Polizei-Blues

Es sind harte Kerle, toughe Frauen. Sicher. Aber sie haben auch Angst, Wut und Mitleid, und darüber schreiben sie. Vier Kurzgeschichten von vier Polizisten Fotos Markus M. Feger

Die erste Leiche vergisst man nicht

In meinem Heimatort in seiner Garage trafen wir uns wieder. Er, mein Kaufmann von der Ecke, der auf dem grauen Betonboden lag, und ich, der junge Polizist, frisch von der Polizeischule. Er war tot. Jemand hatte ihn aus seinem schwarzen Opel Rekord gezogen und auf den Boden gelegt. Durchs geöffnete Tor kam kein Leben spendender Sauerstoff mehr in seine erschlafften Lungen. Zu spät. Seine rechte Hand lag leblos neben ihm.

Als kleiner Junge stand ich immer aufgeregt an der Kasse, wenn diese mächtige schwarz behaarte Hand im Bonbonglas verschwand und sich wie die Schaufel eines Baggers schloss. Wie viele Bonbons würden wohl in meine Hand fallen?

Heute nun hatte er diese Hand letztmals benutzt. Hatte damit die Garagentür geschlossen, das Fenster der Beifahrertüre runtergekurbelt, den Leerlauf eingelegt, den Zündschlüssel gedreht und dann sein Leben aus der Hand gegeben.

Ein Flügel des braunen hölzernen Garagentors war zum Fluss hin geöffnet. Seine Frau stand mit verweinten Augen da und biss sich immer wieder auf die Knöchel der rechten Hand. Sie schien den jungen Burschen von gerade mal 19 Jahren nicht zu erkennen. Mit seinem übergroßen grünen Anorak und der weißen Schirmmütze passte er gar nicht mehr so recht in das Bild unbeschwerter Kinderzeit auf der Treppe vor ihrem Laden.

Keine Unterrichtsstunde der 18-monatigen Grundausbildung hatte sich mit solchen Begegnungen befasst, den Empfindungen, den Unsicherheiten, den flehenden Blicken, die von dir zu verlangen scheinen, "sieh unser Leid und gib uns die Antwort, die wir selbst nicht finden können".

Nun stand ich vor Pauls Leichnam. Sein Blick ging starr zur Decke. Der Mund leicht geöffnet. Keine Andeutung eines letzten Wortes auf den Lippen. Er trug sein braunes Wollsakko, das ihm den Hauch von Eleganz hinter seiner Kasse gegeben hatte.

Während die Kriminalpolizei noch auf der Anfahrt war, befragte ich seine Verkäuferinnen und seine Ehefrau. Suchte nach Erklärungen für die Akten. Dachte nicht darüber nach, was es bedeutet, einen geliebten Menschen zu verlieren. Machte einfach meine Arbeit. Fühlte mich gleichzeitig wichtig in meiner noch ungewohnten Rolle.

"Die erste Leiche vergisst man nicht!" Ja, das stimmt. Besonders wenn es ein Mensch ist, den du kennst.

Heute besuchte ich meinen Heimatort. Ich bin jetzt 43. Pauls Frau wischte gerade die Treppe des Ladens. Sie trug das bekannte blaue Schürzenkleid. Ihr Haar war noch grauer. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen. Als sie langsam gebückt in den Laden ging und die Türe sich hinter ihr schloss, merkte ich, dass Jahr um Jahr sie weiter gebeugt hatten. Ich hielt an und ging in den Laden. Sie begrüßte mich freudig. Wir unterhielten uns. Ein kleiner Junge kaufte zwei Rollen Haushaltskrepp für 1,89 Euro. Pauls Witwe gab ihm ein paar Weingummi-Kirschen aus dem runden Plastikbehälter des Herstellers.

Sie beugte sich über die Verkaufstheke und flüsterte mir zu:

"Nächste Woche werden es 24 Jahre, seit das mit meinem Mann war. Sie waren doch auch dabei."

