Religion für Einsteiger: Führt Gott uns in Versuchung?

Abrahams Entscheidung
Führe uns nicht in Versuchung, heißt es im Vaterunser. Aber tut Gott das wirklich?

Der Minister muss sich entscheiden. Soll er das entführte Flugzeug, das auf die Großstadt zusteuert, zum Abschuss freigeben? Alles deutet darauf, dass er Tausenden Menschen das Leben retten kann, wenn er den Tod der 300 Passagiere in Kauf nimmt. Ein typisches ethisches Dilemma: Egal was er tut, der Minister macht sich schuldig. Nicht dass er für eine Fehlentscheidung belangt werden könnte. Aber die Sache wird schrecklich enden und er wird damit leben müssen.

In der Regel fallen ethische Dilemmata weit weniger dramatisch aus. Eine Schülerin überlegt, ob sie die Klassenkameradin, die eine andere auf dem Schulhof geschlagen hat, an den Lehrer verpetzen soll. Jemand ringt mit sich, ob er der Frau seines Freundes erzählen soll, dass der ein Verhältnis mit einer Kollegin hat. Ein Ehepaar wägt ab, ob es die alten Eltern ins Haus holen soll. Für die Alten wäre das gut aber irgendwann müsste einer beruflich zurückstecken, um die Pflege zu übernehmen, die Söhne müssten sich wieder ein Zimmer teilen . . . Solche Entscheidungen können Schuldgefühle hinterlassen, egal wie sie ausfallen.

"Führe uns nicht in Versuchung", lautet die sechste Bitte des Vaterunsers (Matthäus 6,13). Jesus, von dem dieses Gebet stammt, wurde selbst in Versuchung geführt - nicht von Gott selbst, sondern von dessen Widersacher, dem Teufel (Matthäus 4). Bleibt man in der Vorstellungswelt dieser Geschichte, müsste die Bitte aus dem Vaterunser lauten: Lass nicht zu, dass uns der Teufel zum Bösen verführt. Doch der griechische Urtext lässt keinen Zweifel. Jesus betet: "Führe uns nicht in Versuchung! " Gott selbst soll uns nicht auf die Probe stellen.

Manche israelischen Soldateneltern beziehen Isaaks Opferung auf sich

"Gott versuchte Abraham", so beginnt die biblische Erzählung von Isaaks Opferung (1. Mose 22). Gott testet Abrahams Treue und lässt ihn einen Altar vorbereiten - Abrahams eigener Sohn soll das Opfer sein. Abraham hat das Messer bereits in der Hand, da sagt der Herr in letzter Sekunde: Nein. War doch bloß eine Prüfung! Eine schreckliche Geschichte, denkt man heute - frühere Generationen mögen sich da kaum gewundert haben. Treuetests galten als normal, man musste doch prüfen, ob das Kind Anweisungen auch folgt, wenn die harte Erzieherhand fern ist. Solche Pädagogik gilt heute zu Recht als hinterhältig.

Und kann ein Gott, der Menschen prüft, ein liebender Gott sein?

Dennoch: Früher haben die Menschen die Geschichte von der Versuchung Abrahams als Beispiel für ein ethisches Dilemma gelesen. Gott verlangt einen Gehorsamsbeweis, der ganz unvernünftig und lieblos ist. Manche israelischen Soldateneltern beziehen die Geschichte von Isaaks Opferung auf sich, wenn ihr Kind im Krieg fällt. Sie deuten sie als Entscheidung für ein übergeordnetes Interesse der Gemeinschaft gegen das eigene Wohl.

Abraham zerbricht innerlich

Doch die biblische Erzählung geht darüber hinaus. Denn Gott führt Abraham in eine Lage, in der es völlig sinnlos scheint, auf ihn zu vertrauen. Abraham hält trotzdem am Glauben fest - und zerbricht daran innerlich, wie der dänische Philosoph Søren Kierkegaard meint. Wer der Auffassung ist, Abraham habe richtig entschieden, weil er blind auf Gott vertraute, verkennt den Zielkonflikt in dieser Geschichte. Denn sie setzt voraus, dass Abraham in seiner Wahl frei ist. Niemand könnte Abraham einen Vorwurf machen, hätte er sich für sein Kind Isaak und gegen Gott entschieden. Das macht die Dramatik seiner Entscheidung aus, in der er die Treue über die Vernunft stellt.

