Tauge ich zum Gastgeber?

Thomas B. hatte Zweifel. Er wollte erst ein paar Monate üben. Jetzt öffnet er seine Tür fremden Reisenden

Ich habe kostenlos bei Einheimischen übernachtet, auf all meinen Amerikareisen, ob in New York oder in New Orleans. Weil ich in einem Netzwerk für Reisende und Gastgeber Mitglied bin, der Friedensorganisation Servas. Aber bislang traute ich mir nicht zu, selbst Gastgeber zu sein. Schon wenn ich mir vorstelle, jemand reist durch Deutschland nur durch, und ich in Frankfurt am Main bin der einzige Deutsche, den er kennenlernt ... Ich bin Deutschland! Was für eine Verantwortung! Dann wohnte ich auch immer so beengt. Die Gäste sollten sich doch nicht als Zellengenossen fühlen. Dabei weiß ich eigentlich, dass es eine Luftmatraze im Wohnzimmer auch tut.

Ich bin Deutschland! Was für eine Verantwortung!

Aber jetzt bin ich mit meiner Freundin zusammengezogen, wir haben ein Arbeitszimmer mit Schlafsofa, jetzt hätte es losgehen können. Und plötzlich merkte ich, welche Sorgen ich eigentlich habe: Werden sich die Gäste bei uns wohlfühlen? Und vor allem: Werde ich mich dann noch wohlfühlen? Ich will ja auch künftig mal bis zum Nachmittag im Schlafhemd rumlaufen können. Ich will mich auch nicht tagelang von meiner Schokoladenseite zeigen und verbiegen müssen. Und ich kann nicht immer ausgehen mit den Gästen. Dazu sind meine Schichten als Arzt auf einer Frühgeborenen-Intensivstation zu unregelmäßig.

Außerdem kenne ich so wenig von Frankfurt. Obwohl ich da schon zehn Jahre lebe. Wirklich peinlich. Dabei fand ich es selbst ganz toll, wenn ich am Alltagsleben von Leuten teilnehmen durfte - das ist ja der eigentliche Gedanke von Servas: dass sich Leute aus verschiedenen Kulturen kennenlernen. Einmal traf ich spätabends bei einer amerikanischen Familie ein, die saßen alle vor dem Fernseher, die Kinder schon im Schlafanzug, der Nachbar stand mit einem Bier in der Tür, und ich durfte mich einfach dazusetzen und mit fernsehgucken - was für ein Vertrauensbeweis mir gegenüber! Aber mich stresst einfach schon die Vorstellung, Gastgeber zu sein.

Mich stresst schon die Vorstellung, Gastgeber zu sein

Also haben wir die letzten Monate geübt und ganz viele Leute eingeladen. Es kamen dann zum Beispiel ein Kollege meiner Freundin, die Schwiegereltern meines früheren amerikanischen Austauschschülers, auch eine 17-jährige Cousine, die ich kaum kannte, gleich für zwei Wochen, weil sie hier ein Praktikum machte. Was haben wir uns vorher den Kopf zerbrochen, was wir abends mit ihr unternehmen! Dabei war sie nach dem Praktikum meist so müde, dass sie um neun ins Bett ging.

Ich fürchtete auch, dass ich mich nach einem schlechten Tag im Krankenhaus nicht zurückziehen kann. Aber ich habe gemerkt, dass ich auch drauf verzichten kann. Ich war nämlich hinterher jedes Mal froh, wenn ich mich zu den anderen gesetzt hatte. Manchmal muss ich wohl zu meinem Glück gezwungen werden.

"Lausige Köche, Inspiration willkommen"

Die praktischen Dinge dagegen machen uns weniger Sorgen. Auf Wunsch meiner Freundin bekommen die Gäste keinen eigenen Schlüssel, sondern sie sollen möglichst mit uns aus dem Haus gehen. Aber sie dürfen alles benutzen, auch den Computer für E-Mails, das ist ja heute wie Telefon. Ihr Bett müssen sie natürlich selbst beziehen, das ist kein Hobby von mir. Man sollte sich als Gast eh immer überlegen, wie man sich nützlich machen kann. Schön wäre, wenn sie mal ein Gericht aus ihrer Heimat kochen würden. Ich kann nämlich nur zwei Gerichte. Deshalb haben wir als Anmerkung in die Gastgeberliste geschrieben: "Lausige Köche, Inspiration willkommen".

Jetzt freue ich mich richtig auf all die Gäste - das wird ein bisschen wie reisen im eigenen Wohnzimmer, wenn die von ihrem Leben erzählen. Ich will dabei auch etwas über mich lernen. Werde ich es merken, wenn ein Asiate sich nicht wohlfühlt? Und was machen wir, wenn wir uns sprachlich nicht verständigen können? Andererseits: Ich bin zwar Arzt, aber das hier ist keine Notaufnahme. Daran, dass wir uns nicht verstehen, stirbt keiner. Dann spielen wir vielleicht einfach Spiele. Das wird ein Abenteuer!

Protokoll: Christine Holch

 

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