Anetta Kahane und Niklas Frank engagieren sich gegen Rechts: Sein Vater war Nazi, ihre Mutter im KZ

Sein Vater war ein Nazi. Ihre Mutter war im KZ.

Foto: Janni Chavakis

Beide lösten sich aus der Familie und engagieren sich heute gegen rechts

chrismon: Herr Frank, Ihre Eltern gehörten zur nationalsozialistischen Führungsschicht - was hat Sie zu Ihrer radikalen Distanzierung gebracht?

Niklas Frank: Es gab diese Fotos, die in den ersten Zeitungen nach dem Krieg erschienen, Leichen von KZ-Häftlingen, darunter auch Kinderleichen. Und immer stand darunter: Polen. Polen, das wusste ich, gehörte mal uns, den Franks. Ich war sechs, sieben Jahre alt, und diese Fotos von toten Kindern in meinem Alter haben mich erschreckt. Das sind Bilder, die ich nicht aus dem Kopf kriege. Ich bin im katholischen Oberbayern aufgewachsen und habe die Zehn Gebote gelernt. Selbst wenn ich die nicht gelernt hätte: Jeder Mensch bekommt mit, dass man nicht morden soll.

Anetta Kahane: Es ist nicht vom Schicksal vorgegeben, wie man denkt und handelt, auch nicht für den Sohn eines führenden Naziverbrechers. Menschen haben immer Entscheidungsmöglichkeiten. Zu meiner Idee der Freiheit von Individuen gehört, dass man so etwas tun kann: sich mit der Geschichte der eigenen Eltern auseinanderzusetzen. Es verlangt viel Kraft und Mut.

Frank: Nein. In der Demokratie braucht es dafür keinen Mut.

Kahane: Doch. Da ist mein geliebter Vater. Will ich wissen, was er während des Krieges gemacht hat? Es geht um den Mut, die eigene Familie zu hinterfragen und sich auf einen ungewissen Ausgang einzulassen.

chrismon: Ihre Eltern, Frau Kahane, waren im Widerstand gegen Hitler.

Kahane: Mein Vater hat in Spanien gekämpft und in der französischen Résistance. Nach Deutschland kehrte er als Jude und als Kommunist zurück, mit meiner Mutter, die in Frankreich in Konzentrationslagern war. Sie wollten ein Deutschland aufbauen, in dem das nicht noch einmal vorkommt - und haben die Augen verschlossen vor den Verbrechen in der DDR. In der Schule sollte ich Vorbild sein, meine Eltern waren schließlich Helden. Sich daraus zu lösen war nicht einfach. Gerade weil meine Eltern moralisch nicht zu vergleichen sind mit den Eltern von Herrn Frank.

chrismon: Trotzdem haben Sie sich von ihnen distanziert.

Kahane: Auch wenn Herr Frank behauptet, dass dazu kein Mut gehört - am Ende muss man auch Anfeindungen aushalten. Muss man immer. Ich sehe das an unserer aktuellen Wanderausstellung. Darin entlarven wir den Mythos, in der DDR hätte es keinen Antisemitismus gegeben. Wir zeigen, dass der Antifaschismus der DDR im Grunde auch eine Schlussstrichmentalität war, nur anders. Die Faschisten, das waren ja die anderen. Da kommt viel an Verleugnung, an Abwehr, an Unverständis auf uns zu.

Frank: Glauben Sie nicht auch, dass die Leute genau wissen: Frau Kahane hat recht?

Kahane: Doch. Das ist die einzige Chance. Natürlich hoffe ich, dass Menschen mit Vernunft reagieren und mit anderen Perspektiven aus dieser Ausstellung herausgehen.

chrismon: Wie sollen Bürger und Politiker reagieren, wenn Neonazis für sich werben? Im vergangenen Jahr läutete der Stadtpfarrer von Miltenberg während einer NPD-Kundgebung die Glocken, bis die Versammlung sich auflöste.

Frank: Wunderbar! Wir brauchen viel mehr listige, couragierte Don Camillos!

Kahane: Auch wenn ich toll finde, was der Pfarrer getan hat damit allein ist es nicht getan. Auch in Bayern gibt es Gegenden, die Probleme mit rechtsextremer Dominanz im Alltag haben.

Frank: Ich glaube nicht, dass sie damit Probleme haben. Bei uns in Oberbayern, von wo ich stamme, höre ich manchmal Leute sagen: "Ein kleiner Hitler wär' nicht schlecht." Solche Menschen haben sich arrangiert mit rechten Gedanken.

