Evangelische Schule in Berlin ist für alle da

Befreiter lernen
Als Margret Rasfeld vor drei Jahren die Evangelische Schule Berlin Zentrum gründete, schimpften die Politiker: Eliteschule! Nun führt der Senat ihr Konzept in der ganzen Stadt ein

Moritz sortiert Flaggen. Auf einer Europakarte legt der 16-Jährige die Flaggen auf das jeweils passende Land. "Ich will demnächst den Test machen, um das Zertifikat zu bekommen", erklärt er. "Geografie Grundlagen" heißt der Unterrichtsbaustein, für den Moritz ein Zertifikat erwerben will.

Eben noch lief der Besucher über einen hässlich asphaltierten Schulhof, umsäumt von alten DDR-Plattenbauten. Drinnen ist das Treppenhaus freundlich gelb gestrichen. Das zufriedene Gemurmel aus den offenen Räumen lässt vergessen, in was für einem Gebäude man sich gerade befindet.

Margret Rasfeld

Margret Rasfeld, Jahrgang 1951, war 16 Jahre Gymnasiallehrerin. Seit 1992 hat sie drei Gesamtschulen mitaufgebaut und gegründet. Ihre Essener Gesamtschule Holsterhausen orientiert sich an der Agenda 21, einem internationalen Umweltplan. Das Projekt "Verantwortung" an ihrer 2007 gegründeten Evangelischen Schule in Berlin-Zentrum wurde vom Bundesfamilienministerium als "Leuchtturmprojekt" ausgezeichnet.
Urban ZintelMargret Rasfeld

Thomas Bastar

Thomas Bastar ist ehemaliger chrismon-Redakteur und arbeitet heute als freier Journalist und Autor in Hamburg; u.a. auch für chrismon und die Stiftung Kiba.
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Erstaunlich, wie ruhig die Kinder trotz der offenen Klassenzimmertür dasitzen - oder gerade deswegen? "Lernbüro" nennen sich die ersten beiden Schulstunden, die die Schülerinnen und Schüler der Evangelischen Schule Berlin Zentrum mit einem Fach verbringen: Deutsch, Englisch, Mathematik oder Natur und Gesellschaft. Mit welchem Fach, das entscheiden sie selbst.

An Moritz' Nebentisch beschäftigt sich seine Freundin Elena mit ganz anderem Stoff. Sie hat einen Stapel von Geschichtsbüchern vor sich liegen. Die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg: das ist ihr Thema. Darüber hat sie einen fingierten Brief eines Kundschafters an den Herzog von Bayern geschrieben. "Dein Brief ist zu kühl und sachlich", kommentiert Martha, die sich gerade mit der gleichen Aufgabe beschäftigt. "An eine hochstehende Persönlichkeit muss man zuerst einige Höflichkeitsfloskeln schreiben."

Kein Edelgymnasium

Margret Rasfeld, die Schulleiterin, hat gemeinsam mit einer Elterninitiative die Evangelische Schule vor drei Jahren gegründet. Hier werde ein Edelgymnasium entstehen, hatte damals eine Bezirksstadträtin verbreitet und für schlechte Stimmung gesorgt. Drei Wochen vor den Sommerferien stand nur das Gebäude fest - welche Lehrer kommen würden und wie viele Schüler, das war offen. "Wir haben dann mit 44 Schülern aufgefüllt, die vom Gymnasium nach unten durchgereicht werden sollten", sagt Rasfeld. "Der erste Jahrgang war heftig. Und jetzt, nur drei Jahre später, haben wir viermal so viele Anmeldungen." Wie sie sich den plötzlichen Zulauf erkläre? "Bisher wurde in der Schule gefragt: Ist der Schüler gut genug, und nicht: Wo liegen seine Stärken?", antwortet Margret Rasfeld. Das sei an ihrer Schule anders. "Hier lautet die Botschaft: 'Ich kann! ', und nicht: 'Du sollst! '" Die wichtigste Regel im Lernbüro: "Wenn ich nicht weiterweiß, bitte ich zuerst einen Mitschüler um Hilfe." Es geht um Selbstverantwortung. Der Lehrer bleibt im Hintergrund und hilft nur bei Bedarf. Wer seine Lektion, den "Baustein", gelernt hat, kann ein Zertifikat erwerben. Dafür legt er dem Lehrer entweder Arbeitsunterlagen vor, hält einen Vortrag, führt ein szenisches Spiel vor oder schreibt einen Test. Und weil der Lehrer nur das selbstständige Lernen begleitet, nennt man ihn hier Tutor.

