Einheitliche europäische Kleiderordnung?

Kleines Schwarzes oder Burka?

epd/Stefan Trappe

Kleines Schwarzes oder Burka – beide sind Ausdruck von Individualität. Gibt es etwa eine einheitliche europäische Kleiderordnung?

Vor einigen Monaten sorgte ein Video, betitelt „Niqabitch secoue Paris“ (Burkahuren erschüttern Paris) und unterlegt mit einem sexuell expliziten Rap, im Netz für ziemlichen Wirbel. Zwei junge Frauen, unten herum in knappsten Hotpants und High Heels, oben herum dagegen mit Burka bis auf die Augenschlitze verschleiert, spazieren durch Paris und lassen sich vor Orten der Macht filmen: vor der Zentrale der sozialistischen Partei, vor dem Integrationsministerium, das gleichzeitig „Ministerium für französische Nationalidentität“ ist. Der Anlass: Im Juli 2010 hatte das französische Parlament ein Gesetz verabschiedet, das es verbietet, das Gesicht in der Öffentlichkeit durch einen Niqab zu verschleiern. Seit Mitte April ist das Gesetz in Kraft, Dutzende Trägerinnen wurden seither verwarnt. Auch in Belgien wird es ein solches Verbot geben. Das Video, so die beiden jungen Frauen, soll dazu dienen, die Lage zu entdramatisieren: Ein Gesichtsschleier ist zunächst einmal einfach nichts als ein Kleidungsstück.

In den Kolonien war der Weg mit Kleidervorschriften gepflastert

Dem Verbot, im öffentlichen Raum das Gesicht zu verschleiern, haben sich europäische und nordamerikanische Staaten wie Belgien, Spanien oder Kanada angeschlossen. In Deutschland werden Burka und Niqab eigentlich nur im Sommer für ein paar Wochen gesichtet – in  Münchner Luxushotels und Luxusbouti­quen. Vorerst sind die Gerichtshöfe mit der Frage beschäftigt, ob Beamtinnen, etwa als Lehrerinnen, das Kopftuch tragen dürften. Begleitet werden diese Abwägungen von hitzigen Debatten in den Medien. Der europäische Gerichtshof ist bereits mit der Frage befasst, ob Kleidervorschriften nicht gegen das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung verstoßen.

Für sich genommen sind diese Gesetze und die in sie investierte Aufregung erstaunlich. Kleidervorschriften gab es in Europa zuletzt in Mittelalter und früher Neuzeit. Da schrieben Luxusgesetze die zugelassene Breite des Pelzkragens, Tiefe des Dekolletés millimetergenau vor. Schon Ludwig XIV. verzichtete darauf, per Erlass oder Gesetz zu regulieren, was man tragen durfte. Mit der französischen Revolution siegte endgültig die Freiheit, zu tragen, was man will. Nicht Kleidervorschriften, sondern Anstand, Sitte und Geschmack – kurz: Mode – bestimmen seither, was man trägt. Allerdings erhielt diese Haltung im Zusammentreffen ­Europas mit seinen Kolonien eine andere Note. In den Kolonien und Ländern, die wie der Westen werden wollten, war der Weg mit Kleidervorschriften gepflastert. So verpflichtete ein kaiserlicher Erlass die japanischen Staatsdiener – Lehrer, Polizisten, Eisenbahner – um 1900, den Kimono abzulegen und sich westlich zu kleiden.

Religiöse Bedeutung bekam die Burka erst jetzt in reaktionären Staaten

Eine besondere Rolle war der weiblichen Verschleierung in der Auseinandersetzung zwischen westlicher Moderne und Orient bestimmt. Die Frage nach der Moderne wurde durch die Kleider auf dem Körper der Frauen ausgetragen. Der Niqab ist ein gutes Beispiel. Er diente ursprünglich keiner religiös motivierten Verschleierung, sondern war pragmatisch motiviert: Männer und Frauen trugen ihn zum Schutz gegen Sand und Sonne. Zum Bestandteil der Frauenkleidung wurde der Niqab erst Anfang des 20. Jahrhundert. Um westlichen Einflüssen in Konstantinopel Einhalt zu gebieten, führte ihn Abdülhamid II. ein, aber das war nicht von Dauer; eine kurze Blüte erlebten Niqab und Burka nur auf der arabischen Halbinsel. Zum religiösen Mittel wurden sie erst jetzt in reaktionären Staaten wie dem Iran oder Afghanistan, wo Frauen ausgepeitscht werden, wenn sie sich nicht korrekt verschleiern – ein Phänomen, das aus der Konfrontation herrührt. Atatürk, der Abdülhamid stürzte, führte die Türkei mit Aplomb in die Moderne und verbot im laizististischen Staat nicht nur die Verschleierung, sondern auch das Tragen des Kopftuchs in öffentlichen Räumen. Erst jetzt wurde das Kopftuch zum rückständigen, religiös motivierten Kleidungsstück. In der Türkei durften Richterinnen, Anwältinnen, Professorinnen, auch Politikergattinnen bis vor kurzem kein Kopftuch tragen.  

