Ich war hier!

Spanien, damals, weißt du noch? Souvenirs sind die kleinen Anker der Erinnerung

Bei jedem Umzug dieselbe Frage: Diese kleine weiße griechische Kirche aus Keramik ­ soll sie wirklich noch mal in Zeitungspapier eingewickelt und in den Karton verpackt werden? Längst fängt sie Staub neben einem roten Doppeldecker-Bus in Matchbox-Größe und dem Mini-Leuchtturm aus Norderney. Und längst müsste man den Krempel, simplify your life, einfach entsorgen. In den Müll, auf den Flohmarkt, bei Ebay versteigern.

Und jedes Mal wird das schon leicht ergraute Andenken doch wieder eingepackt, in jeder neuen Wohnung kriegt es einen neuen Ehrenplatz. Denn damals, auf der griechischen Insel Samos, wo die Kirche her stammt, da war etwas passiert. Sie waren zu zweit hingefahren, mit zwei Rucksäcken voller Fragen und Zweifel. Sie kamen als Paar zurück, mit dieser wahnsinnig fetten Liebe. Und das Keramik-Kirchlein konserviert dieses Samos-Gefühl, mitten in der verregneten deutschen Großstadt.

Darum reist der Mensch, seit jeher: Weil er als ein anderer zurück kommen will. Weil er den Alltag überschreiten, die Magie eines anderen Ortes spüren will. "Gewiss, es wäre besser, ich käme gar nicht wieder", schreibt Goethe in seiner "Italienischen Reise", "wenn ich nicht wiedergeboren zurückkommen kann." Eine komplette Wiedergeburt verspricht sie zwar nicht, die Tourismuswerbung 2006, aber doch mehr als Sonne und Strand: "Taiwan berührt ihr Herz", und selbst im bodenständigen Allgäu ist man "zu Gast im Paradies". Im Paradies? Das glaubt einem doch keiner, wenn man am Montag nach dem Urlaubsende wieder am Schreibtisch sitzt, als wäre nichts gewesen. Und so bringt der Mensch Souvenirs mit: Als Selbstvergewisserung dieser Wandlung. Als Erinnerung daran, dass es da noch was anderes gibt als Job, Steuer-Erklärung, Aldi-Kasse, Fernbedienung.

Mit Souvenirs rufen wir uns diese besondere Morgenstunde im Café noch einmal zurück, die fremde Sprache, den Ausnahmezustand

Das Reisen als solches ist nichts Besonderes mehr, es ist ein Massenphänomen wie die kleinen griechischen Kirchen aus Keramik. Heute kann jeder fast überall hin. Mit dem Billigflieger gibt es Venedig schon ab 19 Euro. Wer von dort eine beleuchtete Gondel mitbringt, hat weiß Gott kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Jeder kann sich eine Gondel kaufen, denn die Gondel wird für einen Spottpreis in China oder Taiwan hergestellt.

Und genau deshalb finden Kultursoziologen das Souvenir heute geradezu "subversiv": Weil es dem Massencharakter der Dinge einen ganz eigenen biografischen Wert hinzufügt. Reisen kann jeder, eine Gondel kaufen kann jeder. Aber genau diese Geschichte zu dieser Gondel ­ die hat nur ein einziger Mensch. Genau wegen dieser "biografischen Aufladung" werden Souvenirs mehr denn je boomen, prophezeit der Frankfurter Kunsthistoriker Volker Fischer: "Weil die Ware Reise immer kürzere Verfallszeiten hat, boomen die Anker der Erinnerung. An tausend Eiffeltürmen aus Kupferguss hängen tausend verschiedene Geschichten und Reiseerinnerungen."

Da ist diese winzige Herzmuschel, die man erst nach der Heimkehr in der Jeanstasche findet. Der kleine Sohn muss sie am letzten Tag am Meer in die Hose gesteckt haben, und jetzt steht man vor der Waschmaschine, vor den Bergen mit 30, 60 und 90 Grad. Diese Muschel, man wird sie nicht wegwerfen. Es war ein besonderer Morgen gewesen, der kleine Sohn war viel zu früh wach geworden, leise hatten sie sich aus dem Hotelzimmer geschlichen, um in der Morgendämmerung am Strand entlang zu laufen, nur sie beide. Wer weiß, vielleicht würden sie das nie wieder tun? Momente kann man nicht festhalten. Souvenirs schon.

Es gibt wenige Menschen, die ohne diese dinglichen Anker auskommen. Eine Freundin hatte im Internet einen Mann kennen gelernt. Als sie ihn zum ersten Mal zu Hause besuchte, erschrak sie: Kein Bild, kein Stofftier, noch nicht mal ein Buch lag aufgeschlagen da. Es sollte ein Signal sein: Ich habe meine Vergangenheit bereinigt, ich bin frei für dich. Die Freundin drehte postwendend um. "Ich habe mir sofort ausgemalt, wie der eines Tages alles auslöschen würde, was mit mir zu tun hat."