Das ethische Dilemma des Abraham lässt sich sinnbildlich auf selbst erlebte Situationen übertragen. Zunächst muss man den Zielkonflikt als einen solchen erkennen. Wo reiner Pragmatismus oder gedankenloser Gehorsam das gewissenhafte Abwägen verdrängen, flacht das Leben moralisch ab. Da entlässt ein Chef Angestellte, ohne sich Gedanken über ihr Schicksal zu machen. Da sticht jemand den Freund bei einer Bewerbung aus und nimmt den Ärger des Freundes über die entgangene Chance nicht wahr. Wer sein Leben so einrichtet, hält Skrupel für altmodisch und überflüssig.

Innerhalb ihrer historischen Vorstellungswelt beschreibt die Abrahamsgeschichte das Problem des ethischen Dilemmas treffend. Wer am Gottesglauben festhalten und dabei ein gewissenhafter Mensch sein will, kann nur beten, dass er vor Prüfungen wie der des Abraham verschont bleibt.

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Lesermeinungen

Zitat aus dem Artikel: "Wer am Gottesglauben festhalten und dabei ein gewissenhafter Mensch sein will, kann nur beten, dass er vor Prüfungen wie der des Abraham verschont bleibt." Es liegt mir fern, den zum Glauben und zur Gewissenhaftigkeit entschlossenen Zeitgenossen auch noch heiße Tipps für das Durchführen ihrer finsteren Entschlossenheit zu geben. Ich möchte aber darlegen, was mir an der Sitte auffällt, sich die Welt als Ansammlung moralischer oder, wie die Protestanten lieber sagen, ethischer Dilemmata vorstellig zu machen. Wer im angeblichen Dilemma steckt, kann es so oder gerade andersherum machen. Schwer patzen wird er dabei immer, sonst wäre es ja kein Dilemma, sondern eine gewöhnliche Entscheidung. _________________________________ Da sind also jede Menge Zeitgenossen ehrlich bemüht, sich anständig aufzuführen. Sie sind Anhänger von Demokratie und Marktwirtschaft, lieben Hunde, Kinder und alles Wahre und Schöne, spenden Blut, werfen Geld in die Sammelbüchse und engagieren sich beim Kirchenchor oder der Freiwilligen Feuerwehr. Und dann so ein Reinfall mit den Dilemmata. Plötzlich kann die ganze Gewissenhaftigkeit nicht mehr helfen. Könnte das ein Hinweis darauf sein, dass der Einfall mit der Ethik genau die Verhältnisse schafft, bei denen dann auch der Bravste merkt, dass nur noch Widerwärtigkeiten herauskommen können? _____________________________ Es prügeln sich also die Kleinen auf dem Schulhof. Soll man jetzt dem Schwächeren helfen, indem man nach dem noch Stärkeren ruft? Das wäre der Staat, der in Form von Lehrern mitmischt. Selbstverständlich nicht mit Ohrfeigen, sondern mit einem machtvollen und deshalb fein abgestuften Sanktionsarsenal. Das reicht von diversen sogenannten pädagogischen Maßnahmen bis hin zum Schulausschluss. Oder schadet man dadurch genau denen, denen man doch helfen wollte? _____________________________ Kaum hat man den Schulhof und das ethische Petzdilemma verlassen, hört man über sich das berühmte Flugzeug mit den Terroristen an Bord. Also schon wieder ein ethisches Dilemma. Und zwar für die Frau Bundesministerin der Verteidigung. Der wollen wir als gewissenhafte Bürger genau so helfen wie den Schulkindern. Wie auch immer die verantwortungsvolle Politikerin sich entscheidet, am Ende liegen jede Menge Leichen herum. Und das, obwohl doch alle nur ihr ethisch Bestes geben wollten. Wir und unsere Regierung sowieso. Die Terroristen übrigens auch. Man muss nämlich sehr von dem Gedanken erfüllt sein, für ein ethisch wertvolles Ziel alles zu geben, einschließlich eigenen und fremden Lebens. Sonst steigt man nicht in ein Flugzeug und benutzt es als Waffe. Im Falle eines Nato-Piloten gibt es dafür Orden, im Falle von Terroristen gibt es eine schlechte Presse. _____________________ Was ist also bloß falsch an dem Einfall mit der Moral?

Was wären wir nur ohne sie ! Keiner könnte denken, wir wüssten noch nicht einmal, was Denken bedeutet! Deshalb: ich mache mit und zermartere mir mein Hirn. Ohne Garantie, dass was brauchbares dabei herauskommt ! Aber einen Versuch ist s wert ! Schließlich steht es bei chrismon.