Im Kampf um Kopftuch, Niqab und Burka geht es um das Verhältnis von Frauen und öffentlichem Raum, und dieses Verhältnis wurde in den europäischen Kolonien nicht nur durch ­Gesetze, sondern durch Gewalt geregelt. Der erste britische Ge­neralkonsul in Ägypten, Evelyn Baring, ließ Frauen gewaltsam entschleiern, hatte aber mit Frauenemanzipation nichts im Sinn; zu Hause gründete er einen Verein gegen das Wahlrecht der Frauen. Der koloniale Aspekt gab dem religiösen Revival der Verschleierung eine verschärfende Pointe.

Manche Feministinnen meinen die Moderne mit antimodernen Mitteln verteidigen zu müssen

Interessant ist angesichts dieser gemischten Geschichte, dass die Moderne, wie sie in der westlichen Mode Gestalt gewonnen hat, ausgerechnet in Europa unter Druck geraten ist. Regierende verhalten sich mitten im Westen ähnlich wie Atatürk, manche Feministinnen wie Alice Schwarzer und Elisabeth Badinter stehen ihnen dabei zur Seite und meinen, die Errungenschaften der ­Moderne mit antimodernen Mitteln verteidigen zu müssen. Wer vehement gegen Kopftuch und Verschleierung kämpft, meint ­darin die Fahne des Islamismus und mit ihr die Unterdrückung der Frau durch Ehemänner, Brüder und Väter zu bekämpfen. Mädchen und Frauen, die das Kopftuch tragen, spricht man ­kurzerhand die Selbstbestimmung ab. In islamischen „Gottes­kriegern“ sehen die modernen Gesellschaften ihre eigene, Gott sei Dank überwundene Vergangenheit auferstehen: militantes Patriarchat, Frauenunterdrückung. Kopftuch und Niqab werden zu Inbegriffen dessen, was eines der zentralen Ziele moderner Gesellschaften negiert: die Gleichheit der Geschlechter.   

Bei genauerem Hinsehen halten diese Interpretationen nicht stand. Zu offenkundig handelt sich um ein krasses Missverständnis. Viele, die heute Niqab und Burka tragen, sind Konvertitinnen. Und viele tragen sie, obwohl ihre Mütter sie nie getragen haben und ihre Väter finden, dass das einer Integration in die westliche Gesellschaft hinderlich sei. Diese traditionellen Kleidungsstücke sind oft zu modischen Statements geworden, längst nicht mehr einfach Zeichen von Unterdrückung, sondern sie können auch einen bewussten Gegenentwurf zu westlichen Standards moderner Weiblichkeit signalisieren. Für viele sind sie Kommentar zur Weise, in der sich im Westen das Erscheinen von Frauen in der Öffentlichkeit entwickelt hat. „Wer von Frauen verlangt, dass sie ein Kopftuch tragen, macht sie zu einem Sexualobjekt, das sich verhüllen muss“, sagt Ekin Deligöz, Bundestagsabgeordnete der Grünen. Wer dagegen selbst wählt, ein Kopftuch oder einen Niqab zu tragen, macht darauf aufmerksam, wie Frauen im öffentlichen Raum als Sexualobjekt funktionieren. Diese doppelte Botschaft zeigt das Video „Niqabitch“.

