Glanz liegt über der Stadt

Die Dresdener Frauenkirche ist wiedererstanden. Mit ihr präsentiert sich die evangelische Kirche kraftvoll und selbstbewusst. Endlich ein protestantischer Kultort, der es mit dem Kölner Dom aufnehmen kann, freut sich der Trendforscher

In der deutschen Erinnerungskultur der Weltkriegsschrecken war sie die überragende Ikone der Zerstörung, das Mahnmal schlechthin: die Frauenkirche, zusammengestürzt am 15. Februar 1945, zwei Tage nach dem Höllenfeuer des Bombenangriffs auf Dresden. Dieses Mahnmal gibt es nicht mehr; die Frauenkirche erstrahlt in altem Glanz und wird zum Reformationstag 2005, sechzig Jahre nach dem Feuersturm, wieder eingeweiht. Das ist mehr als nur ein kirchengeschichtliches oder stadtarchitektonisches Datum ­ der Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche signalisiert einen Mentalitätswandel.

Die Konservierung einer Ruine ist politisch korrekt, ihr Wiederaufbau dagegen gilt als "frivol"

Der hundert Jahre alte Denkmalpflegerstreit darüber, ob man zerstörte Monumente der Vergangenheit restaurieren oder als zerfallene konservieren solle, hat in Deutschland eine Ruinen-Ästhetik gefördert, die in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ihr überragendes politisches Symbol gefunden hat. Mit der konservierten Ruine verbinden Intellektuelle und Politiker seit dem Zweiten Weltkrieg die Werte des Authentischen, der Mahnung und des Eingedenkens. Die Konservierung einer Ruine ist politisch korrekt, ihr Wiederaufbau dagegen gilt als "frivol". So kann es wirklich nicht überraschen, dass in der veröffentlichten Meinung die Stimmen der Restaurationskritiker immer wieder vorherrschen.

Umso erstaunlicher, dass die Dresdener Frauenkirche nun wieder in altem Glanz erstrahlen darf, obwohl doch einflussreiche Kulturkritiker wie Manfred Sack noch 1992 eindringlich vor dieser Korrektur des deutschen Schicksals gewarnt haben; und obwohl das Evangelisch-Lutherische Landeskirchenamt Sachsens noch 1990 meinte, eine triumphal wiederauferstandene Frauenkirche vertrage sich nicht mit der gepflegten Bescheidenheit einer "Kirche unter dem Kreuz".

Die Wende vom konservierten Mahnmal zur restaurierten Ikone verdankt sich bekanntlich einer Bürgerinitiative, die vom Elan der "deutschen Revolution" 1989 getragen war. Doch auch die evangelisch-lutherische Kirche, die sich mit eineinhalbjähriger Verspätung dem Wiederaufbauprojekt anschloss, scheint mittlerweile begriffen zu haben, um welches Potential an Bedeutsamkeit es dabei geht.

Der Protestantismus kann hier viel von der katholischen Kirche lernen. Denn was auch immer man von der unendlichen Inszenierung des Glaubens ohne Worte bei den Großereignissen in Rom und Köln halten mag ­ der Eventcharakter der religiösen Erfahrung ist überdeutlich geworden. Und hier kann die sündenstolze, unsichtbare protestantische Innerlichkeit nicht mithalten, wenn sie nicht ihrerseits die Kraft zur Repräsentation unter Beweis stellt. Da die protestantische Kirche nun aber die Kraft zur Repräsentation nicht in einer Person verdichten kann, muss sie auf die große Rhetorik der Architektur setzen.

Mit der Wiedereinweihung der Dresdener Frauenkirche gewinnt der Protestantismus eine neue Dimension

Mit der Wiedereinweihung der Dresdener Frauenkirche gewinnt der Protestantismus eine neue Dimension: die Sichtbarkeit der Religion. Damit haben vor allem diejenigen Schwierigkeiten, die "Kirche" ohne bestimmten Artikel propagieren ­- gleichsam Kirche als Medium. Sie müssen lernen, dass man nur religiös kommunizieren kann, wenn man in dieses Medium Kirche Formen einprägt. Mit Bauten kommuniziert man. Und die Kirche kann gerade als Kirchenbau die in unserer bekenntnisfernen Gesellschaft frei flottierende Religiosität faszinieren.

