Was tröstet? Erste-Hilfe-Koffer für die Seele

Hilfe!
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Foto: Stefan Hohloch

Voll in der Krise: Die eine Freundin ist depressiv, die andere arbeitslos, und der Kollege hat seinen Vater verloren. Was sagt man jetzt? Was sagt man besser nicht? chrismon hat Profis gefragt und einen Erste-Hilfe-Koffer für die Seele gepackt

Riesenproblem!

Gesine Wabra, Psychologin bei der Telefonseelsorge in Konstanz

Eine Freundin ruft mich an, total in der Krise. Weil ich sie beruhigen möchte, sag ich: "Aber so schlimm ist es doch gar nicht!"

GESINE WABRA: Damit bagatellisieren Sie das Problem. Auch wenn Sie denken, meine Güte, so ein Problem hab ich auch dauernd ­ in diesem Moment ist es eben für diesen Menschen ganz schwer.

Oder ich sage: "In meiner letzten Ehekrise hab ich das und das gemacht ­ probier das doch auch mal!"

Dann antworten Sie aus der eigenen Erfahrung heraus. Aber das Problem, das sich ähnlich anhört, kann ein ganz anderes sein.

Wie kann ich denn dann helfen?

Auch wenn Sie denken, Sie müssten sofort einen Rat aus der Tasche ziehen ­ es hilft etwas ganz anderes: dass Sie Ihr Ohr leihen und versuchen nachzuvollziehen, wie es der Freundin geht. Und rückmelden: "Ich hab jetzt verstanden, so und so ist es bei dir", dann hat sie eine Korrekturmöglichkeit.

Darf ich mich erschrecken?

Natürlich. "Mensch, wenn ich das so höre, da bin ich im Moment ganz sprachlos." Das heißt ja, Sie lassen sich berühren vom Leid des anderen ­ ohne dass Sie es zum eigenen Leid machen müssen. Helfen ist also weniger Handeln als Begleiten.

Was tröstet eigentlich?

Wenn ich erfahre, dass ich nicht allein bin, dass es jemanden gibt, der mit meinen Augen sehen und mit meinem Herzen fühlen kann ­ das kann tröstend sein.

Schlimme Diagnose

Andrea Schumacher ist Vorsitzende der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie und Privatdozentin am Uniklinikum Münster

Ich melde mich mal wieder bei einem alten Freund, und der sagt: "Ich habe Krebs." Und ich sage: "Oh nein, wie furchtbar!" Ist das falsch?

ANDREA SCHUMACHER: Nein, wenn Sie Ihre Betroffenheit zeigen, zeigen Sie auch, dass Ihnen der andere am Herzen liegt.

Dann sag ich: "Was ist das für ein Krebs ­ kleinzellig, Plattenepithel, welches Stadium? Ich such dir was im Internet!"

Ja, das ist meist ein Zeichen der eigenen Hilflosigkeit. Man erschlägt den anderen mit Informationen, um sich selber die Angst vom Leib zu halten.

Aber wie kann ich ihm helfen?

Indem Sie nicht gleich das riesengroße Pflaster draufkleben ­alles wird wieder gut ­, sondern ein Stück weit mit aushalten. Indem Sie Raum geben, dass er sich mal ausheulen kann, sich mal seine Angst vom Leib schreien kann: Warum gerade ich?

Kann ich auch etwas Praktisches tun?

Vielleicht braucht er jemanden, der mit ihm zu den Computertomografie-Terminen geht; oder jemanden, der dann die Kinder vom Kindergarten abholt und für einen Nachmittag beschäftigt hält, damit der Patient ein bisschen Ruhe für sich selber hat. Einfach fragen: "Was kann ich dir abnehmen?" Und vielleicht auch mal in einer ruhigen Stunde, wenn es eine nahe Freundschaft ist, fragen: "Du, hast du eigentlich Angst?" Denn Patienten befürchten oft, die Freunde und Angehörigen zu überfordern. Da ist es gut, von denen das Signal zu bekommen: "Ich bin für dich da." Und zwar nicht nur einmal.

