Gut und Böse und Sünde im Paradies

Gab es im Paradies keine Sünden?
Es ist ein Ort der Freiheit und der Unschuld. Sorglos leben die Menschen in den Tag. Bis dieses unbeschwerte Leben sie eines Tages überfordert

Zu essen gibt es reichlich. Auf den Bäumen wachsen die schönsten Früchte. Zwar gibt es einiges zu tun im Garten, aber keine mühselige Ackerei. Die Flüsse führen Gold und Edelsteine. Nackt und ungeniert bewegen sich Adam und Eva durch die Welt. Von Sorgen keine Spur. Paradies eben.

Grenzenlose Freiheit. Aber es gibt zwei Ausnahmen. Zwei Bäume sind nach göttlichem Gebot für die Menschen tabu. Würden sie Obst vom "Baum des Lebens" essen, würden sie unsterblich werden. Und äßen sie Früchte vom "Baum der Erkenntnis von Gut und Böse", könnten sie in Zukunft diese Unterscheidung treffen.

Eduard Kopp

Eduard Kopp ist Diplom-Theologe und chrismon Autor. Bis 2019 arbeitete er in der chrismon-Redaktion als leitender Redakteur Theologie. Er studierte Politik und Theologie, durchlief die Journalistenausbildung des ifp, München, und kam über die freie Mitarbeit beim Südwestrundfunk zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" nach Hamburg. Seine besondere Interessengebiete sind: Fragen der Religionsfreiheit, Alltagsethik, Islam, Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, Krieg und Frieden.
Lena UphoffPortrait Eduard Kopp

Diese Verbote, vor allem das zweite, klingen merkwürdig in den Ohren von Menschen, die die Aufklärung als geistige und kulturelle Errungenschaft verstehen. Um die Erkenntnis von Gut und Böse bemühen sie sich ein Leben lang, manche sogar von Berufs wegen: Lehrer, Richter, Eltern, Pfarrer, Philosophen, Politiker. Kann Erkenntnis ernsthaft etwas sein, was Gott den Menschen vorenthält?

Wie passt denn das zusammen mit dem vorausgehenden Auftrag Gottes an die Menschen, sich die Erde untertan zu machen? Das können sie doch nur, wenn sie Gut und Böse, Richtig und Falsch unterscheiden können. Alles andere ergäbe ein grandioses Chaos.

Doch solche Erkenntnis ist hier nicht gemeint. Auch Gottes zweites Verbot, nämlich vom Baum des ewigen Lebens zu essen, ist heutigen Menschen kaum mehr verständlich. Jeder Arzt kämpft darum, das Leben der Menschen zu erleichtern und zu verlängern. Auch theologisch ist es nicht anrüchig, sich um das ewige Leben zu bemühen. Das gilt doch für Christen als erstrebenswertes Ziel.

Ohne sexuelles Bewusstsein, keine sexuellen Verstöße

Verbote im Paradies - das scheint ein Widerspruch zu sein. Jedenfalls das Ende der Vermutung, dass dort unbeschwerte Freiheit in jeder Hinsicht herrscht: ein Leben im Überfluss, spielend leichte Arbeit, angstfreie Sexualität, ein Leben im Einklang mit der Natur. Es ist anders. Diese traumhafte Situation dient dramaturgisch vor allem dem Zweck, drohendes Unheil zu illustrieren. Das Paradies wird erst dadurch interessant, dass die Menschen mit ihm überfordert sind.

Kaum haben Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen, merken sie, dass sie nackt sind. Das ist keine Anspielung auf ihre Sexualmoral. Die Pointe geht anders. Nackt und bloß stehen sie nach der Tabuverletzung vor Gott. Sie wollten Gott ähnlich werden, so viel wissen wie er. Durch ihre Tat ist ihr Verhältnis zu Gott beschädigt. Das ist die eigentliche Sünde.

Diese Nacktheit ist viel grundsätzlicher, viel umfassender als körperliche Blöße. Adam und Eva verbergen sich vor Gott, der - so die biblische Erzählung - in der kühlen Abendluft im Garten spazieren geht und sie eigens aus ihrem Versteck hinter den Bäumen herauslocken muss: "Mensch, wo bist du?"

Gab es im Paradies keine Sünden? Nicht solche, die sich zum Beispiel auf Eigentumsrechte oder die körperliche Unversehrtheit der Menschen bezogen hätten. Denn wenn alles allen gehört, wie könnte man dann etwas stehlen? Wenn niemand Feindschaft empfindet, warum sollte er übergriffig werden? Es gab auch keine Verstöße gegen Gottes Auftrag, die Erde sachgemäß zu verwalten, Pflanzen und Tiere zu hegen und zu pflegen. Es gab - das nebenbei bemerkt - keine sexuellen Verstöße. Denn wer die Paradiesgeschichte der Bibel liest, erfährt: Es gab noch gar kein sexuelles Bewusstsein, geschweige denn die Zeugung von Nachkommen.

Paradiesische Zustände für prämienbegünstigte Manager

"Mensch, wo bist du?" hieß das Motto des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentags vom 20. bis 24. Mai 2009 in Bremen. Mit dieser Frage rief Gott die Menschen aus ihrem Versteck. Sie sollten sich seinen Fragen und ihrer Verantwortung stellen. Es wird beim Kirchentag viel um die politische und gesellschaftliche Verantwortung der Menschen gehen. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, vier Monate vor der Bundestagswahl, in einer Zeit massiver wirtschaftlicher Turbulenzen sollen sich Männer und Frauen aus der Deckung trauen und sagen, wie sie ihre Verantwortung wahrnehmen wollen.

In der Paradiesgeschichte ist es die eigene Maßlosigkeit, die den Menschen zum Verhängnis wird. Dies kann, dies muss man gegenwärtig auch wirtschaftlich sehen. Das Bankensystem hat offensichtlich seine Unschuld verloren. Paradiesische Zustände herrschen allenfalls noch für prämienbegünstigte Manager.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.