhalten wie bei ihren schwierigsten ­Fällen: Sie blieb freundlich, beharrlich, ­unbeugsam. Am 18. Dezember 2010 hat sie in Marsabit ein rauschendes Hochzeitsfest gefeiert. Die Mädchen von der Fußballmannschaft waren alle dabei.

Information

Horn of Africa Development Initiative

Weitere Informationen über die Menschenrechtsorganisation "Horn of Africa Development Initiative" (HODI):
www.hodiafrica.org

"Shoot to Score Not to Kill." heißt eine Fotoreportage von Frank Schultze über HODI. Zum Ansehen hier klicken

 

Friedenspreis 2011 für Fatuma Abdulkadir Adan

Die Trainerin und kenianische Friedensaktivistin Fatuma Abdulkadir Adan erhält am 17. November den Stuttgarter Friedenspreis 2011. Die Stiftung "Die Anstifter" zeichnet jedes Jahr Menschen aus, die sich für Frieden, Freiheit und eine solidarische Welt einsetzen. Die 33-jährige Anwältin kämpft für Frieden in der Region Marsabit, die seit Generationen von blutigen Konflikten zwischen verschiedenen Volksgruppen zerrissen ist. Sie kämpft für mehr Rechte für Frauen, die in der patriarchalisch und muslimisch geprägten Gesellschaft in Marsabit wenig zu melden haben. Sie tut das mit viel Witz, Geschick und – mit Fußball.

Weitere Infos über den Stuttgarter Friedenspreis 2011 bei den "Anstifern"

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