Was halten Christen von der Todesstrafe?

Christen und die Todesstrafe
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Foto: Michael Ondruch

Nicht nur muslimisch, sondern auch christlich geprägte Staaten tun sich mit Todesurteilen und Exekutionen unrühmlich hervor. Das biblische Tötungsverbot hat sich noch keineswegs durchgesetzt.

Es war der erste Tag des muslimischen Opferfestes. Am 30. Dezember 2006, morgens um sechs Uhr, starb Saddam Hussein durch den Strang. Bekleidet mit einem weißen Hemd und einem schwarzen Mantel, an den Händen gefesselt, trat der 69-Jährige sehenden Auges vor den Galgen. Der irakische Ex-Diktator war umgeben von maskierten Männern. Die legten ihm zuerst ein schwarzes Tuch um den Hals, dann die Schlinge. "Er starb sofort", sagte später ein irakischer Regierungsvertreter. "Er zitterte nicht. Er wirkte ruhig und gefasst."

"Ein Verbrechen mit einem anderen Verbrechen bestrafen"

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und der Vatikan kritisierten Todesurteil und Exekution. Der Vatikan verurteilte, dass "ein Verbrechen mit einem anderen Verbrechen bestraft" werde. Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, betonte, "die Todesstrafe sei keine angemessene Form staatlichen Strafhandelns". Zum Rechtsstaat gehöre der Verzicht auf die Todesstrafe. Deutliche Kritik kam auch von Amnesty International wie auch vom Europarat, der die Exekution als "grausam und barbarisch" bezeichnete.

Tatsache ist: Auch christlich geprägte Staaten verhängen Todesurteile und lassen exekutieren. Schließlich waren es amerikanische Sicherheitskräfte, die Saddam Hussein kurz vor der Exekution an die irakischen Behörden übergaben, wohl wissend, was ihn erwartete. Und es war der amerikanische Präsident George W. Bush, der sich bisweilen als geläuterten Christen bezeichnet, der die Exekution als Meilenstein auf dem Weg zu einem demokratischen Irak bezeichnete.

Das aus den Zehn Geboten der Bibel bekannte Tötungsverbot hat sich also keineswegs durchgesetzt, auch nicht unter Christen. Im Jahr 2005 entfielen 94 Prozent aller Hinrichtungen weltweit auf vier Staaten: China, Iran, Saudi-Arabien und USA. Es wurden mindestens 2148 Menschen in 22 Staaten hingerichtet. An der Spitze stand zwar China mit mindestens 1770 Exekutionen. Doch in amerikanischen Todestrakten sitzen 3400 Menschen und warten auf die Hinrichtung. 1999 war dort ein Jahr mit besonders vielen Exekutionen: 98, ein Spitzenwert in den vergangenen fünf Jahrzehnten.

In Amerika sind die Kirchen gespalten

Anders als die Kirchen Europas sind jene in Amerika in ihrer Einstellung zur Todesstrafe gespalten. Während zum Beispiel die meisten evangelikalen Christen rechtskonservativ sind und mehrheitlich für die Todesstrafe eintreten, haben die römisch-katholische und die Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika (ELKA) die Todesstrafe geächtet. Bemerkenswert aber auch: Der katholische Weltkatechismus von 1992 rückt erst seit seiner Neuauflage von 2003 deutlicher von der Todesstrafe ab. Diese war übrigens erst im Jahr 1969 im Vatikanstaat per Gesetz abgeschafft, 2001 auch aus dessen Verfassung gestrichen worden. Das war schon lange überfällig, war doch das letzte Todesurteil im Kirchenstaat im Jahr 1870 vollstreckt worden.

Die überwiegende Mehrheit der christlichen Kirchen benennt heute gleich mehrere Gründe, warum Todesurteil und Exekution nicht zu rechtfertigen sind. Unmittelbar einleuchtend ist dieses Argument: Eine Exekution kann nicht revidiert werden. Urteile können aber Fehlurteile sein, wie das seinerzeit viel diskutierte Urteil im Verfahren gegen Anthony Porter aus dem amerikanischen Bundesstaat Illinois, bei dem die Aufdeckung falscher "Beweise" und skrupelloser Prozessabsprachen dazu führte, dass er nach 16 Jahren Haft im März 1999 als Unschuldiger aus der Todeszelle entlassen werden musste.

