Kinderbuchautor Janosch über Ketzer und Stolz

"Gott liebt die Ketzer"

Illustration: Janosch/Merlin Verlag

Janosch wird 75. Höchste Zeit, ihn zu fragen, ob der liebe Gott seinen Lieblings-Ketzer noch quält, ob der echt nie stolz war und warum der Mensch so eine Sau ist

Als Horst Eckert wurde er 1931 in Schlesien geboren und streng katholisch erzogen. Als Janosch wurde er zu einem der berühmtesten Kinderbuchautoren der Welt. Als Herr Jot lebt er auf Teneriffa – und schickt uns E-Mails. Über Gott, falls es den gibt, und die Welt, die schlecht ist. chrismon-Redakteurin Ursula Ott mailte zurück.

Hallo, Herr Janosch, ich würde mich gern mal mit Ihnen unterhalten . . .

Janosch: Meinen Sie mündlich? Ich schreibe Ihnen lieber einen E-Mailer. Zum Unterhalten bin ich nicht geeignet, ich bin schwerer Autist. Dazu kommt, dass Sie wahrscheinlich eIne Frau sind und Sie mich aus meiner Frauenfeindschaft reißen würden. Das möchte ich nicht. Ich fürchte mich. Ihr Herr Jot

Lieber Herr Jot, mit dieser angeblichen Frauenfeindschaft kokettieren Sie doch bloß, oder? Vermutet Ihre Ursula Ott

Verehrungswürdige Frau Ursula! Ich kokettiere nicht einmal damit, es ist mir nur zu dumm, mich dagegen zu wehren.

Und Ihre eigene Braut? Sind Sie eigentlich mit der verheiratet?

Die wahren Ehen werden im Himmel geschlossen. Dort sind wir verheiratet. Und was ist mit Ihrer kirchlichen Ehe?

Nix ist damit. Keine Ehe, aber siebter Himmel. Apropos Himmel – was würden Sie machen, wenn Sie da oben im Himmel dem Papst begegnen?

So einen Blödsinn kann ich nicht denken. Ich dachte oft, dass er längst weiß, dass es diesen Gott so nicht geben kann. Stellen Sie sich vor (aber bitte wirklich in Echt sich vorstellen!), was passieren würde, wenn das aufgekommen wäre: Der Papst weiß längst, dass es Gott so nicht gibt. Mein Gott!!! Ich meine, er wusste es. Es gibt etwas, was wir nicht verstehen können, es ist aber nicht jener.

Welcher denn dann? Details bitte! Schnell! Ihre Ott

Vielleicht verursachte eine Urformel diese Welt oder sogar den Kosmos. Mathematik, verstehen Sie? Eine Formel, so wie die Einsteins, nur eine Stufe weiter. Mit drei Zahlen zieht man den Kosmos in ein schwarzes Loch, und jenseits der Materie entsteht der Anti-Kosmos. Es ist eine Formel, die aber keine Formel ist, liebe Frau. Ich habe manchmal merkwürdige Träume: Einmal träumte ich, dass ein Mathematiklehrer seinen Job verlor, weil er zu einfach dachte. Er brachte schwierige Probleme immer gern auf drei bis fünf Zahlen. In seiner Gartenlaube arbeitete er weiter nur mit einem Lineal und einem Winkel und zerstörte aus Versehen diese Urformel. Ich wachte im Traum auf, und die Welt hatte ihr Gesetz verloren. Alles lief willkürlich ab. Aus meinen Zimmer flog ein schwarzer Vogel in die Sonne hinein, die aber im Westen aufging. Mit der Entfernung wurde er jedoch umgekehrt immer größer und alles endete im Schwarz. Nehmen Sie einmal die Schwerkraft. Sie ist nichts weiter als eine Formel oder ein Gesetz. Ich sage Ihnen, Ihr Gott ist so eine Formel! Er kennt Sie genau so, auf die Art, wie die Schwerkraft uns kennt. Nichts geht ohne sie oder IHN, ER ist in allem, und die Folgen aus einer Handlung gegen ihn bringt sofort das Jüngste Gericht: Du brichst dir den Hals. Die Schwerkraft ist nicht gut und nicht böse. Sie gibt keine Befehle, wer aber gegen sie handelt, straft sich selbst postwendend. Wer mit ihr handelt, kann fliegen. Im Grunde wäre die Bibel ein sehr wahres Buch, wenn man sie verstehen würde.

Sehr poetisch. Damit können Sie auf jedem Kirchentag auftreten. Warum haben Sie dann bloß diesen Hass auf die Kirche?

Ich muss Ihnen hier gestehen, dass ich diese Fehlhaltung bedaure. Eine vergangene Fehlleistung. Ich hasse fast nichts mehr. Es gibt eine interne Kirchenverordnung: „Gebt uns die Kinder, bevor sie sieben sind.“ Was in diesen ersten Jahren mit einem Kind geschieht, bleibt die Grundlage der Lebensführung, ein Psychologe wird es Ihnen erklären. Man hat mir als göttliche Tugend die Furcht vor Gott, also die Gottesfurcht, mit dem Brenneisen eingebrannt. Ich habe die ersten 80 Jahre meines Lebens aufwenden müssen, um die Furcht auszulöschen.

Lieber Herr Jot! Jetzt werden Sie schon 75, und Sie arbeiten sich ein Leben lang an dieser Kirche ab ...