Jetzt ist der Freund gerade mal wieder aus dem Krankenhaus zurück, und ich rufe an ­ soll ich ihn überhaupt nach der Krankheit fragen?

Es kann hilfreich sein, wenn's auch mal einen Schonraum gibt, ein Stück normalen Alltag, wo wir über den Film gestern Abend im Fernsehen reden oder über die Konfirmation meiner Tochter. Es kann aber auch sein, dass er ganz grantig sagt: "Ich kann jetzt nicht", und den Hörer auflegt. So. Da sollten Sie nicht sagen: "Dieser blöde Kerl, was hab ich alles getan für den! Ich meld mich nicht mehr!" Wer weiß, was der erlebt hat. Dann rufen Sie eben ein paar Tage später noch mal an.

Es gelten andere Regeln.

Ja. Der Freund ist nicht ganz er selber, er wird auch mal unwirsch. Weil er sich so ohnmächtig fühlt. Sie selbst brauchen natürlich auch jemanden, mit dem Sie reden können ­ Krebsberatungsstellen sind auch für Freunde von Schwerkranken da.

Viele Leute denken, dass der Patient nicht über die Krankheit sprechen will. Also fragen sie seine Frau, wie's ihm geht.

Ganz typisch. Weil wir ja alle nicht gelernt haben, wie man mit einem Schwerstkranken redet. Da ist es viel einfacher, die Ehefrau zu fragen. Aber als wirklich guter Freund unterziehe ich mich diesem Stress, indem ich den Kranken direkt frage.

Ich kann also gar nicht so viel falsch machen ­ außer, dass ich mich abwende?

Ja. Es gibt kein Rezept, wie man mit einem todkranken Freund umgeht. Was heute für ihn richtig ist, kann nächste Woche nicht das Richtige sein. Aber das kann ich nur wissen, indem ich es erfrage.

Trennen oder nicht?

Sabine Hykel, Leiterin der Lebensberatung im Berliner Dom

Ein Freund erzählt: "Ich glaub, ich hab mich verliebt ­ was soll ich denn jetzt machen, soll ich mich von meiner Frau trennen?" Als Küchenpsychologin sagt man gern: "Das ist ein Zeichen, dass deine Beziehung eh keine Zukunft mehr hat."

SABINE HYKEL: Nein, das ist erst mal ein Zeichen, dass man noch sehr lebendig ist. Viele verbinden mit einem anderen Partner neue Lebensmöglichkeiten. Sie könnten den Freund fragen, was für Wünsche ans Leben dahinterstecken, was der oder die andere für ein Leben repräsentiert, was ihm an der neuen Liebe so anziehend erscheint.

Wild oder kreativ oder bodenständig...

Dann ist in der jetzigen Beziehung, im jetzigen Leben eine Lücke. Und wenn er sich eigentlich nicht trennen will, könnten Sie mit dem Freund überlegen, wie er selbst was Wildromantisches in sein Leben, seine langjährige Beziehung integrieren kann.

Anderes Beispiel: Eine Freundin erzählt zum x-ten Mal, wie gemein ihr Mann zu ihr ist. Am liebsten würd ich sagen: "Lass dir das nicht länger gefallen, zieh aus!"

Dazu sind Sie als Freundin ja auch da. Ich als professionelle Beraterin frage: "Wie kommt es, dass Sie das so lange ausgehalten haben? Was hält Sie?" Und Sie könnten fragen: "Was würde dir Angst machen, wenn du dich trennst, und was würde dir ein befreiendes Gefühl machen dabei?"

Ich helfe ihr, sich zu sortieren. Am Ende haben wir ein Häufchen Positives und ein Häufchen Negatives. Und dann?

