"Wir weigern uns, Feinde zu sein"

Mit einem bescheidenen Begegnungszentrum, dem "Zelt der Völker", stemmt sich der palästinensische Christ Daoud Nassar gegen die aggressive Landenteignung durch jüdische Siedler

Eine stille Hitze liegt über dem Berg Daher. Mücken schwirren, ein sanftes Lüftchen streicht über trocken-dürres Gras. Es trägt den Mittagsruf des Muezzins vom Dorf Nahalin im Tal hinauf zum Haus von Daoud Nassar. Der junge Mann kennt die Leute da unten, die Muslime. Die Familien sind einander verbunden, seit Jahrzehnten. Viel schwieriger ist eine andere Nachbarschaft.

Daoud Nassars Blick schweift in die Ferne zu den Hügeln, die ihn umringen. Gut ausgebaute jüdische Siedlungen sind auf den Erhebungen errichtet. Ihre Namen könnte der 39-Jährige im Schlaf nennen: Bitar Illit, Alon Shvut, Eleazar und Neve Daniel. Die Menschen dort oben kennt Daoud jedoch nicht. Für den palästinensischen Christen sind die modernen Siedlerstädte, nur einen Hügel von seinem Weinberg gelegen, in unerreichbarer Ferne. Politik, Misstrauen und Gewalt haben die kurze Distanz zu einer unüberwindbaren Entfernung gemacht.

Privates Friedensprojekt  gegen die Finessen der bürokratischen Kriegsführung

Es könnte eine Geschichte sein, wie es viele gibt im spannungsreichen, seit 1968 von Israel besetzten Westjordanland. Sie könnte handeln von nicht enden wollendem Streit, in dem zuerst Worte, dann Steine, schließlich Gewehrpatronen fliegen. Das ist sie aber nicht. "Wir weigern uns, Feinde zu sein", hat die Familie Nassar in mehreren Sprachen auf einen Stein neben dem Eingangstor zum Weinberg geschrieben. Mit einem bescheidenen Begegnungszentrum, dem Tent of Nations, dem Zelt der Völker, stemmt sich Daoud Nassar gegen die schnell drehende Spirale der Gewalt. Die Idee eines privaten Friedensprojektes hat der evangelisch-lutherische Christ von seinem verstorbenen Vater geerbt. Ihr fühlt er sich verpflichtet, auch wenn ihn fast täglich eine neue Finesse der israelischen Kunst bürokratischer Kriegsführung trifft.

Daoud Nassar lebt auf begehrtem Land. Seiner Familie gehört der letzte nicht von israelischen Siedlern besetzte Hügel zwischen Jerusalem und Hebron. Von den Höhen aus lassen sich tieferliegende Straßen und palästinensische Dörfer leicht kontrollieren, eine geschlossene Hügelkette in Siedlerhand könnte neuen Vorwand liefern für Landannexionen und neuen Druck auf die palästinensische Bevölkerung. Doch Daoud Nassar will nicht weichen. "Ich kann doch meine Mutter nicht verkaufen", sagt er zu dem Land, das sein Großvater 1916, noch unter dem Sultan im Osmanischen Reich, erworben hat. Mit Brief und Siegel. Die Dokumente sind unangreifbar - auch vor israelischen Gerichten. Das heißt aber nicht, dass die Sache damit entschieden ist.

Aufgeben oder zornig werden?

"Wir kämpfen um diesen Weinberg seit 1991." Immer wieder wird die Familie Nassar vor Gericht gezerrt. Mal entzündet sich der Streit an einer Hundehütte, weil damit angeblich gegen das Bauverbot der israelischen Militärverwaltung verstoßen wird, mal sind es Zelte, die ohne israelische Baugenehmigung auf dem privaten Grund errichtet sind. Mal eine kleine Betonplatte um eine Zisterne, für die sich Daoud Nassar vor Gericht verantworten muss. 140 000 Dollar Prozesskosten wurden der Familie in den vergangenen Jahren aufgeladen. Ohne Hilfe aus dem Ausland hätte Daoud Nassar allein das in die Knie gezwungen.

"Auf unserem Gelände dürfen wir nichts: Wir dürfen unser Haus nicht erweitern, wir dürfen keinen Strom haben, nicht einmal Leitungswasser wird uns zugestanden."