"Ja, ich weiß. Ich habe es nie vergessen." Ich schaute zum Abschied in ihre lebhaften Augen. Auf der Höhe von Pauls Haus fiel mein Blick Richtung Garagentor. Es war noch wie damals; immer noch aus Holz, zwei Flügel, mit brauner Farbe gestrichen.

Nur jenseits des Flusses gibt es jetzt eine Skaterbahn.

Volker Uhl, 44, ist Kriminalbeamter und Konfliktberater in Ludwigsburg. Er gründete vor vier Jahren den Club der schreibenden "Polizei-Poeten"

Der undurchdringliche Kreis

"... und übermorgen geht das Ganze wieder von vorne los", endete mein Bärenführer und biss kräftig in die reichlich belegte Butterstulle. Wie viel Ignoranz steckt in einem Menschen, der tagtäglich immer dasselbe erlebt? Jeden Tag aufs Neue, jeden Tag das gleiche Spiel. Wie kalt machen einen das Leben und der Job gegenüber dem Leid der Menschen. Ich konnte es nicht verstehen.

Gut, ich war jung. Gerade mal 23 und neu auf dem Revier. Er war schon lange hier. Ein Denkmal. Mein Gott, wie alt man doch aussah, wenn man über 40 war, und welche Gedanken einen beherrschten. Das kleine Gartengrundstück im Grünen, der nächste Familienurlaub. Last minute in die Dom-Rep, die neue Garageneinfahrt.

Ich kann nicht sagen, dass ich ihn nicht leiden konnte. Nein, im Gegenteil. Ich bewunderte ihn sogar. Manchmal. Wenn er vor dem Chef stand und ihm entgegenbrüllte: "Ihr könnt mich mal!" Nur weil er auf den nächsten Einsatz mitgehen musste. Nein, Heinz hatte es drauf. Er kannte sich aus, er wusste, wie das Leben lief. Und er hat es mir auch jedes Mal gesagt. Auch wenn ich es nicht hören wollte.

Doch genau in diesen Augenblicken, wenn zum Beispiel eine blutende Frau mit einem ängstlichen Kind auf dem Arm vor uns auf der Treppe stand, wenn es wieder einmal in diese Wohngegend ging, die geprägt war vom Einheitsstil der frühen Siebziger. Bröckelnder Putz an den Fassaden, an jedem Balkongeländer eine Sat-Schüssel als letztes Bindeglied zum wirklichen Leben. Dort, wo an den Türklingeln unaussprechliche Namen standen und sich hinter jeder Tür ein anderes schweres Schicksal verbarg, wenn Heinz wieder einmal sein überhebliches Grinsen aufsetzte und eben dieser Frau sagte; "... und übermorgen geht das Ganze wieder von vorne los", dann ­ glaube ich ­ hasste ich ihn sogar ein wenig. Nicht weil er in seiner Selbstherrlichkeit beinahe erstickte, nicht weil er gegenüber diesem Kind und dieser Frau sein Herz verschlossen hielt, nicht weil er mir kalt und grausam erschien. Sondern weil er mir Stück um Stück meine Illusion raubte.

In dieser Gegend werden nun mal die Frauen geschlagen und die Bälger zu Taugenichtsen erzogen. Früher oder später stehen alle in unserer Kundenkartei. Der Alte säuft, und sie hurt draußen rum, und der Balg ist gerade mal sieben und klaut schon wie ein Rabe. Den Stall hier müsste man ausräuchern.

Heinz hatte immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Und meist hatte er sogar Recht damit. Es gibt da keine Klischees, es gibt keine besondere Härte oder Abneigung den Menschen gegenüber, es gibt nur die Kälte gegenüber dem Leben. Für mich, der ich noch immer von Gerechtigkeit, gegenseitigem Verständnis und Liebe unter den Menschen träumte, war jeder Tag mit Heinz auf Streife wie ein Tanz auf dem Vulkan.