Kahane: Es gibt einen Unterschied zwischen einer rechtskonservativen Stimmung aus einem bürgerlich-bodenständigen Selbstverständnis und Neonazigruppen. Die verstehen sich als revolutionär - antikapitalistisch, gegen Globalisierung, sozial. Wenn sich das Bürgerliche mit dem Nationalsozialistischen vereint, dann Gnade uns Gott.

chrismon: Aber dafür gibt es keine Anzeichen.

Kahane: Oh doch. Im Westen wird geächtet, wer Mitglied in einer Kameradschaft ist. Im Osten ist diese Grenze aufgeweicht.

chrismon: Keine demokratische Partei nähert sich der NPD.

Kahane: Im Osten drängt die NPD in die Parlamente. Plötzlich gibt es Bündnisse in sogenannten Sachfragen. Da wird von der NPD ein Antrag gestellt, und die Volksparteien stimmen zu. Wenn man aber den NPD-Abgeordneten für einen Partner in Sachfragen hält, dringt Rechtsradikalismus in die Normalität ein.

Frank: Wenn diese Kameradschaften je siegen sollten, hieße das: Ende der Meinungsfreiheit, Bücherverbrennung, Verfolgung Unschuldiger, neue KZs - all das, was unsere Eltern und Großeltern mit Hitler gestaltet und erlebt haben. Daran muss man immer wieder erinnern. Mich wundert, dass das im Osten nicht begriffen wird. Die Menschen haben doch in der DDR noch 40 Jahre länger als wir im Westen Diktatur erlebt.

Kahane: Viele fanden die DDR ganz gemütlich. Sie hatten weniger Angst vor der Diktatur als vor dem Verlust der Idylle. Im Osten ist heute eine Stimmung "Null Bock auf Demokratie" recht verbreitet. Im Westen ist das anders. Dort gibt es gesellschaftliche Kräfte - Vereine, Kirchen, Gewerkschaften -, die sich nicht gefallen lassen würden, dass ihnen jemand ihre Freiheit nimmt.

chrismon: Auch andere Länder haben Probleme mit Rechtsradikalen.

Frank: Ich hasse diese Vergleiche! Jeder Vergleich mit anderen Ländern relativiert die deutschen Verbrechen zwischen 1933 und 1945 - und wir schleichen uns davon.

Kahane: Auch in Osteuropa gibt es rechte Gewalt. Trotzdem lehne ich jede Relativierung ab. In der DDR hieß es zum Beispiel immer, dass die hohe Arbeitslosigkeit daran schuld gewesen sei, dass Hitler an die Macht kam. Die deutsche Arbeiterschaft konnte gar nichts dafür, sondern war so in Not geraten, dass sie irregeführt wurde. Dieser vulgär-marxistische Gedanke hat sich bis in die Gegenwart gerettet. Als ob Arbeitslosigkeit automatisch eine Wut hervorbringen müsste, die sich gegen andere Menschen richtet.

chrismon: Arbeitslosigkeit gilt als ein wichtiger Faktor bei der Entstehung von Rassismus.

Kahane: Ich habe da ironische Antworten: Wenn in Großbritannien die Arbeitslosigkeit zunimmt, leben Lachse gefährlich, weil die arbeitslosen Briten dann vermehrt fischen gehen. Da kommt keiner auf die Idee, einen anderen umzubringen, weil er eine andere Hautfarbe hat. In Deutschland wird Rassismus als eine normale Reaktion auf soziale Verelendung gesehen. Solch eine Argumentation darf man nicht dulden.

chrismon: Herr Frank, derzeit setzen sich mehrere Verwandte von Naziführern in Büchern mit ihrer Familiengeschichte auseinander. Sensibilisiert das?

Frank: Mich schon. Je genauer ich meine Eltern recherchierte, desto bewusster wurde mir, wie aus Gier nach Karriere und Wohlleben Feigheit zunimmt, die Moral abnimmt. Wir Deutschen kennen das Ende: Feigheit baut Gaskammern.

Kahane: In der Öffentlichkeit gibt es viel Verständnis für die Täter und ihre Nachkommen. Das geht teilweise so weit, dass Täterkinder sich als Opfer ihrer Eltern beschreiben. Das ist für mich schwer auszuhalten. Aber es bringt eine gute Quote.

Frank: Die Täter sind interessanter, weil sie das eigene Gewissen in Ruhe lassen. Wobei ich sicher bin: Selbst die dümmste rechte Dumpfnase hat Bilder ausgemergelter KZ-Leichen gespeichert. Was für ein Irrsinn, dass diese Menschen wütend gegen etwas ankämpfen, was tausendfach bewiesener Fakt ist.

Kahane: Das tun sie ja gar nicht!

Frank: Doch, sie wollen - sozusagen mit Gewalt - die Erinnerung an die deutschen Verbrechen zwischen 1933 und 1945 auslöschen.

