Veronika Peters kann besser mit offenen Fragen als mit frommen Reden leben.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn ich sonntags morgens das Haus voller Freunde habe

und die bis zum Abend bleiben. Wenn ich mit Freunden zusammen bin, die mich so kennen und nehmen, wie ich bin. In deren Gegenwart ich nicht jemand anderes zu sein brauche als ich selber. Das sind die Momente, in denen ich mich sehr aufgehoben fühle. Auch beim Schreiben fühle ich mich zeitweise lebendig: Wenn ich in eine Geschichte eintauche und diese anfängt, sich zu verselbstständigen. Wenn ich das Gefühl habe, ein bisschen tiefer in meine Figuren einzudringen und diese auf einmal Seiten haben, über die ich selber erstaunt bin. Wenn eine bestimmte Sprache aufklingt, die sich aus der Geschichte entwickelt hat. Da frage ich mich zuweilen selber: "Wo kommt das her?" Das sind Momente, in denen so etwas wie Freiheit aufleuchtet, in denen ich völlig drin bin in dieser anderen Welt und ganz vergesse, dass ich alleine am Schreibtisch sitze.

An welchen Gott glauben Sie?

An den, der viele Namen trägt, ohne beliebig zu sein. Der sich in vielerlei Gestalten offenbart und trotzdem der Eine ist. Der sich nicht einengen lässt von Religionen. Früher wollte ich in einer Konfession zu Hause sein, heute muss ich das nicht mehr. Überhaupt kann ich besser mit offenen Fragen leben. Vielleicht ist das Fragen auch viel sinnvoller als das Antworten. Allgemeingültige Antworten und fromme Reden sind meine Sache nicht - heute nicht und damals im Kloster auch nicht. Mehr als zwölf Jahre habe ich dort gelebt, ich habe diesen Ort geliebt. Aber ich vermisse wenig aus dieser Zeit, letztlich nur einzelne Menschen, einige sehr eindruckvolle, liebenswerte Frauen. Ich bin froh und stolz, dass ich mit ihnen zusammengelebt habe. Doch mein Leben heute ist viel spannender, ich wohne in einem Haus mit Freunden und Kindern. Ich bin heute zufriedener, ich will zurzeit nicht einmal umziehen, das ist für mich sehr ungewöhnlich. Ich habe eine wunderbare Familie, kann den Beruf ausüben, von dem ich schon immer geträumt habe. Ich fühle mich in meinem Leben so zu Hause, wie ich es mir immer gewünscht habe.

Hat das Leben einen Sinn?

Das, was ich tue, in einem tiefen Sinne des Wortes "gut" zu machen. Und auch wenn es abgegriffen klingt: so viel Liebe zu geben und zu empfangen wie möglich. Verantwortung zu übernehmen für die Menschen um mich. Für meine Familie und meine Freunde da zu sein und zu hören, was sie mir wirklich erzählen wollen. Das ist eine Kunst, denn oft hört man ja gar nicht richtig zu, sondern ist schon mit der eigenen Erwiderung beschäftigt.

Muss man den Tod fürchten?

Im Kloster habe ich Nonnen kennengelernt, die eine innere Freiheit ausstrahlten, eine entspannte Lebensweisheit. Da war zum Beispiel die Nonne, die in meinem Buch Paula heißt. Sie war sperrig, ohne andere Menschen niederzumachen. Sie hatte eine Freiheit, die nicht auf Kosten anderer ging. Paula war unverstellt, war eins mit sich und ihrem Lebensweg. So möchte ich auch leben, dass ich am Ende möglichst wenig bereuen muss. Ich möchte am Ende so frei sein, dass ich sagen kann: "Es war gut so. Es ist nicht alles ganz glatt und gerade, viele Fragen bleiben offen, aber nun kann ich mein Leben abgeben - an wen oder was auch immer." Davon bin ich aber noch weit entfernt. Der Tod macht mir Angst, ich fürchte die Auslöschung. Ich bin verkracht mit dem Tod, die Sterblichkeit geliebter Menschen empfinde ich als inakzeptabel. Der Tod macht die Liebe so zerbrechlich. Sind Sie damit einverstanden, dass Menschen, die Sie lieben, sterblich sind? Kein bisschen, oder? Wer das behauptet, lügt.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die meiner Tochter, meines Mannes, meiner Freunde. Die Liebe, die mich meint, und die Liebe, mit der ich den anderen meine. Die Liebe, die nichts vormachen, die sich keine schöne Oberfläche geben muss. In der man sich so annimmt, wie man ist.

Haben Sie Nachsicht mit sich selbst?

Mein Mann sagt: "Nein", ich sei streng mit mir. Ich finde, es geht. Ich versuche halt, vieles, was ich tue, einer selbstkritischen Betrachtung zu unterwerfen. Ich will es mir auf keinen Fall einfach machen, will mich nicht in Selbstzufriedenheit verlieren. Kaum etwas verabscheue ich so sehr wie Selbstgerechtigkeit.

 

Veronika Peters

Veronika Peters,1966 in Gießen geboren, lebte als Kind viereinhalb Jahre in Afrika, wo der Vater als Lehrer arbeitete. Mit 15 verließ sie das Elternhaus. Anfangs lebte sie ohne festen Wohnsitz, schlug sich mit Gelegenheitsjobs alleine durch und machte den Realschulabschluss. Nach einer Ausbildung zur Erzieherin arbeitete sie in einem psychiatrischen Jugendheim. Veronika Peters ist evangelisch getauft, konvertierte jedoch zum Katholizismus. Mit 21 ging sie für mehr als zwölf Jahre in ein Kloster und absolvierte in dieser Zeit ein Fernstudium der Theologie. 1999 verließ sie das Kloster. Über ihre Zeit dort schrieb sie das Buch "Was in zwei Ko ffer passt - Klosterjahre". Veronika Peters hat eine vierjährige Tochter und lebt als Schriftstellerin in Berlin.

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