Weltklassemusiker und Schüler teilen sich Gebäude

Einfach mal hinhören

Fotograf: Christian Irrgang

So muss er klingen, der Kontrabass, erklärt Matthias Beltinger. Im Bremer Stadtteil Osterholz-Tenever gibt es seit vier Jahren eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft: Weltklassemusiker der Deutschen Kammer­phil­harmonie und Schüler der Gesamtschule Bremen-Ost teilen sich ein Gebäude. Dafür werden sie gelobt, ausgezeichnet und prominent besucht. Warum eigentlich?

Im Lexikon steht’s: Eine Melodie ist eine „in der Zeit sich entfaltende selbstständige Tonbewegung“. Und eine Schule „ist eine öffentliche oder private Anstalt für den Unterricht“. Wer verstehen will, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, muss in die Walliser Straße 125 im Bremer Stadtteil Osterholz-Tenever kommen. Der muss Öguns Teppich­center und Elenas Änderungsschneiderei hinter sich lassen, den Schlecker-Markt an der Ecke, Suyars Kiosk, die Sparkassen­filiale auf der anderen Straßenseite. Vor allem aber muss er alles hinter sich lassen, was er an Klischees über die „deutsche ­Bildungsmisere“ mitbringt, was er oder sie zu wissen glaubt über faule Lehrer und dumme Schüler, über ethnisch, genetisch, religiös oder sonst wie bedingte Intelligenz und Leistungsbereitschaft oder das Fehlen derselbigen. Und stattdessen einfach mal hinhören...

Die erste Melodie an diesem Morgen kommt aus einem tiefergelegten schwarzen 1er-BMW, der mit laufendem Motor auf der Straße vor dem Haupteingang der Gesamtschule Bremen-Ost parkt. Das ist natürlich auch ein Klischee, vor allem weil noch zwei junge Männer mit gegelten Haaren und Migrationshintergrund darin sitzen. Und natürlich haben sie die Musikanlage ihres Fahrzeugs voll aufgedreht, die Scheiben vibrieren vom Bass. Und, nein, streng genommen kann man von der Melodie nichts erkennen, nur der hämmernde Rhythmus der Subwoofer schwappt über den Schulhof. Es ist ein kurzes Gastspiel nur, zu lang für Bildungsbürger vielleicht, dann verhallt der BMW-Beat in einer Seitenstraße. Der antike Musiktheoretiker Aristoxenos würde sagen, dass der Rhythmus eine „Ordnung der Zeiten“ ist, dass er unterschiedliche Zeiten zueinander in Beziehung setzt.

Der "Klangkörper" ist nicht nur zu Besuch in der Schule

Manchmal auch unterschiedliche Welten. Nur 100 Meter vom BMW mit den Bass-Boostern entfernt, ertönt gerade hinter schallschluckenden Türen und Wänden ein Satz aus der Sinfonie Nr. 7 d-Moll op. 70 von Antonín Dvorák. Hier in einem ­typischen Beton-Schulzweckbau der 70er Jahre übt die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, „eines der besten Kammerorchester der Welt“, „einer der auf- und anregendsten deutschen Klangkörper“. So schreiben das Musikkritiker. Und der Klangkörper ist nicht nur zu Besuch in der Gesamtschule – seit 2007 haben Musiker und Schüler jetzt schon eine Wohngemeinschaft. Sie teilen sich die Fahrradpark­plätze, sie stehen zusammen in der Mensa Schlange, sie treten in gemeinsamen Projekten auf. Und sie besuchen sich auch ­gegenseitig.