Das ist oft genau der Konflikt, mit dem Menschen zu uns kommen. Aber im Lauf einer Paarberatung merken sie manchmal, dass sie auch etwas hält. Wenn sie dann doch bleiben, ist es eine bewusste Entscheidung. Sie können dann immer noch überlegen: Was kann ich ändern, um zufriedener zu werden?

Aber meine Freundin entscheidet sich einfach nicht, sondern jammert immer weiter.

Fragen Sie sie, was sie jetzt gern von Ihnen als Freundin will: "Möchtest du meine Meinung hören, oder möchtest du bedauert werden?" Wenn sie nur mal abladen will, könnten Sie sagen: "Ja, das hab ich schon zehn Mal gehört. Wenn du jetzt mit mir darüber sprechen willst, dann nur, wenn du auch meine Meinung anhörst." Sie setzen auch Bedingungen ­ wenn Sie nicht die hilflose Helferin sein wollen.

"Alles ist so furchtbar"

Tim Pfeiffer- Gerschel ist Koordinator des bundesweiten Kompetenznetzes Depression, Suizidalität

Eine depressive Freundin sagt: "Alles ist furchtbar -­ ich, alles." Da möchte man widersprechen: Das stimmt doch gar nicht!

TIM PFEIFFER-GERSCHEL: Woher weiß ich das? Das ist ja genau das Problem der Menschen mit Depression, dass auch Dinge, die früher Freude machten, jetzt keine mehr machen. Und wenn man sie darauf hinweist, dass sie früher so gern gejoggt sind, fühlen sie sich noch schlechter: "Siehst du, nicht mal das schaffe ich." Bevor Sie darüber sprechen, was vielleicht nicht furchtbar ist, sollten Sie der Freundin vermitteln: Ja, du darfst sagen, dass es dir schlecht geht; ich nehme dich so an, wie du bist.

Vielleicht sollte sie mal verreisen!

Viele haben gar keine Lust auf Reisen. Dass nichts Freude macht, das ist ja nicht an einen Ort gebunden. Außerdem verharmlosen Sie damit: "Was du hast, ist nichts Schlimmes, das lässt sich durch eine simple Methode verändern." Es ist schließlich eine Krankheit. Aber man kann sie behandeln.

Was kann ich tun ­ außer Therapeuten zu suchen?

Vor allem: aushalten. Auch den Zwiespalt, dass Sie wissen, dass die Depression irgendwann vorbeigehen wird, aber das Häufchen Elend vor Ihnen glaubt nicht dran. Und Sie sollten für sich selber sorgen, denn das schwarze Loch übt oft eine Sogwirkung aus ­ es gibt ja den Spruch, dass die Depressiven die wahren Realisten seien.

Nützt es, die Freundin zu ganz kleinen Unternehmungen zu bewegen?

Ja, sofern Sie ertragen können, dass sie Ihre Angebote ablehnt. Vielleicht ist es schon ein großer Erfolg, sich mal fürs Kaffeetrinken ins Wohnzimmer zu setzen, anstatt nur unter der Bettdecke zu stecken. Oder eine tolle Sache, einmal um den Block zu gehen. In der Klinik sagen wir: "Sie sollen nicht spazieren gehen, weil Ihnen das Spaß macht, sondern damit Sie was auf Ihrer Tagesliste stehen haben, was Sie geschafft haben."

"Ich will nicht mehr leben"

Regina Wolf-Schmid, Ärztin und Beraterin bei "Arche ­ Suizidprävention und Hilfe in Lebenskrisen", München

Ein Freund sagt: "Ich kann einfach nicht mehr."

REGINA WOLF-SCHMID: Menschen, die suizidal sind, lassen oft so einen vieldeutigen Probesatz los und warten, wie reagiert der andere, überhört der den? Also nachfragen: "Was genau kannst du nicht mehr?"

Dann erzählt er von einem Problem und dass er sich am liebsten umbringen würde. Dann ich: "Wegen so was nimmt man sich doch nicht das Leben!"

