Sarah Wiener ist schon vieles danebengegangen. Früher.

Das macht zäh, sagt die erfolgreiche Köchin. "Ich bin ein kleines, zähes Unkraut"

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Manchmal bin ich melancholisch: Wenn alles schiefgelaufen ist und mich das Gefühl überkommt, versagt zu haben. Sehe ich dann wieder Licht am Horizont, bin ich geradezu befreit, nehme meine Umwelt wieder wahr und denke: "Ach, das Leben ist schön! " Besonders lebendig fühle ich mich, wenn ich mich intensiv und leidenschaftlich in eine Sache hineingebe und mich verliere: Wenn ich stundenlang hoch konzentriert koche, oder als ich früher beim Taekwondo 200-mal gegen den Sandsack geschlagen habe. Oder wenn ich allein durch die Berge wandere. Irgendwann kommt der Punkt, da spüre ich mein Selbst nicht mehr.

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Mich rührt dieses grenzenlose Vertrauen, ich glaube aber nicht, dass Kinder die weisen Lehrmeister sind. Prinzipiell kann jeder von jedem lernen, selbst von jemandem, der einen anpöbelt. Erst regt man sich auf, und später kann man sich fragen: Warum hat mich gerade dieser eine Satz zur Weißglut gebracht? Es gibt Tage, an denen ich gewillt bin zu lernen. Es gibt aber auch Tage, an denen ich meine, ich sei schon die Krönung. Oder an denen ich einfach nicht die Kraft habe, mich zu ändern.

An welchen Gott glauben Sie?

Ich wünsche mir für jeden einen kleinen Gott, der in erster Linie für Trost und Anklage zuständig ist - wir Menschen sind ja immer auf der Suche nach einer Entlastung und Erklärung. In meinem eigenen Leben gibt es keinen Gott, ich habe meine eigenen Werte und meine eigene Moral. Allerdings glaube ich, dass es mehr gibt, als wir wahrnehmen, aber das sind vielleicht auch nur Gesetze, die wir noch nicht kennen.

Hat das Leben einen Sinn?

Es klingt abgedroschen, das zu sagen: der Gesellschaft etwas zurückgeben. Das kann ich mir jetzt leisten, da ich nicht mehr schauen muss, wo ich das Geld für die nächste Miete herbekomme, und das war bei mir meistens der Fall. Die Moral kann sich der Mensch erst erlauben, wenn er satt ist. Ich bin heute sehr engagiert in ernährungspolitischen Belangen - also für die Bodengesundung und den ökologischen Landbau, für artgerechte Tierhaltung und Biodiversität. Wer kennt denn heute noch die unterschiedlichen Erdbeersorten? Es gibt Kinder, die können den Apfel nicht von der Birne unterscheiden. Das zu verändern, will ich helfen. Für so etwas kämpfe ich - in meinen besten Momenten. Aber natürlich nicht immer. Oft geht es rein um mein persönliches kleines Glück: meine Liebe, meine Gefühle, meinen Erfolg und mein Konto.

Muss man den Tod fürchten?

Nein, aber das kann ich natürlich nur sagen, weil ich mich noch relativ weit weg vom Tod fühle. Ich wünsche mir jedenfalls, dass ich mich mit 80 noch im Spiegel anschauen kann. Wie das heute ist? Wechselhaft, denn wenn ich in den Spiegel schaue und sage: "Mensch Sarah, haste gut gemacht! ", empfinde ich sofort eine tiefe Scham: Mein Gott, was bist du überheblich! Meine Freundinnen sagen, es mangele mir selten an Selbstbewusstsein. Das stimmt sicher, denn das Leben hat bisher viele Demütigungen und viel Scheitern für mich bereitgehalten. Das hat mich stärker gemacht. Das ist wie bei einer Pflanze: Gibt man der zu wenig Wasser und Sonne, geht sie entweder ein oder sie wird besonders kräftig. Zwar bleibt sie ein bisschen klein im Wuchs, aber sie wird besonders zäh. Ich bin so ein kleines, zähes Unkraut.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die Liebe, die nichts erwartet, sich ausbreitet und einen nebenbei erfüllt. Eine Liebe ohne Angst, Absicht und Anspruch, die trotzdem Verantwortung übernimmt. Eine Liebe, die einen in der Früh glücklich aus dem Bett treibt, in den verregneten Tag schauen lässt und denken lässt: Himmel, was für ein schönes Leben.

Welchen Traum möchten Sie sich noch unbedingt erfüllen?

Gäbe es einen großen, konkreten Traum, würde ich ihn mir erfüllen. Ich bin aber pragmatischer, ich bin eher wie ein blinder Maulwurf, der sich durch die Erde wühlt und probiert, weiterzukommen. Für manche Menschen ist das Leben vielleicht ein Tanz, für mich ist es meistens Kampf und Demütigung und das Gefühl zu versagen und ein Wiederaufstehen und Weitergehen - ein neues Ziel anpeilen. Manchmal surfe ich aber auch auf einer großen Welle des Glücks und denke: So schön kann das Leben sein!

 

Sarah Wiener

Sarah Wiener, geboren am 27. August 1962 in Halle (Westfalen), wuchs ohne ihren Vater (den Schriftsteller und Gastwirt Oswald Wiener) mit ihren beiden Geschwistern bei der Mutter in Wien auf. Kurz vor dem Abitur verließ sie das Internat und trampte durch Europa. Sie lebte von Jobs und von Sozialhilfe, bis sie 1990 das erste Catering bei einem Film übernahm. Später kamen ein Pa rtyservice und drei Berliner Restaurants hinzu. Bekannt wurde sie auch als "Mamsell" in einer Dokuserie. Seit 2004 kocht sie regelmäßig Freitagnacht mit Johannes B. Kerner, 2007 folgten auf Arte "Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener". Sie lebt in Berlin und hat einen Sohn. Foto: Sarah Wiener GmbH  

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