Du sollst nicht töten

Friedrich Arni mit einer literarischen Interpretation des fünften Gebots

Ein Schatten bin ich ferne finsteren Dörfern. / Gottes Schweigen / Trank ich aus dem Brunnen des Hains. So schrieb Georg Trakl in seinem Gedicht "De profundis", benannt nach dem 130. Psalm, der anhebt mit den Worten: "Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens."

War da ein Flehen in jener Januarnacht, als der siebzehnjährige Felix das Haus seiner Eltern verließ, begleitet von seiner Schwester, deren Freundin und seinem besten Freund Torben, bewaffnet mit mehreren Küchenmessern, scheinbar sanftmütig und unauffällig wie sonst auch? Schrie es im Innern des Schülers? "Ich harre des Herrn, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen." Stille, nichts als Stille. Und Gottes Schweigen in dem 200-Seelen-Dorf. Und zwei Jungen fern aller Vergebung, zwei Schatten, ein jeder abgespaltet von dem Ich, das die anderen kennen, vom hilfsbereiten, höflichen, netten Ich, zwei gerngesehene Freunde, ordentliche Schüler, die keinem Lehrer Kummer bereiten. Aber jetzt, in dieser Nacht, in dieser Stunde, tragen sie sechs Messer bei sich. Und als der Nachbar, dessen Sohn ein Kumpel der beiden ist, die Haustür öffnet, hebt der unscheinbare Felix den Arm und fordert den Mann auf, sich hinzuknien. Das tut der Mann nicht. "Errette mich, Herr, von den bösen Menschen; behüte mich vor den Gewalttätigen, die Böses planen in ihrem Herzen ..." Gottes Schweigen.

Und Felix. Und sein Begleiter. Unzählige Male stechen sie zu. Sie töten den Mann. Dann laufen sie die Treppe hinauf. Auf einmal steht da ihr Kumpel, er reagiert schnell und schließt sich im Zimmer ein. Er sieht nicht, was mit seiner Mutter geschieht. Zweiundsechzig Messerstiche.

Zweiundsechzig Messerstiche im Körper eines einzigen Menschen.

Aber sie atmet noch. Und Felix befiehlt Torben, die Freundin seiner Schwester zu holen, mit der sie bei seinen Eltern zu Abend gegessen haben, und die sie, bevor sie an der Haustür klingeln, wie aus Spaß in einem Schuppen einsperren. Was der Sohn im verriegelten Zimmer nur ahnt, muss das Mädchen mit ansehen: Wie Felix der sterbenden Frau mit dem Messer ein letztes Mal in den Kopf sticht.

Er ging aufs Gymnasium. Er nahm keine Drogen. Er trieb sich nicht herum. Er bastelte mit seiner Mutter Marionetten. Er engagierte sich gegen Rechtsradikalismus und nahm einen Kumpel vor Skinheads in Schutz.

Die Eltern dieses Kumpels schlachtete er später ab.

Er saß viele Stunden vor dem Computer, spielte üble Spiele, Final Fantasy VII, Doom 3, World Of Warcraft. War der Computer die Schlange, die ihn böse machte? Ist er vielleicht verr ckt geworden? War er in jener Sonntagnacht geistig umnachtet? Litt er unter einer Psychose?

Er wollte, dass das Mädchen sieht, was für ein Kerl er ist. Ein Held. Einer, vor dem man sich fürchten muss. Kein Weichei, nicht der Nette von nebenan, den alle zu kennen glaubten. Der war er doch immer nur zum Schein. Nach seiner Verhaftung finden seine Eltern ein Tagebuch, in dem er seine letzten Fantasien ausgelebt hat, immer wieder, Fantasien der Allmacht, der Zerstörung, des Untergangs der Schwachen und Wehrlosen, Fantasien des Todes und der Auslöschung der Welt. Wenn Felix die Tür seines Zimmers schloss und die Falltüren zur Unterwelt seines Computers hochzog, nahm er die Gestalt eines unbesiegbaren Kriegers an, der mit Messern und Schwertern dem Pack der Menschheit bei lebendigem Leib das verlogene Herz aus dem Leib riss.

Ist das eine Wahrheit? Erklärt der apokalyptische Reiter im Kopf des siebzehnjährigen Felix seine Untaten? Andere Jugendliche spielen ebenso Computer, rasen auf dem Weg zum Erwachsenwerden wieder und wieder innerlich gegen die Wand und kommen dennoch unversehrt aus ihrem Zimmer und erkennen die Unterschiede. In der Untersuchungshaft begann Felix, in der Bibel zu lesen. Einen Computer vermisste er nicht, er schrieb sanftmütige Briefe an seine Familie.

Auf meine Stirne tritt kaltes Metall. / Spinnen suchen mein Herz. / Es ist ein Licht, das in meinem Mund erlöscht, dichtete Trakl.

Ist das eine Wahrheit: Aus Verzweiflung verabreicht eine 31-jährige Mutter in einem Dorf in Schleswig-Holstein ihren drei bis neun Jahre alten Kindern Tabletten und erstickt sie, nachdem sie eingeschlafen sind, mit einer Plastiktüte. Fünf Jungen: Jonas, Justin, Ronan, Liam, Aidan. Im 450-Seelen-Dorf kannte man sie alle, man wusste: Liam war mit einem Herzfehler zur Welt gekommen und Autist. Steffi, seine Mutter, versuchte, ihm beizustehen, wo es nur ging, gern hätte sie genügend Geld für eine Delfintherapie zusammengebracht, unermüdlich sammelte sie Informationen übers Internet. Unermüdlich?