Im Körperkult der Gegenwart werden Frauen zum Sexualobjekt gemacht

Mit sexualisierter Weiblichkeit lässt sich vom Autoreifen bis zur Pizza alles an die Frau und den Mann bringen.  Das war schon dem französischen Schriftsteller und Kritiker der Moderne Émile Zola aufgefallen. Als Bild für den Konsum wählte  er die Prosti­tution: eine kopflose, in hinreißenden Stoffen entblößte Schaufensterpuppe, die an der Stelle des Kopfes ein Preisschild trägt. Man muss Zolas Modernekritik nicht teilen. Aber selbst ein unbefangener Blick zeigt, dass es in der Erscheinung der Körper im öffentlichen Raum nicht um die anlässlich des Kopftuchstreits ins Feld geführte Gleichheit der Geschlechter geht. Es geht nicht wenigen Frauen darum, den weiblichen (und ausschließlich den weiblichen) Körper mit allen Mitteln erotisch ins Bild zu setzen. Der moderne Mann hingegen verhüllt die Zonen, die in der alten Aristokratie dem männlichen Sexualprotz vorbehalten waren – Po, Beine, Geschlecht.

Man kann die umfassende Erotisierung bejahen und genießen. Oder man kann sie verleugnen, wie das viele Politikerinnen von Berufs wegen für nötig halten. Aber man muss blind sein, wenn man nicht sieht, dass Frauen im Körperkult der Gegenwart  zum Sexualobjekt gemacht werden – und es als Zeichen ihrer Freiheit nehmen, sich dazu anziehend reizend zu machen. Niqab und Kopftuch bringen diesen Sachverhalt mit theatralischer Gewalt auf die Bühne der Öffentlichkeit. Statt sie gewaltsam zu verbannen, schwankend zwischen alten Ängsten und neokolonialen Attitüden, könnten wir sie zum Anlass nehmen, über die Rolle der Erotik in der Öffentlichkeit nachzudenken.

Barbara Vinken

Barbara Vinken, Jahrgang 1960, ist Literaturprofessorin in München und Autorin des Bestsellers "Die deutsche Mutter. Der lange Schatten des Mythos", zuvor lehrte sie in Hamburg und Zürich. Sie schrieb vieldiskutierte Bücher zur Frauen- und Familienpolitikund sorfgte mit ihrer These von der "selbstgewählten Ohnmacht der Frauen" für heftige Debatten. 2004 gab sie den Band "Stigmata, Poetiken der Körperinschrift" heraus.
Erielle Bakkum

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Lesermeinungen

Die gute Fr. Vinken hat leider nicht bedacht das wohl kaum eine Frau solch ein unsägliches Stofftuch freiwillig trägt.
Jede selbstbewusste Frau möchte ihre Reize zeigen, ihre Haare und ihr Gesicht.
Diese Burka ist ein Konstrukt das dem Islam selbst entspringt und [...] Mohammed hat den Weg bereitet in dem er meinte das sich die Frau züchtig zu bedecken habe.
Fr. Vinken sollte sich mal etliche Verse des Koran genauer anschauen, wie Männer mit ihrem Eheweib verfahren dürfen wenn sie nicht gehorcht.
Sie sollte sich vor allen Dingen mal mit Frauen unterhalten die es geschafft haben dieser Ideologie und der Unterdrückung zu entfliehen.
Keine Frau die frei und selbstbewusst aufwächst hängt sich freiwillig solch einen Lappen vors Gesicht, geschweige denn bedeckt damit ihren ganze Körper.
Die Burka ist ein Ausdruck der Unterdrückung und Unterwerfung und so etwas hat in einem freien demokratischen Land nichts verloren.
Schon lächerlich genug das man hier über solch einen Unsinn diskutieren muss.
Es gibt übrigens einen schöne Aussage von Aristoteles:

"Toleranz ist die letzte Tugend einer untergehenden Gesellschaft."

//von der Redaktion bearbeitet. Bitte bleiben Sie sachlich.

Der Naqap wurde im 20.Jhd zum religiösen Sinnbild. Davor diente er als Schutz vor Sand und Sonne. Burkaähnliche Gewänder sieht man auch an Männern in arabischen Ländern.
Der Unterschied besteht in der Selbstbestimmung. Abzulehnen ist, wenn Ehemänner und Väter Frauen und Mädchen dazu zwingen eine Naqap zu tragen. Ebenso wie sie in ihrer Aussage Frauen zwingen ihre sexuellen Reize Zurschau zu stellen. Es stimmt auch, dass in den saudi-arabischen Ländern ganz wenige Frauen mit einer Burka rumlaufen und das eher ein junges, westlich aufkommendes Phänomen ist.

