Essen aus Containern

Alles nur geklaut

Fotos: Britta Isenrath

Und zwar aus der Mülltonne. Salat, Karotten, Paprika – was in den Containern der Supermärkte landet, ist zum Teil noch richtig lecker. Der 18-jährige Nico holt es raus und kocht sich daraus ein Mittagessen. Obwohl er nicht arm ist

Es ist dunkel auf dem leeren Edeka-Parkplatz. An den Müllcontainern bei der Laderampe flackern zwei ­Taschenlampen. Eine davon gehört Nico*, einem drahtigen 18-jährigen, der sich gerade kopfüber in einen Container hängt. Er holt fünf eingeschweißte Blumenkohlköpfe aus der Tiefe. Das Gemüse wirft er in eine Einkaufsbox, die ihm seine Freundin Antje* hinhält.

Salatgurken und mehrere Reispakete kommen hinterher, bevor der Gymnasiast wieder auf den Boden springt. Nico trägt eine alte Jeans und eine dunkle Kapuzenjacke, seine langen Haare trägt er zum Zopf gebunden. Jetzt kippt er die Tonne neben dem Container auf die Seite. Dabei fällt der Lichtkegel seiner Taschenlampe auf aufgeplatzte Marmeladengläser und gelbe Säcke mit undefinierbarem Inhalt. „Iih, wie eklig“, entfährt es Antje leise. Erst auf den zweiten Blick sind darunter pralle Tomaten und eingeschweißte Kartoffelgerichte zu sehen. Nico fischt eine Packung Pilze, Nudeln und angetrocknete Gemüsezwiebeln heraus. „Mehr gibt es hier nicht zu holen“, sagt er und trägt die Box zu einem blauen Golf, der neben der Sammelstelle für Einkaufswagen steht. Im Kofferraum liegen zusammengeklappt noch vier weitere Einkaufsboxen.

"Gefundenes Fressen"

Nico ist nicht zum ersten Mal hier. Zweimal die Woche fährt er nachts die Supermärkte seiner niedersächsischen Heimatstadt an und sucht im Müll nach genießbaren Lebensmitteln. Im Fachjargon heißt das „containern“, und Nico tut das nicht aus Armut, sondern aus ideologischen Gründen. Weil er es schlimm findet, dass Unmengen von Essen in die Tonne wandern – während weltweit rund 30 000 Menschen am Tag an den Folgen von Unterernährung sterben. „Ich möchte unsere Überflussgesellschaft nicht unterstützen und im Kleinen ein authentisches Leben führen.“

Zum „Containern“ kam Nico vor einem hal­ben Jahr. Inzwischen füllt er zusammen mit einer Gruppe aus acht Freunden regelmäßig seine Boxen mit „gefundenem Fressen“, wie es in der Szene heißt. Heute ist nur Antje dabei. Auch sie dunkel gekleidet, ihre roten Haare unter einer Kapuze versteckt. Als die sportliche Schülerin Nico vor einem Monat kennenlernte und von seinem Hobby erfuhr, musste sie erst einmal schlucken. Dann wurde die 19-Jährige neugierig und wollte mit. Heute ist ihre Premiere. Und ein bisschen ist es wie eine Lehrstunde. „Am besten halten sich Waren, wenn draußen Kühlschranktemperaturen herrschen“, erklärt Nico, während er den nächsten Discounter ansteuert. Im Winter habe er auch schon Speiseeis mitgenommen. Von Mayonnaise oder rohem Fisch lasse er prinzipiell die Finger. Den Magen habe er sich noch nie verdorben.

36 Lastwagenladungen Obst werden weggeworfen - täglich

Der Kunde achtet auf Frische, erklärt Lars Janssen, der im friesischen Schortens einen Combi-Markt leitet. „Wir entsorgen am 4. März die Produkte mit dem Haltbarkeitsdatum 5. März. Wir können uns keine Lücken leisten.“ Durch die automatische Disposition, ein System, das die Nachbestellung von Artikeln regelt, hielten sich die Müllberge aber in Grenzen, sagt er. Zudem gebe der Markt jeden Tag große Mengen an Gemüse und Obst sowie Joghurt, Cornflakes und andere Lebensmittel an die gemeinnützigen Tafeln, die aussortierte Lebensmittel an Bedürftige verteilen.

Allein an Obst werden jedes Jahr in Deutschland schätzungsweise 170.000 Tonnen ausgemustert. Das entspricht etwa 36 Lastwagen­ladungen pro Tag. Nicht einmal ein Viertel davon geht bislang an die bundesweit etwa 870 Tafeln, die insgesamt rund eine Million Menschen versorgen. Nicht alle Verbrauchermärkte kooperieren mit den Tafeln. Vorzusortieren, was man dorthin weitergeben kann, bedeutet Mehrarbeit.

