Raus zum Feiern!

Jetzt quellen sie wieder über vor Leben: Die Parks und Grillplätze, Wohnstraßen und Gartenlokale.

Drei Dinge braucht die deutsche Familie in diesen Sommertagen: eine wasserdichte Decke. Ein krisensicheres Kochrezept für Hackbällchen (macht schnell satt), wahlweise Couscous-Salat mit frischer Minze (gibt viel Masse). Und einen sehr gut geführten Kalender. Denn an jedem Wochenende heißt es wieder: Wir sind auf ein Fest eingeladen! Auf eines? Ach was. Die Schulklasse feiert Abschlussfest mit Picknick und Übernachten - bitte Isomatte mitbringen! Der Fußballverein feiert Sommerfest - Väter mit Grillschürze dringend gesucht! Die Nachbarn laden zum Hoffest ein - bitte rechtzeitig in die Getränkeliste eintragen! Manche Familie braucht da schon ausgeklügelte Organizer: Du bleibst bis 15 Uhr auf dem Grillplatz, danach geh ich mit Lukas zum Schulfest.

Wer an einem Sommerwochenende zum Beispiel am Rhein entlangradelt, kann sich durch sämtliche Schichten der Gesellschaft zappen. Da grillen die türkischen Familien, denen ihre kleinen Wohnungen schon ab Mitte Mai zu eng werden. Dort lässt eine Hochzeitsgesellschaft andächtig chinesische Himmelslichter in die Luft steigen. Und an den Ufern drängeln sich Hunderttausende mit Sektflasche und Fischbrötchen, wenn die "Kölner Lichter" über den Fluss ziehen, der "Rhein in Flammen" steht oder "Umsonst und draußen" gefeiert wird.

Sind wir Deutschen ein Partyvolk? 

Sind wir Deutschen ein Partyvolk? Das kann man so nicht sagen. Früher wurde viel mehr gefeiert, hat Gunther Hirschfelder herausgefunden, Volkskundler an der Universität Bonn. Aber mindestens drei Dinge fallen heute ins Auge: Wir feiern aus anderen Anlässen. Wir feiern mit anderen Leuten. Und wir feiern viel mehr draußen im Freien!

Der letzte Befund ist der auffälligste, und notorische Grantler können jetzt sagen: Das sieht man ja auch jeden Montagmorgen, wenn man auf dem Weg zur Arbeit über die Relikte der Wochenendpartys stolpert, über verkohlte Kotelettknochen und zerdepperte Bierflaschen. Gab's früher nicht. Aber es gab auch nicht: Innenstädte, die bis spät nachts erfüllt sind vom Giggeln, Lachen und Redenschwingen der Kneipengäste. Das gab's früher nur in Siena in der Toskana, jetzt auch in Ravensburg in Oberschwaben. Oder: Flussufer, an denen unter bunten Lichterketten gesessen, auf großen Berberdecken gepicknickt und Gitarre gespielt wird. Gab's früher nur am Goldenen Horn in Istanbul, heute auch in Frankfurt am Main. Großartig!

"Die deutschen Städte profitieren enorm"

Ein bisschen verdanken wir das dem Klimawandel, sagt Ulrich Reinhardt, Geschäftsführer des BAT-Instituts für Zukunftsfragen: "Die deutschen Städte profitieren enorm davon." Längst haben die Tourismuschefs das erkannt, versuchen, die Städter im Sommer in der City zu halten, mit Kultursommer und Wissenschaftsnacht, mit Open-Air-Kinos und Beachclubs.

Da mögen sich die Klimaforscher noch um 0,5 Grad mehr oder weniger streiten - ganz sicher geändert hat sich die gefühlte Temperatur der Deutschen. "Ein feuchter Wind, ein kahles Land", dichtete Heinrich Heine vor 165 Jahren über seine deutsche Heimat. Heute dröhnt die deutsche Band 2raumwohnung aus den Sommerradios: "36 Grad und es wird noch heißer. .. das Leben kommt mir gar nicht hart vor." Also, nichts wie raus zum Feiern!

Bürger feiern draußen im Freien - das ist, historisch gesehen, eine ziemlich junge Erscheinung. Im späten 19. Jahrhundert, als Bürgertum und Arbeiterschaft stark wuchsen, wollte man sich abgrenzen von den Bauern, die als tölpelhaft galten und eben draußen in der garstigen Natur und der sengenden Sonne schuften mussten. Der blasse Bürger lud zum Fest nach drinnen, zeigte seine "gute Stube". Das war auch in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts noch so. Erst in allerjüngster Zeit feiert man gerne draußen, erst seit den 70er Jahren stehen Garten und Natur nicht mehr für Arbeit, sondern für Luxus. Und wer keinen Garten hat, kauft zumindest Möbel im Landhausstil.

Nichts wie raus zum Feiern!

