Sarajevos Gedächtnis

Als Kinder spielten sie im Krieg. Rannten über die Scharfschützen-Allee, um Wasser zu holen. 15 Jahre nach Ende der Belagerung Sarajevos ist die Generation Krieg erwachsen geworden. Geblieben sind Erinnerungen - und eine eigentümliche Sehnsucht nach damals

Besonders nachts sieht man die Toten. Dreht man sich dann in Sarajevos Innenstadt um die eigene Achse und blickt nach oben in die Berge, sind die hellen Flecken überall. Friedhöfe. Ganze Felder weißer Stelen, die mit Scheinwerfern angestrahlt werden, wenn es dunkel wird. Hell erleuchtete Zeugen einer vergangenen Zeit.

Es ist einer der letzten milden Abende des Jahres, und während sich die Tische vor den Cevapi-Restaurants im Tal füllen, während Pärchen durch die Fußgängerzone flanieren und die Jugendlichen in den Kneipen die erste Runde Sarajevska-Bier bestellen, beginnt Irfan Gazdic seine Schicht. Gazdic, 28, ist Soldat in der noch jungen bosnischen Armee. Sein Arbeitsplatz ist ein stiller, fast mystischer Ort. Zwischen den niedrigen, verwitterten Häuschen, die sich an den Hang schmiegen, tut er sich auf wie eine schummrige Lichtung. Bis zum nächsten Morgen wird Gazdic die mit den Ziffern 1 bis 444 durchnummerierten Gräber auf dem Veteranenfriedhof beschützen.

Sie stammen aus den Jahren zwischen 1992 und 1996, den Jahren der Belagerung Sarajevos. Inmitten des Friedhofs steht ein Mausoleum: das Grab von Alija Izetbegovic, der Bosnien und Herzegowina 1992 für unabhängig erklärte. "Mein Präsident", so nennt Gazdic ihn. Bis heute verehren die Einwohner Sarajevos Izetbegovic - auch wenn die damals neu gewonnene Freiheit ihre Stadt auf Jahre zum Gefängnis machte.

Es war die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts. 1425 Tage beschossen serbische Soldaten die Stadt von den Bergen aus. Mit mehr als zwei Millionen Granaten, Panzern und unzähligen Scharfschützen, die auf alles feuerten, was sich im engen Talkessel bewegte, wollten sie Bosnien und Herzegowina in den Schoß Jugoslawiens zurückzwingen. 11 000 Menschen starben. Noch heute, fast 15 Jahre nach ihrem Ende, schafft es die Belagerung regelmäßig in die Nachrichten. Immer dann, wenn wieder ein Kriegsverbrecher gefasst und vor das UN-Tribunal in Den Haag gestellt wird. Karadzic, Miloševic, Vlahovic, den die Einwohner Sarajevos nur "das Monster" nannten, der mehr als hundert Frauen und Kinder umgebracht und noch mehr vergewaltigt haben soll.

Der Krieg hat die Menschen verändert

Auf den ersten Blick verdeckt der frische Putz an den Fassaden der Häuser in der Altstadt die Spuren des Krieges. Erst wer in die Innenhöfe der Gebäude tritt, gelangt ins Gedächtnis der Stadt. Wie frisch aus dem Mauerwerk gerissen, klaffen die Löcher der Granateinschläge, Schutt türmt sich zu bröckeligen Haufen auf. Mit der Stadt verhält es sich wie mit ihren Menschen: Der Krieg verändert sie auf lange Zeit, vielleicht für immer. Man sieht es ihnen nicht an, doch in ihren Köpfen haben die Kämpfe nie aufgehört. Sie sind im Krieg mit ihren Erinnerungen, ihrem Land, seiner Geschichte, seinen Konflikten, mit sich selbst.

Schleichen im Dunkeln Unbekannte auf dem Friedhof umher, öffnet Irfan Gazdic die Lasche seines Pistolenhalfters und steigt zwischen den Gräbern den Hügel hinauf, um nach dem Rechten zu sehen. Seit 2006 eine Bombe das Mausoleum Izetbegovics beschädigte, wird der Friedhof rund um die Uhr bewacht. "Unser Land ist zwar schön", sagt Gazdic, "es hat aber viele Probleme. Und manche Menschen versuchen immer noch, sie mit Gewalt zu lösen."