An diesem Morgen schlüpfen Schüler der Klasse 10/4 in die Probe des Orchesters, setzen sich neben die Musiker auf die ­Bühne. Kurzes Stühlerücken, Gemurmel, dann wird es wieder ganz leise. Gastdirigent Thomas Søndergård ist informiert – und die Orchestermusiker sind es gewohnt: An fast 50 Probentagen im Jahr kommt Besuch von nebenan, erklärt die für „Education“ zuständige Projektleiterin Corinna Bruggaier von der Deutschen Kammerphilharmonie. Nicht jeder Dirigent gibt da seine Zustimmung. Und die Schüler? Eine Schulstunde zuhören, beobachten, Dvorák, Beethoven, Brahms oder Schumann, mitkriegen, wie viel Disziplin, Ausdauer, Leidenschaft dazugehört, wenn etwas Großes entstehen soll. Sich anstrengen, etwas leisten. Ausgerechnet hier in Tenever, einem sozialen Brennpunkt in Bremen.

Als hätte sich in den vergangenen 20 Jahren nichts geändert

Und da sind sie wieder, die Worte, die man hier einfach nicht mehr hören möchte: „Problemstadtteil“ zum Beispiel oder eben „sozialer Brennpunkt“. Als ob sich in den vergangenen 20 Jahren in Tenever nichts verändert hätte, als ob es nicht unzählige Bürgerinitiativen, Projekte und Selbst­hilfegruppen gäbe, Um- und Rückbau­maßnahmen, die aus der hässlichen Großwohnsiedlung der 1970er Jahre einen freundlichen Ortsteil machen wollen. Hier leben rund 10 000 Menschen, über 60 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Tenever hat die jüngste Bevölkerung in Bremen und den höchsten Anteil an Hartz-IV-Beziehern. Und dann gibt es hier auch noch eine der höchsten Geburtenraten in Bremen. Welcome in Sarrazin-Country.

Wenn Franz Jentschke durch die Flure seiner Schule eilt, da mal im Vorbeigehen einen Schüler darauf hinweist, dass man auch in der Pause nicht auf Tischen sitzt, sondern immer noch auf Stühlen, hier mal einem anderen viel Erfolg für das Konzert am Abend wünscht, dann die Exponate des Kunst-Fachbereichs vorstellt und zwischen­durch vom Spareffekt unverputzter Innenwände schwärmt, dann hört man eines nicht: Jammerlieder eines Schulleiters, Klagen von einem, der doch seit 30 Jahren in einem „Problemstadtteil“ arbeitet.

„Wir haben mehr Freiheit, als wir ­ahnen“, sagt Jentschke stattdessen. „Wir müssen uns nur trauen. Und nicht so oft fragen, ob etwas erlaubt oder von oben ­gewollt ist.“ Die Schulmensa zum Beispiel für die Senioren aus der Nachbarschaft zu öffnen. Oder ein Fleet-Biotop anzulegen und den Erdaushub einfach auf dem Schulgelände liegen und zuwachsen zu lassen. Oder eben Ja zu sagen, wenn ein Kammerorchester nach einer Bleibe sucht.

Wohngemeinschaft zwischen Schule und Kammerphilharmonie

Für die Idee von der Wohngemeinschaft sind Schule und Kammerphilharmonie mit Aufmerksamkeit überschüttet worden. Es gab Preise und Lobeshymnen, „Elite goes social“ und „beste soziale Innovation“, Zeitungsartikel und einen Film in der ARD. Ein Bundestagspräsident und ein Literaturnobelpreisträger kamen vorbei, Sozialwissenschaftler evaluieren das Projekt schon zum zweiten Mal und Deutschlands bekanntester Hirnforscher, Gerhard Roth, taucht inzwischen auch gelegentlich in der Walliser Straße auf. 