PS: Bitte nennen Sie eine seriöse Quelle wo Aristoteles dieses Zitat gesagt haben soll? Das ist m.E. ein falsch zitierter Satz, der im Internet rumgeistert.
http://derstandard.at/2000004797776/Warum-Toleranz-vielleicht-doch-nicht...

Professor Barbara Vinken  bietet in Ihrer Rubrik "Doppelpunkt"  einen interessanten Aufhänger unter dem Thema "Kleines Schwarzes oder Burka -  Individualität hat viele Formen".  Dieser Aufmacher greift meines Erachtens noch nicht mal auf den ersten Blick,  denn das "Kleine Schwarze"  wird abends in den Kleiderschrank gehängt und am nächsten Morgen zieht  frau nach Belieben das Business-Kostüm oder das Jogging-Outfit an.  Die Burka, der Niqab, das Kopftuch werden  NICHT nach Belieben oder individuellem Ermessen ab- oder angelegt. 
Frau Vinken, die über Frauenrollen forscht,  scheint wie viele universitäre Akademiker, in einem Elfenbeinturm  (fern der Basisrealität)  zu leben,  wenn sie schreibt,  wir Westeuropäer entwickelten "neokoloniale Attitüden"  und übersähen   die selbstbestimmte Entscheidung der Kopftuch oder Schleier tragenden Frauen, die diese Kleidungsstücke als "modisches Statement", als "Gegenentwurf zu westlichen Standards moderner Weiblichkeit" benutzen. Damit hat sie in Bezug auf eine "Handvoll"  junger muslimischer Frauen möglicherweise Recht,  mindestens 90 % aller traditionell islamisch gekleideten Frauen,  so sind meine Erfahrungswerte im jahrelangen Umgang mit Migrantinnen, die teilweise schon lange hier leben, wählen ihr "Outfit"  nicht als modisches oder emanzipiertes Accessoire, sondern werden durch Tradition,Religion, Familie und (was eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt)  ihre "community"  bewusst oder unbewusst unter Druck gesetzt.  Leider hat Frau Vinken mit ihrem Doppelpunkt, wie auch Patrick Bahners mit seinen "Panikmachern", aus falsch verstandener Toleranz die falschen Signale gesetzt  -  wie mir auch gestern durch einen ausgezeichneten Vortrag von Necla Kelek,   die weiß, wovon sie spricht, bestätigt wurde.

Dennoch oder gerade deshalb:  Ihr Heft bietet immer wieder Anlass zu gedanklicher Auseinandersetzung.

Leserbrief zu Barbara Vinken, Kleines Schwarzes oder Burka

Barbara Vinken arbeitet in ihrem Essay überzeugend heraus, wie sich Mode und Entwürfe der Frauenrolle gewandelt haben. Sie konstatiert, dass Niqab und Kopftuch als „Gegenentwurf zu westlichen Standards moderner Weiblichkeit“ zu verstehen ist. Dieser Aussage kann ich zustimmen, ihrem Schluss, dass das Tragen dieser Kleidungsstücke als Diskussionsanreiz aufzufassen seien, jedoch nicht. Eine Gesellschaft braucht ein gewisses Maß an Kitt, an Konsens über die Art Rollen zu gestalten. Wenn jemand demonstrativ gegen diesen Konsens verstößt, braucht sie sich nicht zu wundern, wenn diese Gesellschaft mehr oder weniger massiv ablehnend reagiert. Daher ist die durchaus eigenwillige Koalition von Gegner durchaus verständlich.

