Brief aus Kreta

Licht, Meer und Olivenbäume - aber keine evangelische Kirche. Die junge Gemeinde trifft sich eben in anderen Gotteshäusern

Diese Nacht ist anders als alle anderen. Die Andacht der Menschen in der dunklen Kirche, die gespannte Ruhe, dann um 24 Uhr der erlösende Ruf: „Christos anesti – Christus ist auferstanden!“ Die Gläubigen gehen mit weißen Kerzen nach vorne, holen sich vom Erzbischof das Osterlicht und geben es weiter. Sie strahlen und umarmen sich. Der riesige, kunstvoll geschmiedete Kronleuchter in der Kuppel erstrahlt im gleißendem Licht.

Dann bewegt sich eine Prozession dem Ausgang zu. Die Menschen reihen sich ein, ruhig, mit einer brennenden Kerze in der Hand. Die Osternacht auf Kreta finde ich wunderbar. In diesem Jahr feierten wir sie wieder in der großen Minas-Kathedrale in Heraklion. Mit der Gemeinde begingen wir das Osterfest einen Tag später vor einer kleinen Kirche nahe der Ausgrabungsstätte von Gournia im Osten der Insel.

95 Prozent der Bevölkerung ist griechisch-orthodox

Die evangelische Kirchengemeinde auf Kreta gibt es erst seit einem Jahr. Eine eigene Kirche haben wir nicht. Jeden Sonntagmorgen beladen wir unser Auto mit „Gottesdienstkisten“: Kreuz, Altarbibel, Abendmahlsgeräte, Wein, Kerzen, Altartücher, Gesangbücher, Blumenschmuck, Handfeger und Putztücher. Und feiern im Wechsel an drei verschiedenen Orten: In einer katholischen Kirche in der Hauptstadt Heraklion, wo wir auch wohnen. Im 140 Kilometer entfernten Chania im Westen der Insel, ebenfalls in einer katholischen Kirche. Und im Gemeinderaum der orthodoxen Kirche in Elounda, einem kleinen Hafenstädtchen, etwa 80 Kilometer ostwärts gelegen. Evangelische Kirchen gibt es hier nicht, 95 Prozent der  Bevölkerung sind griechisch-orthodox, der Rest überwiegend Muslime und Katholiken. 

So fährt man als Pastor viel Auto – am besten auch gern! Ich zumindest muss beim Fahren sehr wachsam sein, denn Verkehrsregeln werden nur bedingt beachtet. In den Städten überholen einen Motorräder links und rechts. Sie schlängeln sich geschickt durch den Verkehr und fahren auch mal weiter, wenn die Ampeln rot anzeigen. Das Handy am Ohr ist während der Autofahrt übrigens normal.

Wenige, aber sehr aktive Gemeindemitglieder

Die gut 40 Gemeindemitglieder leben verstreut auf der rund 250 Kilometer langen Mittelmeerinsel. Frauen aus Deutschland, die mit einem kretischen Mann verheiratet sind. Zum Teil deren Eltern, die nachkamen, um ihre Enkelkinder mitzubetreuen. ­Ältere Menschen im Ruhestand. Und Berufstätige in ganz verschiedenen Sparten, vor allem natürlich im Tourismus. Es sind wenige, aber alle sind aktiv dabei.
Viele von ihnen haben sich für die Gründung einer Gemeinde eingesetzt. Ihr Ziel war es, den hier ansässigen Deutschen Kontakte in der Muttersprache und die Gemeinschaft mit Menschen zu ermöglichen, die im christlichen Glauben verbunden sind. Zunächst war Kreta offiziell ein Bezirk der evangelischen Gemeinde Athen.

Seit März 2010 sind wir eigenständig. Es bedarf aber noch großer Anstrengungen, um auch finanziell selbstständig zu werden. Noch benötigen wir Zuschüsse der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die faszinierende Schönheit der Insel zieht zwar viele Deutsche nach Kreta. Schätzungsweise 1600 leben hier. Aber sie zu finden und die Protestanten unter ihnen für unsere Gemeinde zu gewinnen, ist nicht leicht. Nicht nur für uns, für einige Gemeindemitglieder dauert die Fahrt zum Gottesdienst lang – manche fahren mehr als eine Stunde. Im Anschluss daran bleiben die durchschnittlich zehn bis 15 Besucher in der Regel noch zum Kaffeetrinken in einem nahe liegenden Kafenion oder zum Mittagessen in einer Taverne zusammen. Der Sonntag gehört der Gemeinde, das anschließende Zusammensein ist erwünscht und vielen wichtig.

