Total verschlafen

Vermochtest nicht eine Stunde zu wachen

Und sie kamen zu einem Garten mit Namen Gethsemane. Und er sprach zu seinen Jüngern: Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe. Und er nahm mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und fing an zu zittern und zu zagen und sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet! Und er ging ein wenig weiter, warf sich auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge, und sprach: Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst! Und er kam und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht, eine Stunde zu wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. Und er ging wieder hin und betete und sprach dieselben Worte und kam zurück und fand sie abermals schlafend; denn ihre Augen waren voller Schlaf, und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten. Und er kam zum dritten Mal und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Es ist genug; die Stunde ist gekommen. Siehe, der Menschensohn wird überantwortet in die Hände der Sünder. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, der mich verrät, ist nahe.
MARKUSEVANGELIUM 14 ,3 2- 42

Schlaf, Kindlein, schlaf

Ein Auto mit Kind auf der Rückbank, nachts auf der Autobahn. Was kann das sein? Erstens: ein Vater, der verzweifelt sein Baby zum Einschlafen bringen will, nachdem er zwischen 22 und 24 Uhr schon die Varianten Schnuller, warme Milch, "La-le-lu" und Mozarts "Kleine Nachtmusik" durchprobiert hat. "Es schläft einfach nur im Auto", sagt der Vater dann. Großer Fehler: Nie mehr wird das Kind ohne Dieselgeräusch in den Schlaf finden.

Es kann aber auch sein, dass - zweitens - hier eine Mutter unterwegs ist, die dachte: Lass uns nachts losfahren in den Urlaub. Dann schläft Marlene bei Köln-Ost ein und wacht bei Nord-deich-Mole wieder auf. Bei der Überfahrt nach Norderney wird sie ausgeschlafen und frisch wie der junge Morgen ihre Ferien antreten. Logisch, dass Marlene bei Köln-Ost richtig munter wird, beim Breitscheider Kreuz aufs Klo muss, sich kurz vor Emden die Seele aus dem Leib brüllt und exakt am Anleger Norddeich so fest einschläft, dass noch nicht mal die Fährhupe sie wecken kann.

Warum bloß schlafen Kinder selten dann, wenn sie sollen?

Weil der Schlaf "ein spontanes und mit dem Willen nicht steuerbares Verhalten ist", sagt der Familientherapeut Paul Suer. Ein bisschen steuern, sagt die Autorin Annette Kast-Zahn, kann man das Ganze schon: "Jedes Kind kann schlafen lernen." Aber wer sein Kind wie in ihrem Bestseller beschrieben bis zu zehn Minuten herzzerreißend brüllen lässt, ist danach selber so abgestumpft, dass er mühelos als Aufpasser in Guantánamo eingesetzt werden kann. Will man das? Nö. Soll das Kind doch schlafen, wann es will. "Gemeinsam durch die Nacht zu rauschen", sagt Familientherapeut Suer, "kann doch auch ein schönes Erlebnis sein." Stimmt eigentlich.

Gulasch um Mitternacht

Tarifverhandlungen, die Schlussrunde. Die letzte Chance auf eine Einigung, sonst gibt's Streik. 24 Stunden und mehr verhandeln Gewerkschafter und Arbeitgeber dann.

Wie hält man das durch? Gulasch um Mitternacht, frische Brötchen um zwei, rund um die Uhr frischer Kaffee - aber die meisten trinken irgendwann nur noch Wasser. Manche telefonieren mit den Kindern, bevor die ins Bett gehen. Andere spazieren im Finstern einmal um den Block.

Gelockerte Sitten? Kaum. Am späteren Abend lockern die Männer die Krawatte, ab ein Uhr legen sie das Jackett ab, die Frauen die Kostümjacke. Die Männer bekommen Bartschatten, und um acht in der Früh sehen alle zehn Jahre älter aus.

Warum 30 Stunden am Stück? Damit der Einigungsdruck hoch genug ist. Die 15 Arbeitgeber und 15 Gewerkschafter, die sich jetzt gegenübersitzen, wissen: Sie werden dieses Hotel nicht eher verlassen, als bis sie einen Kompromiss gefunden haben. "Und erstaunlicherweise", sagt Brigitte Stang, Justiziarin bei der IG Bauen-Agrar-Umwelt, "entwickelt sich in einer langen Nacht doch noch die Bereitschaft für Lösungen, wo ich denke: Wow! "

Schwere Müdigkeitsattacken? "Die Verantwortung drückt, das hält wach", sagt Frank Iwer , Tarifsekretär bei der IG Metall in Baden-Württemberg. "Das ist ja nicht wie beim Autokauf. "

Wer schläft? Hundemüde werden all die Adjutanten, die in Nebenzimmern im Stand-by-Modus ausharren, um alle paar Stunden einen neuen Lösungsvorschlag gegenzuchecken. "Da gibt's tolle Szenen", sagt Iwer, "ob Arbeitgeber oder Gewerkschafter, sie liegen kreuz und quer in den Sesseln, versuchen zu schlafen oder spielen Karten."

Gereizt? Kurz vor Morgengrauen nehmen Hektik und Gereiztheit zu. Eigentlich ist man sich jetzt einig, aber die letzten fünf Prozent der Probleme sind die schwierigsten, denn da geht es oft um Symbole. Am Ende, wenn alle mürb sind, tauscht man ein Symbol gegen ein anderes: Okay, nur 5,9 Prozent mehr Lohn, dafür bleibt das Weihnachtsgeld.

