"Work & Travel" als Rentnerin

Mit 72 Jahren um die Welt

Fotos: Jessica Siegel

Gunhild Stempel reist in ferne Länder, jedes Jahr in ein anderes. Nicht als Touristin, sie arbeitet dort. Ihr Lohn: Unterkunft, Essen – und Erlebnisse, die unbezahlbar sind

Eigentlich war Gunhild Stempels Leben schon vor dem Ruhestand erfüllt. Heute ist sie 72 und meistens unterwegs. Ob USA, Israel oder Island: Sie besucht Länder, die sie schon immer mal sehen wollte. Nicht als Touristin. „Ich arbeite ehrenamtlich – und zwar an Orten, die mir wichtig sind.“ Einfach so auf Kreuzfahrt gehen, passt nicht zur Lebenseinstellung der Lehrerin, die Religion und Deutsch unterrichtet hatte: Rede nicht über das Christsein, lebe es. Ihre Reisen sollen nicht nur für sie Sinn machen, sondern auch für andere. „Ich habe Zeit und bin gesund genug“, sagt sie.

Ganz oben auf ihrer Wunschliste standen die USA. Sie wollte das Land kennenlernen, von dem sie seit ihrer Kindheit träumt, seit die Carepakete der Amerikaner kamen: „Ich sehe noch das Paket vor mir, in dem mein Wintermantel und Schokolade lagen.“ Jahrzehnte später bietet sich die Chance – drei Monate vor dem Ruhestand. Ihre westfälische Kirche der Union organisiert 2004 einen Freiwilligenaustausch mit der United Church of Christ in Ohio. Die Aufgabe erscheint wie gemacht für den neuen Lebensabschnitt der ordinierten Laienpredigerin: betuchte ältere Damen in einem Pflegeheim zu unterhalten und Gottesdienste zu gestalten. Gegen alle bürokratischen Widerstände setzt sie ihre vorzeitige Verrentung durch und fliegt für drei Monate ins Land ihrer Träume.

Ein Segen wird zum Wendepunkt

Dort sieht sie sich zunächst in einem Alptraum. Die „Senior’s Residence“ war mehr Hospiz als Seniorenheim. Das Haus war komplett renovierungsbedürftig, der Geruch widerwärtig. Schwerstpflegebedürftige, vielfach todkranke Menschen lagen zu zweit in einem Zimmer, nur getrennt durch dünne blaue Wandteiler. Tag und Nacht hörte Gunhild Stempel die Schreie der Kranken oder Verwirrten. Von netter Beschäftigung älterer Damen konnte keine Rede sein. Abfahren kam aber nicht infrage. Nicht für Gunhild Stempel.

„Ich habe vier Wochen gebraucht, um mich dreinzuschicken“, sagt sie. Hilfreich waren ihre medizinischen Erfahrungen. Nach der Schule war sie nämlich zunächst Krankenschwester geworden, um sich später das Studium für ihren Traumberuf leisten zu können. Vor allem half ihr im Seniorenheim aber ihr Glaube weiter. Der Segen eines baptistischen Pfarrers wird zum Wendepunkt. Danach lässt sie sich ein auf die Herausforderung. „Schwerkranken habe ich die Hand oder Tücher mit Lavendelduft unter die Nase gehalten“, erinnert sich Gunhild Stempel. „Mit Beweglicheren spielte ich mit Luftballons oder brachte ihnen die Katze einer Therapeutin zum Streicheln.“

"Sei flexibel, aber nicht unkritisch"

Sie hörte den Lebensgeschichten der Pflegebedürftigen zu, fragte sie nach Liedern und Gebeten. Mit den Heimbewohnern feierte sie ökumenische Gottesdienste. Sie improvisierte, nahm kurzerhand ein Bettlaken als Altartuch und reichte beim Abendmahl jedem einen eigenen kleinen Dosierbecher, damit sich niemand beim anderen ansteckte. So gewann sie die Herzen von Patienten und Pflegepersonal. Faszinierend fand sie, wie in den USA die verschiedenen christlichen Glaubensrichtungen tolerant nebeneinander existieren. Als sie nach drei Monaten abflog, nahm sie einige Mitbringsel mit – darunter amerikanischen Kaffee und christliche Toleranz.

Der Aufenthalt in Amerika hat ihr eine wichtige Erfahrung vermittelt: „Sei flexibel, aber nicht unkritisch.“ Von nun an handelt sie vor jeder Reise Verträge aus. Darin wird festgeschrieben, dass sie nur Tätigkeiten übernimmt, die sie sich zutraut, und dass sie Auszeiten nehmen kann. „Als älterer Mensch braucht man das“, sagt sie und wirkt dabei mit ihren lebenslustigen Augen und ihrer kraftvollen Gestik jünger als manche Dreißigjährige.

Kartoffeln schälen auf Kreta

Ihre Hilfe haben schon viele angenommen: ein christlicher Kibbuz im Norden Israels, eine lutherische Schule in Palästina, eine orthodoxe Akademie auf Kreta, zuletzt eine evangelische Akademie auf Island. Ihre Tätigkeiten waren vielfältig. Im Kibbuz half sie im Archiv, richtete das Gästehaus für eine Hochzeit her, putzte Lounge, Schwimmbad und Toiletten. In Palästina gab sie an der Schule „Talitha Kumi“ des Berliner Missionswerks Abiturienten Nachhilfe. Auf Kreta schälte sie säckeweise Kartoffeln, katalogisierte Bücher. Auf Kreta und Island erklärte sie Touristen Entstehung und Sehenswürdigkeiten der Akademien.