Kahane: Das glaube ich genau nicht. Die neuen Neonazis leugnen den Holocaust gar nicht mehr. Weil in der Leugnung eine moralische Komponente enthalten ist, nämlich die, dass das Unrecht war. Wenn wir heute mit Neonazis sprechen, sagen die: "Sicher habe ich die Leichenberge im Kopf, aber die waren nicht hoch genug." Was sagen Sie denn dann?

Frank: Wer mit Zynismus die Wahrheit wegdrücken will, erkennt sie gleichzeitig an. Umso entsetzlicher die Hetze der Neonazis. Kahane: Es gibt eine inzwischen nicht ganz seltene Art von Kälte, Zynismus und Distanz, einen Grad an Brutalität in den Worten, der sich auch in Taten zeigt. Das sieht man an der Art der Gewalt gegen die Opfer. Es wird auf Opfer eingetreten, auch wenn sie bewusstlos sind. Ich warne vor dieser neuen Generation.

chrismon: Viele Menschen freuen sich heute über einen unverkrampften Patriotismus. Wie sehen Sie das?

Kahane: Deutschland ist inzwischen eine gefestigte Demokratie. Warum soll man das nicht sagen? Was mich stört, ist der krampfhafte Versuch, sich die Parole "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" von den Nazis nicht wegnehmen zu lassen - anstatt sich auf einen verfassungspatriotischen Gedanken zu einigen.

Frank: Dass wir 2006 mit Millionen deutschen Fähnchen unsere Fußballer zur Weltmeisterschaft wedeln wollten, war doch prima. Wenn aber dieser unschuldige Patriotismus nach dem Motto missbraucht wird: "Seht her, wir sind ein fröhliches, demokratisches Völkchen, also Schluss mit Auschwitz-Debatten", dann ist es verheerend.

Kahane: Man stelle sich vor: Ein ganzes Land hat es fertiggebracht, eine industrielle Schlachtung von Menschen vorzunehmen - in jeder Familie gibt es dazu verdrängte Geschichten. Ich glaube, dass wir noch nicht ermessen können, was für eine psychologische Katastrophe dies bedeutet hat und weiter bedeutet.

Frank: Deutsche Zeitgeschichte hat die deutschen Verbrechen im "Dritten Reich" penibel aufgezeichnet. Nur: In den deutschen Familien wurde weiter geschwiegen, weiter verschwiegen. Wenn Eltern und Großeltern nach 1945 wenigstens erzählt hätten, was sie selbst angerichtet und erlebt, wo sie feige weggeschaut haben - wie heilsam für Nachgeborene! Mit dem Schmerz, dass dieses Kapitel zu unserer Geschichte gehört, gilt es zu leben. Das bedeutet nicht, mit blödem Dackelblick durchs Leben zu laufen. Ich habe mir auch nie mein Leben durch meine Eltern kaputtmachen lassen. Gerade habe ich einen grotesken Liebesroman beendet...

Kahane: Haben Sie sich mal gegen Rechtsextreme engagiert?

Frank: Durch meine Bücher in Lesungen und Diskussionen. Seit Jahren. Was ich beobachte: Es gibt zig Initiativen gegen rechts, aber die meisten ruhen in selbstgerechtem Stolz in sich selbst.

Kahane: Sauertöpfisch?

Frank: Nein, ich habe den größten Respekt. Aber warum ist die Demokratie nicht aggressiver? Diese furchtbaren Köpfe unter den Neonazis sind es ja auch. Doch wir sind uns zu fein, weil wir ja im Besitz der demokratischen Wahrheit sind. Dabei sollten wir die Braunen viel direkter angehen, sie zum Beispiel mit aggressivem Witz der Lächerlichkeit preisgeben: viel mehr Glockengeläut!

 

Niklas Frank

Niklas Frank, 68, früher "Stern"-Reporter, wurde durch sein 1987 erschienenes Buch "Der Vater" bekannt, eine radikale Abrechnung mit seinem Vater, der während der NS-Diktatur Generalgouverneur im besetzten Polen war. 2005 folgte mit "Meine deutsche Mutter" ein ebenso schonungsloses Porträt der Mutter. Niklas Frank lebt heute mit seiner Frau in Schleswig-Holstein.

Anetta Kahane

Anetta Kahane, 53, machte sich als Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung einen Namen. Die Stiftung unterstützt Opfer rechter Gewalt. Die Tochter jüdischer Eltern studierte Lateinamerikanistik und war zeitweise Mitarbeiterin der DDR-Staatssicherheit, bevor sie sich vom DDR-Regime distanzierte. Für ihr Engagement für die Menschenrechte wurde sie 2002 mit dem Moses-Mendelssohn-Preis geehrt.

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