Endlich ins Bett? Schön wär's. Jetzt müssen die Betriebsräte informiert werden, die Unternehmer, die Journalisten . . . Frank Iwer war letztes Mal um 14 Uhr zu Hause: Rotwein, Wanne, Bett.

Schlaf gut!

Entspannt ruhen kann man nur, wenn andere die Augen offen halten. Das machen ganz schön viele: Fluglotsen, Pfleger , Ärztinnen, Fabrikarbeiter, Feuerwehrleute. 2006 arbeiteten von 37,3 Millionen Arbeitnehmern in Deutschland fast 5,7 Millionen in Nachtschicht. Dabei macht Nachtarbeit krank - sagt die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation. Zum Beispiel braucht der Körper Dunkelheit. Wenn es ständig hell ist, sinkt der Melatoninspiegel, Tumore können entstehen: Studien zufolge haben nachtarbeitende Krankenschwestern und Flugbegleiterinnen ein erhöhtes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Nachts geschehen besonders schwere Fehler, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin in einer Leitlinie. Man müsse rechnen "mit einem Abfall der Leistungsbereitschaft, der Produktivität, der Konzentration und des Befindens".

Der entscheidende Fehler, der am 28. März 1979 im Atomkraftwerk Three Mile Island (Pennsylvania, USA) zum schweren Störfall führte, passierte früh um vier. Der Atomreaktor von Tschernobyl explodierte am 26. April 1986 um 1.23 Uhr. Der Tanker Exxon Valdez havarierte am 23. März 1989 um 0.04 Uhr vor der Küste Alaskas und verursachte eine Ölpest. Am 1. Juli 2002 um 23.35 Uhr kollidierte eine Tupolew 154 aus Russland mit einer Boeing 757 des Kurierdienstes DHL über dem Bodensee. Der zuständige Fluglotse war überfordert. Alle 71 Insassen starben.

"Sie hielt, weiß ich, die Augen bloß zu"

In letzter Sekunde, so erzählt Heinrich von Kleist, rettet der Graf die Marquise vor den Horden, die ihr Böses wollen, und geleitet sie in ihre Gemächer. Ihr schwinden die Sinne - oder etwas in der Art -, er nimmt seinen Hut und geht. Er nimmt seinen Hut? Ja, hatte er ihn denn abgesetzt? Ein paar Wochen später forscht die schwangere Dame per Zeitungsannonce nach dem Vater ihres ungeborenen Kindes.

Was ist passiert? Na ja, schon klar. Aber hat sie denn gar nichts bemerkt? Kleists Novelle "Die Marquise von O." las das Publikum im Jahre 1808 nur mit Erröten und Empörung. Der Autor selbst machte sich über seine Leser lustig: "Dieser Roman ist nicht für dich, meine Tochter. In Ohnmacht! Schamlose Posse! Sie hielt, weiß ich, die Augen bloß zu." Ein vieldeutiges "bloß".

Kleists sehr tugendhafte Marquise schließt die Augen - und später, eigentlich wach, verschließt sie weiter die Augen vor der Tatsache, die doch auf der Hand liegt. Es geht nicht anders, soll ihr "die gebrechliche Einrichtung der Welt" künftig noch irgendein Ort sein.

"Ich will nichts wissen! ", erklärt sie dem Grafen, der seine Schuld gestehen will. Sie erträgt nicht, dass der Mann, der ihr wie ein Engel erschien, ein Teufel gewesen sein soll. Dissoziiert sie gar, wie Psychologen heute sagen würden? Hält sie den Missbrauch nicht aus und trennt ihn von sich? Oder vom Täter? Schon möglich. Sie liebt diesen Täter. Und die beiden haben dann noch einiges zu überstehen, bis die ordentlichen Verhältnisse einigermaßen wiederhergestellt sind. Es gibt ein Happy End aufRaten .

Aufstehen!

Manchmal muss Carola Hamdorf den Schlaf ihrer Patienten schützen. Wenn die Sanitäter nachts einen Kranken bringen und dabei schrecklichen Krach machen. Also, pssst! Die Sanitäter finden das lustig: "Wir sind hier doch in der Wachstation, nicht in der Schlafstation! " Aber das Wachsein, das gilt nachts nur für Carola Hamdorf, seit 32 Jahren Krankenschwester. Sie arbeitet in Südholstein, in den Segeberger Kliniken, Kardiologie. Acht Patienten kann ihre kleine Station aufnehmen. Es sind Menschen, die man im Blick behalten muss, mit ihren Herzen stimmt etwas nicht. Nachts tut nur eine Schwester Dienst, für den Notfall steht ein Arzt bereit. Über einen Monitor im Dienstzimmer flackern die EKGs. Zwischen zwei und drei Uhr hat Carola Hamdorf ihren toten Punkt, aber sie muss ja wach bleiben. Sie stellt sich kurz ans offene Fenster, frische Luft schnappen. In so einer Pause ist ihr eingefallen, wie das mit dem Wecken am besten klappt. Carola Hamdorf will nicht alle Schlafenden im Zimmer aufschrecken, wenn sie das Licht anmacht. Also hat sie sich eine kleine Taschenlampe besorgt, mit der geht sie zu den Patienten, für die der Arzt eine frühe Blutentnahme angeordnet hat. Leute mit dem grellen Licht einer Deckenlampe aufzuwecken ist grausam, findet die Krankenschwester. Um halb sieben ist Dienstschluss. Noch eine halbe Stunde Autofahrt, dann darf sie schlafen.

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