Ein Jude inszeniert christliche Motive

"Ich beschloss, dass meine Soldaten niemals kämpfen"
Lebte Abraham heute, würde er seinen Sohn Isaak vielleicht in einen Einkaufswagen legen. Und die Jünger Jesu kämen vielleicht uniformiert zum Abendmahl. Der Fotograf Adi Nes setzt die israelische Gesellschaft ins Bild ­ mit biblischen Motiven

chrismon: Warum inszenieren Sie als Jude das Abendmahl?

Adi Nes: Ich habe Leonardo da Vincis "Letztes Abendmahl" als Vorlage gewählt, weil es ein bedeutendes Werk der Kunstgeschichte ist. Und ich habe eine vierzehnte Person hinzugefügt ­ im Original waren es Jesus und seine zwölf Jünger. Ich will da Vinci nicht rekonstruieren, sondern etwas Eigenes sagen.

Und warum ausgerechnet mit Soldaten?

Das Bild entstand im Rahmen einer Soldatenserie zwischen 1994 und 2000, als die israelischen Streitkräfte noch im Libanon standen. Jeden Tag blickte mir aus der Zeitung das Bild eines weiteren gefallenen Soldaten entgegen. Einige von ihnen waren meine Freunde. Ich hatte das Gefühl, man habe die im Libanon stationierten Soldaten vergessen. Auch gab es in dieser Zeit viele Selbstmordanschläge auf Restaurants und Busse. Daher schwebt der Tod ständig über meinen Soldaten. Für diese Serie beschloss ich, dass meine Soldaten niemals kämpfen, weil ich sie als Menschen darstellen wollte.

Ihr Bild ist voller Symbole.

Ja, der halb gegessene Apfel steht für Adam und Eva, die zerrissenen Brottüten sollen an das heilige Brot im Tempel erinnern. Der Busch im Hintergrund über dem Kopf der zentralen Figur sieht wie eine Dornenkrone aus. Alles ist genau inszeniert, auf Negativfilm fotografiert und in der Dunkelkammer entwickelt. Nichts ist am Computer nachgearbeitet.

Wie reagieren israelische Betrachter auf dieses Bild?

Manche sehen nur hungrige Soldaten vor der Schlacht, weil sie das so vom Militär kennen. Viele Israelis haben aber auch den Film "The Da Vinci Code" gesehen, und sie erkennen die Vorlage von Leonardo da Vinci. Die wenigsten verstehen allerdings den christlichen Hintergrund.

Kürzlich stellten Sie in Tel Aviv eine Serie alttestamentlicher Bilder aus. Warum biblische Motive?

Das zentrale Thema in meinen Arbeiten ist die Identitätsfrage. Als Israeli befasse ich mich mit dem Israeli-Sein, als Künstler mit der Kunstgeschichte, als Jude mit dem Judentum, als schwuler Mann mit dem Thema Männlichkeit. Die Bibelserie habe ich 2003 begonnen, als alle Systeme meines Lebens auseinanderfielen. Meine Partnerschaft zerbrach, ich wurde arbeitslos, Freunde strebten mithilfe ihrer europäischen Großmütter nach europäischen Pässen, um von Israel wegzugehen. Ich sagte mir, dass ich wahrscheinlich in diesem Land lebe, das seine Einwohner frisst, weil ich Jude bin und die Bibel mich mit diesem Ort verbindet. Ich habe kein anderes Land. Ich wuchs eben in einer nationalistischen Gesellschaft auf, die sich in der populären Kunst stark an der Bibel orientiert. Man sagt, dass die biblischen Gesetze und Regeln der Körper des Judentums sind und die Legenden seine Seele.

Ihr Hiob wirkt, als hätte er wirklich etwas Schreckliches erlebt. Ist sein Bild auch inszeniert?

Der abgebildete Hiob ist der Heimatlose schlechthin. Er hat tatsächlich alles verloren. Ursprünglich wollte ich meinen Vater Baruch für diese Rolle gewinnen, weil sein Leben schwer war und man das auf seinem Gesicht sehen konnte. Er wuchs von acht bis 15 Jahren zusammen mit seinem Bruder Nissim auf den Straßen Teherans auf, und weil die Familie kein Geld für eine Brille hatte, konnte er nichts auf der Kreidetafel in der Schule lesen. Daher flog er von der Schule. In den Fünfzigern kamen die Brüder allein nach Israel. Nissim pflasterte Straßen, mein Vater baute Häuser. Kurz vor Beginn der Aufnahmen entdeckte man bei meinem Vater Lungenkrebs. Er starb sehr schnell. Erst viel später versuchte ich es mit Nissim. Er ist seinem Bruder sehr ähnlich. Auf dem Set bat ich ihn, das Gesicht meines todkranken Vaters nachzustellen. Nissim hat wegen der Jahre im Asphaltstraßenbau nur noch eine Lunge, und auch diese funktioniert nur zu einem Drittel. Er hat große Atemprobleme. So ist sein Mund immer offen. Er starb kurze Zeit nach den Aufnahmen, 74-jährig. Lange rang ich mit mir um den Titel dieses Bildes: "Hiob", "Porträt eines Obdachlosen" oder "Mein Vater"? Schließlich nannte ich es "Ohne Titel" und setzte in Klammern das Wort "Hiob" dahinter.