Wegwerf-Mentalität belastet die Umwelt

Für Nico ist klar: „Verbrauchermärkte entsorgen Lebensmittel mit Druck- und Gammelstellen, falsch etikettierte Waren und solche mit abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdaten. Man könnte diese Sachen preisreduziert anbieten, aber das kostet Zeit und Personal, das lohnt sich finanziell meist nicht. So verschwinden die Lebensmittel im Müll, und man bestellt neue.“ Für die Herstellung neuer Waren würden aber Unmengen an Ressourcen gebunden. Das belaste Umwelt, Natur, Klima und schließlich auch den Menschen, sagt der Abiturient, der aus Überzeugung Secondhandkleidung trägt und fast immer mit dem Rad fährt.

Von Außenstehenden wird Nico oft in die linke Schublade gesteckt. Mit 14 verkündete er: „Leute, ich esse kein Fleisch mehr.“ Seinetwegen sollten keine Tiere gequält und Unmengen von Getreide für die Fleischproduktion verbraucht werden. Auch wenn dadurch der Hunger in der Welt nicht schlagartig gestoppt würde, so meint Nico auch heute, wäre es wenigstens ein Schritt in die richtige Richtung. Seine Mutter verstand ihn, auch als ihr Sohn kurze Zeit später sämtliche tierische Produkte von seiner Speisekarte strich, wie Eier, Joghurt oder Honig.

Mülltaucher auch in Östereich, Schweden und den USA

Wie viele Menschen in Deutschland „containern“, ist nirgendwo registriert. Der Trend startete in Amerika, Mitte der 90er Jahre. Die amerikanischen Freeganer begannen in kleinen Gruppen zu „dumpstern“, und sie veranstalteten sogar eigene „Trash Tours“, Mülltouren, bei denen sie Neulingen begehrte Container zeigten. Das „Mülltauchen“ verbreitete sich schnell in anderen Ländern wie Italien, Schweden, Groß­britannien und eben auch Deutschland. Viele Aktive vernetzen sich per Internet. Da oft von einem Lebensmittel große Mengen anfallen, ­tauschen manche ihre Waren aus. In Wien zum Beispiel hat sich das sogenannte Gemüse- und Obstkollektiv Straßenzüge und Stadtteile auf­geteilt.

In Österreich und der Schweiz darf man Müll mitnehmen, in Deutschland ist es verboten. Im Oktober 2010 wurde ein Jugendlicher in Sachsen zu zehn Sozialstunden bei gemeinnützigen ­Organisationen verurteilt. Auch Nico ist schon einmal von der Polizei erwischt worden, aber der Supermarkt sah dann doch von einer Anzeige ab.

Der Rest wird verschenkt

Es ist Mitternacht, als Nico und Antje wieder zu Hause sind. Die fünf Einkaufskisten sind voll: Blaubeeren, geviertelte Melonen, ovale Pfirsiche aus Spanien und winzige Gourmet-Bananen, Spargelbündel – „wie für eine ganze Hochzeitsgesellschaft“, witzelt Antje. Ihr Freund räumt einen Stapel Hinterkochschinken in den Kühlschrank. Schinken? Doch, aus den Containern isst er tierische Produkte, die würden ja sonst vergammeln. Das Waschen und Sortieren dauert noch einmal eine Stunde. Eigentlich wird es für die Schüler viel zu spät. Aber noch länger darf die Kühlkette nicht unterbrochen werden. Produkte, die sie oder ihre Familien nicht selbst verwerten können, verschenken die Jugendlichen am nächsten Tag im Freundeskreis.

Ob Nico und seine Freunde wohl bei ihrem Hobby bleiben? Der Jugendsoziologe Elmar Lange von der Universität Bielefeld hält das „Containern“ zumindest bei besser gebildeten Jugendlichen für eine vorübergehende Phase. „Spätestens beim Eintritt ins Berufsleben werden es die allermeisten an den Nagel hängen“, meint der Soziologe. Er findet es zwar lobenswert, dass junge Menschen sich kritisch mit dem Thema Konsum beschäftigen. Es wäre aber wirkungsvoller, nicht nur am Ende der Kette anzusetzen, sondern schon früher, bei der Produktion und Verteilung von Waren einzuhaken. Und um hier Einfluss zu nehmen, müsse man in berufliche Positionen im Bereich von Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeitsarbeit rücken.

Den Teufelskreis meiden

Nico will aber nicht auf eine ferne Zukunft warten, sondern jetzt schon aktiv sein. Das „Containern“ ist dabei nur ein Mosaiksteinchen. Er demonstrierte auf dem Klimagipfel in Kopenhagen, engagiert sich im Bildungsstreik. Dabei ist er nach eigener Einschätzung „ziemlich faul“, spielt am Nachmittag gerne Saxofon oder liest ein gutes Buch. In den Leistungskursen schreibt er dennoch Bestnoten.

Sein Leben will der Achtzehnjährige ohne Konkurrenz- und Konsumdenken gestalten. „Viele Menschen kaufen sich einen Flachbildschirm und sind schon in zwei Jahren damit unzufrieden, wenn ein neues Modell auf den Markt kommt“, meint Nico. Für ihn ist klar, dass ein steigender Lebensstandard nicht automatisch mehr Glück und Zufriedenheit beschert. Ganz im Gegenteil: Aus der Bedürfnisbefriedigung erwachse oft wieder ein neues Bedürfnis. Eine Art Teufelskreis. Und in den will er gar nicht erst einsteigen.

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