Die Pubertät ist kein Problem, sondern ein kultureller Glücksfall. Das Problem sind die Eltern!

Irgendwann ist es selbst wohlmeinenden Eltern zu viel. Die personifizierte Krise steht vor ihnen in Gestalt der dreizehnjährigen Tochter, des vierzehnjährigen Sohnes. Die ehedem süßen Kleinen scheinen sich in Monster verwandelt zu haben. Den Lehrern geht es nicht besser als den Eltern: Sie empfinden die Jugendlichen als Quellen fortgesetzter Störung. Die ganze Gesellschaft scheint die Pubertierenden als Inbegriff von Krise wahrzunehmen und antwortet auf ihr Verhalten mit Verboten, die sie als Fürsorge ummantelt. Selbst die Jugendlichen sehen sich in einer Krise: Sie haben sich mit ihren Ängsten und Sehnsüchten irgendwo zwischen ihrer verlorenen Kindheit und ihrer ungewissen Zukunft verlaufen, sind verunsichert über sich selbst und ihre Rolle, fühlen sich unverstanden, unerwünscht.

Hier läuft gerade etwas ganz Tolles ab

Was ist das für eine seltsame Zeit, die wir mit Jugend und Pubertät bezeichnen? Kaum vorstellbar, dass hier gerade etwas ganz Tolles abläuft, dass die Pubertät in Wirklichkeit ein kultureller Glücksfall ist. Kaum zu glauben, dass zugleich aber eine ganze Gesellschaft meint, auf den Mut, den Gestaltungsdrang und das innovative Potenzial von jungen Menschen verzichten zu können.

Rückblende. Vor einer Million Jahren, irgendwo in Afrika: Es dämmert. Lukas, 15, kauert vor dem Feuer. Er denkt an die morgige Jagd. Seine Frau Laura, 14, hockt etwas abseits bei den Frauen und stillt ihr Baby. Lukas überprüft seine Jagdutensilien. Er hat eine Senke ausgekundschaftet, morgen will er seine Gruppe dort hinführen. Wenn es gut läuft, werden alle für viele Tage genug Fleisch zu essen haben. Lukas sieht über das Land und ahnt nicht, wie erfolgreich er sein wird.

Heute, irgendwo in Europa: Draußen wird's dunkel. Lukas, 15, kauert vor seinem PC. Er denkt an die morgige Klassenarbeit. Hinter ihm lümmelt sich seine Freundin Laura, 14, auf dem Sofa und hört Musik, während sie im Titus-Katalog nach neuen Tops Ausschau hält. Lukas hat keine Ahnung, wozu er Latein braucht. Doch er weiß, dass er die Arbeit morgen nicht verhauen darf. Sonst sieht es mit der Versetzung ziemlich trübe aus. Die 5 in Englisch scheint ihm sicher zu sein. Lukas sieht aus dem Fenster. Großstadtlichter. Er vergisst die Schule und träumt von Afrika.

Die Lage der Jugendlichen heute ist völlig anders

Biologisch gesehen markiert der Beginn der Geschlechtsreife den Generationenwechsel. Vor Millionen Jahren hatte das einschneidende Konsequenzen: Die jungen geschlechtsreifen Mitglieder einer Menschengruppe mussten sich Sexualpartner suchen. Sie handelten zunehmend unabhängig von den Eltern. Diese waren mit 30 Jahren alt und gebrechlich, sie verloren ihre Macht und starben. Die Jungen übernahmen das Ruder. Dazu mussten sie ganz viel Mut und Entschlossenheit aufbringen.

Die Lage der Jugendlichen heute ist völlig anders. Allein in den vergangenen zehn Generationen hat sich die Lebenserwartung der Menschen nahezu verdreifacht. Eine massive Veränderung mit der Folge: Heute leben drei bis vier Generationen nebeneinander. Deshalb finden sich junge Erwachsene, nicht anders als ältere Menschen, in Parallelkulturen wieder, weit weg von den Gestaltungsprozessen in der Mitte der Gesellschaft. An die Stelle des natürlichen Generationenwechsels sind Generationenkonflikte getreten. Typische Verhaltensweisen junger Erwachsener werden nun als Störung wahrgenommen. Jugendliche werden gezwungen, in ihren Parallelkulturen nach Betätigungsfeldern zu suchen, auf denen sie ihre an sich so wertvollen Verhaltensbereitschaften wie zum Beispiel ihren Mut, ihren Gestaltungsdrang und ihr ausgeprägtes Bedürfnis nach emotionalen Grenzerfahrungen ausleben können. Deshalb mobben sie Lehrer, verprügeln sie Gleichaltrige, nehmen sie Drogen, saufen sie sich bis ins Koma. Andere reagieren mit Rückzug.

Die Jugendlichen standen an der vordersten Front der Kulturevolution

Die Elterngeneration erkennt "abweichendes Verhalten" oder eine "Störung des Sozialverhaltens". Die Jugend wird zum Problem und zum Objekt von Fürsorge und Erziehung. Dabei waren es doch die Jugendlichen, die über die Millionen Jahre der Menschheitsentwicklung an der vordersten Front der Kulturevolution standen. Heute machen die Älteren den Jungen ihren natürlichen Einflusswillen streitig. Dieser Konflikt stellt eine große Gefahr dar: für den weiteren Weg der menschlichen Gesellschaften.

Das Jugendschutzgesetz sieht einen ganzen Kanon von Strategien zur Abwehr "jugendgefährdender Einflüsse" vor. Was darin aber fehlt: der Schutz einer jugendspezifischen Entwicklung, durch die sich Persönlichkeiten optimal entfalten können. Betrachtet man es neurobiologisch, ist es gerade eine der größten Jugendgefährdungen, dass die jungen Menschen davon abgehalten werden, ihren Einfluss und ihre Fähigkeiten zur Geltung zu bringen.

