Die Casting-Gesellschaft erzeugt eine unheimliche Anzahl an Medien-Chamäleons. Ihre Frage: Wie komme ich groß raus?

Wir sind auf dem Weg in eine Casting-Gesellschaft, in der Image und Ich unauflösbar verschmelzen, meint Bernhard Pörksen.

1974 besucht der Journalist Stewart Brand den Kybernetiker Gregory Bateson. Der ist zu dieser Zeit längst ein akademischer Superstar. Und die Hippies lieben ihn, diesen seltsamen Weisen, der sich mit dem Humor beschäftigt, dem Spiel der Fischotter und der Sprache der Delfine, der Entstehung der Schizophrenie und den Konturen eines neuen, eines ökologischen Bewusstseins. Stewart Brand, der wie so viele zu diesem alten Mann pilgert, möchte von ihm wissen, welche Farbe ein Chamäleon annimmt, das man auf einen Spiegel setzt.

Was passiert, wenn man in dem Bewusstsein leben muss, dass überall Spiegel herumstehen

Bateson hat keine Antwort. Aber er - der Kybernetiker, der Meister des zirkulären Denkens - ist von dieser Frage fasziniert, macht sie unter seinen Studenten und in der Scientific Community bekannt. Verschiedene Forscher greifen in die Debatte ein, ein technisch versierter Schriftsteller bastelt ein Spiegelkabinett und setzt eine echte Echse hinein, um herauszufinden: Welche Farbe nimmt sie an? Behält sie die Ursprungstönung? Entsteht eine schillernde, eine charakteristisch instabile Schwingung? Wird das Chamäleon in der Spiegelwelt in eine Art Farbenwahnsinn hineingetrieben? Pendelt es sich aus Selbstschutz auf eine Grundtönung, auf eine farbliche Identität ein?

Das Faszinierende ist, dass das Chamäleon und der Spiegel zu verschmelzen scheinen, dass eine Logik der Linearität durch zirkuläre Wirkungsnetze abgelöst wird. Womöglich ist dabei das eigentliche Geschehen gar nicht so wichtig, viel eher geht es um ein Gedankenexperiment, das die moderne Medienentwicklung und das Leben in der Casting-Gesellschaft beleuchtet. Auf die Gegenwart als Prominenter übertragen lautet die Frage nämlich: Was passiert, wenn man in dem Bewusstsein leben muss, dass überall Spiegel herumstehen, wenn man aus der Tür tritt und eventuell ein Leserreporter der "Bild"-Zeitung sein Fotohandy und seine kleine Videokamera (bei Lidl für 70 Euro) zückt? Was geschieht, wenn das eigene Stottern im Wahlkampf und der plötzliche Blackout in einer Fernsehsendung tausendfach auf Youtube angeklickt werden? Was tut man, wenn man plötzlich hessischer Ministerpräsident werden soll, aber alle finden, dass man leider das falsche Brillengestell für den Job hat? Was macht man, wenn man als Kanzlerkandidat gehandelt wird, aber eben Frank-Walter heißt? Den eigenen Namen aus Gründen mediengängiger Präsentation ein wenig einkürzen? Und wie verhält man sich, wenn einem das eigene Image wieder entgegentritt, wenn jede Nuance des eigenen Handelns durch Umfragen kontrolliert, wenn jede Fehlleistung durch Fernsehkameras oder Amateurvideos dokumentiert werden kann - wenn man seinem eigenen Bild im Spiegelkabinett der Medien permanent antworten muss?

Auf dem Weg in eine Casting-Gesellschaft

Meine These ist: Wir sind auf dem Weg in eine Casting-Gesellschaft, in der Image und Ich unauflösbar verschmelzen. Es entsteht - getrieben insbesondere durch Fernsehen und das Netz eine Kultur permanenter Selbstdarstellung und der gezielten medienförmigen Selbstinszenierung. Fast jede Lebensregung lässt sich heute medial spiegeln. Eine etwas unheimliche Zahl von Menschen bereitet sich akribisch und mit aller Raffinesse auf den großen Auftritt und den verführerischen Moment des Gesehenwerdens vor, ganz gleich, ob dieser auf der eigenen Homepage oder im eigenen Blog stattfindet, kniend vor einem Jurymitglied von RTL, auf dem Weg in das Dschungelcamp, in einem "Big Brother"-Container oder beim Schlagabtausch in einer Talkshow.

Natürlich kann man einwenden, dass dies alles nicht neu ist und das Phänomen kollektiver Inszenierungslust längst bekannt.