Aber so radikal ist kaum jemand. Noch nicht mal Professor Ulrich Schneider, der von sich behauptet: "Ich bin ein ganz undinglicher Mensch." Schneider ist Direktor des Frankfurter Museums für Angewandte Kunst, Herr über 45.000 Vasen, Gabeln, Teppiche und Stühle. "Den ganzen Tag schon habe ich Dinge um mich", sagt er und spielt mit einem kleinen Souvenir auf seinem Schreibtisch: einer heiligen Kaaba, in Gießharz eingeschmolzen, samt winzigen roten, grünen und blauen Christbaumkugeln ­ sie dienten, wie apart, dem Mekka-Pilger zur virtuellen Steinigung. Solche Sachen sammelt Schneider seit vier Jahren, seit er weiß, dass sein Museum eine große Souvenirausstellung machen wird. 

Souvenirs sind Massenware. Aber dieses eine erzählt immer nur meine Geschichte

Und privat, Herr Schneider, woran hängt Ihr Herz? Da geht ein Lächeln über sein Gesicht, plötzlich wirkt er 20 Jahre jünger. Und erzählt von einem kleinen Stoff-Elch, kaum museumswürdig, aber das Geschenk einer Frau, die wichtig war, an einem Ort, an den man nicht jeden Tag kommt: Anchorage in Alaska.

Der Flughafen von Anchorage war früher mal der größte Souvenirshop der Welt. Hier mussten ­ als Flugzeuge noch nicht genug Sprit tanken konnten, um nonstop nach Asien zu fliegen ­ fast alle Japaner zwischenlanden. Und kauften last minute all die Eiffeltürme, Windmühlen und Pisa-Türme, zu deren Erwerb sie nicht gekommen waren auf ihrem Trip "See Europe in 5 days".

Massenprodukte waren sie immer schon, die Souvenirs, sagt Schneider. Zwar gab es bei den ersten Pilgern eine Elite, die "echte" Überreste von Heiligen oder Blut Christi mit nach Hause nahmen. Allein 19 Vorhäute Christi brachten die ersten Wallfahrer mit, und fünf Dutzend Fingerknochen ein und desselben Heiligen. Aber die meisten mussten sich mit Andenken begnügen, die in großen Stückzahlen extra für diesen Zweck aus Ton gepresst oder, später, aus Zinn gegossen wurden.

"Ich war da" sollte ­ und soll ­ das Andenken den Daheimgebliebenen signalisieren. Der frühe Pilger steckte sich ein "Pilgerzeichen" aus Zinnblei an den Hut, nähte es sich an den Mantel oder nagelte es nach seiner Rückkehr an die heimische Haustür. Auf einer einzigen Marienwallfahrt 1466 wurden in Einsiedeln 130 000 Pilgerzeichen verkauft. "Ich war da" demonstriert auch der moderne Tourist mit einem Nordkap-Elch auf dem VW-Bus oder einem T-Shirt "I run New York".

Momente kann man nicht festhalten Souvenirs aber schon. Mitten im Alltag konservieren sie die Magie der fernen Orte

Besonders beliebt sind die verkleinerten ­ auf menschliches Maß reduzierten ­ Heiligtümer und Wahrzeichen. Franziskanermönche fertigten im 17. Jahrhundert die Jerusalemer Grabeskirche im Bonsaiformat. Heute ist der Eiffelturm die am häufigsten gekaufte Miniatur: Paris zum Mitnehmen.

Puristen begnügen sich damit, fremde Erde einzupacken. Steine aus dem Heiligen Land, Staub vom Märtyrergrab, Sand von der Playa Ingles in Marmeladengläsern. Doch aufgepasst: In der Türkei wurde 2003 ein deutscher Tourist verhaftet, weil sein Sohn am Strand von Antalya Kreidesteine eingesammelt hatte ­ "Schmuggeln von archäologisch wertvollem Kulturgut", so der Vorwurf.

Erinnerungsforscher wissen: Das menschliche Gedächtnis funktioniert nur über Emotionen. Schöne und schreckliche. Wir merken uns Zimmer Nr. 402, wo wir eine leidenschaftliche Nacht verbracht haben. Wir merken uns den 14. November, an dem uns die Nachricht per Handy erreichte: der Vater ist gestorben. So haben auch Souvenirs, die mit traumatischen Erinnerungen verbunden sind, ihren Wert. Die Twin Towers, Mini-Ausgabe des zerstörten World Trade Centers, werden als "Souvenirs of Desaster" ebenso hoch gehandelt wie kleine Blei-Modelle vom Tschernobyl-Reaktor. Aus den Konzentrationslagern brachten fast alle Juden ihren Stern mit ­ und die "Gamelle", das Trinkgefäß, ohne das sie nicht überleben konnten.

Und zu allen Zeiten waren Souvenirs ohne die "biografische Aufladung" völlig wertlos. Im Mittelalter zog man die richtige Konsequenz: Man gab sie den Verstorbenen mit ins Grab, und die recyclingfähige Blei-Zinn-Legierung der Pilgerzeichen löste sich in der Erde auf. Wenn uns ein Mensch verlässt, ist auch die Geschichte zum Souvenir verschwunden. Da muss nicht mal einer sterben. Wenn Papa weggeht, ist die Sammlung von schwarzen Lava-Steinen dann noch ein magisches Souvenir aus einem legendären Lanzarote-Urlaub? Nicht für die Kinder, die damals noch gar nicht geboren waren. Neulich haben sie die Steine in ihrem Sandkasten verbuddelt. Für sie waren es eben nur -­ Steine.

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