Aufgeben oder zornig werden? Weder das eine noch das andere ist für Daoud Nassar der Weg. "Wir wollen Palästinensernzeigen, dass es anders geht." Daoud Nassar: "Wir bekommen keine Wasserleitung - gut, dann bauen wir eine Zisterne. Wir werden nicht an die Stromversorgung angeschlossen - dann versorgen wir uns mit Solarenergie."

Solarenergie gegen Stromsperre

Selbstverständlich ist auch Letzteres nicht. Ohne die Unterstützung von Rupert Neudeck und seiner Organisation der Grünhelme wäre das nicht möglich gewesen. Neudeck bringt deutsche Solartechnik auf den Berg Daher. Moderne Sonnenkollektoren gibt es nicht in Palästina. Sie mit Hilfe eines israelischen Unternehmens einzuführen, erfordert selbst mit der politischen Unterstützung durch die deutsche Bundesregierung die Geduld von drei Jahren.

Daoud Nassar schweift über sein 42 Hektar großes Gelände. 4000 Olivenbäume stehen auf dem Ackergrund neben Aprikosenbäumen und Reben. Einfach ist alles eingerichtet, das Wohnhaus mit Wellblechdach, die neuen Zelte und alten Höhlen, in denen der Großvater mit seiner Familie noch genächtigt hat. Die kühlen Erdwohnungen haben eine lange Tradition in dem heißen Land. Heute dienen die insgesamt sieben Höhlen auf dem Gelände als Schlafplatz für Gäste, als Kapelle, Vorratsraum und Unterstellflächen für Traktor und landwirtschaftliche Geräte.

Mit Visa und Blankoscheck zum Auswandern gelockt

Sicherheitsvorkehrungen sind angebracht. "Siedler versuchen immer wieder, uns mit Gewalt zu vertreiben." Dann zerstören sie den Wasserbehälter oder reißen über Nacht jahrzehntealte, reich tragende Olivenbäume heraus. Auch die Familie wird angegriffen. "Was wollt ihr hier zwischen Juden und Muslimen", schreien Wütende der christlichen Familie zu. "Beide mögen euch nicht." Auch mit Geld wird gelockt. Neben Visa für die Auswanderung in die USA wurde Nassars Familie auch ein Blankoscheck geboten, wenn er das Land den Israelis überschreibt. Doch es geht eben nicht um Geld. Und es geht auch nicht allein um Nassars Familie.

"Wenn wir aufgeben, ist das palästinensische Dorf Nahalin ganz umzingelt." Dann hätte der israelische Staat auch diesen Ort in der Hand. Er würde mit Straßenblockaden den Weg der Palästinenser zur Arbeit in Bethlehem weiter erschweren, würde sie damit über kurz oder lang zur Aufgabe ihrer Heimat zwingen. Und nicht nur das. Striche Daoud Nassar die Segel, hätte die israelische Bürokratie gesiegt; selbst über verbrieftes Recht. Das Signal an junge Palästinenser wäre dann: Gerechtigkeit auf legalem Wege gibt es nicht.

"Wir brauchen Hilfe, die uns aktiviert"

Doch genau dagegen stemmt sich Nassar: "Man kann etwas tun gegendie Spirale der Gewalt", sagt er. Auf seinem Weinberg lädt er junge Palästinenser und Christen ein zum Gespräch und Miteinander. "Wir müssen jungen Palästinensern eine Perspektive geben, sonst sind sie nach der Schule verloren." Noch wird auf dem Gelände gebastelt, gefeiert, gekocht, Theater gespielt.

Der 39-Jährige, der in Österreich zur Schule gegangen ist, in Palästina und Deutschland Tourismusmanagement studiert hat, verfolgt eine weitergehende Vision. "Wir brauchen Berufsschulen und Ausbildungsmöglichkeiten für Junge." Nicht Geld will er für sein Land, sondern "Hilfe, die uns aktiviert".

Zeichen der Unterstützung sind rar, doch sie kommen manchmal von ganz unerwarteter Seite. Als aggressive Siedler vor einiger Zeit 250 alte Olivenbäume auf dem Weinberg zerstörten, reagierten europäische "Juden für Gerechtigkeit für Palästinenser". Sie kauften nicht nur 250 neue Bäume, sie kamen und halfen beim Pflanzen mit. Für Nassar und seine Frau und die Kinder Shade, Nardin und Beshara sind das Zeichen dafür, dass ein friedliches Miteinander möglich ist. Daran hält Daoud Nassar fest. "Ich bleibe, egal was kommt."

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