Deutsche Besatzung immer präsent

Immer wieder können wir im Gottesdienst Gäste begrüßen, vor allem Urlauber, die über unsere Internetseite den Weg zu uns gefunden haben. Die Homepage und der Gemeindebrief „Inselbote“, der viermal im Jahr erscheint, sind für unser Gemeindeleben sehr wichtig, um zu weiteren Veranstaltungen einzuladen: Ausflüge, Wanderungen, Gesprächskreise, Konzerte, Basare, Gemeindefest, Gemeindereise. Reisegruppen aus Deutschland laden uns in ihr Hotel ein, damit wir von unserer Gemeindearbeit berichten. Dabei bieten wir auch Lesungen  an, zum Beispiel zu den Themen „Meer“, „Oliven“ oder „Wein“.

An vielen Orten auf der Insel finden sich Spuren der Schreckenszeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Ende Mai werde ich zu einer Gedenkfeier zum deutschen Soldatenfriedhof am ehemaligen Flugplatz Maleme nahe Chania fahren. Der Überfall auf Kreta jährt sich dann zum siebzigsten Mal. Bei einem großangelegten Luftangriff im Mai 1941 eroberten deutsche und italienische Truppen die Insel. Dem anschließenden Partisanenkampf schlossen sich große Bevölkerungsteile an. Während der bis 1945 dauernden Besatzung kamen mehr als 8000 Kreter bei Kämpfen oder bei Massakern zu Tode. Wenn ich von unserem Haus in die Stadt fahre, führt der Weg über die Straße „62 Märtyrer“. Wofür ich sehr dankbar bin: Die Kreter erinnern sich, aber sie sind uns Deutschen gegenüber nicht nachtragend. Diesen Eindruck habe ich durch Gespräche mit Einheimischen und den Besuch von Gedenkfeiern gewonnen. 

Sinnlichkeit, Grazie und Pracht

Neben der neueren Geschichte haben längst vergangene Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen. Die minoische Kultur, die früheste europäische Hochkultur, begann hier um etwa 3000 v. Chr. „Kreta war die erste Brücke zwischen Europa, Asien und Afrika; Kreta wurde zuerst in dem damals noch dunklen Europa erleuchtet“, schrieb Nikos Kazantzakis (1883–1957), der auf Kreta geborene Autor von „Alexis Sorbas“. „Eine neue Menschheit lebte und spielte auf kretischem Boden, eine einzigartige, von den späteren Griechen völlig verschiedene, voller Sinnlichkeit, Grazie und orientalischer Pracht.“ Und weiter: „Seit dem Tag, an dem die kretische Kultur durch Ausgrabungen ans Licht kam, wurde die griechische Geschichte um zwei bis drei Jahrtausende verlängert“ (aus: „Im Zauber der griechischen Landschaft“).
Auch in der Bibel ist Kreta erwähnt. Laut Apostelgeschichte 27 wäre Paulus auf der Schiffsfahrt nach Rom fast ertrunken: „Liebe Männer, man hätte auf mich hören sollen und nicht von Kreta aufbrechen, dann wäre uns Leid und Schaden erspart geblieben.“

Es gibt ein byzantinisches Kreta zu entdecken, mit vielen Kirchen und freskengeschmückten Kapellen in den Bergregionen. Zwischen dem vierten und dem 13. Jahrhundert gehörte Kreta zum Byzantinischen Reich, darauf folgten die Venetianer, die bis 1669 regierten. Gegen die Türken, die Kreta daraufhin eroberten, wehrte sich die Bevölkerung mit einer Reihe von Aufständen und Befreiungskämpfen. Erst 1913 wurde Kreta ein Teil des Staates Griechenland.

Finanzkrise sichtbar

Und der Alltag heute? Kungelei und Vetternwirtschaft sind hier keine Fremdworte, und am Finanzamt vorbeizuwirtschaften gehört zum Alltag. Die Finanzkrise ist auch hier sichtbar: Streiks, Proteste in der Stadt Heraklion – wenn auch nicht so heftig wie in Athen –, geschlossene Geschäfte, Rückgang des Tourismus – auch wenn das die Branche selbst herunterspielt –, deutlich gestiegene Kraftstoffpreise. Cafés und Tavernen sind aber weiter gut besucht.

Ich kann aber nicht von Kreta berichten, ohne das Licht, das Meer und die wunderbare Berglandschaft zu preisen – und die Abermillionen Ölbäume, die der Insel auch im Sommer noch ein grünes Aussehen geben. Seit 2004 entsendet die EKD Pfarrer im Ruhestand in unsere Gemeinde, für jeweils zehn Monate. Ich kam mit meiner Frau im September 2009 hierher, wir durften und wollten sofort bleiben. Einmal habe ich seitdem verlängert, und wir wurden gebeten, es noch ein zweites Mal zu tun. Wir sind sehr gerne auf dieser wunderschönen Insel.
 

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.