Mit der Kleidung, sagt Volkskundler Hirschfelder, zeige man heute sehr viel mehr als früher sein erfolgreiches Leben. "Kleiderstyling ersetzt Wohnstyling." Wie man seine Wohnung richtig einrichtet - "da sind die Leute unsicher geworden und verschließen sie lieber für Fremde", hat Hirschfelder erforscht. "Lieber schick machen und rausgehen auf ein Fest! " Dann hat man am Montag auch was zu erzählen, denn der Deutsche ist sehr zur Freude der Freizeitforscher ein Erlebnistier. "Der Engländer sagt am Montag im Büro: ManU hat gegen Liverpool gewonnen", erklärt BAT-Forscher Reinhardt, "der Deutsche will immer zeigen, was er erlebt hat."

Also rausgehen, zumindest zwei Schritte vor die Tür. Seit einiger Zeit erfährt die gute Nachbarschaft eine Renaissance. Was das ist, gute Nachbarschaft?

Wenn man zehn Leute mit Vornamen kennt, sagen die BAT-Leute, und man fängt jetzt gleich an zu zählen. Peter, Martina, Inge ... wie heißt noch mal der Neue im Erdgeschoss? Spätestens beim Hoffest wird man ein Kölsch mit ihm trinken. Denn erstens fühlt es sich gut an, zu dem Schild an der Tür und dem neuen Auto im Hinterhof ein Gesicht und eine Stimme zu kennen. Und zweitens wird auch dieser Sommer wieder vorbeigehen, man wird geschäftlich unterwegs sein und beruhigt, wenn die Nachbarin, mit der man im Sommer gemütlich gegrillt hat, im Herbst so nett ist, den Briefkasten ab und zu mal leer zu machen.

Es ist dann wirklich lustig im Hof, in dem normalerweise die blöden Blechkisten parken, heute aber fein gedeckte Tische mit weißen Decken. Endlich darf man auch was probieren von dem leckeren Curryhuhn, dessen Duft schon öfter von einem Balkon herüberwehte. Ach, der junge Nachbar, auf dessen komplizierten Namen man gelegentlich ein UPS-Paket angenommen hat, hat einen indischen Vater? Und schon ist man verwickelt in ein Gespräch, das lange dauern kann, weil ja keiner mehr nach Hause fahren muss. Wir sind ja schon zu Hause, und bei jedem dieser Feste, irgendwann nachts um zwei - Beschwerden sind bei Hausfesten nicht zu erwarten -, irgendwann sagt immer einer diesen Satz: "Schön haben wir es hier! " Das ist auch ein Grund zum Feiern, ob Hoffest, Geburtstag oder Jubiläum: Du bist es wert, gefeiert zu werden - wir sind es uns wert.

Das alles gilt natürlich nur für einen Teil der Gesellschaft. Gute Nachbarschaft, fröhliche Straßenfeste - all das findet in gesichtslosen Trabantenstädten seltener statt. "Ein Drittel der Gesellschaft feiert gar nicht", sagt Hirschfelder. Das Prekariat habe sich aus dem öffentlichen Raum weitgehend verabschiedet. "Wir haben da eine gespaltene Gesellschaft."

Gespalten ist sie auch - noch immer zwischen Norden und Süden. Traditionell ist im Süden von Deutschland mehr los, und das nicht nur wegen der Sonnenstunden. Sondern auch wegen der historisch gewachsenen ganz anderen Siedlungsstruktur. Im Süden und im Rheinland wohnen die Menschen von jeher enger zusammen, Folge der Realteilung im fränkischen Erbrecht. Im Norden hingegen, zum Beispiel in Westfalen, wurde früher immer der ganze Hof vererbt - und der stand oft in großer Entfernung zum nächsten, oft riesengroßen Hof. Keine gute Voraussetzung zum Festefeiern.

Wer feiert am meisten?

Wer feiert am meisten? Eindeutig: die Generation 50 plus. Die Best Ager. Die Gesettelten. Die Zeit haben, weil die Kinder schon größer sind. Die Geld haben, weil feiern auch ganz schön teuer ist, die Maß Bier vielleicht 6,90 Euro kostet und der Eintritt zum Open-Air-Konzert 60 Euro.

Die zeigen wollen: Hurra, wir leben! Wir sind jung, wir sind vital. Wir feiern gern auch schon mal fulminant unseren 50. Geburtstag - da gab's früher nur eine Glückwunschkarte. Heute wird eine abgefahrene Location gemietet, und es gibt Reden, als wär's ein Verdienst, 50 geworden zu sein. Ähnlich verhält es sich mit Ehejubiläen. Ein Zehnjähriges nahm früher gar keiner wahr. Gefeiert wird auch, was bedroht ist. Als die Säuglingssterblichkeit hoch war, waren Taufen die größten Feste. Heute, wo nur noch jede zweite Ehe überhaupt hält, sind es Hochzeiten und Ehejubiläen. Das Motiv des Totentanzes, die Sehnsucht, dass ein Fest auch magische Kraft habe.