Das ist Ihre Einschätzung, die muss ja für den Freund überhaupt nicht stimmen. Die Anlässe, wann jemand in eine suizidale Krise gerät, sind sehr verschieden, das kann auch eine unachtsame Bemerkung sein, die einem nichts ausmacht, wenn man in sich ruht. Aber die eigentliche Ursache ist immer etwas Tieferes.

Und was mach ich jetzt, wenn der Freund sagt: "Ich will nicht mehr leben"?

Wir formulieren das in der Beratung oft um ­ "Ich will so nicht mehr leben." Wir fragen: "Was müsste sich verändern, dass du wieder leben willst?" Und dann schauen wir zusammen so konkret wie möglich, welche Punkte im Leben sich ändern müssten, damit es sich jemand wieder vorstellen kann. Aber wir lassen ihm die Option.

Es stimmt also nicht: Wer über den Selbstmord spricht, begeht keinen?

Nein. Man weiß sogar, dass etwa 80 Prozent derer, die einen Suizid versuchen oder machen, vorher etwas sagen. Aber eben oft nur etwas Generelles wie "Ich kann nicht mehr". Das sollten Sie nicht übergehen. Und wenn jemand noch mit niemandem darüber geredet hat, sollten Sie wertschätzen, dass er das jetzt so mutig Ihnen anvertraut. Ich würde auch fragen: "Wie würdest du es machen?"

Dann sagt er, er habe gestern im Büro geschaut, ob die Höhe reicht.

Das wäre höchste Alarmstufe. Dann sollten Sie überlegen, ob da nicht eine sofortige Krisenberatung angesagt ist. Das Schlimme ist, dass die Menschen, sobald sie wirklich entschlossen sind, nach außen oft ganz gelassen wirken. Die brisante Situation ist also vorher, wenn jemand noch am Erwägen ist, vielleicht auch drüber spricht.

Einerseits möchte der Freund Hilfe, andererseits nicht.

Ja, aber man kann mit dem Teil in ihm, der vielleicht nicht sterben will, verhandeln. Sie könnten fragen: "Was könnte den Teil stärken, der leben will? Wäre es für dich okay, wenn du mal ein paar Tage zu mir kommst oder wenn ich mal bei dir übernachte?" Manchmal hilft es, wenn jemand einfach nicht mehr allein ist und reden kann. Aber manchmal ist reden gar nicht angesagt, sondern jemand braucht einfach mal Ruhe.

Eine Flasche Wein am Abend

Randolph Pleske, Leiter der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention des Diakonischen Werkes Hannover

Ein Freund trinkt jeden Abend eine Flasche Wein. Ich mache mir Sorgen. Soll ich ihn darauf ansprechen?

RANDOLPH PLESKE: Schwierig. Sie werden erst mal auf Ablehnung treffen: "Ach, das ist doch nicht schlimm, du trinkst doch auch" oder "Na ja, mal ne Flasche . . ." Aber Sie könnten vorsichtig sagen, was Ihnen aufgefallen ist, und dann, dass Sie sich Sorgen machen. "Ich sehe dich jeden Abend mit einer Flasche Rotwein, vielleicht stehen ja irgendwelche Probleme dahinter." Dann kann er sich mal entlasten. Aber nicht versuchen, laienhaft zu therapieren. Ihm klarmachen, dass das keine Schande ist, sondern eine anerkannte Krankheit, dann Hilfe suchen.

Man liest oft den Rat: Helfen durch Nicht-Helfen. Was heißt das?

Wenn man mittrinkt oder mit dem bereits alkoholisierten Freund noch stundenlang redet, dann unterstützt man die Sucht. Besser einen Schnitt machen: "Wenn du eine Flasche Wein drinhast, kann ich mit dir nicht mehr reden, dann ziehe ich mich zurück." Dann muss der Freund sehen, was ihm wichtiger ist. Das kann ein heilsamer Schuss vor den Bug sein. Natürlich sollten Sie ein Angebot machen: "Du bist mein Freund, ich unterstütze dich gerne, ich kann dich auch zur Suchtberatung begleiten, die ist anonym. Aber anzusehen, wie du alkoholisiert deinen Moralischen hast und mich stundenlang zutextest, das will ich nicht mehr."

