Jesuit Friedrich Spee

"In dubio pro reo" - ein mutiger Satz in alten Zeiten

Foto: Vedra-Verlag

chrismon: Warum ist ein Geistlicher aus dem 17. Jahrhundert so interessant, dass er zur Romanfigur wird?

Claus-Peter Lieckfeld: Mich hat fasziniert, wie sich Friedrich Spee in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges gegen Wahn und mörderischen Zeitgeist stellte. Die Jesuiten – Spee war Ordensbruder – hielten die Hexenverfolgung ganz überwiegend für erforderlich. Übrigens: Auch Martin Luther sprach sich dafür aus. Entgegen dieser „Glaubensgewissheit“ brachte Spee den Mut auf, seinen „Anti-Hexenhammer“, die „Cautio criminalis“, zu veröffentlichen. Anonym zwar, aber sein exzellentes Latein verriet ihn. Der oberste Jesuitengeneral in Rom, Muzio Vitelleschi, verlangte, Spee aus dem Orden auszuschließen. Andere sagten, er gehöre auf den Scheiterhaufen, und das Feuer sei mit seiner Cautio zu entfachen.


Was stand in der „Cautio criminalis“?


Spee verhielt sich klug, indem er eines nicht behauptete: dass es keine Hexen gäbe. Das wäre für seine Zeitgenossen atheistisch und damit wirkungslos gewesen. Spee argumentierte: Er habe bei den Hexen nicht Hexus gesehen. Er hatte Verurteilte zum Scheiterhaufen begleitet und berichtete von Männern – Historiker schätzen, 40 Prozent der Hexen waren männlich –, die unter Schmerzen alles gestanden hätten. Kernpunkt der „Cautio criminalis“ ist das Argument: Es ist unmöglich, ein Geständnis zu akzeptieren, das unter Folter zustande gekommen ist. „In dubio pro reo“, im Zweifel für den Angeklagten – den alten römischen Rechtsgrundsatz hat Spee wiederbelebt.


Was ist wahr an Ihrem Roman – und was Erzählung?


Wahr sind die Grundhaltung Spees, die historischen Eckdaten, die Orte, in denen er war – Peine, Paderborn, Köln. Wahr ist auch, dass es im Jahre 1629 einen Mordanschlag auf ihn gab, vermutlich aus protestantischen Kreisen, weil Spee trotz seiner humanistischen Grundhaltung ein Scharfmacher der Gegenreformation war. Fiktion ist, dass sich die Wege Spees und des Attentäters noch einmal kreuzen.


Wie sind Sie auf Spee gestoßen?


Das hat eine Vorgeschichte: Als Junge fuhr ich mit meinem Onkel – einem Tierarzt – in der Lüneburger Heide von Hof zu Hof. Und wunderte mich, dass Eulen- und Fledermausflügel an die Wände genagelt waren. Es hieß, die Flügel sollten Hexen abwehren. Dieser Aberglaube war in den frühen 60er Jahren noch verankert. Spannend und schauerlich! Zu Friedrich Spee kam ich später als Student über einen Mitbewohner, dessen Großvater ein Privat­archiv zu den Hexenverfolgungen unterhielt. Spee war ein früher Mutbürger und Streiter gegen Ideologie, das hat mich beschäftigt.


Ist die Geschichte Friedrich Spees heute noch aktuell?


Ja. „Whistleblower“, die Missstände in Firmen anprangern, und Mutbürger riskieren zwar nicht ihr Leben, aber ihre Existenz, wenn sie für Wahrheiten, Humanität, Gerechtigkeit eintreten. Außerdem ist Spee jetzt gerade aktuell, in der Adventszeit.


Inwiefern?


Er war nicht nur Geistlicher, sondern auch Dichter. Seine Sammlung von geistlichen Gesängen, „Trutz-Nachtigall oder geistlichs-poetisch Lustwäldlein“, ist sehr bekannt. Und sein Adventslied „O Heiland, reiß die Himmel auf“ fehlt in keinem Gesangbuch – auch in keinem evangeli­schen.

Claus-Peter Lieckfeld

Der Journalist und Autor Claus-Peter Lieckfeld hat den jesuitischen Pater Friedrich Spee zum Helden des Romans „Anwalt der Hexen“ gemacht. Sein Buch ist im Vedra-Verlag erschienen und kostet 12,50 Euro (ISBN 9783939356233). Eine Leseprobe finden Sie auf der Internetseite www.pater-spee.de, auf welche Sie dieser Link hier führt.  

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