Es ist ein wahr gewordenes Bildungsbürgermärchen à la „Rhythm Is It!“ – nur ohne Verfallsdatum. Die Vision von der alles verändernden Kraft der Musik, und das alles vor einer „Problemstadtteil“-­Kulisse. Dabei hatte das Ganze eher bürokratisch dröge begonnen – und nicht visionär: Zwischen 2002 und 2006 wurde die Schule umgebaut, es gab plötzlich mehr Platz, und Schulleiter Jentschke stritt mit der Senatsverwaltung um eine neue Aula. „Und dann saß da eines Tages der Geschäftsführer der Kammerphilharmonie, der nach Übungsräumen suchte, beim Senator. Die beiden glaubten eigentlich nicht, dass ich Ja sagen würde.“ Doch der Schulleiter erkannte die Chance. Seither sind Jentschke und Albert Schmitt, der Geschäftsführer der Kammerphilharmonie, fast unzertrennlich. Die Kammerphilharmonie ist zwar in einem separaten Gebäudetrakt untergebracht mit eigenem Eingang, Proberäumen, Konzertsaal und Aufnahmestudio, aber die Übergänge sind fließend, und Musik kennt keine Grenzen.Auch wenn es ums Tagesgeschäft geht: Die Schule integriert Probenbesuche, Gespräche mit Musikern und gemeinsame Aufführungen in den Unterricht. Und die Kammerphilharmonie hat für Schule und Stadtteil das „Zukunftslabor“ ins Leben gerufen – gemeinsame Großprojekte mit Schülern und Lehrern der Gesamtschule und mit Stadtteilinitiativen.

Schauspieler Dominique Horwitz als Gaststar

Für die Sprech­oper „Faust II“ wurde 2009 der Stadtteil zur Bühne, mit fast 800 beteiligten Schülern und dem Schauspieler Dominique Horwitz als Gaststar. Im vergangenen Jahr gab es das Open-­Air-Musik­theaterstück „Afrika kommt“ – mit Kostümen, die im Mütterzentrum des Stadtteils entstanden. 2011 steht Polen im Mittelpunkt – eines von fast 90 Heimatländern, aus denen die Menschen in Tenever stammen. Und dann gibt es noch die gemeinsame Showreihe von Schule und Kammerphilharmonie mit dem Entertainer Mark Scheibe – die „Melo­die des Lebens“...Bei der „Melodie des Lebens“ im November hat Dennis ein Trompetensolo hingelegt – „Street Life“ von den Crusaders. Erst war der 15-Jährige nur Teil des großen Orchesters aus Kammerphilharmonie, Schülern und Lehrern. Und dann ist er aufgestanden, die Scheinwerfer waren auf ihn gerichtet. „Ich hab gedacht, wenn ich jetzt einen Fehler mache...“ Aber dann ist doch nichts passiert. Alle haben geklatscht. „Ich habe mich gut gefühlt. Meine Freunde ­haben gesagt: War okay. Nächstes Mal wieder.“ Das war’s.


Zwei Mal im Jahr gibt es die „Me­lodie des Lebens“, jeden Monat kommt Mark Scheibe in die Schule, um die Show mit Schülern, Lehrern und Musikern vorzubereiten. Eigene Lieder und Coverversionen von bekannten Songs, Neuarrangiertes und Altbewährtes, Orchesterstücke und Gesangseinlagen. Wenig Klassik, dafür viel Gefühl und Texte über doofe Lehrer, ersten Liebeskummer und große Fragen.

Das klingt dann so: „Was soll ich nur tun? Was wollt Ihr von mir? Warum zerrt Ihr so an mir? Ihr schubst mich, Ihr drängt mich, Ihr nehmt mir das Licht? Wo ist mein Weg? Ich seh ihn nicht. Wo ist mein Weg? Ich weiß es nicht.“ Als die 15-jährige Jana in der Generalprobe zur „Melodie des Lebens“ ihr selbst getextetes Lied singt, wird sie nur am Klavier begleitet. Alle ­Augen sind auf sie gerichtet. „Ich war erst mal ziemlich aufgeregt, weil der Text ziemlich traurig ist. Und ich habe mir ziemlich Gedanken gemacht, was die Leute wohl über mich jetzt denken.“ Irgendwann möchte Jana Schauspielerin werden. „Sängerin aber auch, und tanzen, also wäre ­Musical richtig. Ich kann mich noch nicht so richtig entscheiden.“