Stimmt es, dass die Leute erst am totalen Tiefpunkt sein müssen?

Es muss schon ein Leidensdruck da sein, bevor jemand motiviert ist, sich behandeln zu lassen. Aber es ist ein persönlicher Tiefpunkt ­ der eine muss erst weiße Mäuse sehen, der andere hat ihn, wenn er nicht mehr zu Partys eingeladen wird. Oder die Tochter sagt: "Papa, du stinkst schon wieder!"

"Mein Vater ist gestorben"

Kristiane Voll, Pfarrerin in Remscheid und Trauerbegleiterin, arbeitet bei www.trauernetz.de mit, einem Angebot der evangelischen Kirchen

Ich ruf einen Freund an, nichts ahnend, und der sagt: Mein Vater ist gestorben. Ich sag: "Wie schrecklich! Das tut mir so leid!" Ist das richtig?

KRISTIANE VOLL: Das ist schon mal ein guter Einstieg. Auch so etwas wie "Jetzt weiß ich gar nicht, was ich sagen soll" ­ alles, was einem wirklich aus dem Herzen kommt, was keine Floskel ist.

Aber ich sollte nicht sagen: "Na ja, es war doch eine Erlösung für ihn"?

Oh nein, bitte nicht! Wenn das die Trauernden selber für sich erleben ­ in Ordnung. Aber Sie sollten es ihnen nicht aufs Auge drücken. Sie von sich aus sollten keinen Sinn in das Geschehen legen.

Also nicht zu Eltern sagen, die ihr Frühgeborenes verloren haben: "Es hat doch noch gar nicht gelebt."

Für die Eltern hat es sehr wohl gelebt. Und unendlich viele Träume haben gelebt, Träume für ein gemeinsames Leben.

Dann rette ich mich ins Faktische und frage: "Wie ist der Vater denn gestorben?"

Ich würde offener fragen: "Was ist denn passiert?" Dann kann er selber entscheiden, wo er anfangen möchte zu erzählen, zum Beispiel bei der Krankheitsgeschichte. Geben Sie ihm Raum. Die meisten erzählen auch gerne. Aber vielleicht ist jemand kurz angebunden ­ das sollten Sie nicht persönlich nehmen. Das hat mit der Trauer zu tun und nichts mit der Freundschaft.

Gut, dann lasse ich ihn in Ruhe und melde mich nicht mehr...

Das genau ist die Krux. Am Anfang ist die Zuwendung aus dem Familien- und Freundeskreis verhältnismäßig groß ­ in dieser Zeit wollen Trauernde aber eher für sich sein. Das verwandelt sich meist nach einigen Wochen oder Monaten wieder, aber die abgewiesenen Freunde haben nicht den Mut, nach einem halben Jahr noch mal Kontakt aufzunehmen. Also: Immer wieder Angebote machen.

Welche denn?

Oft eine gute Idee: "Möchtest du, dass wir mal zusammen zum Friedhof gehen?" Aber nicht allgemein fragen: "Was kann ich für dich tun?" Denn viele Trauernde wissen selber gar keine Antwort darauf. Sondern konkrete Dinge anbieten, auch völlig einfache: vom Getränkemarkt Sprudel mitbringen oder, weil Trauernde nicht für sich alleine kochen, sagen: "Hast du Lust, dass wir mal zusammen Abendbrot essen?" Gerade durch das Essen kriege ich jemanden wieder ein bisschen in die Gemeinschaft.

Hilft es, wenn ich erzähle, was ich mit dem Verstorbenen erlebt habe?