Eine Exekution verschließt dem Delinquenten außerdem jede Möglichkeit, Reue zu üben, den angerichteten Schaden wiedergutzumachen und sein Leben neu zu beginnen. Das christliche Menschenbild geht immer von der Möglichkeit aus, dass sich Menschen positiv verändern.

Jeder Mensch gilt als Ebenbild Gottes

Schließlich: In Judentum und Christentum gilt jeder Mensch als Ebenbild Gottes. Jeder Einzelne hat einen unersetzlichen Wert. Das ist auch der Grund, weshalb die katholischen Bischöfe Amerikas die Todesstrafe als eine Gotteslästerung verstehen: eine Beleidigung dessen, der die Menschen geschaffen hat.

Normalerweise gedenken Muslime am Opferfest der Rettung eines Menschenlebens. Es geht um die aus der Bibel bekannte Geschichte Abrahams. Er war dabei, seinen Sohn auf dem Altar zu opfern. Aufgrund von Gottes Einspruch ließ er ihn leben. Ein solches Verhalten gegenüber Saddam wäre wahrlich eine große Geste gewesen.

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Horst,

wir hatten gestern leider mit einem Server-Ausfall zu kämpfen, weswegen unsere Website kurzzeitig zurückgesetzt werden musste. Dadurch gingen auch einige Leserkommentare verloren, die aber zwischenzeitlich wiederhergestellt wurden. So auch Ihrer.

Wir bitten die Umstände zu entschuldigen.

 

Mit freundlichen Grüßen

Michael Güthlein

chrismon.de-Redaktion

Als Saddam damals an den Irak übergeben wurde, da schien mir das sehr anrüchig.
Heute wissen wir alle wie anrüchig der Irakkrieg war!?

Die Todesstrafe ist immer ein Zeichen unseres anrüchigen Zusammenlebens, denn die Ursache aller Probleme ist in unserer aller Verantwortung zu erkennen, das gilt bis zum Jüngsten Gericht.

Warum wird in diesem Artikel ein schwarz-weiß Bild gezeichnet?
Ich bin als Muslima genauso gegen die Todesstrafe, wie es viele Christenund Juden sind. Das Problem ist bloß, dass ihr Artikel es so darstellt als wäre es muslimisch die Todesstrafe anzuwenden und als Beispiel führen sie natürlich irgendwelche maskierten Idioten auf, die alles andere als gläubig sind.

In diesem Artikel geht es nicht in erster Linie um Muslime. Genausowenig wird ein schwarz-weißes Bild gezeichnet. Nur der letzte Abschnitt beschäftigt sich mit möglichen Quellen, aus denen man innerhalb der mohammedanischen Tradition eine Ächtung der Todesstrafe ableiten könnte. Dazu muss man festhalten: Leider ist der Koran gespickt mit Aufforderungen, die Todesstrafe anzuwenden, gegenüber Moslems genauso wie gegenüber Nichtmoslems. Aus der Biographie Mohammeds und der Überlieferung entsteht dasselbe Bild. Nirgendwo findet sich im Koran ein generelles Tötungsverbot. Im Gegenteil, Tod soll die Strafe für alles Mögliche sein, vom "Nichtmoslem" sein, über den Glaubensabfall bis hin zur Mohammedkritik.

Antonina schrieb am 19. Mai 2015 um 20:57: "Nirgendwo findet sich im Koran ein generelles Tötungsverbot." Wenn es wirklich so wäre, könnten sich die Moslems eine der peinlichsten Dauerveranstaltungen der Christen schenken. Die müssen nämlich seit 2000 Jahren alles Blutvergießen, vom Krieg über die Todesstrafe bis zum Verhungern lassen ganzer Landstriche, als im Einklang mit "Du sollst nicht töten" darstellen. In dieser Kunst, mit den 10 Geboten unter dem Arm reichlich vom Leben zum Tode zu befördern, sind die Christen Weltmeister. Aber selbstverständlich gibt es Moslems, die stolz darauf sind, auch mithalten zu können in dieser Disziplin.