Das Ende des Schweigens

Über 30 Jahre wohne Sophie mit ihrem Vergewaltiger nebenan in einem Dorf. Als sie redete nahm er sich das Leben.

Sie hat gebetet, dass er sich nichts antut. Dass er sich nicht davonstehlen kann. Dass jeder die Wahrheit erfährt. Doch droben auf dem Kirchhügel überm Dorf liegt ein frisches Grab. Die Gebete von Sophie Reicherl* sind nicht erhört worden. Ihr mutmaßlicher Vergewaltiger hat sich erhängt.

34 Jahre zuvor, Sommerfeier der Evangelischen Landjugend. Sophie, 14 Jahre alt, frisch konfirmiert, darf hin. Sie tanzt. Sie hat noch nie einen Freund gehabt. Sie ist noch nie betrunken gewesen. Ihr wird schlecht. Was dann passiert, hat sie drei Jahrzehnte später aufgeschrieben in einem Brief an Fritz Heurer*:

"Ich ging hinaus und merkte, dass Du mir folgtest. Du schobst mich in die Waschküche und fingst an, an mir zu grabschen. Ich sagte, Du sollst mich in Ruhe lassen, denn Alma ist Deine Freundin, und ich war in Heiner verliebt."* Sie habe geweint, sich gewehrt und sich beim nächsten Angriff nach unten wegrutschen lassen. "Du hast mich unter die Arme gepackt und hochgezogen, mich an die Wand geknallt. Weil ich rufen wollte und sagte, dass Du mich gehen lassen sollst, hast Du mir den Mund zugehalten und meinen Kopf an die Wand geknallt, so dass ich, denke ich, für kurze Zeit das Bewusstsein verlor. So schafftest Du es, in mich einzudringen, und ich kam durch die höllischen Schmerzen wieder zu mir."

"Du sagst nix, dir glaubt niemand."

Die Schwester rief nach ihr. Fritz Heurer habe ihr Schlüpfer, Rock und Oberteil zurechtgerichtet und sie aus der Waschküche geschoben mit den Worten: "Du sagst nix, dir glaubt niemand, du hast keinen Vater und ihr seid keine Bauern."

Das war die Nacht, in der die zwei Leben von Sophie Reicherl begannen: das Drinnenleben, das private, stumm brütende. Und das Draußenleben, für die Feste, fürs Einkaufen, für den Plausch mit den Nachbarn. Sie wechselte die Leben wie Haus- und Straßenschuhe.

Sophie Reicherl ist eine gepflegte Frau von 48 Jahren. Sie ist selbstständige Gesundheitsberaterin, mag Nordic Walking und Fitness, erzählt gern von "therapeutic touch" und "Heilenergie". Hinterm Haus schnattern vier Gänse. Im hellen Wohnzimmer riecht es nach Liebstöckel, Holunder und Brennnessel, die auf Tischen und in Regalen trocknen. Hinter Sophie Reicherls geschwungener, randloser Brille kommen ihre großen Augen zur Geltung. Sie spricht leise. Sie lächelt selten, und wenn, dann lächelt sie so, als bitte sie um Nachsicht, etwa wenn sie sagt: "Ich wollte unbefleckt in die Ehe gehen. Ich habe an die Liebe geglaubt."

"Ich habe an die Liebe geglaubt."

Zwei angesehene Männer aus dem fränkischen Dorf Eschenau sollen über 40 Jahre hinweg unabhängig voneinander sieben Mädchen und Frauen der Reicherl-Verwandtschaft und anderer Familien vergewaltigt oder sexuell missbraucht haben. In der Waschküche, in der Wiese, im Wald, im Wohnzimmer. Einige Fälle sind verjährt, zu drei versuchten Vergewaltigungen und zwei sexuellen Missbräuchen ermittelt Oberstaatsanwalt Joseph Düsel in Bamberg, der sagt: "Es gibt keine Anhaltspunkte, dass den Opfern nicht zu glauben ist." Der letzte Fall soll 2005 gewesen sein. In Eschenau will niemand etwas gewusst haben.