Die mit der Pubertät verbundenen Fähigkeiten, für Jahrmillionen Motor der Kulturentwicklung, sind heute nahezu bedeutungslos geworden: Der Selektionsdruck in der frühen Geschichte der Menschheit forderte die Bereitschaft, für Neues offen zu sein. Die gerade geschlechtsreif gewordenen Jugendlichen waren für die soziale Gemeinschaft von unverzichtbarem Wert. Ihre Fähigkeit, neue Wege zu gehen, diente dem Überleben der Gruppen. Ihre hohe Risikobereitschaft, ihre Neugier, ihre Willensstärke waren die Schlüssel zum Erfolg des Projektes Menschwerdung. Jugendliche planten und gestalteten, kaum dass sie geschlechtsreif waren, das Zusammenleben. Die Legitimation dazu machte ihnen über die Jahrmillionen niemand streitig. Diejenigen, die es hätten tun können, waren gerade dabei abzutreten. Heute nimmt sich die Gesellschaft die Freiheit, auf die Fähigkeiten der Jugendlichen zu verzichten. Dies ist ein Holzweg. Die demokratischen Gesellschaften haben die Pflicht (und die Möglichkeiten), den Jugendlichen ihre natürlichen Rechte zurückzugeben: mitzubestimmen, zu wählen und gewählt zu werden.

Rückblende. Vor einer Million Jahren, irgendwo in Afrika: Es dämmert. Lukas, 15, kauert vor dem Feuer. Er hält sein Baby im Arm und sieht seiner Frau Laura, 14, zu, die mit den anderen das Fleisch in Streifen schneidet. Seine Idee, den Wurfspeer auch am hinteren Ende zuzuspitzen, war ein voller Erfolg. Die Flugeigenschaften sind besser, die Reichweite ist höher und die Treffsicherheit größer. Das Flusspferd in der Senke hatte keine Chance. Lukas ist stolz auf seinen Erfolg, seine Stellung gefestigt. Sie haben Räucherfleisch für Wochen. Nur Berni war wieder zu übermütig, er kam den Eckzähnen des Beutetieres zu nahe. Laura hat seine Wunden mit Honig eingerieben und ihm von ihren vergorenen Beeren gegeben. Jetzt schläft er seinen Rausch am Feuer aus.

Heute, irgendwo in Europa: Draußen wird's dunkel. Lukas, 15, kauert vor seinem PC. Es ist Montagabend. Bei dem Gedanken an die Lateinarbeit von heute Morgen wird es ihm mulmig. Das meiste musste er von Stefan abschreiben. Wenn das rauskommt, wird es kritisch. Seine Freundin Laura, 14, und Stefan lümmeln sich auf dem Sofa. In ihrem neuen Top sieht sie stark aus, denkt Lukas. Stefan reißt schon wieder eine neue Dose Bier auf. Er ist völlig fertig, weil Berni im Krankenhaus liegt. Der war mal wieder zu übermütig, ist beim Autosurfen vom Dach gefallen und hat sich ein Bein gebrochen. So ein Trottel, denkt Lukas.

Eine Utopie

Eine Utopie. Im Jahr 2100, irgendwo in Deutschland: Draußen wird's dunkel. Lukas, 15, sitzt vor seinem Terminal. Die Vorbereitungen für sein morgiges Seminar an der Technischen Universität sind abgeschlossen. Nach der Schule hatte er sein Hobby zum Beruf gemacht, gemeinsam mit Stefan und Berni eine Firma gegründet. Ihr Ziel: die Weiterentwicklung von Verfahren zum verlustfreien Transport von Strom aus den Solarfarmen in Nordafrika. Mail von Stefan: "Erinnere meinen Vater, dass er mich morgen im Krippendienst ablöst! " Wenn Stefans Vater müde ist, könnte ich ihn nach dem Seminar ablösen, denkt Lukas.

Am Tag darauf ist Lukas kurz vor neun in der Ankunftshalle des Flughafens. Er wartet auf seine Freundin Laura, 14. Sie ist beim ersten Versuch direkt ins Europaparlament gewählt worden. Als technischen Berater hat sie Stefans Vater gewinnen können. Sie kommt von einer Anhörung zurück, hat Lukas' Konzept vorgestellt. Laura ist pünktlich. "Ich glaube, ihr seid im Geschäft", sagt sie. Laura mischt sich auf der Grundlage des "Adolescent Veto Right" erfolgreich ein. Das Vetorecht für Jugendliche ist ein Verdienst der Eltern- und Großelterngeneration von Lukas und Laura. Eine Folge der Generationenkonflikte zu Beginn des Jahrhunderts. Perspektivlosigkeit und Gewaltexzesse. Die Zeiten sind gottlob überstanden.

Es muss uns gelingen, die jungen Erwachsenen an ihren Platz in die Mitte der Gesellschaft zurückzuholen. Die Älteren müssen dafür heute Mut beweisen. Die Jungen haben ihn.

Ralph R. Dawirs

Ralph R. Dawirs ist Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Neurobiologie am Universitätsklinikum Erlangen. Er sagt: Pubertierende sind keine Monster, sondern Helden

Gunther H. Moll

Gunther H. Moll, ebenfalls Professor für Kinder-und Jugendpsychiatrie und Neurobiologie, schrieb mit Dawirs das Buch: "Endlich in der Pubertät! Vom Sinn der wilden Jahre"

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