Dass über das Bild, das sich eine Gesellschaft vom Menschen macht, in unserer Gesellschaft nur begrenzt diskutiert wird, ist bedauerlich; dennoch ist ein gewisser Konsens, der über den „homo oeconomicus“ hinausgeht, anzunehmen. Ich unterrichte an einem Gymnasium mit sehr hohem Anteil muslimischer Schüler und nehme am Gesprächskreis islamischer und evangelischer Religionslehrer teil. Ich durfte die positive Erfahrung machen, dass uns bei aller religiösen Differenz die Orientierung an einem humanistischen Menschenbild eint. Gegen diesen Konsens verstoßen Fundamentalisten beider Religionen. Wenn ein Kollege beim Erzbischof als Abweichler denunziert wird, weil er die Schöpfungsberichte als „Symbole für Leben“ unterrichtet hat, hat er meine Solidarität. Wenn eine Kollegin sich diffamiert fühlt, weil ein muslimischer Kollege ihr als „unreiner Frau“ nur mit Chemiehandschuhen  die Hand gibt, gilt das Gleiche. Nicht alles, was ewig gestrig ist, ist Christentum; nicht alles, was ewig gestrig ist, ist Islam. Gesellschaftliches Zusammenleben setzt Regeln und Toleranz voraus. Wenn muslimische Eltern bei Klassenfahrten darauf achten, dass ihre Kinder kein Schweinefleisch essen, ist dieses Verlangen selbstverständlich und diskussionslos zu beachten. Wenn jedoch verlangt wird, dass niemand auf der Klassenfahrt Schweinefleisch essen darf, weil der Anblick stören könnte, ist dies ein nicht zu akzeptierender Eingriff in die Rechte anderer Menschen.

Es ist schwierig, die Grenze im Einzelfall zu ziehen. Meiner Überzeugung nach bietet Erich Fromms Unterscheidung zwischen autoritärer und humanistischer Religiosität eine gute Grundlage, um eine Grenzziehung zwischen legitimen und illegitimen Ansprüchen auf Toleranz und Akzeptanz bei allen Religionen zu ermöglichen. Fromm geht davon aus, dass das Bedürfnis nach Hingabe im Menschen verwurzelt ist, das Objekt kann fast beliebig gewählt werden. Daher stelle sich weniger die Frage nach dem Objekt der Hingabe, sondern die, ob die Verehrung zu mehr oder weniger Humanität führe. (Psychoanalyse und Religion, GA VI, S. 241, 243f) Seine kritische Analyse der jüdischen Tradition geht von einem Humanismus aus, der die Einheit der menschlichen Rasse, die Fähigkeit des Menschen zur Entwicklung der eigenen Fähigkeiten mit dem Ziel der völligen Unabhängigkeit des Menschen zu Grundlage hat. (Ihr werdet sein wie Gott, GA VI, S. 91) Auch ist nach Fromm zwischen autoritärer und humanistischer Ethik zu unterscheiden. Kennzeichen dieser seien Rationalität, denn die Autorität könne kritisch befragt werden, und Gleichheit, weil die Autoritätsperson und der ihr Folgende als Menschen gleichwertig seien. Die humanistische Ethik diene dem Interesse aller Menschen; gut sei, was die Menschlichkeit fördere. Für die autoritäre Ethik sei gut, was der Autorität nütze Sie sei irrational, da Kritik an der Autorität verboten sei, und unterdrückend, weil der Einzelnen schwach und furchtsam bleibe. (Psychoanalyse und Ethik, GA II, S. 11f)

Den oben genannten Artikel habe ich sehr aufmerksam und interessiert gelesen, gab es doch da einige sehr gute Informationen über die Burka und den Niqab. Der Niqab wurde also ursprünglich als angemessenes, passende Kleidungsstück getragen, das gegen Sonne und Sand schützt. Soweit - so gut. Aber nachdem diese Art Schutz hier in Europa, vor allem Mittel- oder Nordeuropa, nicht nötig war hat sich diese Kleidung natürlich hier nicht traditionell eingebürgert.  So kann man sagen, dass diese Art von Verhüllung bei einfach nicht nötig war und ist. Wir mußten  hier auf andere klimatischen Verhältnisse Rücksicht nehmen: kalte Winter, die uns zum Warm-Einpacken zwangen, warme Monate, die uns davon befreiten. Und für die verschiedenen Berufe, Tätigkeiten, Feiertage ergaben sich schon gewisse Kleiderordnungen, die aber mit Burka oder Niqab gar nichts zu tun hatten und haben.

Gar nicht gefällt mir wieder mal die Aussage - die ja immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt wird - dass unsere Kleidung (wohl vor  allem im Sommer)  erotisierend, aufreizend und sexuell offenherzig sei. Nicht ohne Grund scheinen ja Muslime leicht bekleidete Frauen ganz gerne als Huren zu bezeichnen. Diese Ansicht ist eine Beleidigung!   Nicht jede leicht bekleidete Frau will sich entblößen und irgendwelche Männer sexuell beeindrucken. Vielmehr will man sich der Jahreszeit entsprechend kleiden und auch in der Art, dass man sich selbst wohlfühlt. Diese Freiheit zu haben ist ein großes Gut. Welche noch so moderne, natürlich geschminkte Kopftuch-tragende Muslima fühlt sich tatsächlich bei über 30 Grad im Schatten fest eingehüllt wohl? Auch wenn sie betont, wie frei und emanzipiert sie das Kopftuch macht.