Im Gesicht Ihres Hiob zeigt sich aber doch echte Trauer, oder?

Das Bild entstand in einem Treppenhaus. Als ich ihn an Vaters letzte Momente erinnerte, kamen sowohl ihm als auch mir Tränen hoch. Nissim war ein guter, aber ungeschickter Mann. Er trug alle seine Ersparnisse stets bei sich. Vor einigen Jahren fuhr er als Anhalter auf einem offenen LKW mit und legte den Mantel mit dem Geld auf die Ladefläche. So flog der Mantel mit dem Geld weg. Jahrelang lief er zu Fuß nach Jerusalem, um sein Geld zu suchen.

Ein Mann schiebt sein Hab und Gut im Einkaufswagen umher. Sein Kind liegt oben drauf. Was hat das mit Abraham zu tun, der seinen Sohn Isaak beinahe umgebracht hätte?

In der Bibel steht, dass Abraham vom Berg Moriah zu seinen Knechten herunterkam, von Isaak ist da nicht mehr die Rede. Er verschwindet aus der Geschichte. In Israel ist das Thema des Opfers und der Opferung sehr wichtig. Jeder Vater, der seinen Sohn zum Militär schickt, empfindet das wie eine Art Opfer, das er bringen muss. Bei den Aufnahmen für dieses Bild war der Mann ursprünglich gekommen, um den nackten Noah zu spielen. Aber dann sah er dem Abraham des italienischen Barockmalers Caravaggio (1571­1610) erstaunlich ähnlich. Daher beschloss ich, ihn als Abraham zu inszenieren. Als ich die Szene entwarf, dachte ich darüber nach, dass die Armut wie ein geschlossener Kreis ist, weil die Kinder armer Leute arm bleiben. Über diesen Gedanken kam mir dann merkwürdigerweise die Assoziation vom Kreislauf bei der Wiederverwertung von Verpackungen. Außerdem erinnerte ich mich an die "Supermarket Lady" des amerikanischen Pop-Art-Künstlers Duane Hanson, die Frau mit dem Einkaufswagen. Doch anders als bei Hanson ist mein Abraham arm und schmutzig, er lebt davon, Leergut zu sammeln. Und sein Sohn liegt passiv oben auf seinem Wagen, als habe er sich mit seinem Schicksal abgefunden. Bei Caravaggio schreit er zum Himmel. In unserer Gesellschaft sind Kinder allzu oft die Opfer.

Manche Ihrer Bilder wirken wie an der Grenze zum Kitsch, zum Beispiel das von Samuel und Saul.

Was ist Kitsch? Ein Moment mit dem oder der Geliebten beim Sonnenuntergang ist absolut kitschig, aber zugleich auch wahr und aufregend. Beim Foto "Samuel und Saul" geht es um den Moment, in dem Samuel Saul als den nächsten König segnet und gleichzeitig plant, ihm ein Bein zu stellen. In diesem Foto kann man etwas von dem Bild "Iwan der Schreckliche ermordet seinen Sohn" des russischen Historienmalers Ilja Repin (1844­1930) wiedererkennen. Ich habe dies mit der Situation eines Sohnes verknüpft, der sich an seinen gewalttätigen Vater schmiegt. Die dargestellte Szene hat eine kitschige Dimension, aber auch eine sehr starke Kraft. Sie erinnert mich an den Moment, als ich stundenlang am Bett meines todkranken Vaters saß, mich an ihn schmiegen wollte und über uns reden wollte, was wir niemals zuvor getan hatten. Stattdessen sprachen wir nur über die nächste Mahlzeit und seine Sauerstoffmaske.

Ist es richtig, Armut in einem so stilisierten Ambiente zu zeigen, wie im Bild "Jakob und Esau"?