Gazdic hat blondes Haar und einen akkurat gestutzten Bart. Seine Uniform ist so schwarz, dass man nur ihre goldenen Knöpfe funkeln sieht, wenn es Nacht wird. Einer von ihnen springt ab, als er in die Innentasche greift und ein Päckchen Zigaretten hervorholt. "Shit", sagt Gazdic. Mit Inbrunst spricht er vom Zusammenhalt im bosnischen Militär, der bosnischen Küche, die die schmackhafteste der Welt sei, vom bosnischen Fußball, der die stärksten Spieler hervorbringe - von Sarajevo: "Die schönste Stadt. Ich werde hier niemals weggehen." Seine halbe Kindheit hat er im Belagerungszustand verbracht. Als er zehn Jahre alt war, schlug eine Granate nur ein paar Meter neben ihm ein, ihre umherfliegenden Splitter verletzten ihn schwer.

Die goldenen Jahre liegen zurück

"Ich würde alles geben, um wieder so zu leben wie damals", sagt Gazdic. Wenn man dem Tod so nahe sei, brauche man nicht viel, man konzentriere sich auf das Wesentliche: seine Leute, sein Land. Heute kämpft man gegen einen anderen Feind in Bosnien, gegen den Alltag in einer brachliegenden Ökonomie. Es gibt zu wenig Arbeit für zu viele junge Menschen, die jetzt Doppelschichten schieben und parallel in mehreren Aushilfsjobs schuften, um zu überleben. "Du musst Rechnungen zahlen, nächtelang arbeiten, bist gefangen in der Maschine Kapitalismus", sagt auch Gazdic. Für Familie, Frau, Kinder bleibe da nur noch wenig Zeit - in gewisser Weise sei man während der Belagerung also freier gewesen. Wären da bloß nicht all die Toten.

Sarajevo ist eine kleine Stadt, jeder kennt hier jemanden, der von Scharfschützen erschossen wurde. "Der Grabstein da drüben", sagt Gazdic, "da liegt mein Cousin." Doch auch manche, die früher auf die Stadt geschossen haben, leben heute in ihr. Namen seien deshalb wichtig. "Wie einer heißt, verrät dir, ob er Bosnier oder Serbe ist, auf welcher Seite er steht." Seit dem Krieg seien sie Experten, was Namen angeht. Es herrscht immer noch Misstrauen zwischen den Volksgruppen und Religionsgemeinschaften im "Jerusalem des Balkans", wie Sarajevo wegen seiner Vielfalt früher genannt wurde. Christen, Juden, Muslime. Kroaten, Serben, Bosnier - vor dem Krieg lebten sie hier alle friedlich miteinander.

Es waren die goldenen Jahre der Stadt, und keines war so golden wie das Jahr 1984. Olympische Winterspiele, die ganze Welt blickte auf Sarajevo. Die Menschen sind stolz auf ihre olympische Vergangenheit, Jugendliche erzählen mit leuchtenden Augen davon, als hätten sie selbst in der ersten Reihe des Eispalastes gejubelt. Sprechen die Bewohner von den Bergen ringsum, dann sprechen sie von den "olympischen Bergen".

Sogar die Tiere sind geflohen

15 Autominuten von der Altstadt entfernt liegt auf 1200 Metern, was von Olympia übrig ist: die Bobbahn in den Wäldern des Berges Trebevic . 1984 war sie die modernste, schnellste und sicherste ihrer Art, die einzige Bobbahn auf dem Balkan. Heute ist das nationale Heiligtum von einst nur noch ein von Dornengestrüpp überwuchertes Gerippe aus rostigen Stahlstreben und Beton.

Die Kurven, in denen Wolfgang Hoppe zweimal Gold für die DDR holte, sind mit Graffiti überzogen. Alle paar Meter sind handgroße Löcher in die Wände des Eiskanals geschlagen worden. Durch sie schossen die Serben auf die Stadt. Von der Terrasse eines Ausflugslokals ein paar Serpentinen weiter oben feuerten sie mit Panzern ins Tal. Zehn Jahre nach Olympia war Trebevic die erste Frontlinie. Selten kommt heute jemand hier hoch. Die Straßen sind schlecht, die Wälder mit Minen gespickt, gelbe Absperrbänder warnen davor, die Wege zu verlassen. Jeden Sommer gibt es Tote. Sogar die Tiere sind während der Kämpfe geflohen und nie zurückgekehrt.

