Über den Jordan

Natan Dvir/Natan Dvir

In diesem Fluss soll Jesus vor 2000 Jahren getauft worden sein. Doch mit den Wassern, wie sie in der Bibel geschildert werden, hat der Fluss kaum noch etwas gemein. Die Lebensader des Nahen Ostens droht auszutrocknen

Von diesem Moment hat Hideo Kato immer geträumt. Einmal dort zu stehen, wo „Er“ gestanden hat. Im Heiligen Land, im Jordan. „Dieses Wasser, diese Luft“, sagt Hideo Kato, 65. Der katholische Priester erzählt, wie er sich erst vor wenigen Tagen in Tokio mit Mitgliedern seiner Gemeinde ins Flugzeug gesetzt hat. Jetzt steht er an der Taufstelle Qasr Al-Yahud. Er blickt demütig zu Boden. Dann stimmt der kleine Mann ein Lied an. Die Gruppe fasst sich an den Händen, einige haben Tränen des Glücks in den Augen.

Und es begab sich zu der Zeit, dass Jesus von Galiläa aus Nazareth kam und ließ sich taufen von Johannes im Jordan. So steht es im Markusevangelium (1,9). Ein Satz, der 2000 Jahre alt ist, aber noch immer die Kraft hat, Millionen Christen aus aller Welt in den Nahen Osten zu locken. Sie wuseln durch die Pilgerstätten an den Ufern des Jordans. Viele tragen schneeweiße, nachthemdartige Taufgewänder, 23 Dollar kostet das Stück im Souvenirladen nebenan, fünf mehr die Luxusvariante mit Heiligenbild auf der Brust. Mit ihren Bistros und Umkleidekabinen erinnern die Anlagen an Freibäder oder Erlebnisparks.

 

Ufer sind militärisches Sperrgebiet

Insgesamt gibt es am Jordan drei von ihnen, die jede für sich beanspruchen, die wahre, die einzige Taufstelle Jesu zu sein – oder zumindest in der Nähe davon: Qasr Al-Yahud im palästinensischen Westjordanland, etwa sieben Kilometer nördlich vom Toten Meer; gleich gegenüber auf der Ostseite des Flusses das jordanische Bethanien; 90 Kilometer weiter nördlich am Südufer des Sees Genezareth das israelische Yardenit, oft überlaufen mit Pilgerscharen.

251 Kilometer schlängelt sich der Jordan durch eine der explosivsten Krisen­regionen der Erde. In der Hule-Ebene von Obergaliläa vereinigen sich seine drei Quell­flüsse. Der Hazbani entspringt im süd­lichen Libanon, der Fluss Dan in einem Naturreservat im Norden Israels, der Banyas fließt dem Jordan aus dem Hermon-Gebirge über die Golanhöhen zu. Der biblische Fluss durchläuft den See Geneza­reth und fließt weiter ins Tote Meer. Dieser Abschnitt, der Untere Jordan, bildet die Grenze zwischen Israel und Jordanien. Seine Ufer sind über weite Strecken militärisches Sperrgebiet.

Der Flusspegel sinkt, die Verschmutzung nimmt zu

Als Israel 1948 gegründet wurde, setzte zwischen dem jüdischen Staat und seinen arabischen Nachbarn in der von Dürre geplagten Region ein Wettstreit um das ­Wasser des Jordans ein. Die Kontrahenten entzogen dem Fluss Wasser, wo sie nur konnten – um Millionen Menschen mit Trinkwasser zu versorgen, um in der ­Wüste Avocado-, Bananen- und Dattelplantagen zum Blühen zu bringen. So ist es bis heute. Im Gegenzug werden dem Jordan stinkende Abwässer zugeleitet. Der Flusspegel sinkt, die Verschmutzung nimmt zu.

Es ist kein einladender Ort, an den Hideo Kato mit seiner Pilgergruppe gereist ist. Die Taufanlage Qasr Al-Yahud liegt ­einige Kilometer südöstlich von Jericho in der Wüste des Westjordanlands. Wer sie besuchen möchte, muss einen meterhohen Stahlzaun passieren. „Militärisches Sperrgebiet“ steht auf einem Schild neben dem Tor, Stacheldraht durchzieht den Wüstensand. Dahinter führt eine holprige Piste aus Staub und Schlaglöchern nach Qasr Al-Yahud, wo einige Archäologen die Taufstelle Jesu vermuten.