Ich wurde älter, selbstständiger, und irgendwann durfte ich sogar ohne Heinz aus dem Revier, durfte mit anderen fahren. Schließlich war ich jetzt reif genug. Heinz hatte schon längst wieder einen Neuen von der Polizeischule unter seine Fittiche genommen. Doch irgendwie erkannte ich, dass an jedem Tag ohne Heinz unterm Strich doch nur wieder Heinz herauskam. Es war nicht Heinz, es lag nicht an ihm. Es war das Leben. Das ganze gottverdammte Leben. In jedem Haus, hinter jeder Tür, sogar unter dem Sofa verbarg sich ein Stück von Heinz.

Heute bin ich längst nicht mehr auf dem Revier, heute bin ich 40, so wie Heinz. Gestern habe ich mit meinen Freunden meine Garageneinfahrt betoniert, dann bin ich in den Garten gegangen und habe die Hecken geschnitten. Es war ja auch höchste Zeit.

Heute hatte ich Dienst. Es war gegen drei, als die alte Mangold aus dem Schlossweg anrief und uns darüber informierte, dass die Schlegels wieder einmal Krach miteinander hatten. In diesem Monat zum fünften Mal. Bestimmt war der alte Schlegel wieder restlos besoffen und hatte sich an seiner Frau und den drei Kindern vergriffen. Vorgestern hatte er die Frau mit einer Holzlatte traktiert und zugeschlagen, bis auf dem Rücken die Haut aufgeplatzt war. Sie war nicht im Krankenhaus geblieben. Auf eigene Verantwortung war sie gegangen. Zurück in die Höhle des Löwen. Ich werde das wohl nie verstehen.

Na gut, holen wir ihn wieder einmal zu uns. Bis morgen früh wird er wohl ausgenüchtert sein. Dann amüsieren wir uns darüber, wenn er zitternd aus der Zelle kommt. Das ist nun einmal bei Alkoholikern so, wenn sie unter ihren üblichen Spiegel sinken.

"... und übermorgen geht dann das Ganze wieder von vorne los."

So, jetzt muss ich Schluss machen, ich muss noch ins Internet. Den Familienurlaub buchen. Vielleicht gibt es ein Schnäppchen. Dom-Rep, last minute. Da wollte ich schon lange einmal hin.

Ulrich Hefner, 44, arbeitet als Streifenbeamter in Tauberbischofsheim und schreibt Krimis, zuletzt "Die Wiege des Windes" (Leda-Verlag)

Gerechtigkeit

Mittwochnacht, 21.31 Uhr. Das dritte Mal in vierzig Minuten schaue ich auf die Uhr. Irgendwie weigert sich die Zeit heute, zu vergehen. Ich darf gar nicht dran denken, dass noch neun Stunden vor mir liegen. Kein Anruf, kein Anzeigenerstatter, nichts. Selbst der Funk ist wie tot. Probeweise drücke ich die Sprechtaste. Man weiß ja nie. Am Ende tobt das Verbrechen und ich bekomme nichts mit, weil die Funkanlage defekt ist.

Im Lautsprecher knackt es vertraut. Nein, am Funk liegt es diesmal also nicht. Es ist einfach eine dieser Nachtschichten, bei denen sich jede Stunde ins Unendliche dehnt. Immerhin ist da noch unser "Übernachtungsgast" in Zelle 1. Das bedeutet zwei Kontrollgänge pro Stunde, wenigstens etwas.

Wenn ich mir das Wetter so ansehe, werden wir heute unter uns bleiben. Es regnet wie aus Eimern und dazu geht ein ziemlich fieser Wind, da können Anzeigen erfahrungsgemäß warten. Ich stemme mich aus dem Bürostuhl und schnappe mir die Zellenschlüssel. Martin hebt fragend die Augenbrauen, aber ich winke ab. "Die Randalephase hat er hinter sich, jetzt pennt er vermutlich. Wie immer." Und genau so ist es. Er liegt auf der Pritsche, schnarcht und dünstet die 1,2 Promille aus, die er jetzt noch haben dürfte...

