Johannes Calvin zu Verdammnis und Heil

Hat Gott alles vorherbestimmt?
Seit Urzeiten stehe fest, wer das Heil erlangen und wer verdammt werde. Das behauptete der Genfer Reformator Johannes Calvin. Was er uns damit sagen wollte

"Free at last! Free at last! Thank God Almighty, we're free at last! " Die Zeilen aus dem Gospelsong stehen auf dem Grabstein des schwarzen Bürgerrechtlers und Baptistenpfarrers Martin Luther King (1929-1968): "Frei, endlich frei! Dank Gott, dem Allmächtigen, sind wir endlich frei." Das Lied gibt einer unerschütterlichen Erlösungshoffnung von Sklaven Ausdruck. Von Sklaven, für die es eigentlich nichts zu hoffen gab.

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist als chrismon-Redakteur verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.      
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Doch über eines waren sie sich sicher: Unsere vergänglichen Leiber mögen zugrunde gehen, doch unser wahres Ich wird den Sieg davontragen. In den Augen der Weißen sind wir gering, doch Gott hat uns zum Heil vorherbestimmt.

Dass Gott einige Menschen seit Anbeginn der Welt zum Heil vorherbestimmt habe, das lehrte der französische Reformator Johannes Calvin (1509-1564). Er war dem Schlachtruf der Reformation gefolgt: "Allein aus Gottes Gnade sind wir erlöst." Aus eigener Kraft könne der Mensch nichts zu seiner Erlösung tun, Gott allein erwähle zum Heil. Und Calvin versicherte den protestantischen Glaubensflüchtlingen, die damals in Genf Zuflucht suchten: "Christus ist der Spiegel, in dem wir unsere Erwählung ohne Täuschung sehen können."

Für Calvin stand fest: Die Erwählten erlangen ewige Seligkeit, die Verworfenen dagegen ewige Verdammnis. Das sei Gottes unabänderlicher Ratschluss, der seit Beginn der Schöpfung feststehe. Daher spricht man auch von der "Lehre von der doppelten Prädestination".

Dogmen können späteren Generationen unangemessen und falsch erscheinen

Diese Lehre war schon zu Calvins Zeiten heftig umstritten. Sieht Gott wirklich einige Menschen für die Verdammnis vor? Gott will doch, dass alle durch Christus gerettet werden (1. Korinther 15,22)! Und sollte Gott tatsächlich für das Böse verantwortlich sein, das er dann bekämpft?

Theologische Lehren sind keine exakten Beschreibungen der Wirklichkeit. Sie sind Annäherungen, Deutungen. Ihr Wahrheitsgehalt entscheidet sich daran, ob sie zum Jesus der Bibel passen, zum Gottessohn, der ein wahrhaftiger Mensch war, dem kein Leid fremd war. Theologische Lehren sind keine abstrakten Feststellungen. Sie können versteckte Appelle enthalten, zu Demut aufrufen, Mut machen. Und sie können, wenn sich die Lebensumstände ändern, späteren Generationen plötzlich unangemessen und falsch erscheinen.

Als die Protestanten viele Jahre nach Calvin vor Verfolgung sicher waren, verlor die Prädestinationslehre ihre ursprüngliche Wirkung. Half sie zu Calvins Zeiten den Verzweifelten, sich gegen ein übermächtiges Schicksal zu wappnen, so ließ sie sich später als Ausdruck von Überheblichkeit missdeuten.

"Sollen die anderen zur Hölle fahren!"

Spaßvögel haben versucht, die Weltreligionen mit dem englischen Spruch "Shit happens" zu erklären, zu Deutsch: Dumm gelaufen. Ein Hindu würde demnach im Sinne der Reinkarnationstheorie feststellen: "This shit happened before": Das ging schon einmal schief. Ein Jude würde das Leid seines Volkes beklagen: "Why does this shit always happen to us?": Warum trifft es immer uns? Ein Protestant calvinistischer Prägung würde beten: "Let this shit happen to others": Sollen die anderen zur Hölle fahren, er selbst ist sich seiner Erlösung gewiss. Eine karikierende Überzeichnung - mit wahrem Kern.

Als von Gott für das Heil vorbestimmtes Volk sahen sich viele weiße Sklaventreiber in den USA und viele südafrikanische Buren bis zum Ende der Apartheid (zu Beginn der 1990er Jahre). Mit dieser Sicht begründeten sie ihren Rassismus: dass nur sie bestimmte Strände betreten, auf bestimmten Bänken sitzen oder in bestimmte Busse steigen dürften, die farbigen Einwohner des Landes aber nicht.

Dennoch: Die aus Afrika verschleppten Frauen und Männer eigneten sich in Amerika die Religion ihrer Unterdrücker an. Dieselbe Lehre, mit der die Weißen ihre Überlegenheit begründeten, beanspruchten die Sklaven für sich. Vielleicht konnte Calvins Lehre von der Prädestination deshalb ihre Kraft in den Gospels entfalten, weil sie da wieder angekommen war, wo sie hingehörte: in den Herzen der Unterdrückten. "Oh, when the saints go marching in ..."- "Wenn die Geheiligten einziehen werden, will ich zu ihnen zählen." Was aus dem Munde des Sklaventreibers eine Anmaßung wäre, klingt aus der Kehle der Sklaven würdevoll.

Dass Gott alles vorherbestimmt hat, ist kein Naturgesetz. Calvins Lehre ist ein Trostwort für die Bedrückten. Sie ist Ausdruck einer Heilsgewissheit in aussichtsloser Lage.

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