Ja! Das ist auch in Kondolenzbriefen was Gutes. Also schreiben: Ich hab den noch so und so vor Augen, oder dieses Erlebnis ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, oder man ging gemeinsam zur Schule ­ da wissen die Hinterbliebenen ja oft gar nichts drüber. Das ist dann wie ein Bilderalbum, was die Trauernden wieder und wieder zur Hand nehmen können.

Gibt es hier überhaupt so etwas wie Trost ­ den ich auch bieten kann?

Das Wort Trost hängt wortsprachlich mit dem Wort treu zusammen. Trösten heißt, dass ich dem Trauernden ­ in welcher Weise auch immer ­ treu bin.

Treue erweist sich ja erst, wenn es anstrengend wird, dazubleiben. Zum Beispiel, wenn Trauernde immer wieder dieselben Geschichten erzählen.

Sie müssen das tun, um das Erlebnis in ihr Leben zu integrieren. Und viele Trauernde haben panische Angst davor, den Verstorbenen zu vergessen. Im Erzählen vergesse ich ihn nicht. Sie sollten das möglichst liebevoll mittragen.

Und wenn es mir zu viel wird?

Mit Ehrlichkeit können Trauernde am allerbesten umgehen. Wenn Sie nach Telefonaten spätabends nicht schlafen können, sollten Sie das ehrlich sagen und vorschlagen, am Nachmittag zu reden, damit Sie besser in die Nacht reinkommen.

Immer noch arbeitslos

Renate Schumak, Psychologin bei der Solidarischen Psychosozialen Hilfe Hamburg, berät erwerbslose Menschen in psychischen Krisen

Ich hab eine Freundin eingeladen, die seit Langem arbeitslos ist. Sollte ich das Thema besser meiden?

RENATE SCHUMAK: Nein. Aber Sie sollten sie nicht begrüßen mit "Na, hast du schon einen Job?". Weil die Leute selbst schon genug Hoffnungslosigkeit verspüren. Fragen Sie sie nach ihrer Befindlichkeit: "Wie geht's dir? Ist es gerade sehr frustrierend?"

Berufstätige fragen gern ungeduldig: "Sag mal, was unternimmst du eigentlich, um einen Job zu finden?"

Damit setzen Sie die Freundin unter Rechtfertigungsdruck. Mit so einer Frage wehren Sie natürlich Ihre eigene Angst ab, arbeitslos zu werden. Wenn man gute Bekannte hat, die da lange nicht rauskommen, macht das Angst. Man denkt dann: Vielleicht machen die ja was falsch, was ich natürlich richtig machen würde. Damit wehrt man die Ohnmacht ab, dass man es eben wirklich nicht selber in der Hand hat bei dieser Arbeitsmarktsituation.

Sollen wir über Geld reden?

Sie sollten sich klarmachen, wie wenig Geld das ist. Wenn man gut befreundet ist, sollte man darüber reden können. "Ist es zu wenig? Kann ich dir irgendwie helfen?" Und wenn man gern ins Kino geht und die Freundin kann sich das nicht leisten, könnten Sie sagen: "Ich hab aber Lust, mit dir zu gehen, also lad ich dich ein. Wenn du das nicht willst, dann können wir nicht gehen, und das fänd ich schade." Es ist aber wichtig, dass man gerne großzügig ist. Also nicht sagen, wenn's ums Essengehen geht: "Du hast ja kein Geld, dann lad ich dich halt ein."

Und wenn die Freundin unrealistische Pläne hat, darf ich da widersprechen, wo sie doch gerade so schwach ist?

Natürlich, das ist doch eine wichtige Rückmeldung über die Welt! Wenn Sie anfangen, sich bestimmte Dinge zu verkneifen, weil Sie sie ihr nicht zumuten wollen, dann ist es auch keine Freundschaft mehr. Sie könnten sagen: "Ich halte deinen Plan für riskant." Darüber kann man diskutieren. Aber man muss immer berücksichtigen: Menschen machen nicht unbedingt das, was man selbst für richtig hält. In unserer Beratung auch nicht.

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