Dejan Begic* sitzt in einem kleinen Café im schicken, neuen Einkaufszentrum in Sarajevos Innenstadt und spricht von seiner schwarzen Schäferhündin. Es gebe auch braune und sogar pink gefärbte Schäferhunde, sagt er. Schwarze möge er aber lieber. Dass Schäferhunde die bissigsten Hunde sind, stimme übrigens gar nicht. Dejan Begic ist 27, Student, ein Kind des Bosnienkriegs.

Touristen-Tour zu den Schauplätzen des Kriegs

Unter die dichten, schwarzen Haare auf seinem Kopf mischen sich die ersten grauen. Er trägt eine olivgrüne Fliegerjacke, bunte Stecker in den Ohrläppchen und Markenturnschuhe. Eine riesige Spiegelsonnenbrille verdeckt wie eine schwarze Maske große Teile seines Gesichts. Er trägt sie obwohl dichte Wolken über der Stadt hängen.

Nach dem Krieg ist Begic weggezogen. Sarajevo sei nicht mehr seine Stadt, sagt er, nur noch zum Arbeiten kommt er hierher. Wie Irfan Gazdic auf dem Veteranenfriedhof verdient auch Begic sein Geld mit dem, was vom Krieg seiner Kindheit geblieben ist. Er jobbt als Stadtführer, finanziert sich sein Geschichtsstudium, indem er Touristen Kriegsschauplätze zeigt: die Dilberovic -Sucic -Brücke, benannt nach zwei jungen Frauen, die 1992 die ersten Opfer der Scharfschützen wurden; den engen, erdigen Tunnel, durch den die Stadt mit Hilfsgütern versorgt wurde. "Es ist nicht leicht, immer und immer wieder von damals zu erzählen", sagt Begic , "aber vielleicht hilft es ja, zu verarbeiten, was passiert ist." Er war neun Jahre alt, als die Belagerung begann. Dann ist er in Kellern zur Schule gegangen - wenn nicht zu viele Granaten flogen.

Wie das alles angefangen hat, weiß auch Dejan Begic nicht mehr so genau, aber in etwa sei es wie folgt gewesen: Drei Länder - Slowenien, Kroatien und Bosnien - wollten unabhängig von Jugoslawien werden. Ein viertes und ein fünftes Land, Serbien und Montenegro, wollten das verhindern. Dann hätten alle aufeinander geschossen.

Alltag in Zeiten des Kriegs

"Anyway, it was fun", sagt Begic plötzlich. Das Leben im Krieg sei nicht so anders gewesen als heute. Klar, da war immer diese Angst, umgebracht zu werden, aber mit der Zeit verging sie. Klar, es gab mehr als vier Jahre keinen Strom, keine Heizung, kaum etwas zu essen. Klar, dreimal in der Woche musste er 15 Kilometer laufen, um am anderen Ende der Stadt Wasser zu holen. 25 Liter schleppte er in Plastikkanistern zurück nach Hause und hoch in den elften Stock.

Klar, das ging nur über die "Sniper-Allee", die einzige Verbindung zwischen Ost und West, den gefährlichsten Ort der Stadt, immer im Visier der Scharfschützen, die auf beiden Seiten der Straße in den Hügeln und Hochhäusern lauerten. Geduckt rannten die Menschen hinter den Wracks der Trambahnen entlang, hinter zerschossenen Bussen und Lastwagen, die sie in der Mitte der Allee zusammengeschoben hatten. Sie rannten immer - einige liefen sogar nach Kriegsende noch schutzsuchend neben den Straßenbahnen her. Klar, trotzdem wäre es diesem einen Scharfschützen, der ihm und seiner Mutter einmal nacheinander die umgehängten Wasserkanister zerschoss, ein Leichtes gewesen, sie zu töten. Klar. "Er wollte uns nur Angst machen", erzählt Begic.