Sie haben Recht. Gott liebt die Ketzer, weil sie jeden Tag an ihn denken. Ich dachte jeden Tag an ihn, weil ich mich über ihn ärgern musste. Für den Fall, dass Sie Recht haben. Und es ihn gibt. Ich habe mir ihn aber erschaffen, um mich über ihn und seine Leute zu ärgern, ich bin ein sogenannter Kümmerer. In Wahrheit hänge ich keinen einzigen Gedanken daran, ob es ihn wirklich gibt.

Ich finde, lieber Janosch, Sie haben es ganz gut getroffen da auf Ihrer warmen Insel. Sagen Sie ab und zu mal danke?

Ach, reden Sie doch nicht so!! Ob es einer gut getroffen hat, hängt nicht von der Wärme ab, sondern vom Zustand seiner Seele. Ein Buddhist richtet es sich auch in der Hölle bequem ein – aber das ist wohl nichts für Sie!! Verehrungswürdige. Ich sage nie danke zu IHM, weil das, was ich bekomme, muss ich mir selbst bei IHM abholen. Und dafür auch bezahlen. Er hält seine Auswahl bereit. Und wenn ich das Falsche nehme, habe ich einen Fehler gemacht. Als Kind hat man mir erzählt, dass er mich strafen wird. Das hat er bereits im Vorfeld getan, indem er mich in dieses Inferno Welt setzte. Damit habe ich alle Fehler bezahlt.

Wieso Inferno?

Weil der Großteil der Menschen so eine Sau ist.

Kennen Sie eigentlich die aktuelle Debatte um die Evolution? Dass der Mensch gar nicht vom Affen stammt, sondern doch von einem „intelligenten Designer“?

Vielleicht wurde Heidi Klum von einem Designer entworfen, ich nicht. Ich glaube eher umgekehrt, dass der Affe ein weiterentwickelter Mensch ist. Weder arbeitet noch mordet er. Sind Sie eigentlich glückliche Protestantin? Sie sagen natürlich ja, um mir eins auszuwischen. Das würde ein Affe nie versuchen. Die Äffin braucht auch keine Locken auf dem Kopf und keIne hohen Schuhe, um einen Affen zu erobern. Haben Sie Locken? Ein Affe veranstaltet keinen Krieg, zerstört nicht die Umwelt, braucht keine entrahmte Frischmilch und keine Krankenkasse, kein Fahrrad und Gucci sowieso nicht. Kein Auto, keine Aktien und keine Dichtung für den Wasserhahn, auch keine Dichtung für die Seele. Und keinen Klempner für die Dichtung. Er lebt doch genau so, wie Ihre Bibel das Paradies beschreibt – oder? Beim Menschen funktioniert nichts, nicht einmal das Wasserlassen. Was sagen Sie jetzt?

Ich habe keine Locken. Und ich kenne eine Menge nette Leute, die keinen Krieg machen und keine Kinder hauen und prima pinkeln können.

Ja, bitte: Genau das ist es!! Es gibt nur ein paar. Und der Rest? Wildschweine und Mörder, Börsenvorsteher und Amerikaner. Es gibt auch hervorragende Menschen, klar. Aber zu wenige. Die aber sind es auf eigene Faust. Und nicht wegen Gott. Und weil Gott es von ihnen unter Androhung von Strafen einfordert. Wissen Sie was, als ich mich mit Astrid Lindgren für ein Journal traf, sagte sie auch: „ALLE Menschen müssen weg aus der Welt.“ Ihr nimmt man das nicht übel, weil man sie für eine Gutmenschin hält. Und mich möchte man für solche Aussagen kreuzigen.

Sie sind deswegen doch bloß neidisch auf die Lindgren!

Da haben Sie Recht. Ihren Freibrief neide ich ihr. Dabei kamen wir uns vor, als ob wir schon lange Geschwister wären. Ansonsten sind mir Neid und Stolz unbekannte Gefühle. Ein einziges Mal war ich stolz, weil ich mit zehn Jahren in der Schule geehrt wurde. Das ist mir heute noch peinlich.

Warum stehen die Leute eigentlich so auf Ihre Bilder und Ihre Kindergeschichten?

Weil die Erwachsenen gar keine Erwachsenen sind. Die Intelligenz erreicht ihren potentiellen Siedepunkt im 17. Lebensjahr, danach geht es steil bergab. Sie brauchen mich, um den Unsinn der Bildung zu löschen, um etwas zu lernen. Woran sollen sie sich denn sonst erbauen!!

Welche Ihrer Postkarten würden Sie selber gern mal kriegen?

Eine, die mich zum Kuchenessen einlädt. Von einem prallen Mädel. Was jetzt aber zu spät wäre, denn ich bereite bereits meine Abreise ins Nirwana vor. Ich könnte den Kuchen also kaum so speisen wie einst. Also dann keine. Höchstens eine von Gottvater: „Komm doch mal rüber, Junge!“ – Ich bin von Herzen bis ein anderes Mal, hochgeschätzte Frau Gott! Ihr lieber Herr Janosch.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

was für ein poetischer unsinn!
warum kommt ihr nicht los vom kindlichen gotteswahn?
natürlich gibt es tausend gründe dafür meschen als säue und wildschweine zu bezeichnen
(wobei die gar nicht so furchtbar sind wie die waffenproduzenten und ihre mitläufer)
aber es gibt ein paar gründe für einen gemäßigten optimismus.
solange ich atme, hoffe ich.
da braucht es keinen gott oder irgendeinen ersatz dafür,
nur eine große lust am leben und etwas achtsamkeit und solidarität.
in diesen sinne wünsche ich das allerbesteste
liber herr jott und liebe frau ott