Ich denke, dass Burka und Niqab hier in unseren Breiten einfach nicht ins Bild passen. Ganz einfach! So multikulturell wir uns auch geben mögen.... Umgekehrt kann es ja auch zum Eklat kommen, wenn Europäerinnen luftig bekleidet durch irgendwelche Souks spazieren.

Erika Poguntke

"dass unsere Kleidung (wohl vor allem im Sommer) erotisierend, aufreizend und sexuell offenherzig sei. Nicht ohne Grund scheinen ja Muslime leicht bekleidete Frauen ganz gerne als Huren zu bezeichnen. Diese Ansicht ist eine Beleidigung! Nicht jede leicht bekleidete Frau will sich entblößen und irgendwelche Männer sexuell beeindrucken."
Auch wenn Sie es nicht mehr lesen werden. Frau Vinken sprach die Mode vo dem 19.Jhd an. In der zeit, als sich Männer erotisierend gekelidet haben und nicht ie Frau. Dass Sie auf die Belange, der Männer eingehen, wundert mich auch bei Frauen nicht, sobald das Wort "aufreizend" oder "erotisch" fällt.

" Vielmehr will man sich der Jahreszeit entsprechend kleiden und auch in der Art, dass man sich selbst wohlfühlt. Diese Freiheit zu haben ist ein großes Gut."
Eben. Und hier ist erklärt sie den Unterschied zu der westlichen Männermode, die verhüllend und geschlechtsverleugnend ist. Während es den Frauen gestattet wird, sich der Jahreszeit entsprechend zu kleiden und auch in der Art, dass man sich selbst wohlfühlt, ist dass Männer trotz Hitze meist nicht gestattet.

 

Den oben genannten Artikel habe ich sehr aufmerksam und interessiert gelesen, gab es doch da einige sehr gute Informationen über die Burka und den Niqab. Der Niqab wurde also ursprünglich als angemessenes, passende Kleidungsstück getragen, das gegen Sonne und Sand schützt. Soweit - so gut. Aber nachdem diese Art Schutz hier in Europa, vor allem Mittel- oder Nordeuropa, nicht nötig war hat sich diese Kleidung natürlich hier nicht traditionell eingebürgert.  So kann man sagen, dass diese Art von Verhüllung bei einfach nicht nötig war und ist. Wir mußten  hier auf andere klimatischen Verhältnisse Rücksicht nehmen: kalte Winter, die uns zum Warm-Einpacken zwangen, warme Monate, die uns davon befreiten. Und für die verschiedenen Berufe, Tätigkeiten, Feiertage ergaben sich schon gewisse Kleiderordnungen, die aber mit Burka oder Niqab gar nichts zu tun hatten und haben.

Gar nicht gefällt mir wieder mal die Aussage - die ja immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt wird - dass unsere Kleidung (wohl vor  allem im Sommer)  erotisierend, aufreizend und sexuell offenherzig sei. Nicht ohne Grund scheinen ja Muslime leicht bekleidete Frauen ganz gerne als Huren zu bezeichnen. Diese Ansicht ist eine Beleidigung!   Nicht jede leicht bekleidete Frau will sich entblößen und irgendwelche Männer sexuell beeindrucken. Vielmehr will man sich der Jahreszeit entsprechend kleiden und auch in der Art, dass man sich selbst wohlfühlt. Diese Freiheit zu haben ist ein großes Gut. Welche noch so moderne, natürlich geschminkte Kopftuch-tragende Muslima fühlt sich tatsächlich bei über 30 Grad im Schatten fest eingehüllt wohl? Auch wenn sie betont, wie frei und emanzipiert sie das Kopftuch macht.

Ich denke, dass Burka und Niqab hier in unseren Breiten einfach nicht ins Bild passen. Ganz einfach! So multikulturell wir uns auch geben mögen.... Umgekehrt kann es ja auch zum Eklat kommen, wenn Europäerinnen luftig bekleidet durch irgendwelche Souks spazieren.