Im Lernbüro Natur und Gesellschaft schlägt Lehrerin Jenni Leonhard eine Glocke an und bittet um Aufmerksamkeit. Milan soll eine Diskussion anregen, ob die Schule am Morgen später beginnen soll - auch dies ist eine Aufgabe für ein Zertifikat. Der Junge stellt einige Thesen auf und moderiert dann eine angeregte Diskussion. Zum Schluss bittet die Lehrerin um "zwei kurze Feedbacks für Milan". Moritz meldet sich als Erster: "Gut vorgetragen, die Diskussion war sehr offen", meint er kurz und knapp. Martha ist kritischer: "Vielleicht hättest du am Anfang genauer sagen sollen, welche verschiedenen Zeiten für den Schulbeginn gemeint sind. Das war etwas unklar."

"Der Druck ist hier nicht so groß."

"Wahlfreiheit ist ein hoher Motivationsfaktor", sagt Schulleiterin Margret Rasfeld. "Wenn ich wählen darf, was ich wann tue, dann lerne ich lieber." In sogenannten Werkstätten und Projekten lernen die Schülerinnen und Schüler auch praxisorientiert und forschend. Sie arbeiten mit Künstlern in deren Atelier, proben mit Schauspielern Theatervorführungen, bilden Grundschüler zu Klimabotschaftern aus, sammeln Geld für Mikrokredite in der Dritten Welt.

Am ehesten entsprechen noch die vier Wochenstunden mit Wahlpflichtfächern dem klassischen Schulunterricht. Die Schüler müssen zwischen Französisch, Spanisch, Naturwissenschaften und Darstellendem Spiel wählen. Allerdings sind alle Klassen mit Schülern der Stufen 7 bis 9 gemischt. Erst die zehnten Klassen werden ab nächstem Schuljahr unter sich bleiben, um sich auf den mittleren Schulabschluss vorzubereiten.

"Der Druck ist hier nicht so groß. Man kann befreiter lernen, weil es bis Klasse 9 keine Noten gibt", sagt der 14-jährige Jakob. Dass er alles selbst organisieren müsse, sei ihm neulich zu viel geworden, wirft Jakob ein. "Das war nur eine kurze Phase", fügt er beschwichtigend an. Leonie, 15, fürchtet manchmal, "dass wir weniger lernen, weil wir selbst entscheiden, was wir lernen." Deshalb hat sie mit Freundinnen aus anderen Schulen verglichen, was sie an Unterrichtsstoff gelernt haben - und zu ihrer Beruhigung festgestellt, dass sie ebenso viel weiß.

Das Modell der evangelischen Schule im Zentrum Berlins mit ihrem an die Montessoripädagogik angelehnten Konzept hat nun auch skeptische Landespolitiker überzeugt. Ab den Sommerferien wird es in Berlin neben den Gymnasien nach der sechsjährigen Grundschule nur noch eine weiterführende Schulform geben: die Sekundarschule. Der Senat hat den Schulen freigestellt: Entweder sie richten Kurse mit verschiedenen Leistungsstufen ein wie bisher an den Gesamtschulen. Oder sie organisieren individuelles Lernen in heterogenen Klassen, wie es die Schule Berlin Zentrum praktiziert.

An sechs Nachmittagen des vergangenen Schuljahres kamen Dutzende Berliner Lehrerinnen und Lehrer - teils freiwillig, teils von ihrem Schulleiter abgeordnet - zu Lehrerfortbildungen. Doch nicht die Lehrer der Evangelischen Schule, sondern ihre Schüler bestritten - nach dem Einführungsvortrag der Schulleiterin - den größten Teil dieser Veranstaltungen.

