Kann mal bitte einer gucken

 

Nummer 8043843857349198743 auswählt. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie es nicht tun wird, die Welt. Thomas Jacobi aus Annaberg in Sachsen gehört weder zu den großen Selbstdarstellern noch sind seine Videos besonders spannend. Seine Filmchen, inzwischen rund 50, sind Familien-Schnipsel mit Titeln wie "Papa kegelt", "Kinder-Weihnachtsfeier in Geyersdorf" oder "Kleiner Ausflug". Für seine sechsjährige Tochter mache er das, erklärt er; für sie führt er auch ein Internettagebuch. Wer es liest, glaubt in eine heile Familienwelt einzutauchen, die nur aus Ausflügen, Schneemännern und Kinderabenteuern besteht: "War das heute ein aufregender Tag", schreibt da Herr Jacobi im Namen seiner Tochter Manuela. "Ganz lustig fanden wir die Pinguine, die kleinen Paviane und vor allem die Erdmännchen."

Im echten Leben, wenn Herr Jacobi da nach seinem Lieblingstier im Zoo gefragt wird, sagt er Sätze wie "Man guckt sich halt alles an" und schaut dann stumm durch den Sucher seiner Kamera. Im echten Leben, da, wo es kein Schnittprogramm gibt, mit dem man die schlechten Szenen herausschneiden kann, werden Jacobis Lippen ganz schmal, wenn man wissen will, warum keine Mama in den Filmchen vorkommt. "Die ist weg", murmelt er dann und - während seine Kinder Manuela und Riccardo mit der Zoo-Bahn fahren - erzählt Herr Jacobi, wie seine Frau sich mit einem anderen eingelassen hat; wie er plötzlich allein dastand mit zwei Kindern; wie er seinen Beruf aufgeben musste und arbeitslos wurde; wie er den zehnjährigen Sohn ins Heim geben musste, weil er mit dessen ADHS-Erkrankung nicht mehr klarkam; wie die Mama die Besuchstermine vergaß und schließlich den Kontakt zu den Kindern ganz abbrach.

Kein Hollywood bei den Jacobis, kein Happy End und großes Kino. "Papa, schnell, da drüben gibt's Lose! " "Kannste vergessen, Schnecke. Ich zieh doch nur Nieten."

Von den Filmchenguckern im Internet wird das alles keiner erfahren. Die sehen am nächsten Tag zwei lachende Kinder, die in der Lokomotive der Zoo-Eisenbahn sitzen und winken. Dann kommen schon die Tiere aus dem Streichelzoo.

Ab und zu lacht Herr Jacobi, ohne dass es einen Grund dafür gibt, ohne dass irgendetwas Lustiges passiert wäre. Es ist eher eine Frage als ein Lachen: Mach ich doch gut so, oder? Aber das kriegt niemand mit, denn Herr Jacobi ist selten zu sehen in seinen Filmen.

Eine Frage stellt sich Herr Jacobi aus Annaberg in Sachsen nur sehr selten: Wer wird sich je für all die Aufnahmen von Seerobben, Pinguinen und Erdmännchen, für all die Ausflüge und Familienmitschnitte interessieren, wenn sie im Netz sind? "Angucken wird's bestimmt irgendwer", sagt der Familienvater. "Und sonst ist es mir auch wurscht." Einmal hat sich ein Mensch aus Österreich gemeldet, der die Jacobis nach einem Ausflug belehrte, dass Pilze das ganze Jahr über gefunden werden können. "Das war schon eine nette Rückmeldung." Sehr viel mehr ist aber nicht.

Schaut mich an!