Erika Poguntke

Die Rolle der Erotik in der Öffentlichkeit", Ästhetik ist mit lieber, ferner Individualität, Toleranz des Geschmacks, Sachlichkeit, Akzeptanz, Wahrung der Distanz, hier ist die Symbolik der Burka, unabhängig von ihrer religiösen Vereinnahmung, bedeutend im Sinne des Schutzes der Weiblichkeit, der Erotik, der öffentlichen Entblössung, wie sie in unserer Kultur so völlig missachtet, misskreditiert werden. Verborgene Schönheit, gekonnt, gezielt, bewusst..., und unschuldig, weil natürlich, und frei nach dem Motto: Lass die Leute reden !
Vorurteile und Intoleranz sollte man einfach ignorieren, in diesem Falle ganz eindeutig! Wer allerdings provozieren will, darf sich über Anfeindung nicht wundern, sie ist eine der natürlichsten Reaktionen von der Welt!

@ Thomas Logemann

Zur Info: Die Aleviten verstehen sich aus ihrem Selbstverständnis nicht als Muslime. Quelle: Ein Vortrag den ich anhörte des Stellvertretenden Vorsitzenden des Verbands der Aleviten.

<i>Burka – beide sind Ausdruck von Individualität</i>

Selten solch einen Schwachsinn gehört. Hatten sie die Burka schon einmal probeweise angezogen? Nein? Ich schon!

Endlich mal ein Beitrag der sanior, wenn auch leider nicht maior pars zu diesem leidigen Thema. Sicher gibt es Länder, die aus antiwestlichem Impetus Kopftuch oder gar Burka vorschreiben und damit Zwang und Unterdrückung ausüben. Ebenso sicher gibt es Einzelpersonen, die derlei freiwillig tragen, z.B. aus den von Vinken genannten Gründen. Wie will der Staat diesem Personenkreis gegenüber begründen, dass sie auf Postämtern und Behörden nicht mehr bedient werden dürfen? Das ist, als sagte man: Schön, dass bei euch kein Zwang vorliegt, freut uns, nur gibt es diesen Zwang leider, deshalb verbieten wir seine Ausdrucksformen und ihr Freiwilligen seid da gewissermaßen Kollateralschaden. Noch nie in der Geschichte ist der Teufel erfolgreich mit dem Beelzebub ausgetrieben worden, wenn das zum leitenden Prinzip der Gesetzgebung wird, können wir uns noch auf einiges gefasst machen.
Btw: Hübsches Video, der Rap (Beastie Boys) ist übrigens in keinster Weise sexuell explizit (http://www.youtube.com/watch?v=mfcefpoCj0M&feature=related), und dass die "Niquabitches" ihr Video mit jüdischem Rap unterlegen, ist nur ein weiteres Zeichen ihres ideologiefreien Zugangs.

Es bleibt anzumerken: Bhurka, Tschaddor, Hijab - sind keine "islamischen Vorschriften". Muhammad hat im Qur'an "den Frauen" geboten, sich "züchtig" zu bedecken. Erst die islamischen Rechtsschulen haben in 1.400 Jahren daraus einen "Zwang zur Vollverschleierung" entwickelt. Liberale Muslime und Muslima wie Qur'anniten, Aleviten, Teile der Ahmadiya, lehnen solche "Ganzkörperkondome" ab. Es bleibt weiter anzumerken dass das Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit selbstverständlich auch für Muslima gilt. Wenn also eine muslimische Frau aus freien Stücken eine Ganzkörperverschleierung trägt, so ist das ihr ureigenes Recht und kein Gesetz, kein Staat, keine Religion hat das Recht sich darin einzumischen.

Liebe Frau Vinken, vielen Dank für diesen anregenden und erfrischenden Beitrag in der oft so pseudoliberalen Diskussion um dieses Thema. Besonders gelungen fand ich ihre Kritik an den „antimodernen Mitteln zur Verteidigung der Moderne“. Es fällt mir schwer zu verstehen, wie die Vorreiterinnen der Frauenbewegungen, die gegen die polemisierenden Medien um jeden Zoll Freiheit kämpften, sich nun so bereitwillig vor ihren Karren spannen lassen, um genau das zu reklamieren, was sie einst forderten: Die Selbstbestimmung der Frau auf allen Ebenen. Wie absurd es ist die Selbstbestimmung um der Selbstbestimmung Willen aufheben zu wollen!