Ob er sich das zutraut, Vormund eines Flüchtlingsjungen zu sein? Ja, sagte Arthur Wedekind*. Dann wurde er auf die Probe gestellt

Ich habe keine Kinder, und als ich in Rente ging, wollte ich was Soziales mit jungen Leuten machen. Ich war Spezialist für Schiffshaftpflichtversicherungen und hatte mich schon neben meinem Beruf eine Zeit lang um Heimkinder gekümmert. Es gefällt mir, Jüngeren etwas zu vermitteln. Und als die Diakonie in Hamburg-Blankenese ehrenamtliche Vormünder für minderjährige Flüchtlinge suchte, meldete ich mich. "Wir haben da so einen schwierigen Fall", sagten sie gleich beim ersten Treffen.

"Wir haben da so einen schwierigen Fall"

Ein Junge von der Elfenbeinküste. Beide Eltern tot. Schwer traumatisiert. Leidet an Migräne. Unter Folter hatte er seinen Vater verraten. Ein Onkel verhalf ihm zur Flucht, da war er 15. Ob ich mir das zutraue? Ja, sagte ich. Mir war klar, dass ich als Vormund viel Verantwortung habe. Ich hafte zwar nicht für mein Mündel, aber ich muss mich um seine Finanzen, Gesundheit, Ausbildung kümmern. Da der Junge in einem Asylverfahren steckt, würde ich mich mit Behörden rumschlagen müssen. Aber von den Schifffahrtsfällen wusste ich: Das kann ich. Wahrscheinlich spielte auch eine Rolle, dass ich als Kind selbst ein Trauma erlebt habe: Wir wurden 1943 von Bomben verschüttet.

Zum ersten Mal traf ich Tawonga* in der Jugendwohnung, in der er lebt. Ein schmaler Junge, große Augen. An der Schläfe hat er einen Knochenauswuchs von der Folter. Wir saßen nebeneinander, guckten uns an, nickten. Dann ging es gleich los: Seine Sprachenschule war zu Ende, er wollte auf eine Gewerbeschule für Elektrotechnik. Geht nicht, hieß es. Erst als ich persönlich mit dem Schulleiter sprach, klappte es. Dann vier Tage die Finger wund telefoniert, bis ich einen Praktikumsplatz fand. Hat sich gelohnt: Der Betrieb war sehr zufrieden mit ihm.

Er hat ganz viel gefragt und ich erzähle gern

In den Ferien wollte ich mit ihm Ausflüge an die Nordsee machen. Aber solange sein Asylverfahren läuft, darf Tawonga Hamburg nicht verlassen. Also zwei Stunden bei der Behörde gehockt, dann hatte ich eine Verlassenserlaubnis für ihn. Morgens hab ich ihn mit meinem BMW abgeholt, und wir sind erst mal zu den Schleusen zwischen Elbe und Nordostseekanal. Er hat ganz viel gefragt. Alles Technische interessiert ihn. Und ich erzähle gern.

Aber dann das, drei Monate später: Strafverfahren wegen Prügelei mit einem Taxifahrer. Damit hatte ich nicht gerechnet. Tawonga hat zwar dieses Machomäßige wie viele Männer in seiner Kultur, aber er ist nicht aggressiv. Nur wenn er Alkohol getrunken hat und dann Gewalt erfährt, rastet er aus. Eine Folge seines Foltertraumas, erklärte mir eine Psychologin.

Nein, jetzt erst recht!

Doch dann wurde er wieder straffällig, eine Schlägerei nach Discobesuch. Am schlimmsten fand ich, dass er mir nichts gesagt hat. Ich erfuhr es erst, als die Vorladung zur Polizei kam. Ich wollte alles hinschmeißen. Aber dann sagte ich mir: Nein, jetzt erst recht!

Ich will das mit ihm durchkämpfen, er hat doch schon so viel geschafft. Als wir bei der Polizei rauskamen, ist er auf der Straße laut schluchzend zusammengebrochen. So hatte er sich vor mir noch nie gezeigt. Aber ihn in den Arm nehmen, das ging nicht. Er ist mir gegenüber eher distanziert. Obwohl ich ihm das Du angeboten habe, sagt er immer noch Herr Wedekind zu mir.

Jetzt haben wir schriftlich vereinbart, dass er keinen Alkohol mehr trinkt und regelmäßig zur Therapie geht. Er muss sich ganz langsam herantasten an den Schrecken, den er erlebt hat. Wenn er sich daran erinnert, erkennt er vielleicht, dass er nicht schuld ist am Schicksal seines Vaters. Vielleicht verschwindet dann auch seine Migräne.

Ich weiß ja, wie heilsam es ist, wenn man sich endlich an traumatische Erlebnisse erinnern kann. Mit über sechzig bin ich eines Morgens mit einer Temperatur von 34 Grad aufgewacht. Sieben Monate hielt das an. Die Ärzte ratlos. Erst als ich eine Therapie machte und irgendwann wieder unter den Trümmern saß, verschwand diese Untertemperatur. Das alles habe ich Tawonga erzählt. Gesagt hat er nichts. Aber es scheint angekommen zu sein. Er ist dann pünktlich zur Therapiestunde erschienen. e

Protokoll: Ariane Heimbach

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