Der Fluss fließt in trägem Braun dahin

Der Jordan ist dort nur etwa zehn Meter breit. Er markiert die Grenze zu Jordanien. Auf seiner westlichen Seite eskortieren israelische Soldaten Pilger ans Ufer. Auf der östlichen dösen ihre jordanischen Kollegen in der Mittagshitze. Alle paar Minuten hallt Donner durch das Tal. „Keine Panik“, sagt ein israelischer Soldat, „da werden nur ein paar Minen in die Luft gejagt.“ Um die Taufstelle herum warnen Schilder auf ­Arabisch, Englisch und Hebräisch vor den Überbleibseln vergangener Kriege. „Vorsicht Minen!“ steht in roter Farbe auf gel­bem Grund. Der Jordan fließt in trägem Braun dahin. Modriger Geruch steigt von seinem Wasser auf. Pilger füllen es sich als Andenken in Plastikfläschchen ab.

Doch schon in Qasr Al-Yahud merkt man, dass etwas faul ist am Jordan. Um herauszufinden, was das ist, muss man auf der Route 90 nach Norden in Richtung See Genezareth fahren. Die Fahrt auf der Schnellstraße führt durch das Jordantal. Vereinzelt ducken sich die Blechhütten der Beduinen an den Straßenrand, grüne Plantagen durchziehen das Gelbrot der Geröllwüste.

"Der echte Jordan endet hier"

Nach etwa 90 Kilometern zweigt links ein unauffälliger Feldweg ab. Er führt an eine Stelle, an dem er höllisch stinkt, dieser heilige Fluss. Am Südufer des Sees Genezareth steht der Alumot-Staudamm. An seiner Nordseite saugt eine Pumpanlage frisches Wasser aus dem Jordan, auf der anderen Seite ist sein Bett so gut wie leer.
Noch vor 100 Jahren strömte der Fluss tief und klar durchs Jordantal. In alten Expeditionstagebüchern berichten Forschungsreisende von Stromschnellen, die ganze Bootskonvois verschluckten. Heute ist von tosenden Wassern nichts zu sehen. Aus dem stolzen Strom von einst ist ein Rinnsal geworden. Wie schlecht es um den Fluss steht, sieht man nirgends so deutlich wie am Alumot-Damm. „Der echte Jordan endet hier“, sagt Mira Edelstein, „alles, was flussabwärts kommt, ist purer Schmutz.“


Ein Wasservogel liegt tot auf dem Boden

Mira Edelstein ist Sprecherin der Organisation „Friends of the Earth Middle East“ (FoEME), in der Umweltschützer aus Israel, Jordanien und Palästina zusammenarbeiten. Sie ist eine kleine Frau mit dunklen Locken und wachen Augen und verzieht keine Miene, als sie sich direkt neben einem Metallrohr niederlässt. Eine zähflüssige, tiefbraune Masse sprudelt stückig aus dem Rohr. „Das sind die Abwässer aus sämtlichen Kibbuzim der Region und der Stadt Tiberias, 15 Kilometer von hier“, sagt Edelstein.

Wenige Meter weiter rauscht aus einem weiteren Rohr scheinbar klares Wasser in das Flussbett. Es stammt aus salzigen Quellen, die hierher umgeleitet werden, erklärt Edelstein: „Für das Ökosystem noch tödlicher als der Schmutz.“ Das Salz verderbe Boden und Wasser und raube Pflanzen und Tieren ihre Lebensgrundlage. Edelstein zeigt auf einen schwarzen Wasser­vogel, der einige Meter weiter tot auf dem Boden liegt.

Giftig, aber wenigstens nass

Auf der jordanischen Seite ist die Verschmutzung nicht weniger dramatisch, aber unsichtbar. Es geschieht größtenteils unter dem Wüstensand. Mehr als 80 000 Menschen leben entlang des Flusses in einfachen Siedlungen. Ihre Abwässer gelangen ungefiltert ins Grundwasser, sie vergiften die Quellen des Flusses und schließlich ihn selbst.

In Israel sind Kläranlagen geplant. Grundsätzlich eine gute Sache, sagt Edelstein. Allerdings werde das aufbereitete Wasser wohl nicht in den Jordan fließen, sondern anderweitig genutzt. Dem Unteren Jordan könnten dann ausgerechnet die Abwässer fehlen, die ihn jetzt zu einer stinkenden Kloake machen. „Sie sind zwar giftig und schmutzig“, sagt Edelstein, „aber zumindest sind sie nass.“ 

Das Tote Meer schrumpft

Unter dem Wassermangel des Jordans leidet auch das Tote Meer, in das der Fluss südöstlich von Jericho mündet. Die Oberfläche des Salzsees ist in den vergangenen 30 Jahren um ein Drittel geschrumpft, er droht auszutrocknen. Es kommt dort zu wenig Wasser an, um der natürlichen Verdunstung entgegenwirken zu können. 