Wir wissen längst, dass unsere alltäglichen Begegnungen, wie jede Interaktion, von einem entscheidenden Wirkungs- und Manipulationswillen geprägt sind. Dass dies tatsächlich so ist, kann jeder nachvollziehen, der die politische Klasse des Landes beobachtet. Man kennt die Bilder: der angelnde Willy Brandt unter Aufsicht der Fotografen, Helmut Kohl bei den Hirschen am Wolfgangsee, Joschka Fischer in Turnschuhen bei der Vereidigung als Umweltminister, Gerhard Schröder in Gummistiefeln auf einem Elbdeich im Kampf gegen die Wasserfluten. Ungewöhnlich ist nicht, dass sich Politiker und Prominente den Medien anbiedern, dass Eigenschaften und komplexe Persönlichkeiten auf einfache Symbole reduziert werden. Diese Techniken sind alt.

Wie stelle ich mich dar?

Neu ist, dass die mediengerechte Selbstdarstellung und der Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit Alltag geworden sind, sich nicht mehr auf Prominente und Medienprofis beschränken. Wie stelle ich mich dar? Wie erzähle ich meine Geschichte so, dass sie fasziniert? Die Fame-Junkies sitzen längst überall. Youtube ist zu einer globalen Casting-Plattform geworden, die ein eigenes Starsystem erzeugt hat. Tausende stellen bei Flickr ihre Fotos aus. Jeder Deutsche besitzt statistisch gesehen mehr als ein Handy, in der Regel mit Kamera- und Videofunktion, um sich und andere abzulichten, um vielleicht ein wenig Geld als Leserreporter zu verdienen, sich und andere zu ergötzen oder zu empören. Das heißt, ein ganzes Volk wirkt mit an der Verbreitung einer "indiskreten Technologie" (so der Soziologe Geoff Cooper), die fortwährende wechselseitige Beobachtung und ein den Alltag durchdringendes Medientraining erlaubt. Zahlreiche Menschen, so zeigen Umfragen, veröffentlichen Privates über die eigene Person im Netz, besitzen eine eigene Homepage oder berichten über das eigene Leben in Online-Gemeinschaften wie Facebook.

Die gute Nachricht ist, dass Inszenierungswissen damit allmählich demokratisiert wird - und hierarchisch organisierte Propaganda schwieriger. Web 2.0 ist eine Massenschulung im Kernfach Medienkompetenz. Die schlechte Nachricht ist, dass ein mediengestützter Narzissmus entsteht, der kein inhaltliches Korrektiv mehr kennt: Aufmerksamkeit wird zum Wert an sich, Beachtung erscheint als das zentrale Kapital, das man dann - einmal prominent - in Form von Werbeauftritten, Büchern und CDs wieder in Bargeld verwandeln kann. Und um gesehen und wahrgenommen zu werden, sind Menschen bereit, Erstaunliches zu tun. Sie gehen eine Art Tauschhandel ein, der sich auf die Formel bringen lässt: Intimität gegen Publizität. Man kann nicht singen, aber dafür zeigt man nackte Haut. Man hat nichts zu sagen, legt sich jedoch für eine der Chirurgen-Shows ("I want a famous face", MTV) unters Messer. Man hat kaum etwas vorzuweisen - nur eigene und fremde Tragödien, Skandale und Skandälchen, die man als Nachrichtenware anbietet.

Es ist leicht, sich im Tonfall eines Kulturkritikers darüber zu empören, aber gelegentlich kann man das Treiben in der Casting-Gesellschaft auch in subversiver Absicht bloßstellen. Genau dies hat Dirk Mirow getan, im richtigen Leben Kanzler der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel. Ein pfiffiger Beamter. Er hat sich noch einmal neu erfunden, eine mediengängige Kunstfigur geschaffen. Als bürgerlicher Demonstrant, mit Plastikgewehr und Anzug, machte er am Rande des G8-Gipfels auf sich aufmerksam. Den Obama-Fan gab er, zum lockeren Alternativen gewandelt, für viele Medien in Berlin. Als Manuel Dörsam und vermeintlicher Anwalt aus Berlin-Zehlendorf schaffte er es bis in die "Tagesthemen", weil er vor dem Kanzleramt gegen die "Steuergeldverbrennung" im Zuge der Bankenkrise protestiert hatte. Als Pinocchio verkleidet attackierte er Andrea Ypsilanti für ihren Schlingerkurs in Sachen Linkspartei. Kostüm und Gipsmaske konnte er noch einmal nutzen, um die Hamburger Grünen medienwirksam an den Bruch ihrer Wahlversprechen zu erinnern. Inzwischen, so sagt er, den vermutlich seine Studenten enttarnt und an ein großes Magazin verraten haben, sei er ruhiger geworden und schreibe wieder Leserbriefe. Er zeigte, was ein perfekt schauspielerndes Chamäleon in den Medien- und Spiegelwelten der Gegenwart zu tun hat. Es muss das Gewünschte liefern. Plausible und doch polarisierende Geschichten, Konflikte, wirkliche Gefühle. Authentisch sein bedeutet demnach den Eindruck der Echtheit hervorrufen, auf dessen Vertrauenswürdigkeit wir uns einigen können. Bis wir den Trick begreifen.

Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.
Bernd Brundert

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