Natürlich hat es für strenggläubige Protestanten etwas Kränkendes, wenn sich das große religiöse Bedürfnis unserer Zeit nicht mehr konfessionell, sondern konsumistisch äußert. Das gilt nicht nur für den religiösen Tourismus der Jugendlichen, die zu Hunderttausenden aus aller Welt nach Rom oder Köln pilgern, um beim katholischen Woodstock dabei zu sein, sondern gerade auch für jene Erwachsenen, die in die Kirche gehen, weil sie sich davon spirituelle Unterhaltung versprechen. Im Klartext: Die Leute betreten die Kirche nicht mehr als Sünder, die auf Vergebung hoffen, sondern als Konsumenten, die auf einen spirituellen Mehrwert spekulieren.

Kein Kirchenmann, der am Schicksal seiner Institution interessiert ist, kann es sich mehr leisten, dieses spirituelle Bedürfnis zu frustrieren. Und keiner kann es sich leisten, die Marketingchance zu verspielen, die dieser Reformationstag der Wiedereinweihung bietet: die Dresdener Frauenkirche als protestantisches Pendant zum Kölner Dom zu präsentieren; oder, für noch Ehrgeizigere, als protestantischen Petersdom.

Marketing ­ das ist ein Schreckenswort für die Kultur der Innerlichkeit. Doch es geht hier natürlich nicht nur um den rechten Weg zum Glauben, sondern auch um die Faszinationskraft einer Stadt, die einmal mit Florenz verglichen und später dann buchstäblich in Schutt und Asche gelegt worden ist. In der Wiedereinweihung der Dresdener Frauenkirche fügen sich Stadtmarketing und religiöses Marketing zusammen. Die Stadt kann wieder mit ihrer unvergleichlichen Silhouette werben, und die evangelisch-lutherische Kirche nimmt Abschied von ihrer unbildlichen Innerlichkeit; beide treten in eine strahlende Sichtbarkeit ein.

 

Dieses Remake einer städtischen Ikone ist zum Glück kein Einzelfall. Ähnlich spektakuläre Effekte dürfen wir uns von der Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses erhoffen. Auch hier scheinen sich die Mahner, Warner und Bedenkenträger gegen die neue Mentalität des Wiederaufbaus nicht durchsetzen zu können. Bleibt die Frage: Warum? Offenbar braucht unsere Gesellschaft Kultorte gerade deshalb, weil es immer unwichtiger wird, wo jemand wohnt. Was zählt ist Erreichbarkeit, nicht Anwesenheit; was zählt ist Funktion, nicht Substanz. Das sind für uns alltägliche Zumutungen, die man nur ertragen kann, wenn es dafür einen Ausgleich gibt.

Deshalb ist unsere Kultur der Virtualisierung zugleich auch eine Kultur der Kultorte. Gerade weil unsere Gesellschaft sich heute zunehmend in virtuellen Welten organisiert, wird es zu einem kompensatorischen Kult des gestalteten Raumes kommen. Gerade weil sich die entscheidenden Prozesse unseres Lebens und Arbeitens in Immaterialitäten und Kommunikationen auflösen, brauchen wir Kultorte als Schauplätze des Sinns.

Welcher Ort wäre hierfür besser geeignet als eine große (!), schöne (!) Kirche? Der Kölner Dom und die Dresdener Frauenkirche sind urbane Ikonen, mit denen die Religion Zeichen setzt gegen die triviale Ikonographie des Konsumismus; gegen den Markt als anonymen Architekten unserer Städte, deren Bild von den Tempeln des Konsums beherrscht wird. Man muss ja nur einmal das Berliner Geschäftshaus Niketown besuchen, um zu erkennen: Das Ideal des Marketings ist die religiöse Ikonenverehrung. In der Ikone gibt es nämlich keinen Gegensatz zwischen Diesseits und Jenseits. Und dieser Herausforderung durch den Konsumismus als Religionsersatz müssen sich die Kirchen gewachsen zeigen.

Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Bürger wird durch die großen urbanen Ikonen entschieden. Das haben uns die Terroristen des 11. September ins Bewusstsein gebrannt. Der Angriff galt ja der Ikone des Weltkapitals. Ausgelöscht wurden nicht nur sechstausend Menschenleben und zwei babylonische Türme; es ging den Terroristen wohl vor allem um die symbolische Auslöschung der westlichen Zivilisation.

Ein Akt der Ikonenzerstörung also ­- und auch dort: Wiederaufbau statt Konservierung als Mahnmal. Die Zerstörung soll nicht das letzte Wort behalten. Wer in Zukunft durch Manhattan, Berlin-Mitte oder am Elbufer Dresdens flaniert, versündigt sich nicht an der Erinnerungskultur, wenn er sich an dem Gedanken erfreut: Die Wunden heilen, ohne dass Narben bleiben.

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