Religion für Einsteiger: Glauben Frauen anders als Männer?

Weiblich glauben
Glauben Frauen anders? In religiösen Fragen sind Frauen mehr mit dem Herzen dabei als Männer, und unter ihrem Himmel geht es auch viel bunter zu. Sagen die Sozialforscher
Deutschland spricht 2019

Im Jahr eins nach der Bemerkung des Münchner Theologieprofessors Friedrich Wilhelm Graf, die jungen Theologiestudentinnen von heute glaubten vermehrt an einen „Kuschelgott“, ist die Suche nach geschlechtsspezifischen Glaubens­unterschieden munter im Gange. Glauben Frauen anders als Männer? Es geht hier nicht um die „Nähe zur Kirche“ oder die „Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs“ – beides häufig erhobene Daten, bei denen die Frauen als sehr viel engagierter er­scheinen als die Männer. Es geht um die Glaubensinhalte: An welchen Gott, an welche „Mächte“ glauben sie? Wem räumen sie Einfluss auf ihr Leben ein?

Seelenwanderung, Astrologie? Das interessiert Frauen etwas mehr als Männer

Empirische Studien scheinen zu be­legen: Frauen haben einen bunteren Glauben als Männer. Auch wenn sie in den Gemeinden ganz traditionell von den Festkomitees bis zu den Basaren engagiert sind, finden unter ihrem Himmel die unterschiedlichsten Glaubensvorstellungen Platz. Mit fast zehn Prozentpunkten mehr als die Männer interessieren sie sich für Geister und Engel, auch für die Themen Schicksal und Vorherbestimmung (16 ­Prozent Differenz zu den Männern), Seelenwanderung (acht Prozent) und Astro­logie (sechs Prozent). So zeigte es sich beispielhaft in einer Emnid-Untersuchung für diese Redaktion vor ein paar Jahren.

Es gibt tatsächlich Unterschiede. Aber worin bestehen sie genau? Etwa in dem Vertrauen auf einen „personalen Gott“ (also einen Gott, der sich wie ein Gegenüber, ein Partner, ansprechen lässt und in das Leben der Menschen direkt eingreift) oder eher auf einen, der sich in Emotionen – Stichwort „Kuschelgott“ – oder in der Natur ­spüren lässt, eine starke unsichtbare Macht, die das ganze Leben beeinflusst?
Wenn es diese Geschlechterdifferenz tatsächlich gibt, müsste sie sich am deutlichsten in der älteren Generation belegen lassen. „60 plus“ wird ja weithin als Stütze der Kirche verstanden. In einer neuen ­Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche mit dem Titel „Uns geht’s gut“ (Berlin 2011) fand Petra-Angela Ahrens heraus: Dass Gott „in den Herzen der Menschen ist“, glauben 41 Prozent der Frauen, aber nur 35 Prozent der Männer. Das ist allerdings nicht gerade ein dramatischer Emotionsüberschuss bei den Frauen. Leichte Differenzen gibt es auch bei anderen theologischen Themen: 36 Prozent der befragten Frauen (evangelische und konfessionslose) glauben, dass Gott allmächtig ist, aber nur 30 Prozent der Männer. Dass Gott über ihr Schicksal bestimmt, sagen 36 Prozent der Frauen, nur 28 Prozent der Männer. Und dem Satz „Gott ist abwesend, aber er existiert“ stimmen 30 Prozent der Frauen, aber nur 22 Prozent der Männer zu.

Der Grund: Frauen grenzen sich deutlicher vom Atheismus ab

Sind Frauen also emotionaler und schicksalsgläubiger als Männer? Nein, der Unterschied ist ein ganz anderer, wie das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche herausgefunden hat: Frauen grenzen sich „etwas deutlicher von der agnostischen, indifferenten und atheistischen Haltung ab“ als Männer. Sie sind offener für religiöse Themen. Der große Trend ist: Bei den Glaubensinhalten werden die reinen Geschlechtsunterschiede immer bedeutungsloser.

Größere Differenzen ergeben sich allerdings zwischen den unterschiedlichen Glaubenstypen: Bin ich „teiltraditionell“, „balancierend“, „suchend“ oder „modern“? Innerhalb dieser Gruppen stimmen Frauen und Männer ziemlich überein (Studie „Männer und Kirche“ von Reiner Knieling, Göttingen 2010). Die Traditionellen zum Beispiel leben weithin nach der Devise: Männer sichern das Einkommen, Frauen das Auskommen. Die modernen Männer hingegen arbeiten in der Familie mit, Frauen üben ihren Beruf aus.
Dass das eigene Geschlecht für den Glauben wichtig ist, beruht weitgehend auf einem Sehfehler. Denn je traditioneller die Männer und Frauen sind, desto eher meinen sie, dass Frauen religiöser und gläubiger sind als Männer. „Teiltraditionelle“ meinen das noch zu 50 Prozent, moderne nur noch zu 20 Prozent. Wunsch und Wirklichkeit fallen hier allzu offensichtlich auseinander. Glauben Frauen anders? Von Generation zu Generation immer weniger.

