Trainerlegende Lothar Buchmann

"Wenn er platzt, dann richtig"

Andreas Reeg/Andreas Reeg

Lothar Buchmann ist eine Legende. Früher Bundesligist, dann Bursa Darmstadt. Achte Liga, türkisch, chaotisch. Er kann sehr laut werden, wenn es mit der Disziplin hapert. Gerade ist es mal wieder so weit

Rambo, der Torwart, ist auf dem Weg ins Krankenhaus, er hat eine tischtennisgroße Beule unter dem Auge, nachdem der Gegner ihm das Knie ins Gesicht gerammt hat. Der Libero ist mit einer Zerrung vom Platz ge­humpelt. Der Trainer, der alles regungslos mit­-angesehen hat, will das Spiel abbrechen lassen, es steht schon 3:0 für den Gegner, und er befürchtet, dass es am Ende 10:0 stehen könnte. Dann kommt auch noch der Vorstandsvorsitzende, er trägt ein Trikot mit der Nummer 23, und fragt: »Trainer, soll ich rein?« Er hat bis zur B-Jugend bei Darmstadt 98 gekickt, im linken Mittelfeld, damals noch ohne Bauch. Heute ist er 26 mit Bauch und nicht mehr der Schnellste. Vor kurzem hat er sich beide Schultern ausgekugelt, und beim Training war er in letzter Zeit auch nicht so oft. Der Trainer atmet tief ein, dann zieht er den Kapitän in die Abwehr zurück und schickt den Vorstandsvorsitzenden ins Mittelfeld. Kurz darauf fällt der Anschlusstreffer. Zur Pause steht es 3:1 zwischen dem TSV Eschollbrücken und Bursa Darmstadt.

Die Spieler sitzen auf dem Rasen. Der Trainer ermahnt sie in seiner Halbzeitansprache: »Bleibt ruhig, wenn der Schiri pfeift.« Coskun, der Kapitän, hat schon Gelb, weil er in manchen Szenen etwas impulsiv war. Naci Ilhan, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende, hat gerade noch ein Vieraugengespräch mit dem Schiedsrichter geführt. Er hat ihm gesagt, er solle unvoreingenommen pfeifen und müsse den Deutschen seine Loyalität nicht beweisen, nur weil er Türke sei. Auch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende ist Türke, wie alle Spieler, die heute für Bursa auf dem Platz stehen. Nur der Trainer nicht. Der ist eine Legende. War mal Trainer bei Darmstadt 98, den Lilien, hat den Verein 1978 in die Erste Liga geführt, mit Eintracht Frankfurt ist er DFB-Pokalsieger geworden und hat mal gegen Bremen 9:2 gewonnen. Der Mann heißt Lothar Buchmann. Er ist 74 Jahre alt, er trägt eine dunkle Sonnenbrille und lehnt während des Spiels die meiste Zeit im Schatten an einem Pfeiler, als ginge ihn dieses Ge­kicke in der 8. Liga, der Kreisliga A von Darmstadt, nichts an.

„Die Jungs sind impulsiv. Liebe Kerle, aber wehe, wenn sie den Schalter ­umlegen“