Israel bedient sich aus dem Jordan, um das ganze Land über ein 6500 Kilometer langes Leitungs- und Kanalsystem mit Wasser zu versorgen. Jordanien zwackt aus dem wichtigen Jordan-Zufluss Yarmuk große Wassermengen ab, um über den King-Abdullah-Kanal seine Hauptstadt Amman mit Trinkwasser zu versorgen. Weitere Jordanzuflüsse wurden gestoppt, um die nationalen Wasserressourcen zu kontrollieren. So kommt es, dass der Jordan in den heißen Sommermonaten auf vielen Abschnitten kein Wasser mehr führt. Ende 2011, befürchten die Umweltschützer von FoEME, könne der Untere Jordan erstmals ganz trocken liegen.

Neue Ideen werden gebraucht

„Wir Israelis wollten die Wüste zum Blühen bringen, um unser Volk zu er­nähren“, sagt Mira Edelstein. Ein Traum, der den Jordan in nur wenigen Jahrzehnten zum ökologischen Sorgenkind gemacht hat. „Wir brauchen neue Ideen“, sagt Edelstein.

Etwa 30 Autominuten südlich vom Alumot-Damm läuft Ralph Salinger zwischen einigen Komposthaufen aus Laub, Orangenschalen und Gemüseresten hin und her. Er hat sie auf einer verlassenen Militärbasis bei Kfar Ruppin aufgetürmt, einem Kibbuz in der Nähe der Stadt Beit She’an. Die Haufen befinden sich in verschiedenen Stadien des Verfalls. „Hier! ­Einen Monat alt!“, ruft Salinger und greift herzhaft in einen der verrottenden Haufen. Der 65-Jährige greift in den nächsten: „Und so sieht es nach drei Monaten aus!“ Dann bleibt er vor einem dritten Haufen stehen. Er nimmt eine Handvoll süßlich duftender Erde und lässt sie andächtig durch seine Finger bröckeln. Das Endprodukt. Seine Idee. Ralph Salingers Augen lachen.

Wasser sparen mit Ökotorf

„Mit meinem Ökotorf mache ich die Wüste grün!“, sagt er und erzählt, wie er die „Kunst des Kompostierens“ erlernte. Als er vor einigen Jahren anfing, mit Küchen- und Gartenabfällen zu experimentieren, erklärten ihn die anderen Kibbuzniks für verrückt. Heute aber lässt Salinger pro Jahr 200 Tonnen Biomüll zu fruchtbarer Erde werden. Mitten in der Wüste.

Der Verfall einer faulen Tomate zu Torf sei ein Grund, an Gott zu glauben, philosophiert er, der säkulare Jude. In erster Linie aber spare er Wasser. Sein Torf sei so nährstoffreich, dass die Pflanzen mit weniger Flüssigkeit auskämen. Das, sagt Salinger, sei sein Beitrag zur Rettung des Jordans. Des Flusses, dem er, der Sohn eines Überlebenden des Konzentrationslagers Sachsenhausen bei Berlin, seine neue Heimat verdanke. 

Den Jordan nutzen sie schon lange nicht mehr

Die Gründer Kfar Ruppins hatten die Jewish Agency 1936 bei ihrer Einwanderung ins Gelobte Land um das unwirtlichste Stück Boden gebeten. Sie bekamen vier Quadratkilometer Wüste. Da saßen sie nun, im Sand, ohne fließend Wasser, bei 50 Grad Hitze und lebten in Zelten. Ein Dutzend jüdischer Familien aus Wien, Berlin, Frankfurt, München.  

Der Jordan half ihnen, sich ein neues Leben aufzubauen. Er wässerte ihre Felder, er füllte die Teiche des Kibbuz, in denen noch immer Karpfen und Petersfische gezüchtet werden. Heute wird Kfar Ruppin mit Wasser aus den nahen Gilboa-Bergen versorgt. Den Fluss, der sie einst rettete, nutzen sie schon lange nicht mehr. „Er ist nur noch ein schmutziges, kleines Rinnsal“, sagt Salinger. Seine Ufer dürfen sie nur noch aus der Ferne betrachten. Sie liegen heute in einem Sperrgebiet. 

