Johannes Reuchlin rettete jüdische Schriften

Von weiten Kirchenkreisen verachtet

Illustration: Marco Wagner

Der christliche Humanist schützte die jüdische Literatur vor den Scheiterhaufen der Inquisition

Es sollte eine Beschlagnahmung im großen Stil werden. Kaiser Maximilian persönlich hatte einem vom Judentum zum Christentum konvertierten Mann, Johannes Pfefferkorn, im Jahr 1509 das Privileg erteilt, alle jüdischen Bücher zu konfiszieren – zwar nur solche, die vermeintlich den christlichen Glauben beleidigten. Doch Pfefferkorn sah dies als Freibrief zur Bücherverbrennung im großen Stil. Nach Ansicht von Historikern ging es um nichts anderes als um die Vernichtung aller hebräischen Schriften, derer man in Deutschland habhaft werden konnte.

Plötzliches Ende der Konfiszierung

Mit der Umsetzung stieß der Eiferer allerdings auf Widerstand. Der Mainzer Erzbischof ordnete an, die in Frankfurt am Main bereits begonnene Konfiszierung der Bücher zu beenden. Nun war auch der Kaiser in einer Zwickmühle. Er gab etliche Gutachten in Auftrag: vier bei Universitäten, darunter der Mainzer, ein weiteres bei dem Inquisitor Jakob Hoogstraeten und eins bei jenem Mann, dessen Urteil alle Judenfeinde fürchteten: Johannes Reuchlin, einem angesehenen Juristen und Philologen.

Für die jüdische Literatur in Deutschland sollte sich dies als Glücksfall erweisen. Denn von allen Gutachtern stellte sich nur Reuchlin gegen die Zerstörung des jüdischen Kulturguts. Sein Buch mit dem Titel „Augenspiegel“, auf dessen Titelseite eine Brille zu sehen ist, erschien 1511 zur Frankfurter Buchmesse und löste einen Skandal aus.
Mit juristischen Argumenten pochte Reuchlin darauf, dass kein Christ berechtigt sei, Andersgläubige mit Gewalt zu bekehren. Denn jene seien „in Dingen, die ihren Glauben betreffen, einzig ihresgleichen und sonst keinem Richter unterworfen“. Als guter Jurist fasste er auch die Konsequenzen einer Vernichtung ins Auge: „Viel Schlimmes könnte daraus entstehen, wenn wir ihre Schriften verbrennen würden.“

Reuchlin - ein Sprachtalent und begabter Autor

Johannes Reuchlin gilt als einer der großen Humanisten Deutschlands, vergleichbar mit Erasmus von Rotterdam. Christoph Timm, Leiter des Johannes-Reuchlin-Museums in Pforzheim, hat sein Leben detailliert erforscht, nicht zuletzt seine ungewöhnlich steile Karriere: Zwar war Reuchlin ein Mann „von ganz unten aus dem Volk“, wie er selbst einmal sagte, aber er war als Anwalt sehr erfolgreich, gewann Einfluss als Berater der Landesfürs-ten und wurde 1492 von Kaiser Friedrich III. in den Adelsstand erhoben.

Einer der Gründe seines Erfolges: Reuchlin war ein außergewöhnliches Sprachtalent, wie Christoph Timm sagt. Er verfasste humoristische Theaterstücke und erotische Gedichte, wissenschaftliche Abhandlungen  und – ein Novum – eine hebräische Sprachlehre. Die hat auch der Reformator Martin Luther benutzt, um Hebräisch zu lernen. Luther setzte später mit anderen Theologen um, wovon Reuchlin geträumt hatte: eine Bibelübersetzung aus dem Hebräischen. Reuchlins Sprachbegabung trug ihm das Ansehen der Humanisten ein. Er lernte in Florenz die Philosophen am Hof der Medicis kennen und freundete sich mit Pico della Mirandola an, dem Verfasser der Schrift „Über die Würde des Menschen“

Doch es war Reuchlins Bewunderung für den jüdischen Glauben, die Kirche und Staat auf den Plan riefen. In seinem letzten Werk „Die Kunst der Kabbala“ lobte er die jüdische Frömmigkeit. Sein Anliegen ist heute eine Selbstverständlichkeit: dass sich ein Christ seiner jüdischen Wurzeln bewusst sein muss.
Fast zehn Jahre lang dauerte der erbitterte Streit um Reuchlins Haltung zum Judentum. Polemische Schriften gegen ihn kamen in Umlauf, er wurde der Ketzerei beschuldigt, der „Augenspiegel“ in Köln 1514 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ein vom Inquisitor Jakob Hoogstraeten angestrebter Prozess führte zu einem päpstlichen Schweigegebot. 1520 setzte  Papst Leo X. das Druckwerk auf den Index der verbotenen Bücher.
Reuchlin konnte nicht verhindern, dass die Kirchen weiter in den Sog der Judenfeindschaft gerieten. Selbst Philipp Melanchthon, dessen Mentor Reuchlin gewesen war, distanzierte sich nicht von Luthers judenfeindlichen Äußerungen.

Reuchlin starb, ebenso berühmt wie von weiten Kirchenkreisen verachtet, am 30. Juni 1522 in Stuttgart.

Zum Weiterlesen:

Christoph Timm (Hg.): Museum Johannes Reuchlin. Begleitbuch zur Ausstellung (des Museums Johannes Reuchlin in Pforzheim). 120 Seiten mit 336 Abbildungen, Broschur. verlag regionalkultur, Ubstadt-Weiher. ISBN 978-3-89735-711-2. 15 Euro

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Lesermeinungen

In Ihrem Reuchlin-Portrait wird der Eindruck erweckt, als habe Martin Luther, mit Helfern, die Bibel - gemeint ist hier das sogenannte Alte Testament - direkt aus dem Hebräischen übersetzt.
Dazu reichten jedoch, zu seinem eigenen Bedauern, seine Hebräischkenntnisse nicht. "Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich 'Ibräisch' lernen, waren dementsprechend seine Worte gegen Ende seines Lebens. Luther und seine Mitübersetzer haben zwar auch auf den hebräischen Urtext, soweit er ihnen vorlag, "zurückgegriffen", aber das Eingeständnis, "Wenn wir die griechische und die lateinische Bibelübersetzung nicht hätten, so könnten wir heute kein Wort im Hebräischen verstehen", zeigt deutlich genug, dass Luthers Übersetzung ins Deutsche noch sehr von der Septuaginta und der Vulgata abhängig war und damit, was die Septuaginta angeht, von einer "Übertragung", die nicht frei von einem hellenistischen Vorverständnis ihrer Verfasser war.
Luthers mangelhaftes Verständnis des Judentums erklärt sich zum Teil auch daraus, dass ihm die hebräische Sprache und damit auch das hebräische Denken nicht vertraut genug war.

10.1.2012