Ich merke, wie sich meine Finger um die Zellenschlüssel krampfen. Wie er da liegt. Auf die Seite gedreht, in Embryohaltung, die Decke bis unter die Nase gezogen. Wie die Unschuld persönlich.

Noch vor zwei Stunden hat er wieder mal seine Frau zur Sau gemacht. Wahrscheinlich hat er sie auch geschlagen, aber sie hat wie immer nichts gesagt. Wenn die Nachbarn nicht die Polizei gerufen hätten, wäre das die ganze Nacht so weitergegangen, denn den Mut, etwas zu unternehmen, hatte der Herr Diplom-Ingenieur schon lange aus ihr herausgeprügelt.

Irgendwann hat sie ihn einmal angezeigt und war für ein paar Wochen im Frauenhaus, wollte ihn verlassen. Doch plötzlich zog sie ihre Aussage zurück und das Verfahren wurde eingestellt.

Wut kocht in mir hoch. Dreimal hat er in den vergangenen zehn Monaten schon seinen Rausch bei uns ausgeschlafen. Dreimal wussten wir ganz genau, dass er sie zuvor geschlagen und bedroht hat, doch weil sie beharrlich schwieg, blieb dreimal nichts anderes als Ruhestörung hängen. Aber selbst dabei kam nichts heraus, weil die Nachbarn sich nicht in fremde Angelegenheiten einmischen wollten und sich auf einmal keiner mehr gestört fühlte.

Ich stapfe zurück zu meinem Stuhl und wünsche mir, dass es morgen früh, wenn er wieder nüchtern ist und es für uns keinen Grund mehr gibt, ihn hier zu behalten, mindestens noch genauso stark regnet wie jetzt. Am liebsten aber noch stärker. Hagel wäre auch nicht schlecht.

Endlich eine Bewegung auf dem Überwachungsmonitor. Alex und Jürgen stehen draußen, zusammen mit einem jungen Mann. Ich drücke auf den Türöffner und mache neugierig den Hals lang.

Die drei schleichen herein, alle mit ziemlich betretenen Gesichtern. Der junge Mann lässt sich auf den Stuhl fallen und sinkt regelrecht in sich zusammen. Immer wieder schüttelt er den Kopf, fährt sich mit der Hand über die Augen.

Eine Todesnachricht? Aber deshalb bringt man doch niemanden zur Wache. Ich winke Jürgen zu mir. Er macht die Tür hinter sich zu und schaut für einige Sekunden stumm durch die Trennscheibe in den Wachraum. Dann schüttelt er selbst den Kopf.

"Der Haftbefehl, den du mir heute beim Ausrücken mitgegeben hast. Du erinnerst dich?" Ich nicke. "Das ist er. 24 Jahre, ehemaliger Lkw-Fahrer. Letztes Jahr ist er mit 0,6 Promille gegen ein geparktes Auto gefahren, hat Panik bekommen und ist abgehauen. Ein Fußgänger hat alles beobachtet, sich das Kennzeichen gemerkt und die Polizei gerufen. Die Kollegen haben ihn zu Hause erwischt und logischerweise das volle Programm durchgezogen: Anzeige, Blutentnahme, Führerschein sichergestellt. Sein Chef hat ihm fristlos gekündigt, als er davon erfahren hat. Klar, was will er auch mit einem Lkw-Fahrer, der seinen Schein verloren hat, weil er betrunken einen Unfall gebaut hat.

Tja, keine Arbeit, kein Geld. Seine paar Ersparnisse gingen für die Miete und die Regressforderungen der Autoversicherung drauf. Als er dann verurteilt wurde, war er pleite, so dass er nicht mal die Geldstrafe zahlen konnte. Sein Anwalt war wohl auch eine ziemliche Pfeife und deshalb kam der Haftbefehl: 30 Tage Ersatzfreiheitsstrafe."