 

 

Willkommen auf der Friedensinsel

Dreißig Kilometer nördlich von Salingers Heimat Kfar Ruppin flattern die ­jordanische und die israelische Fahne einträchtig im Wind, dort, wo der Yarmuk in den Jordan fließt. Sie flankieren eine Holzbrücke, die bei Naharayim zu einem Tor führt. An seinen Pfeilern hängen die überlebensgroßen Porträts der Könige Hussein und Abdullah II. Freundlich ­blicken der alte und der neue Herrscher Jordaniens in Richtung Israel. Und auch die Soldaten, die aus einer Wachstube auf das Auto zukommen, lächeln. „Salem Aleikum“, rufen sie, dann öffnen sie das Tor nach Jordanien – ohne nach Ausweisen oder Visa gefragt zu haben. „Welcome to Peace Island!“

Immer wieder wurde die Insel des ­Friedens vom Krieg heimgesucht. Einst war sie jordanisch, im Sechstagekrieg wurde sie 1967 von Israel besetzt, 1994 kam das Areal erneut unter die Hoheit Jordaniens. In ihrem Friedensabkommen vereinbarten die Nachbarn einen Sonderstatus für das Eiland. Besucher können es seither ohne Visum betreten. Israelische Bauern, die nach 1967 Getreide auf der Insel angebaut hatten, dürfen gegen eine Pacht weiter ihre Felder bestellen.

Freundschaft und Feindschaft

So sollte der Frieden gefestigt, Vertrauen geschaffen werden. Und tatsächlich: An kaum einem Ort kommen Jordanier und Israelis einander so nahe. Gleichzeitig wird an keinem Ort entlang des Jordans so deutlich, wie eng Freundschaft und Feindschaft im Nahen Osten beieinanderliegen.

Die Ruine eines alten Wasserkraftwerks ragt wie ein Dinosaurierskelett über die Insel. In den dreißiger Jahren hatte es Juden und Araber beidseits des Flusses mit Strom versorgt – 1948 zerstörten sie es in ihrem ersten Krieg. 1997 erschoss ein jordanischer Soldat sieben israelische Schülerinnen auf der Insel. König Hussein reiste nach der Tat persönlich nach Israel und kondolierte den Familien der Opfer: „Ihre Tochter ist auch meine Tochter, ihr Verlust ist mein Verlust.“ Bis heute wird er dafür in Israel respektiert.

Symbol der Hoffnung

Peace Island wurde ein Symbol dafür, dass der Jordan auch Hoffnung bringt: Dass der Frieden diesmal von Dauer sein könnte. Man werde sich künftig gemeinsam für die Renaturierung des Jordans engagieren, so vereinbarten es Israel und Jordanien schon 1994. Das Wasser des Flusses sollte sauberer, der Zufluss landwirtschaftlicher Abwässer kontrolliert und Schutzgebiete an seinen Ufern eingerichtet werden.

Mira Edelstein und ihre Mitstreiter von FoEME wollen diese Ziele auf Peace Island verwirklichen. Ein künstlicher See soll auf der Insel entstehen. Zugvögel wie Störche oder Kraniche durchqueren zweimal pro Jahr das Jordantal. Sie könnten auf der Insel rasten, und Touristen könnten sie von Aussichtsplattformen aus beobachten. Das Wasserkraftwerk soll Besucherzentrum werden.

Tourismus statt Landwirtschaft

Die Bungalows, in denen einst die Arbeiter des Werks lebten, sollen Unterkünfte werden. Und südlich des Parks soll das Naturschutzgebiet um weitere Ufer­abschnitte erweitert werden. Nachhaltiger Tourismus könnte sich zu einer besseren Einnahmequelle entwickeln als die wasserschluckende Landwirtschaft, die kaum rentabel ist. Schon heute kommen mehrere Zehntausend Besucher im Jahr nach Peace Island. In einigen Jahren könnten es eine halbe Million sein, hoffen die Akti­visten von FoEME.

Die Pläne stehen auf fragilem Grund. Solange es keine Einigung im Konflikt ­zwischen Israelis und Palästinensern gibt, ist eine weitergehende Zusammenarbeit zwischen dem jüdischen Staat und seinen arabischen Nachbarn praktisch ausgeschlossen. Doch zumindest zwischen ihren Bürgern könnten Projekte wie Peace Island die Funkstille beenden. Auch der Jordan selbst könnte dann seinen Frieden finden.

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