"Es war alles ein Spiel." Sie haben viel gespielt im Krieg. Tagelang haben sie zu Hause gesessen und gewürfelt, neue Kartenspiele erfunden. Sie haben geredet, sich Rezepte ausgedacht, aus praktisch nichts kleine Festessen gezaubert. Würzige Pfannengerichte mit Schnecken, die sie im Park sammelten, nachdem es geregnet hatte. Käsekuchen aus Reis, den sie in Essig einlegten. Jeder teilte mit jedem, alle hielten zusammen. "Freunde und Familie waren das Wichtigste im Krieg. Heute hat keiner mehr Zeit für niemanden", sagt Begic. Damals rannten die Menschen durch Sarajevo, um nicht zur Zielscheibe der Heckenschützen zu werden. Heute hetzen sie von Job zu Job, um zu überleben.

Vergessen ist nicht möglich

Die Mutter von Dejan Begic lebt immer noch im Viertel seiner Kindheit. In derselben Wohnung, in der die beiden sechs Granateinschläge überstanden, vier Winter verbracht und schließlich das Ende der Belagerung bejubelt haben. Der Weg aus dem Zentrum dorthin führt vorbei am Parlament. "War vollkommen ausgebombt damals", sagt Begic. Er führt vorbei am schmutzig-gelben Holiday-Inn-Hotel, in dem die ausländischen Journalisten sich im Krieg verschanzten. "Das war das einzige sichere Gebäude." Er führt immer entlang der "Sniper-Allee", die links und rechts von Kränen gesäumt ist. Sarajevos Baufirmen arbeiten emsig daran, die Ruinen des Krieges aus dem Stadtbild zu tilgen. "Zumindest ein paar sollten sie stehen lassen. Zur Erinnerung."

Wo Begic aufgewachsen ist, stehen sich drei heruntergekommene Plat tenbauten gegenüber. Zwischen ihnen liegt eine Wiese, auf der sie während der Belagerung Kartoffeln, Tomaten und Rüben angebaut haben, daneben ein Spielplatz und vereinzelte Blumenbeete. Wie überall in Sarajevo gibt es hier kaum Bäume. Die Menschen haben sie gefällt, um zu heizen, dann verbrannten sie die Bücher, schließlich ihre Möbel. Begic zeigt auf einen kleinen Balkon oben an einem der Hochhäuser. Da wohnte seine Familie. "Und das da war mein Zimmer." Jetzt nimmt er die Sonnenbrille ab. Ohne das Spiegelglas blicken wachsame, dunkle Augen ins Licht. Begic blinzelt und erzählt.

Viele seiner Freunde, mit denen er früher hier im Innenhof gespielt hat, könnten seit dem Krieg nur noch mit Medikamenten und therapeutischer Hilfe leben. "Wir ziehen uns normal an, wir gehen aus, haben Sex, wir tun alles, was man tun soll, aber da ist immer ein Teil in uns, der sich an den Krieg erinnert und uns weinen lässt. Ich kann dir sagen: Eine Pille am Morgen macht den Tag um einiges leichter." Sie hilft, mit dem Trauma zurechtzukommen, mit den Träumen, den Toten.

Doch vergessen machen kann sie nicht. Auch deshalb ist Begic nur noch ungern in Sarajevo. Gleich fährt sein Bus nach Hause. In die Berge, wo er mit seiner Schäferhündin lebt. Vor dem Krieg hat er dort mit seinen Eltern die Ferien verbracht, "alle schönen Erinnerungen" stammen aus den gemeinsamen Sommern dort, erzählt er. Im Winter sind die Berge tief verschneit. Mittlerweile haben Minensuchtrupps die ersten Pisten gesäubert. Bald könnte hier wieder Ski gefahren werden. Könnte. "Der Krieg hat verhindert, dass wir Jüngeren das lernen", sagt Begic . "Jetzt sind wir zu alt." Er setzt die Sonnenbrille wieder auf und geht.

* Name geändert

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Lesermeinungen

guten tag,

ich habe 8 jahre in sarajevo gelebt. meine familie und ich mussten aber das schöne land und die schöne stadt aufgrund des ausländerhasses des staatsapparates verlassen. leider hat das land keine zukunft. was die beiden herren erzählen, stimmt zum großen teil: selbst in der armee bekommen die menschen ihren sold nicht. und so wird es in zukunft noch schlechter gehen, da es eine spirale ist.