Jürgen fährt sich mit der Hand durch die Haare. "Stell dir das mal vor. Der Typ ist grundanständig, hat sein Leben lang nichts angestellt, baut einmal richtig Mist, verliert deshalb seine Arbeit und muss prompt in den Bau. Und danach? Der ist doch fertig. Wahrscheinlich fliegt er auch noch aus der Wohnung, weil er keine Kohle mehr hat. Und andere?"

Er tritt mit Wucht gegen den Stahlschrank. "Kassieren seit Jahren Stütze, weil sie keinen Bock auf Arbeit haben, klauen und saufen viel lieber, brechen hier ein Auto auf, schlagen da jemandem die Nase platt, und was bekommen die?"

Er holt noch einmal aus, lässt den Fuß aber wieder sinken. "Weißt du, in Momenten wie diesem hasse ich meinen Beruf."

Er starrt zu Boden, atmet durch und öffnet die Tür. Ich setze mich hin und nicke. Ja, so geht's mir auch.

Donnerstagmorgen, 6.04 Uhr. Wir wecken den Diplom-Ingenieur. Inzwischen ist er nüchtern genug. Er zieht seine Schuhe an, bekommt seine Sachen und geht nach Hause. In seine Wohnung, zu seiner Arbeit. Es regnet nicht mehr. Natürlich. Ich denke an den anderen Mann. Wahrscheinlich wird er jetzt auch geweckt. In der Haftanstalt.

Manuela Obermaier, 36, ist Polizeihauptkommissarin in München in der Sonderabteilung "Früherkennung und Konfliktbewältigung"

Ein ungutes Gefühl

Ich liege im Bett, alleine in seinem Bett. Der Platz neben mir ist leer und kalt. Ich taste mit der Hand übers Kissen, nein, er kann ja gar nicht da sein. Die Katze liegt auf meinen Beinen und spürt meine Unruhe. Sie kann riechen, dass etwas nicht stimmt, und krabbelt unruhig durchs Bett. Ich rolle mich auf die andere Seite. So oft hab ich schon hier gelegen, während er weg war.

Immer mache ich mir Gedanken, was er wohl tut, ob er wohl vorsichtig ist. Aber so schlimm wie heute habe ich mich noch nie gefühlt. Dabei war alles ganz normal. Er hat sich angezogen, seine Tasche genommen, sich von mir mit einem Kuss auf die Stirn verabschiedet. "Tschüss, Kleines" im Flur gerufen und sich auf dem Absatz noch mal umgedreht, um mir einen Kuss zuzuwerfen. Ich habe die Türe geschlossen und die Kette vorgelegt, dann habe ich versucht, mich so lange wie möglich wach zu halten. Habe vor dem PC gesessen, ferngesehen und gelesen, und die ganze Zeit hat mich ein ungutes Gefühl begleitet. Ich wollte noch nicht schlafen, damit ich am nächsten Morgen nicht vor ihm aufwache und ihn mit meinem Gekrame wach mache. Aber nun war es fünf Uhr, langsam wollte ich Schlaf finden, aber er kam nicht.

Ich malte mir Situationen aus, was ihm alles passieren könnte, und sagte mir gleichzeitig, dass er der umsichtigste Mensch ist, der mir je begegnete. Außerdem ist er groß und stark und kann sich gegen jeden verteidigen. Mein Blick fällt auf die offene Schranktüre. Ich sehe seine Schussweste dort hängen und stoße einen Seufzer aus. Warum hat er sie nicht mitgenommen? Kommt mein komisches Gefühl daher?

Ich schüttele den Kopf, um die schlechten Gedanken zu vertreiben. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, auf der Wache anzurufen und zu fragen, ob alles o.k. ist. Quatsch, damit mache ich mich bloß lächerlich und ihn auch.

Ich dreh mich zur Seite und schlafe langsam ein. Fiese Träume begleiten mich. Ich höre Martinshörner im Traum. Sehe ihn in einer Blutlache liegen und werde schweißgebadet wach. Taste nach seinem Kissen und sehe auf den Wecker. Acht Uhr und das Kissen ist immer noch leer, irgendwas stimmt nicht. Auf meinem Handy und dem AB keine Nachricht.