Als er vor einem Jahr kam, stand die Mannschaft auf einem Abstiegsplatz. Es war Naci Ilhans Idee, Lothar Buchmann zu fragen. Ilhan war neun Jahre zuvor Spieler bei Buchmann gewesen, damals noch beim FC Ober-Ramstadt. Er rief seinen alten Trainer an und sagte, er sei der Einzige, der sie noch retten ­könne. Mit Buchmann konnten sie den Abstieg abwenden. Vor dem Spiel gegen Eschollbrücken stand Bursa auf Platz 11.
Freunde haben Buchmann damals gefragt, warum er sich das antue, Trainer bei Bursa, diesem chaotischen Haufen? Die Mannschaft galt als untrainierbar – aber nicht für Buchmann. Er sagt, er sei der Einzige, der sie in den Griff kriege. Und dass die Mannschaft schwieriger sei als andere, was mit der Erziehung der Spieler zu tun habe. Die Türken seien nur unter sich, als Jungs zu Hause immer im Mittelpunkt, und wenn er einen nicht spielen lasse, dann bliebe der zwei Wochen beleidigt weg. Mit mehr Disziplin stünde Bursa unter den ersten zwei der Tabelle.
Bursa ist eine Fußballmannschaft, die vor zwanzig Jahren von Türken in Darmstadt gegründet wurde, um die Erinnerung an die Heimat wachzuhalten. Noch heute gibt es zu den Heimspielen Tee, Sis Kebap und Baklava, es kommen um die hundert Türken und feiern das Zusammensein, selbst wenn die Mannschaft verliert. Seit Naci Ilhan mit fünf Freunden vor eineinhalb Jahren den Verein über­nommen hat, ist Bursa auch ein soziales Projekt. Es geht darum, türkische Männer in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Und dabei noch erfolgreich Fußball zu spielen.

»Serkan, hör auf zu träumen!!!« Wie der Knall eines Überschallflugzeugs durchbricht eine Stimme die Dorfplatzidylle. Die Stimme hat Buchmann noch von früher, als er sich gegen 50 000 im Stadion durchsetzen musste. »Wenn der platzt, platzt der richtig«, sagt einer der Jungs aus der zweiten Mannschaft, der sich das Spiel anschaut. Es geht um Disziplin. Als Buchmann kam, hat er gleich drei Spieler rausgeschmissen. Das kannten sie nicht. Davor hatten sie einen spanischen Trainer, ­einen netten, freundlichen Menschen, der mit ihnen auch schon mal ein Bierchen getrunken hat. Nach vier Punkten aus elf Spielen wurde er entlassen. An den Neuen muss man sich erst gewöhnen. Bei Naci Ilhan hat es neun Jahre ­gedauert, bis er verstanden hat, dass Buchmann immer recht hat, und bis er darüber lachen konnte, dass der Trainer ihm lauthals riet, die Koffer zu packen und nach Hause zu fahren, nachdem Naci einen Fehlpass gespielt hatte. Der Buchmann, der ist einfach so. Wenn ein Spieler von seinem Schuss schwärmt, der aus vierzig Metern an die Latte prallt, fragt Buchmann, was daran schön ist, wenn der Ball nicht reingeht.
Die Regungslosigkeit, die Buchmann äußerlich zeigt, ist nur Ausdruck einer inneren Anspannung. Das wird deutlich, als Sinan, der Spieler mit der Nummer 10, zum Elfmeter ­antritt. Buchmann wendet sich ab, geht einige Meter weg und steht dann abseits, allein und kann nicht hinschauen. Erst als er den Jubel ­seiner Spieler hört, stellt er sich wieder an den Spielfeldrand, und man sieht ihm für einen ­Moment die Erleichterung an. Es war der Elf­meter zum 3:3. In der 80. Minute fällt dann auch noch das 4:3 für Bursa. Den Trainer hält es nicht mehr. Er geht mit seiner Frau zum Auto und fährt weg. Die Spieler kennen das schon. Wenn es zu aufregend wird, geht der Trainer, um sein Herz zu schonen. Nach dem Spiel ruft Naci Ilhan ihn an, um ihm das Endergebnis mitzuteilen. Dass seine Mannschaft dieses Spiel noch drehen würde, damit hatte er nicht ge­rechnet. Er ist stolz. Er sagt, sie sollten sich ein Bier gönnen – und als Mannschaft geschlossen zum nächsten Training kommen.

