Ihren Vater suchte sie jahrzehntelang

Seit sie 12 ist, sucht sie ihren Vater, einen "Gastarbeiter" aus Kroatien. Mit 16 erfährt sie, dass er in Kroatien eine Familie hat. Antje Joel muss 45 werden, bis eine Schwester bereit ist, sich mit ihr zu treffen

Mein Vater ist abgehauen, als meine Mutter mit mir schwanger war, zurück nach Kroatien, wo er schon eine Frau und fünf Kinder hatte. Meine Mutter, 19 Jahre alt und bedürftig, hatte das nicht gewusst. Er hatte gesagt: „Ich muss in meine Heimat fahren; meine Papiere holen, damit ich dich heiraten kann.“ Er kam nie zurück zu ihr. Ich war zwölf, als ich durch Zufall erfuhr, dass der Mann meiner Mutter nicht mein Vater ist. Das hatten die beiden vergessen, mir zu erzählen. Das Thema ist noch immer und für alle Zeiten tabu.

Meine Jugend verbrachte ich darum still sehnend und suchend. Mit 16 fiel ich in meiner Vaterverzweiflung bei der damals noch jugoslawischen Botschaft in Hannover ein und begehrte die Staatsbürgerschaft. Dafür bedurfte es Vaters Unterschrift, also machten sich die Botschaftsmenschen auf die Suche. Dass er vier Jahre zuvor gestorben war, erfuhr ich von ihnen. Auch, dass er Frau und Kinder in seiner Heimat hatte. Man fand mir auch die Adresse seiner Mutter und seines Bruders.

Der Bruder droht: Meldest du dich noch einmal, bring ich dich um!

Als ich dort anrief, mit vor dämlicher Vorfreude zitternden Knien, drohte der Bruder: „Meldest du dich noch einmal, komme ich nach Deutschland und bring dich um!“ Meine Mutter frohlockte: „Geschieht dir recht!“ Ich rief noch einmal an. Da war ich 35. Der Bruder knurrte: „Was soll das, was willst du?“ Ich fragte: „Wovor habt ihr Angst?“ Er legte auf.

Ich fand einen entfernten Cousin, da war ich 42. Er war neugierig statt ablehnend und forschte in Kroatien nach. Er erzählte mir von einer Schwester, Halbschwester, Richterin in Pula, und gab mir ihre Handynummer. Ich zögerte über Wochen, dann schickte ich ihr eine SMS: Ist sie Jozo B.s Tochter? Sie simste zurück: „Erst müssen Sie mir sagen, warum Sie das wissen wollen!“ Ich erklärte es ihr. Es war ein Schock für sie. Sie erlitt jedes erdenkliche Gefühl – von Unglauben über Wut und Ablehnung bis Sehnsucht.

Von ihrer Mutter erfuhr sie dann: Ja, im Spätsommer 1965 kam unser Vater heim und bekannte, sich in eine Deutsche verliebt zu haben, für die wolle er Frau und Kinder verlassen. Von der Schwangerschaft der Geliebten sagte er nichts. Zu dem Zeitpunkt war meine Schwester wenige Monate alt. Mein Vater blieb bei seiner Familie.
Meine Schwester mailte mir ein Foto meines Vaters. Ich war 42, als ich ihn das erste Mal sah. Meine Mutter hatte ja alles verbrannt. Ich klickte mit zitternden Händen die Datei auf und war erleichtert: Der Mann auf dem Bild ist schön. Er sieht aus wie ein großer Junge, nicht wie ein Ganove.

Sie schickte mir auch Fotos von sich. Erschreckend die Ähnlichkeit. Vor allem die Haare: Wir haben beide lange, dicke, derbe dunkelbraune Locken. Weil solches Haar in der Mitte Deutschlands, wo ich aufgewachsen bin, fremdartig ist, fand ich diese Ähnlichkeit sogleich tröstlich.

Die Schwester bat um Zeit, um Geduld. Ich dachte: Wie lange denn noch?

Die Schwester bat um Zeit, um Geduld. Ich dachte: Wie lange denn noch? Zwei Mal, zu Neujahr, schickte sie eine SMS. Sie denke an mich. Ich dachte: Das ist mir nicht genug. Dann kam ein Jahr gar nichts. Diesen Sommer schickte sie mir überraschend eine SMS: Ob ich sie besuchen kommen könne? Gern mit den Kindern. Ich war 45, als ich nach Kroatien flog. Ich hatte Angst.

Meine Schwester kam zu spät. Ich stand mit den Kindern schon vor dem Haupteingang des Flughafens, als ich sie das erste Mal sah. Sie kam über den Parkplatz, sie ging schnell, fast dass sie rannte, sie lächelte, sie weinte. Ich sagte ihren Namen. Dann hing ich in den Armen der schluchzenden, bebenden Fremden. Meine Schwester.

Dieses Gefühl, woher kommt das, nach 45 Jahren? Ist das Bedürftigkeit, ist es Sehnsucht, sind das die Gene? Und wird das Gefühl bleiben? Wir saßen auf ihrem Balkon und tranken Wein, spätabends im August. Sie sah mich an, das tut sie oft, lange und ohne Scheu. Ich griff nach ihrer Hand. Ich sagte: „45 Jahre!“ Und: „Er ist schon mehr als 30 Jahre tot.“ – „Ja“, sagte sie. „Aber wir zwei, wir leben.“

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