Heinrich Grüber rettete in der Nazizeit viele Menschenleben

Ein geschickter Taktierer
Heinrich Grüber: Der Berliner Theologe, ein geschickter politischer Taktierer, rettete in der Nazizeit zahlreiche Menschenleben

Wie ein Eisblock saß Adolf Eichmann da. Die Bitten Heinrich Grübers um Hilfe für „nichtarische“ Christen prallten an ihm ab. „Sie haben es nicht nötig, sich für diese Menschen einzusetzen“, sagte Eichmann. „Niemand wird es Ihnen danken. Ich begreife nicht, warum Sie das tun.“ Da erzählte Grüber ihm das biblische Gleichnis vom barmherzigen ­Samariter: Der half einem Juden, der ausgeplündert auf der Straße lag. „Uns allen ist zugerufen worden: Gehe du hin und tue desgleichen.“

Das war im ersten Kriegsjahr. Der Berliner Pfarrer Heinrich Grüber und die Mitarbeiter seines „Büros Grüber“ (später: „Hilfsstelle für nichtarische Christen“) organisierten die Auswanderung von getauften Juden. Die Behörden duldeten die Arbeit Grübers ­zunächst, weil sie in der Ausreise eine ­gute Lösung der „Judenfrage“ sahen. Der staatliche Referent für Auswanderung war der SS-Mann Adolf Eichmann, der später Millionen Juden in Konzentrationslager deportieren ließ.  

"Nicht-arischen" Christen das Auswandern ermöglicht

Grüber, ein geschickter Taktierer, traf sich mit etlichen Nazigrößen, um „nicht-arischen“ Christen die Auswanderung zu ermöglichen. Die großen jüdischen Ver­bände im Ausland fühlten sich für die getauften Juden nicht zuständig; die Kirchen verstanden lange nicht, dass auch Christen durch Hitlers Rassenideologie verfolgt wurden. Grüber konnte von 1938 bis 1940 fast 2000 Menschen vor den KZ retten.

Der 1891 in Stolberg im Reinland ge­borene Grüber hatte sich früh soziale und diakonische Anliegen zu eigen gemacht. Seine Familie lebte lange in finanzieller Not, und bei den Fabrikarbeitern in der Nachbarschaft sah er nackte Armut. Um „auf die Verhältnisse Einfluss zu nehmen“, begann er 1910 ein Lehramtsstudium, entschied sich dann aber, Pfarrer zu werden. Das soziale Handeln war ihm besonders wichtig.

Vielleicht hätte er das Angebot annehmen sollen

So leitete er von 1926 bis 1933 in Templin/Brandenburg ein Erziehungsheim für behinderte und straffällige Jugend­­liche und gründete Ende der zwanziger Jahre einen gemeinnützigen Arbeitsdienst: Arbeitslose Jugendliche bauten Wege und forsteten Wälder auf. Als die Nationalsozialisten den Arbeitsdienst über­nahmen, entließen sie Grüber. Zwar bot ihm das Arbeitsministerium an, die Ausbildung der Lagerführer zu übernehmen, doch die NSDAP entschied anders. Später gab Grüber zu: Er hätte das Angebot wahrscheinlich angenommen, um die Entwicklung des Reichsarbeitsdienstes nach seinen Vorstellungen zu steuern.

Von seiner Pfarrstelle in Berlin-Kaulsdorf aus wurde Grüber seit 1934 zu einer treibenden Kraft der nazikritischen Bekennenden Kirche. Er predigte gegen den Hitlerkult und die Lehre vom „unwerten Leben“ – teils mit offenen Worten, teils mit versteckten Anspielungen. Aber er agierte mit Vorsicht. „Diktatur und Ge­wissens­knebelung lehnte ich ab, doch die Sorge um jene Menschen, die vom Völkermord bedroht waren, hielt ich... für wesentlicher als die Änderung des politischen Systems“, schrieb Grüber in seinen ­Lebenserinnerungen.

Er wollte Brückenbauer sein

Als die Deportationen 1939/40 dramatisch zunahmen, protestierte Grüber bei etlichen Dienststellen bis hinauf zu Hermann Göring. Vorübergehend mit Erfolg. Als er versuchte, Deportierte in Frank­reich zu besuchen, war für die Ge­stapo der Bogen überspannt. Im Dezember 1940 wurde er verhaftet, nach Sachsen­hausen verschleppt, schließlich nach Dachau gebracht. KZ-Wärter schlugen ihm die ­Zähne aus, er erlitt mehrere Herzinfarkte. Im Juni 1943 kam Grüber wieder frei.

Wegen seiner guten Kontakte zu DDR-Politikern wurde Grüber 1949 Bevollmächtigter der Evangelischen Kirche in Deutschland für die DDR. Er wollte Brückenbauer sein und lehnte es ab, sich im beginnenden Kalten Krieg für eine Seite zu entscheiden. Wieder ging es ihm um die konkrete Hilfe. 1958 erklärte DDR-Ministerprä­sident Otto Grotewohl diese Arbeit für beendet. 

Am 16. Mai 1961 saß Heinrich Grüber erneut Adolf Eichmann gegenüber: als Zeuge im Jerusalemer Holocaustprozess. Eichmann zur Reue zu bewegen, gelang ihm nicht. Aber Grübers Aufruf zu Ver­söhnung und Menschlichkeit brachten ihm in Israel und auf der ganzen Welt Hochachtung ein.

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