Als der Neue kam, hat er gleich drei Spieler rausgeschmissen. Das kannten sie nicht

Der nächste Morgen. Ein Café im Zentrum von Darmstadt. Naci Ilhan trägt einen Anzug, eine Ledermappe unter dem Arm, das ist kein Aufzug, in dem er sich wohlfühlt, aber er hat Gespräche mit einer Bank geführt, es ging um Kredite. Er ist im Immobiliengeschäft, kauft Häuser, saniert und verkauft sie wieder. Das war der Tipp eines jüdischen Nachbarn an den 14-jährigen Naci: Wenn du es zu etwas bringen willst, dann mach was mit Immobilien. Als er Bursa zusammen mit den Freunden übernahm, stand der Verein kurz vor der Pleite, 16 000 Euro Schulden, dazu eine „etwas patriotische Führung“, wie Naci Ilhan es beschreibt. Spieler, die sonst nackt unter der Dusche standen, trauten sich nicht, weil die gläubigen Spieler in Unterhosen duschten. Sandro, einer von drei deutschen Spielern bei Bursa, sagt, dass er damals mit Sicherheit nicht für Bursa gespielt hätte. Damals wäre es nicht denkbar gewesen, dass er sich beim gemeinsamen Grillen ein Schweinesteak auf den Rost legt.
„Wir haben Jungs hier“, sagt Naci Ilhan, „die türkisch aufwachsen, die keinen Kontakt zu Deutschen haben, die sich wundern, wie man mit einem Deutschen im Café sitzen kann.“ Naci Ilhan und seine Freunde im Vorstand sind Aleviten, und sie leben den Spielern etwas vor, was für sie das Wichtigste ist: Toleranz. Seit der Vorstand nackt duscht, trauen sich die anderen auch wieder. Nach den Spielen sitzen sie meist noch zusammen in der Vereinsgaststätte. Und dann trinken auch die Jungs Alkohol, die am Freitag noch in der Moschee gebetet haben. Jungs wie Sinan, der zwei Tore zum Sieg gegen Eschollbrücken beigetragen hat. Er hat in der A-Jugend von Darmstadt 98 gegen Spieler wie Marko Marin, Thomas Müller und Toni Kroos gespielt, heute allesamt Nationalspieler. Ihm wurde ein Profivertrag angeboten, und er hat ihn abgelehnt, weil der Verein ihm zu wenig Geld zahlen wollte. „Er war so dumm, den Stolz ins Spiel zu bringen“, sagt Naci Ilhan. Sinan hat dann bei Kamps im Schichtdienst ge­arbeitet. Er kam zu Bursa, weil Naci Ilhan ihm einen Ausbildungsplatz organisiert hat bei einem türkischen Autohändler: als Lagerlogistiker. »Die Jungs sind impulsiv«, sagt er, »liebe Kerle, aber von einem auf den anderen Moment können sie ausrasten, als hätten sie einen Schalter in sich.« Das passiert hin und wieder im Alltag, wenn sie in der Gruppe sind und glauben, jemand hätte sie beleidigt. Auf dem Platz sowieso. Als Lothar Buchmann ihn während eines Spiels auswechseln wollte, blieb Sinan einfach auf dem Platz. Und das, sagt Ilhan, geht nicht. Das ist ein Affront gegen den Trainer, das gibt ein peinliches Bild ab vor den Zuschauern, und das ist respektlos dem Spieler gegenüber, der sich für seine Einwechslung bereitgemacht hat. Sinan wurde suspendiert. Nach zwei Wochen kam er und hat sich entschuldigt.