Zitat aus dem Artikel: "Da entlässt ein Chef Angestellte, ohne sich Gedanken über ihr Schicksal zu machen." Wie gut, dass der Chef Wahlmöglichkeiten hat! Leistet er sich diese Gedankenlosigkeit, muss der Chef mit dem Vorwurf leben, dass sein Leben moralisch abgeflacht sei. Wälzt er sich statt dessen nächtelang schlaflos im Bett, ist er zu den Höhen der moralischen Dilemmata aufgestiegen, die die Moralisten schon seit Abrahams Zeiten interessieren. Wie gut, dass die Rausgeschmissenen keine Wahlmöglichkeiten haben, sondern nur mit den paar Hartz-IV-Kröten jonglieren müssen. Das erspart ihnen alle moralische Dilemmata. Woraus man entnehmen kann, wem die gedankliche Pflege der Welt durch Moral zugute kommt und wer sie besser auf den Mond schickt.

Zum oben stehenden Bericht habe ich mir mehr erwartet und finde diesen auch ziehmlich flach und oberflächlich.

Zu den Kommentaren:
Versuchung...

in der Geschichte von Abraham, könnte man es auch so sehen; dass nichts über Gott stehen soll... Und wenn man Gott bis im tiefsten seines Herzens vertraut, dann opfert man auch das was einem lieb und teuer ist. Jedoch zur gleichen Zeit vertraut man eben Gott, dass er sein Liebstes nicht wegnehmen würde und eine Option im letzten Moment anbietet. (Tieropfer)

Denn Gott gibt uns alles was wir brauchen, wenn wir unsere Gelüste und egoistischen Handlungsweisen zurückstellen. Aber er gibt uns noch viel mehr, wenn wir ihm zeigen, dass wir bereit sind für IHN zu opfern und ihm zeigen, dass wir ihm vertrauen, dass er uns nichts nimmt sondern GIBT.

Hat Gott nicht auch seinen EINZIGEN Sohn für uns alle geopfert???

Sehr unbefriedigend für die Darstellung des Dilemmas, Herr Weitz. Es ist unschön, wie die Themen, die doch sehr ernst sind, hier journalistisch VERRISSEN, VERHEIZT werden, keine Spur christlicher Spiritualität, dafür aber eine professionell journalistische Sensationsgier ! Richtig gelesen, JOURNALISTISCHE SENSATIONSGIER, mehr nicht.

Ich muss noch was anfügen. Diese Versuchung des Abrahams, seinen eigenen Sohn zu töten, widerspricht komplett meiner Liebe zu Gott. Wie können wir als Christen mit dem Gebot der Nächstenliebe, des Nicht-Tötens und der Opferung Gottes für uns so eine Geschichte als Beleg für eine Eigenschaft Gottes sehen? Das wäre ja wirklich sehr zweifelhaft, wenn Gott einen Vater zum Kindesmord anstiftet um ihm dann kurz vorher zu sagen: "War bloß ein Spaß, wollte dich mal testen". In diesem Sinne habe ich auch meine Probleme mit Hiob, der ja auch "versucht" wird. Gott und der Teufel spielen ein übles Spiel mit Hiob um rauszubekommen, ob er irgendwann daran zerbricht. Ich kann mir beide Erzählungen nur als historischen Versuch vorstellen, die Theodizee-Frage zu begreifen oder Gottes Willen auszudrücken, dass Menschenopfer nicht erwünscht sind. Aber nicht als Versuchung. An der scheitern wir selbst. Aber nicht weil Gott sie uns als Probe stellt, sondern weil wir sie selbst gestalten. Medien, Werbung, Porno, Geiz, Konsum, den Hals nicht voll bekommen, das ist Menschenwerk und Versuchung. Lieber Gott, gib uns Kraft den Versuchungen, die wir selbst gebaut haben, täglich zu widerstehen. Das wäre vielleicht angebrachter, als die Versuchung auf Gott zu schieben.

Auf den Artikel bin ich beim lesen des Buches "Religion für Einsteiger" gestoßen. Für mich gibts da immer noch viele offene Fragen. Wie verhält sich die beschriebene Versuchung bzw. Prüfung zum 5. Gebot "Du sollst nicht töten" und wie verhält sich die Sache zum wichtigsten Gebot neben der Liebe zu Gott "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"? Ist Tochter/Sohn nicht sehr nahe? Könnte die Aufforderung beim Vaterunser "Führe uns nicht in Veruchung" nicht auch lauten "Schütze uns davor, dass wir der Versuchung erliegen"? Im Sinne dass nicht Gott uns versucht, sondern wir selbst nicht standhaft bleiben können.