Ich wälze mich herum, als ich den Schlüssel an der Haustüre höre. Er kommt rein, sieht mich nicht an, zieht sich wortlos aus und steigt ins Bett. Keine Begrüßung, nichts. Ich will ihn fragen, was los ist, los war. Aber er verschließt mir mit einem Kuss den Mund. Er klammert sich an mich, als würde er ertrinken und ich müsste ihn retten. Ich streichele seinen Rücken, bis er einschläft.

Ich bin verwirrt. Weiß nicht, wie ich die Dinge, von denen er im Schlaf erzählt, deuten soll. Weiß nur, dass ich ihn fest halten muss. Dann schlafe auch ich wieder ein und halte ihn fest. Ganz fest. Er ist bei mir, alles andere ist halb so schlimm.

Am nächsten Mittag werde ich von seinem Pfeifen wach. Er ist in der Küche und kocht mir Tee. Mit nackten Beinen und seinem viel zu großen Hemd an taumele ich in die Küche. "Morgen, Kleines." Er tut, als wäre nichts. Steht mit freiem Oberkörper und seinen Shorts vor mir. Er hat einen schlimmen Kratzer an der Seite. O.k., das kommt schon mal vor in unserem Job. Hin und wieder hat man kleine Schrammen, Prellungen oder sonstige kleinere Verletzungen, kann passieren. Er wird schon irgendwann darüber reden, was gestern los war, es auch mir erzählen.

Aber ich täusche mich, er redet nicht. Lange nicht. Ruft mich nur jeden Abend vor meinen Nachtdiensten an und lässt mich versprechen, die Schussweste zu tragen. Ich verspreche es und frage nicht weiter.

Wochen später bügele ich seine Hemden, als er gerade zum Nachtdienst aufbrechen will. Eins hat ein Loch, ein kleines aber kreisrundes Loch. Ich traue meinen Augen nicht, stecke meinen Daumen durch das Loch. Ich weiß, was das ist. Die Ränder sind angeschmolzen und leicht verbrannt. Ich gehe auf ihn zu, mit dem Hemd an meinem Daumen. Er seufzt: "Ich hätte es wegwerfen sollen!" Ich schüttele den Kopf und halte ihm nur stumm das Hemd mit dem Einschussloch vor die Nase. "Ich wollte nicht, dass du es weißt. Du hättest dich nur aufgeregt."

Er beginnt zu sprechen und hält mich dabei im Arm. "Wir sollten zu einer Ruhestörung. Als wir vor der Türe standen und noch nicht mal geklingelt hatten, schoss jemand dreimal durch die Türe, zweimal in die Wand hinter uns und einmal hat er mich gestreift. Dann hat er sich selbst erschossen." Ich kann nichts sagen, gucke immer wieder auf das Hemd. Er nimmt mich in den Arm. "Hey, mir geht's gut, mir ist nichts passiert, bis auf den Kratzer."

Ich nicke langsam. Verstehe, warum er die letzten Wochen immer wach war, wenn ich zum Nachtdienst fuhr. Verstehe seine besorgte Frage am Telefon, ob ich auch die Weste anhätte.

Er hatte sie an dem Tag nicht an. Ein paar Zentimeter weiter links und der Schuss hätte seine Brust getroffen.

Ich streiche über sein Hemd und fühle darunter die Weste. Er küsst mich auf die Stirn. Geht auf den Flur. Dreht sich auf dem Absatz noch mal um, wirft mir einen Kuss zu: "Tschüss, Kleines!"

Den Rest der Nacht sitze ich mit dem kaputten Hemd im Bett und warte darauf, seinen Schlüssel im Schloss zu hören.

Janine Binder, 24, arbeitet beim Kriminalfahndungsdienst der Autobahnpolizei in Köln

 

 

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