Der Sinan, den man später im Café trifft, ist ein fast schüchterner Mann, der leise spricht und eine Zeit braucht, bis er auftaut und von seiner Familie erzählt, von seinem Vater, der bei Opel arbeitet, seiner Mutter, die kein Deutsch spricht und nie zur Schule gegangen ist, von seiner 19-jährigen Schwester, die Abi gemacht hat und zu den Elternabenden seiner zwei jüngeren Brüder geht. Vom Onkel, der Vorsitzender der Moschee ist, und von sich selbst, der einen türkischen Pass hat, aber sagt, er würde in der Türkei nicht klarkommen. Und da geht es ihm wie Naci Ilhan, für den die Türkei nur ein Urlaubsland ist. Schon sein Großvater ist nach Deutschland gekommen, hat bei Mercedes gearbeitet, sein Vater dann 15 Jahre am Fließband gestanden, und sein Sohn fühlt sich als Deutscher. Für Naci Ilhan ist es auf dem Platz wie im Leben: Wenn das Spiel anfängt, gibt es keine Vorurteile, erst wenn es rassig wird, dann wird in der Wahrnehmung getrennt zwischen der ruhigen deutschen Mannschaft und der impulsiven türkischen. Im Alltag lebt ein Türke normal, solange er nicht auffällt, weil er erfolgreich ist oder jemandem auf den Schlips tritt. Erst dann spielen der Nachname und die Herkunft eine Rolle.

Sein Handy klingelt, einer seiner Spieler ruft an. Serkan. Auch einer dieser lieben Kerle, die mit dem Schalter. Er ist sehr aufgebracht, weil er die Gerichtsvollzieherin in der Wohnung hat. »Gib sie mir«, sagt Ilhan, und dann spricht er mit ihr. Zu Serkan sagt er: »Wir kriegen das hin.« Auch das ist ein Beispiel für Ilhans all­tägliche Integrationsarbeit. Serkan hatte sich während eines Spiels an der Schulter verletzt und bekam von der Klinik eine Rechnung über 2700 Euro. Er ist nicht krankenversichert. Naci Ilhan sagt, er wusste gar nicht, dass das geht in Deutschland, bis er zu Bursa kam. Serkan hat nichts unternommen, erst als es zu spät war, hat er Naci angerufen. »Die sind sehr unbelehrt, wenn es um rechtliche Fragen geht«, sagt Ilhan, »die zittern, wenn sie einen Brief von der Polizei bekommen, sie kommen mit solchen Dingen nicht klar.« Es ist Naci Ilhan, der den Kon­flikt löst und eine Ratenzahlung mit der Klinik vereinbart.

Als Verein könnten sie noch viel mehr machen, vor allem im Jugendbereich, das Interesse ist groß, sie könnten Jugendmannschaften gründen, sogar eine Mädchenmannschaft, aber das geht nicht, solange sie keinen Platz ­haben. Seit zwanzig Jahren hat Bursa keinen eigenen Platz, sondern muss sich ihn mieten, was jeden Monat 650 Euro kostet. Und je mehr Mannschaften ihn nutzen, desto teurer wird es, und das kann sich der Verein nicht leisten. Es gibt Überlegungen, mit dem Nachbarverein DJK/SSG Darmstadt zu fusio­nieren. Was eine besondere Chance wäre: Ein muslimischer Verein fusioniert mit einem ur­katholischen. Einen solchen Zusammenschluss hat es bislang noch nirgendwo gegeben. Naci Ilhan ist optimistisch, dass es klappen könnte. Der Einzige, der bei Bursa keine Zukunft sah, ist der Trainer. Ein paar Wochen nach dem Spiel gegen Escholl­brücken tritt Lothar Buchmann zurück. Am Telefon sagt er, die Disziplin habe nachgelassen. Es seien zu wenige Spieler zum Training erschienen, und wenn sie nicht trainierten, mache auch sein Job keinen Sinn. Ob es das Ende seiner Trainerkarriere sei? »Weiß ich nicht«, sagt er. Er könne sich vieles vorstellen, solange er Spaß an der Sache habe. Er müsse sich auch nichts mehr beweisen und könne in jeder Spielklasse trainieren, auch ­Jugendliche. Im Moment aber ist er ganz froh, nicht rauszumüssen. Es schneit. Aber auch der Schnee wird ihn auf Dauer nicht davon ab­halten, wieder auf dem Platz zu stehen und Spielern klarzumachen, dass nicht sie es waren, die den Fußball erfunden haben.

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