Niemand ist unermüdlich, schon gar nicht eine Mutter, die fünf Jungen versorgen muss, tagein, nachtaus. Du sollst nicht töten.

Du sollst nicht töten. Das erlöschende Licht im Mund einer Mutter. Wie dunkel muss es sein, um das eigene Kind mit einer Plastiktüte zu ersticken? Das erste Kind, dann das zweite. Dann das dritte. Dann den kranken Liam, der so sehr in sich eingekapselt lebte, dass er vielleicht den Kummer, der seine Mama auffraß wie ein Krebs, gar nicht bemerkte. Irrglaube. Jedes Kind nimmt den Kummer der ganzen Welt wahr, das wusste Steffi genau, auch wenn es später hieß, sie sei psychisch krank und schuldunfähig. Und so erstickte sie den kranken Liam und noch das fünfte Kind, dann rief sie einen Arzt an und bekannte ihre Schuld. Nach Auffassung des Untersuchungsrichters stellte Steffi "eine Gefahr für die Allgemeinheit" dar, deswegen wurde sie in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht.

Aus dem Feuer und der Wolke und dem Dunkel sprach der Herr zu Moses mit großer Stimme und schrieb auf eine steinerne Tafel: DU SOLLST NICHT TÖTEN.

Drei Babys tötete eine 28-Jährige in einem kleinen sächsischen Dorf, eines nach dem anderen, immer sofort nach der Geburt, niemand hatte bemerkt, dass sie schwanger war, nicht einmal ihr Freund. Ist das zu glauben? Kann das eine Wahrheit sein? "Soziale Verwahrlosung", "Depersonalisation". Wähnen wir uns in der Obhut solcher Erklärungen in Sicherheit? Schuf Gott das Hormon Oxytocin, das der medizinischen Forschung zufolge die Bindungsfähigkeit der Mutter zu ihrem Kind gewährleistet? Vergisst Gott das Hormon bei manchen Müttern, oder hat er es bei ihnen falsch dosiert? Und handeln diese Frauen dann nicht nur gegen ihre Kinder, sondern vor allem gegen sich selbst? Ist das, was sie planen und schließlich in die Tat umsetzen, eine Art erweiterter Selbstmord - mit dem Unterschied zum klassischen Modell, dass sie dabei selbst am Leben bleiben? Warum auch immer: weil ihre Kräfte nicht mehr reichen? Weil sie wissen, sie würden den Rest, die Selbstabschaffung, später erledigen, in der Stille einer Arrestzelle, am Gipfelpunkt der Vereinsamung?

Der Kindsmord, sagt die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen, sei eine "Chiffre dafür, was es bedeutet, radikal verlassen zu sein, der Welt entrückt, nichts mehr da. Die Zerstörung des Kindes heißt, jegliche Bindung zu dieser Welt zu kappen." Wenn das zutrifft, was bleibt dann einem Mörder, außer sich selbst umzubringen, um die elementare Vereinsamung ein für alle Mal zu überwinden? Du sollst nicht töten.

In der Geschichte des Christentums war auch der Selbstmord eine Zeit lang geächtet, eine Todsünde, die Leichen von Selbstmördern wurden geschunden, verbrannt, auf keinem Gottesacker begraben. Heute ist der Selbstmord keine Schande, er ist ein Tabu - und doch ein tägliches Ereignis, überall auf der Welt. Einsamkeit gebiert Täter, Hass gebiert Täter, Dummheit gebiert Täter, blinder Gehorsam gebiert Täter. Wir erheben die Hand gegen uns selbst, wenn wir vor lauter Schatten in uns keine Luft mehr kriegen; gegen den nervigen Nachbarn, der zufällig unserenWeg kreuzt; gegen den dunkelhäutigen Fremden, dem wir endlich volltrunken heimleuchten; gegen den unbekannten Soldaten, der angeblich unser Feind ist. DU SOLLST NICHT TÖTEN. Warum steht da nicht: Du DARFST nicht töten? Weil Gott von Anbeginn an um unser armseliges Ringen wusste, um unsere mickrigen Strategien der Selbstbehauptung, um unser Scheitern?

Angesichts der Welt und derer, die sie Tag für Tag sehenden Auges und klaren Verstandes Stein um Stein zerstören, erscheint das sechste Gebot in manchen Nächten wie ein hämisches Echo des Schweigens Gottes im Brunnen des Hains.

Und ich sah die schwarze Hölle in meinem Herzen. Georg Trakl, "Offenbarung und Untergang"

Friedrich Arni

Friedrich Ani, 49, schreibt Kriminalromane und Jugendbücher. Vier seiner Bücher mit dem Vermisstenfahnder Tabor Süden wurden mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. In diesem Jahr erschienen sein erstes Kinderbuch "Meine total wahren und überhaupt nicht peinlichen Memoiren mit genau elfeinhalb" (Hanser Verlag) und sein Krimi "Wer tötet, handelt" (dtv)

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