Manche Betrachter sagen tatsächlich: Es ist menschenverachtend, Armut so schön zu zeigen, dass man sich das Bild ins Wohnzimmer hängen könnte. Für dieses Foto habe ich eine Volksküche geschaffen, weil jetzt immer mehr in Israel öffnen. Auch in der Armut trickst einer den anderen aus, wie Jakob seinen Bruder Esau austrickst ­ das ist die Natur des Menschen. Jakobs zusätzlicher Name war Israel ­ das sind wir. Esau war immer der Andere. Jesus wurde eine Zeit lang so genannt. Deshalb hab ich ihn wie einen Heiligen dargestellt: in der passenden Beleuchtung und mit langem Haar und Bart. In diesem Bild begegnet das Elend dem Pathos der Kunstgeschichte.

Sie zeigen oft hilflose Menschen. Warum?

Es stimmt, viele meiner biblischen Figuren haben ihr Zuhause verloren: Abraham, Hagar, Ruth und Naomi, Noah, Hiob, Joseph ­ und sind auf ihrem Tiefpunkt abgebildet. Ich wollte eine Art urbaner Legenden schaffen. Außerdem bin ich vom italienischen Maler Caravaggio beeinflusst, der das Leben der Menschen am Rande der Gesellschaft in Spannung zu den Heiligen darstellt.

Sie deuten biblische Motive manchmal ziemlich kräftig um. Gab es deswegen schon einmal Ärger?

Nicht wirklich. Ich will ja auch nicht provozieren. Die homoerotische Darstellung von Soldaten ­ wie im Abendmahlsbild angedeutet ­ ist nicht provokativ. Auch mein Bild von dem betrunkenen Noah verursachte keinen Ärger, die Realität sieht ja manchmal genau so aus. Ich will biblische Geschichten nicht illustrieren, sondern ihren Geist interpretieren.

Hatten Sie auch für Ihren Noah ein reales Vorbild?

Ja. Ich fuhr eines Nachts mit meinem Wagen durch das Zentrum Tel Avivs, da sah ich vor dem Stadttheater einen nackten Obdachlosen liegen. Er war der Bruder des in Israel sehr berühmten Filmemachers David Perlov ­ er starb 2003. Ich dachte mir: Es ist schrecklich, erst recht als Bruder eines so berühmten Künstlers, nachts nackt auf der Straße vor einem Theatereingang zu leben. Nicht weniger schrecklich war es, dass ich damals nicht anhielt, um ihm Hilfe zu leisten. Die Sünde des Ham in der Noahgeschichte war, dass er seinen nackten Vater Noah ignorierte. Diese Sünde teilen ich ­ und der Betrachter des Bildes.

Sie zeigen Elia und die Raben. Wo haben Sie die Vögel her?

Die Raben wurden für dieses Bild präpariert. Allerdings wurde keiner für meine Fotos getötet. In Israel gibt es regelrechte Schwärme von Raben. Die Behörden vergiften sie, wenn es zu viele sind. Der Präparator hatte gerade eine frische Lieferung toter Raben erhalten und konnte sie daher anhand meiner Skizzen ausstopfen. Und was die dargestellte Szene angeht: Jeder Betrachter kann sich ja selbst überlegen, ob die Raben Elia füttern oder ihm das Brot gerade klauen.

Aber der Betrachter soll die Raben schon für lebendig halten?

Menschen neigen dazu, Fotos zu glauben. Allerdings inszeniere ich genau die Szenen, die ich zeigen will. Meine Bilder wirken wie Filme, die auf wahren Geschichten basieren. Wenn man weiß, dass meine Bilder gestellt sind, spürt man auch, dass der dargestellte Obdachlose für viele Menschen in ähnlichen Situationen steht. Das ist mir wichtig.

"Joseph" zeigen Sie als einen Jungen, der so ernst und traurig guckt, als könne man ihm nichts über das Leben vormachen.

Das Fotomodell ist mein achtjähriger Neffe, der Enkelsohn von Hiobs Schwester. Ich wählte ihn wegen seiner großen, verträumten Augen aus, zog ihm ein gestreiftes Hemd an und stellte ihn auf eine dunkle Straße. Sie ist dunkel wie das Erdloch, in das Jakobs Söhne ihren Bruder Joseph warfen, bevor sie ihn nach Ägypten verkauften. Es ist das einzige Bild der Serie mit einem gewissen Optimismus, repräsentiert durch den blauen Himmel. Joseph ist noch ein Junge und hat daher noch Hoffnung. Er guckt so traurig, weil ich ihn frühmorgens in der Dunkelheit fotografiert habe. Vielleicht aber auch deshalb, weil in Israel jedes dritte Kind in Armut lebt. Worüber soll er sich freuen?

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