Es sind die Jungen, die von dem Projekt profitieren

Da passiert was in Tenever, sagt Klaus Boehnke, was Positives. Der Professor für Social Science Methodology von der Jacobs University Bremen wertet gerade eine Studie aus über die Wohngemeinschaft von Schule und Kammerphilharmonie, zum zweiten Mal. Schon 2007, gleich nach dem Einzug der Musiker, waren die Forscher mit ihren ­Fragebögen angerückt. Wollten wissen, wie das Sozialklima in den Klassen ist, wie die Einstellung zu Musik und Schule. Damals, in der „Beschnupperungsphase“, standen noch fast drei Viertel der Schüler einer Teilnahme an Projekten mit der Kammerphilharmonie skeptisch bis ablehnend gegen­über. Außerdem zeigte sich, dass vor allem solche Kinder erreicht wurden, die ihren schulischen Alltag bereits als positiv erfuhren. Die ohnehin an Musik interessiert waren. „Preaching to the converted“ nennen die Fachleute das – offene Türen einrennen. „Doch das hat sich nicht bestätigt“, sagt der Sozialforscher heute und spricht von erstaunlichen Ergebnissen. „Bei den Mädchen zeigen sich keine gro­ßen Effekte. ­Denen macht das zwar Spaß, aber es ändert sich nicht viel. Es sind die Jungen, die von den Projekten profitieren!“ Und zwar gehen gerade diejenigen, deren Eltern an der Befragung nicht teilgenommen haben (und die also wohl weniger Interesse am Schulleben ihrer Söhne haben), lieber in die Schule, wenn sie bei den Musikprojekten mitmachen, sie sind weniger in Schlägereien verwickelt, nehmen das Schulklima positiver wahr und be­kommen bessere Noten. Das gelte zwar nicht für die richtig schwierigen Jungs, „aber der Mainstream der Problemgrup­-pe an der Schule profitiert“, sagt Klaus Boehnke.

Im Konzertsaal der Kammerphilharmonie spielt jetzt das kleine Ensemble der Gesamtschule das „Pink Panther“-Thema. ­Annette Rüg­ge­berg, die stellvertretende Direktorin der Schule, sagt: „Ich würde die am liebsten alle durchs Abitur fallen lassen, damit sie länger bei uns bleiben.“ Aber die Quote von Schulabgängern mit Hochschulreife steigt an in Tenever. Gute Nachrichten eigentlich.

In der Generalprobe der „Melodie des Lebens“ ist jetzt Stephan Schrader dran, ein Cellist der Kammerphilharmonie und Virtuose am Cello-Loop, einer Spieltechnik, bei der er durch Fußschalter und Loop-­Station mehrstimmige Klangschleifen erzeugen kann. Ein hochgelobtes und bewährtes Soloprogramm, bei dem man glaubt, der Cellist beherrsche gleich mehrere Instrumente gleichzeitig. Aber an diesem Morgen schafft Schrader nicht mal die ersten Takte fehlerfrei. Immer wieder mischen sich schiefe Töne in den Klang­teppich. Rückkopplungen vielleicht. Nur wenige Schritte von ihm entfernt sitzen ein paar Fünftklässler und schauen gebannt, wie da einer mit seinem Instrument kämpft. Wieder schiefe Töne. Und dann rutscht dem Cellisten ein Kraftausdruck heraus. Und wieder schiefe Töne.   

Es sind vielleicht die wichtigsten Töne an diesem Morgen. Von einem Profimusiker, von einem Mitglied eines der auf- und anregendsten deutschen Klangkörper. Schiefe Töne. Vielleicht ermutigen sie ein paar Fünftklässler zu selbstständigen Tonbewegungen. Auch mal zu scheitern – und dann weiterzumachen. Vielleicht lernt man so die Melodie des Lebens.

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