In ihrer Freizeit genießt sie, was ihr der Zufall bietet. In Israel mietete sie sich ein Taxi, diskutierte mit dem arabischen Fahrer über Gott und die Welt, besuchte Stationen, die ihr wichtig waren: Jerusalem mit dem Tempelberg, den See Genezareth, das Tote Meer und Chagalls Sommerhaus in Zefat. Auf Kreta unternahm sie mit den Studenten von dem biologischen Institut der Akademie Exkursionen in die Berge. „So gut hätte ich als Touristin Flora und Fauna nie kennengelernt“, sagt. Auch nach drei Monaten Palästina konnte sie sagen: „Ich bin Teil dieser Gemeinschaft geworden.“ Das ist für sie der eigentliche Lohn für ihre Einsätze.

"Menschen wie du und ich"

„Was ich mache, könnte jeder tun“, sagt Gunhild Stempel. „Jeder kann an Begegnungen, Verbindungen und Erinnerungen anknüpfen, aus denen sich Aufgaben und Reiseziele ergeben.“ Zu Israel hat sie durch ihren Vater einen besonderen Bezug. Er hatte sich als Unteroffizier in Polen kurz nach Kriegsbeginn geweigert, an einem Pogrom teilzunehmen. Er hatte Glück, dass er nicht vor ein Kriegsgericht kam. Seine offene Befehlsverweigerung begründete er später seiner Tochter gegenüber: „Die Juden, das waren freundliche Leute – Menschen wie du und ich.“

Und warum der Kibbuz Nes Ammim? Sie erinnerte sich, während ihres Studiums Anfang der siebziger Jahre von dessen Gründung gelesen zu haben: der einzige christliche Kibbuz in Israel. Mit den Reisen nach Palästina und Kreta führt sie auf ihre persönliche Art die Studien ihres Mannes zu den Wurzeln des Christentums weiter. Hermann-Adolf Stempel starb mit 62 Jahren. Er war Professor für Kirchengeschichte, über Jahrzehnte begleitete sie seine Studien. Als Theologiestudent  hatte er sie, die kirchenkritische Gunhild, mit dem Satz beeindruckt: „Du musst das Christentum als weltweites Ganzes sehen, nicht den einzelnen Kleingeist in der Kirche vor Ort, an dem du dich gerade störst.“

"Man wird selbstständiger, mutiger, toleranter"

Gunhild Stempel organisiert ihre Reisen selbst. Beispiel Nes Ammim: Über die Auslandsauskunft erfuhr sie die Nummer des Kibbuz. In Israel wurde sie an den deutschen Förderverein in Düsseldorf verwiesen. Sie fuhr hin und handelte ihren Vertrag aus. Für Kreta schrieb sie an einen befreundeten orthodoxen Pfarrerssohn, der ihr den Kontakt zur Akademie vermittelte. Ihre Palästinareise kam über das Berliner Missionswerk zustande, den Einsatz in Island organisierte sie über die deutsch-isländische Gesellschaft.
 

„Man wird selbstständiger, mutiger, toleranter und absolut weltoffen“, beschreibt sie den Gewinn ihrer Reisen. Sie sitzt dabei im Garten ihres Ferienhäuschens im Oberpfälzer Wald. Mit 65 Jahren hatte sie ihren Wohnsitz von Bochum hierher verlegt. Auch um die laufenden Kosten möglichst niedrig zu halten, damit ihr mehr Geld für ihre Reisen bleibt. „Mein Museum“, nennt sie es liebevoll. Die Regale sind gefüllt mit Büchern, den Forschungsarbeiten ihres Mannes und Mitbringseln: eine Schale aus isländischem Vulkanglas, eine kleine Ikone aus Kreta, ein Kidduschbecher aus Israel. Jedes Möbelstück erinnert an ihr Leben mit drei Kindern, sieben Enkel, vielen Gästen.

Engagiert für die Autobahnkirche Waidhaus

Für das Miteinander der Religionen und die Ökumene engagiert sie sich auch in ihrer Kirchengemeinde. Beharrlich hat sie evangelische und katholische Gemeinde in Waidhaus dazu gebracht, die Dreifaltigkeitskirche an der A 6 seit 2004 als ökumenische Autobahnkirche zu betreiben. Die Laienpredigerin vertritt ehrenamtlich die evangelische Seite. Deren jüngstes Schmuckstück: Eine orthodoxe Ikone der Dreifaltigkeit, deren Anschaffung Gunhild Stempels weltweite Kontakte ermöglicht haben. Manchmal wird es den direkten Nachbarn ein bisschen viel der Ökumene. Doch sie kommen zahlreich, wenn Gunhild Stempel zu  besonderen Veranstaltungen wie eine Pferdesegnung, Taizé-Gebet oder einen griechisch-orthodoxen Gottesdienst einlädt. 

Wenn sie irgendwann nicht mehr selbstständig leben kann, möchte sie in ein Heim der Herrnhuter Brüdergemeine im Schwarzwald ziehen. Das hat sie über ihre jahrzehntelangen Beziehungen zu den Herrnhutern bereits geregelt. Bis es soweit ist, will sie noch viel unternehmen: „Weiter Isländisch lernen und ein weiteres Mal nach Island fahren, die Stätten früher Christenheit in Armenien besuchen. Ach ja, und der Buddhismus würde mich auch noch interessieren.“

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Lesermeinungen

Ehrlich, ich würde das gerne auch so tun. Aber als lebenslänglicher kirchlicher Mitarbeiter im Osten konnte ich mir keine finanziellen Reserven schaffen, die solche Reisen ermöglichen. Ich muss mich also mit vielen ehrenamtlichen Aktivitäten vor Ort begnügen, und das macht auch Spaß.