Kirchenvater Augustinus und das heilige Sakrament

Was ist ein Sakrament?
Die eigentümliche Gratwanderung zwischen heiliger Handlung und reinem Denkspiel gehört zum Wesen der Kirchen.

"Fotografieren Sie nicht während der Taufe, erstens werden die Bilder schlecht, wir stellen das lieber später nach, und zweitens ist es doch ein Sakrament." Die junge Pastorin hat die Eltern des Täuflings fast überzeugt, doch dann hakt der Vater nach: "Eben, es ist ein Sakrament, deshalb wollen wir es ja im Bild festhalten." Die Pastorin sagt: "Aber genau das können Sie nicht fotografieren ..."

Etwas Heiliges eben.

Sakrament, das klingt schon geheimnisvoll. Selbst Menschen, die der Kirche fernstehen, ahnen, dass mit diesem Begriff etwas Besonderes gemeint ist. Etwas Heiliges eben. Das lateinische Wort "sacramentum" kommt vom Wortstamm "sacer", zu Deutsch: "heilig, unverletzlich", und kann am besten mit "religiöses Geheimnis" übersetzt werden. Sakramente - die wichtigsten sind Taufe und Abendmahl - haben für alle christlichen Kirchen identitätsstiftenden Charakter. Sie gehören zum Kern des kirchlichen Lebens, auch wenn sie teilweise in den Kirchen sehr unterschiedlich interpretiert werden.

Die Sakramentenlehre in der Alten Kirche geht auf den antiken Kirchenvater Augustin (354-430) zurück. Er definierte sie als "sichtbare Zeichen einer unsichtbaren Gnade". Am Beispiel des grundlegenden Sakraments der Taufe erläutert Augustin, dass zu einem äußeren Zeichen (im Falle der Taufe das Wasser) ein Wort hinzutreten müsse. Im Zusammenwirken "funktioniert" ein Sakrament. Er prägte den Satz: "verbum accedit ad elementum et fit sacramentum" (zu Deutsch: Das Wort tritt zum Element und wird ein Sakrament).

Sakrament funktioniert allein aufgrund der Handlung

Es liegt in der Natur dieser Definition, dass man in der Sakramentenlehre den Akzent entweder stärker auf das Element, also auf das sichtbare Zeichen, oder auf das dazu gehörende Wort legen kann. Hier liegt die Hauptunterscheidung der großen Konfessionen: Die katholische Lehre kam bereits im Mittelalter zu der Auffassung, dass der äußere Vollzug der Entscheidende sei, dass also ein Sakrament allein aufgrund der Handlung "funktioniere". Martin Luther und die Reformatoren im 16. Jahrhundert brachen mit diesem stark materiellen Sakramentsve rständnis. Sie fügten sogar noch ein drittes Kriterium hinzu, nämlich den Glauben des Menschen, der das Sakrament empfängt.

In seiner Glaubenslehre, dem "Kleinen Katechismus", schreibt Luther zum Wesen der Taufe: "Wasser tut's freilich nicht, sondern das Wort Gottes, das mit und bei dem Wasser ist, und der Glaube, der solchem Worte Gottes im Wasser traut." Bei der Taufe und dem Abendmahl muss es nach evangelischem Verständnis also immer drei Komponenten geben: das Wasser (oder beim Abendmahl die Elemente Brot und Wein), das Wort Gottes und der Glaube des Empfangenden.

Neben dieser inhaltlichen Differenz besteht der grundsätzliche Unterschied in der Sakramentenlehre zwischen evangelischer und römisch-katholischer Kirche auch in der Zahl der Sakramente. Die Katholiken kennen sieben Sakramente: Taufe, Abendmahl, Firmung, Beichte, Krankensalbung, Priesterweihe und Ehe. Die Evangelischen kennen hingegen nur Taufe und Abendmahl, da nur diese beiden nach der Bibel von Jesus selbst eingesetzt sind.

In den Sakramenten präsentiert die Kirche wirkliche Zeichen Gottes und damit den Einbruch einer anderen Wirklichkeit in diese Welt. Menschen, die zweifeln, Menschen, denen der Glaube egal ist oder die explizit Atheisten sind, mögen das "Gesamtkunstwerk Sakrament" nicht verstehen und das Leben mit und von den Sakramenten als Spielerei betrachten. Die Kirche hingegen gäbe sich ohne Sakramentsverständnis und -verwaltung selbst auf. Sie wäre von anderen Vereinen und Interessenverbänden nicht mehr zu unterscheiden. So eint die meisten christlichen Kirchen und Konfessionen auf der Welt der Glaube, dass Jesus Christus in den Sakramenten Taufe und Abendmahl wichtige, unersetzbare und in ihrer Bedeutung im Letzten nicht auslotbare Zeichen gesetzt hat. Ohne diesen Glauben wäre das kirchliche Leben seiner heilbringenden Fülle beraubt, es wäre arm und auf sozialethische Fragen verkürzt.

Und dass man so viel Fülle nicht wirklich fotografieren kann, versteht sich demnach von selbst.

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