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Lesermeinungen

Kalckhoff (nicht überprüft) schrieb am 7. September 2011 um 14:36: "daß in einer von individueller Selbstbestimung geprägten Gesellschaft die spirituellen Bedürfnisse...." --------------------------- Die individuelle Selbstbestimmung, derer sich die Insassen der modernen Gesellschaften rühmen, lohnt einen näheren Blick. Als Kind darf man selbst bestimmen, ob man erst die Matheaufgaben macht und danach die Grammatikübungen oder doch lieber in anderer Reihenfolge. Ob die aufgeherrschten Bemühungen dann den Übertritt in die weiterführende Schule oder die arbeitsmarktfähigen Zeugnisnoten bringen, entscheiden andere. Die gepriesene Selbstbestimmung setzt sich fort in der Entscheidung, die Stellenangebote in der Zeitung von vorne nach hinten oder von hinten nach vorne durchzugehen. Es unterliegt auch der wertvollen individuellen Selbstbestimmung, ob man die Absagen chronologisch oder alphabetisch abheftet. --------------------------- Sollte dann schließlich ein Job im Niedrig- oder Normallohnsektor gefunden worden sein, darf man schon wieder völlig frei entscheiden, ob man sich beim Urlaub völlig und bei der Wahl des benötigten Autos sehr stark einschränkt oder doch lieber umgekehrt. Auch an der Wahlurne wird niemandem vorgeschrieben, von welcher Partei man sich am liebsten die Vorgaben machen lässt, nach denen man dann zu tanzen hat. Und wenn es dann Richtung Grube geht, steht schon wieder die freie Selbstbestimmung an, ob man sich im Pflegeheim die schlecht versorgten Druckgeschwüre lieber am Allerwertesten oder an der Seite holt - vorausgesetzt, man kriegt die Drehbewegung noch hin. -------------------------- Ebenfalls lohnt ein Blick auf die Behauptung, es gäbe spirituelle Bedürfnisse. Es gibt die flächendeckende Praxis, sich zu den Zwängen, in denen man steckt, keine oder falsche Gründe zu denken. Dazu ist es zwar nicht zwingend notwendig, aber ausgesprochen hilfreich, sich einen Gott auszudenken, ersatzweise tun es auch Sterne, psychologische Kräfte oder der Kaffeesatz. Ist dieses Treiben nun Ausdruck eines Bedürfnisses? Oder ist die Behauptung, hier würde ein Bedürfnis zum Ausdruck kommen, die Bemäntelung des vorsätzlichen Verzichts auf die Kritik dieser verrückten Angewohnheiten und Verhältnisse?

Auf die zentrale Frage nach dem Gottesbild - wem (welchem Typ von Gott) räumen die Menschen Einfluß auf ihr Leben ein und wie verhalten sie sich ihm gegenüber? - gibt es, wie Eduard Kopp herausarbeitet, unterschiedliche zeitgenössische Antworten: - einem personalen Gott als Kommunikationspartner, der Bitten erhört und in das persönliche Leben eingreift. Mit ihm muß man reden, ihn bitten und ihm dafür etwas versprechen wie einem Vater. Dies ist die traditionelle christliche, vor allem protestantische Vorstellung (die Katholiken haben dafür die Heiligen und Maria, hinter denen sich der vorchristliche Götterkosmos verbirgt). Zweidrittel der Christen, aber sicher nicht der Menschen in Deutschland, glauben an einen derartigen allmächtigen Gott, der über das Schicksal jedes einzelnen bestimmt. - einem "Kuschelgott", dem man wie einem Schmusetier keine Macht zutraut, bei dem man sich aber wohlfühlt. An ihn muß man denken, damit man gute Gefühle bekommt, dabei verlangt man weder etwas noch ist man zu etwas verpflichtet. - einer Naturmacht, die auf unbestimmte Weise das Leben und die Welt beeinflußt, und die man deshalb auch am ehesten in der Natur (im Sinne von "Umwelt") spürt. Diese Macht ist nicht beinflußbar, man ist ihr völlig ausgeliefert und hat ein gutes Leben nur dann, wenn man ihren Gesetzen folgt. Dem entspricht die Vorstellung, daß Gott zwar existiert, aber abwesend ist (ein Drittel glauben das der Umfrage zufolge in Deutschland). - eine große Anzahl von "Gläubigen" interessiert sich dabei für Themen, die von der christlichen Theologie abgelehnt, nur geduldet oder in den Bereich des Aberglaubens verwiesen werden: Seelenwanderung, Geisterglaube (Totengeister und Engel), Schicksal und Astrologie (Vorbestimmung und deren Vorhersage). Gottesbild und religiöse Praxis hängen mit dem jeweiligen Gesellschaftsbild zusammen. In einer demokratischen Gesellschaft tut sich der gläubige Christ schwer mit einem allmächtigen Vatergott, dessen Bild in Zeiten des Cäsarentums und der absoluten Herrschaft geprägt wurde. Auch wenn diese Vorstellung für den einen oder anderen noch oder wieder attraktiv sein mag, ist es eher normal, daß in einer von individueller Selbstbestimung geprägten Gesellschaft die spirituellen Bedürfnisse und Vorstellungen eher von einem privaten Wohlfühlgott, einer berechenbaren Umweltgottheit oder einer unbeeinflußbaren Schicksalsmacht erfüllt werden. Daß Männer und Frauen das grundsätzlich anders sehen, ist nicht anzunehmen.