Die Lehrer hätten viele Fragen gestellt, sagt Jakob. Ob die Jugendlichen wirklich selbstständig lernen. Und was passiert, wenn ein Schüler ständig stört. "Wir lassen uns nicht ablenken, wenn jemand quatscht oder keinen Bock hat", habe Moritz geantwortet. Und dass sich die Schüler auch gegenseitig motivieren.

Tatsächlich wirken die Schülerinnen und Schüler nicht nur selbstbewusst, sie können auch reflektiert und klar über sich und ihre Lernmethoden Auskunft geben. Von "Herzensbildung", spricht Schulleiterin Rasfeld, von "starken Persönlichkeiten" mit "Problemlösepotenzial". Statt auf Klassenfahrt schickt sie ihre Schüler ins Projekt "Herausforderung". Jeder Schüler der Jahrgänge 8 bis 10 soll innerhalb von drei Wochen eine selbst gewählte Aufgabe außerhalb Berlins meistern. Ganz auf sich allein gestellt, nur begleitet von einem bis zwei studentischen Helfern. Leonie fuhr mit fünf anderen Mädchen per Fahrrad und Fähre nach Hiddensee, um dort der Uni Greifswald bei der Heidepflege zu helfen. Moritz ist mit Jakob, zwei weiteren Jungen und einem Studenten die 700 Kilometer bis in einen kleinen Ort nahe Münster geradelt. Dort besitzt der Vater eines Mitschülers ein Haus, in dem die Schüler übernachten konnten. Unterwegs schliefen sie in Gemeindehäusern oder bei Privatleuten. Zur Herausforderung gehört, dass die Jugendlichen mit einem Budget von maximal 150 Euro auskommen. Auch am Ziel blieben die vier nicht untätig, sondern suchten sich Arbeit bei Bauern, halfen bei der Kartoffelernte und im Schweinestall.

Selbsterfahrung ist wichtig

"Kinder brauchen immer wieder die Gelegenheit, etwas zu erfahren, was unter die Haut geht, was sie berührt und begeistert." Das Zitat des Göttinger Neurobiologen Gerald Hüther hängt am Schwarzen Brett im Schulflur.

Und auf noch manches andere weist Schulleiterin Rasfeld gern hin. Auf die Besuche von Siebt- und Achtklässlern im Altenheim. Und darauf, wie sie im Kindergarten Kindern naturwissenschaftliche Experimente vorführen, wie sie eine Schülerfirma für umweltfreundliches Schulmaterial führen, und wie sie im Rahmen der Initiative "Plant for the Planet" Bäume pflanzen und darüber an anderen Schulen Vorträge halten. Umweltschutz praktizieren, Verantwortung übernehmen in Schule und Gesellschaft - und Demokratie im Schulalltag einüben, das seien die wichtigen Ziele ihrer Schule, betont Rasfeld unermüdlich.

Freitagmittag ist Schulversammlung. Zwei Schüler übernehmen die Moderation. Ein paar Schüler spielen etwas auf ihren Instrumenten vor, ein musikalisches Rahmenprogramm. Und dann kommt bald der "Tagesordnungspunkt Lob". Schülerinnen und Schüler motivieren sich gegenseitig. Einer lobt zwei Mitschüler, die einander geholfen hätten. Ein weiterer habe sich bei einem Projekt besonders eingesetzt, ein vierter gute schulische Leistungen gebracht. Auch die Lehrerinnen und Lehrer dürfen sich melden, die Moderatoren erteilen ihnen das Wort.

Auch in der Klassenstunde dürfen alle Schülerinnen und Schüler sagen, worauf sie stolz sind. "Auf mein Mathezertifikat", sagt Nicolas. "Dass ich mit dem Ordner 'Dreiecke' fertig geworden bin", schließt sein Nachbar an. Einem Schüler scheint nichts einzufallen: "Eigentlich bin ich gerade auf nicht so viel stolz." Die Lehrerin fragt in die Runde: "Worauf könnte Leander stolz sein?" Ein Mädchen meldet sich: "Ich habe gehört, wie er die Ballade geübt hat. Da hat er sehr gut betont."

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