Das alles sind "einmalige Events", und das ist wirklich neu. Früher wurde an festen Tagen gefeiert. Jedes Jahr, immer zur gleichen Zeit, alle zusammen. Nämlich an den christlichen Feiertagen, die das Jahr strukturierten. Davon ist fast nur noch Weihnachten geblieben, für fast alle Deutschen ein Anlass, zusammen zu feiern. Das liege, da ist der Volkskundler und engagierte Protestant Hirschfelder ein ganz nüchterner Bestandsaufnehmer, vor allem an der Temperatur: "Die Weihnachtsfeiertage kann man einfach nicht so gut nutzen für einen Kurztrip - Ostern dagegen schon." Und wer feiert schon an Pfingsten ein Fest? "Da chronologisiert der letzte Spieltag der Fußball-Bundesliga sehr viel mehr unser Leben."

Aber Moment mal, schließlich feiern die Kirchen selber doch auch mehr Feste denn je. Kaum ein Wochenende, an dem kein Pfarrfest angesagt ist. Kaum eine Gemeinde, bei der nicht längst "Kirche im Freien" stattfindet. Aber eben nur für ein bestimmtes Milieu. Soziologen nennen es die "Verszenung" der Gesellschaft: Die Freiwillige Feuerwehr feiert ihr Fest, die evangelische Kirchengemeinde, der türkische Fußballclub. Übrigens mit wachsender Professionalität: In jedem Verein und in jeder Gemeinde gibt es inzwischen die Partyprofis, die ruck, zuck das weiße Pagodenzelt aufbauen, Bierbänke aufklappen, Kinderhüpfburgen zu Discountpreisen mieten und am heimischen Computer Excellisten und Handyketten aufbauen für den Fall, dass es vielleicht doch regnet. Mancher Verein bessert mit diesen perfekt organisierten Festen auch seine Vereinskasse auf - auf das Sommerfest und die verkauften Tombolalose kann man sich allemal besser verlassen als auf die klammen Kassen der Stadt.

So addieren und multiplizieren sich die Feste. Bloß alle zusammen feiern wir wenn nicht grade Fußball-WM und Public Viewing ist - selten noch ein Fest. Schlimm? Nö. Wir gucken ja auch längst nicht mehr alle um 20 Uhr "Tagesschau" und lesen nicht alle dieselbe Zeitung. "Verszenung" allerorten.

Die kleinste Partyeinheit besteht aus fünf Menschen

Die gute Nachricht: Rein statistisch steigt mit jedem Fest denn doch die Chance, eine kleine Stippvisite bei einer anderen Szene abzustatten. Denn feiern geht im Gegensatz zu Fernseh gucken und Zeitung lesen - zum Glück nur mit anderen. Die kleinste gesellschaftliche Einheit, das wusste schon Bert Brecht, ist nicht der Mensch, sondern sind zwei Menschen.

Die kleinste Partyeinheit besteht aus mindestens fünf Menschen, und es soll ja vorkommen, dass man beim Schulfest eine Mutter trifft, die einen später zur Salsaparty mitnimmt.

Wer problemlos von Szene zu Szene switcht, sind die Jugendlichen. Partymachen, das scheint ein relativ dehnbarer Begriff zu sein für die Generation U 30, Hauptsache, der Alkoholpegel stimmt. Der ist allerdings bedenklich: Schätzungsweise jeder fünfte Jugendliche ist einmal im Monat richtig betrunken, noch nie wurden so viele Kinder mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht wie heute.

Für die traditionellen Feste sind junge Leute zwar weitgehend verloren, sagt Volkskundler Hirschfeld. "Dabei sind viele Feste früher mal als Junggesellenfeste entstanden, zur Eheanbahnung." Seine Studierenden, beobachtet der Professor, hätten gar nicht mehr viel Zeit zum Partymachen, vor lauter Nebenjobs, Credit Points und Praktika.

Dafür verabreden sie sich spontan per Internet. Als Hotspots in diesem Sommer gelten die Admiralbrücke in Berlin-Kreuzberg, wo vom Interrail-Freak aus Australien bis zum Alt-Hippie alles feiert, was eine Bionade zu fassen kriegt. Und das MQ in Wien, wo die urbane Jugend sich auf den steinernen Designbänken zu Hunderten trifft unter dem Motto: "Bring your beer to Museumsquartier".

Ja, darf man das denn? Natürlich nicht.

In Deutschland steht dem nächtlichen Feiern nach 22 Uhr die "TA Lärm" entgegen, und die sagt: bei 45 Dezibel ist Schluss, es sei denn, man feiert im Wald oder im Gewerbegebiet. "Die TA Lärm wurde mal für Maschinen erfunden", schimpft Stephan Büttner vom Hotel- und Gaststätten-Verband, "die Menschen würden gern viel länger abends draußen sitzen". Aber da hilft weder Sommerzeit noch Klimawandel. Die Sperrstunde ist noch sehr deutsch. Sobald sich ein Anwohner beschwert, müssen die Partyzelte abgebrochen werden. Was übrigens manchmal auch sein Gutes hat - so kann man unbemerkt zur nächsten Fete switchen. Oder nach Hause, zur Eheanbahnung.

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