Die Frau, die sich im Internet hinter dem Pseudonym "Jane Doe" versteckt, bekommt da gelegentlich schon mehr Reaktionen. Bei ihr zu Hause im Berliner Stadtteil Reinickendorf gibt es zwei Kameras: eine mit Blick aus dem Schlafzimmerfenster auf den Hauseingang, die andere im Wohnzimmer. Von hier sendet Jane Doe täglich zwölf Stunden und länger live via Internet, was gerade in ihrem Leben passiert - manche würden sagen: nichts. Da schaut eine blonde Frau Anfang fünfzig Fernsehen, da trinkt dieselbe Frau Kaffee oder raucht oder telefoniert, oder sie sitzt vor einem Computerbildschirm, auf dem eine blonde Frau Anfang fünfzig zu sehen ist, die vor einem Computerbildschirm sitzt. Und die Welt kann live dabei sein. Manchmal sehen die Zuschauer, die Jane Does Live-TV-Seite bei www.justin.tv/jane_doe_germany aufrufen, auch nur den Computerbildschirm oder einen Kaffeebecher und die blaue Sofagarnitur.

Jane Doe ist Frührentnerin; früher war sie mal in der Immobilienbranche, dann im Wachschutz, irgendwann kam der Krebs und sie hatte plötzlich sehr viel Zeit. Vor allem für ihren PC. "Ich hab mir das alles selber beigebracht", sagt sie und erzählt, wie sie Rechner aufrüstet, an ihrer Homepage bastelt oder Freunden bei Computerproblemen hilft. "Ich wollte eigentlich auch mal ehrenamtlich Senioren fürs Internet schulen." Aber irgendwie ist daraus nie was geworden.

Stattdessen schaltet Jane Doe morgens gleich nach dem Aufstehen Rechner und Kamera an und schaut, welche Bekannte online sind, sendet kleine Textnachrichten, liest Mails, surft im Internet. Zwischendurch macht sie ihren Haushalt. Manchmal melden sich während des Tages auch Fremde bei ihr: "Dein Wohnzimmer sieht gemütlich aus", schreiben die oder sie beschweren sich, dass es langweilig sei, was die Frau in Berlin da gerade tue. "Ich hab dann dieses Gemeinschaftsgefühl", sagt Jane Doe. "Man ist nicht mehr allein."

Irgendwann gab es mal einen Mann in Jane Does Leben. Von dem ist sie geschieden. Und einen Sohn. Der ist längst erwachsen und will nicht viel wissen von der Mutter. "Ich könnte ja spazieren gehen oder einkaufen", sagt Jane Doe. "Aber da ist man auch alleine." Manchmal trifft sie sich mit Freundinnen im Café. "Aber jeder Gang aus dem Haus kostet Geld." Und davon hat sie nicht viel.

Im vergangenen Jahr musste Jane Doe zwei Monate ohne Computer auskommen - der hatte seinen Geist aufgegeben. "Das war eine schlimme Zeit", erinnert sie sich. Heute ist ihre größte Sorge nur noch, ob die Videokamera gerade an ist und sie deshalb etwas vorsichtiger sein muss, weil die ganze Welt zusehen könnte. "Es ist eben jetzt alles live und ungefiltert." Aber das will sie ja so, denn "live ist eben live". Auch wenn es nur eine blonde Frau Anfang fünfzig beim Fernsehengucken ist.

"Ich schau mir auch gern Live-Webcams von öffentlichen Plätzen an", sagt die Frau, die sich so nennt, wie in Amerika Menschen ohne Identität heißen. "Es könnte doch in diesem Moment was passieren." Irgendwas Aufregendes.

Jane Does Traum ist es, vielleicht mal über das Internet den Partner fürs Leben zu finden. Einen aus Fleisch und Blut. Zwei Mal hat sie sich schon mit Jane-Doe-Guckern getroffen. Der Richtige war noch nicht dabei. "Aber ich hab etliche feste Kontakte."

Und es gibt ja auch noch den anderen Traum der Jane Doe: Eine drahtlose Kamera, mit der sie auch von draußen, von außerhalb der eigenen Wohnung live aus ihrem Leben berichten kann. "Die Leute könnten mir sagen, wo ich hingehen soll", sagt sie. "Und ich mach mich auf den Weg und filme alles live."

 

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