Gesagt hat jedenfalls niemand etwas, jedenfalls nicht der Polizei. Um die Gründe für dieses Schweigen zu verstehen, muss man Eschenau kennen. Knapp 200 Einwohner, in Franken am Rand des Steigerwalds gelegen, inmitten von Weinhängen und Obstbäumen. Rebenumwachsenes Fachwerk, Neubauten mit glasierten Dachschindeln. Heu riecht, Vögel pfeifen. Sauber gestutzte Buchssträucher umrahmen Altglascontainer. Es ist eine Gegend, in der manche Ortsnamen von den Familiennamen ihrer Bewohner stammen, oder umgekehrt. Alte Geschlechter, mannigfach verwachsen. Wer schon immer hier wohnt, wer sein Zeug beisammenhält und mehrt, wer Grund und Hof hat und eine große Verwandtschaft, der ist wer.

"Ich sagte nichts, denn sie hätte nur geschimpft oder gedroht."

Zur Zeit der Tat trifft wenig davon auf Reicherls Familie zu. Nachdem das Wirtshaus der Großeltern zwangsversteigert ist, pachtet es die Mutter zurück. Der Vater verdient als Taxifahrer dazu, ist selten daheim. Ihre soziale Stellung nimmt die Reicherl-Familie als prekär wahr. Der Vater stirbt, als Sophie sieben Jahre alt ist. Er lässt sieben Kinder zurück und eine überforderte Mutter. Deren Rolle wird in Reicherls Brief an Fritz Heurer deutlich: "Ich sagte nichts, denn sie hätte nur geschimpft oder gedroht, mit Heim und so weiter! Ich stand auf und versteckte die mit Blut und Sperma verschmierten Kleider im Schrank, dass niemand etwas mitbekam."

Erst als eine Nichte 1978 ebenfalls Opfer eines Übergriffs wird, erzählt Reicherl der Mutter von ihrer Vergewaltigung. Die findet das ganz schlimm. Hat aber Mitleid mit der Familie des Täters, Frau und drei Kinder, die könne man doch nicht auseinanderreißen, und außerdem, man stelle sich vor, was das für einen Skandal gäbe! Das heißt, wenn ihnen überhaupt jemand glauben würde.

Der Pragmatismus des "Passiert ist passiert"

Außerdem: Die Mutter ist Wirtin, und eine Wirtin soll sich nicht einmischen. So gilt der Pragmatismus des "Passiert ist passiert": Immer nach vorne schauen. Bringt doch nichts, das Nachtarocken.

Sophie Reicherl hat noch ein paar Mal versucht, zu reden. Zuerst hat sie es ihrem ersten Freund Toni* "gebeichtet", wie sie sagt. "Ich habe mich schlecht gefühlt deswegen." Als sei es eine Schande, vergewaltigt worden zu sein. Doch Toni ist ein guter Freund Heurers und will davon nichts wissen. Jahre später, vor der Hochzeit, spricht sie mit ihrem Mann Hans*. Er ist ehemaliger Eschenauer Feuerwehrgerätewart, ein sanft und ausgeglichen wirkender Fernmeldetechniker mit Silberhaar, Bart und Goldkreuzkette. Er nimmt es zur Kenntnis. Er weiß wenig zu sagen. Was soll man machen, jetzt ganz praktisch gesehen? Reden nützte nichts. "Und irgendwann habe ich geglaubt, das ist wohl üblich so."

Dann kam der Tag, an dem Tochter Maria*, damals neun, auf Heurers Traktor mit auf den Acker fuhr. "Sie ist runtergesprungen und nix wie heim. Und dann hat sie es mir erzählt: Er hat ihr über die Beine gestrichen, sie trug eine kurze Hose. Dann hat er gesagt, dass er sie sehr gern habe. Und dass das ein Geheimnis bleiben muss zwischen den beiden." Das blieb es auch jedenfalls gegenüber der Polizei. Maria habe sich schlicht geweigert, auszusagen. Weil sie mit einer Tochter Heurers befreundet war. Was damals auf dem Acker genau passiert ist, weiß die Mutter bis heute nicht.

Die Heurers, die Reicherls, die Weiners, die Seibls

Die Heurers, die Reicherls, die Weiners, die Seibls* und all die anderen. Man kann sich in Eschenau nicht aus dem Weg gehen, außer um den Preis sozialer Ächtung. Zu runden Geburtstagen und zum Kaffee laden sich Reicherls und Heurers gegenseitig ein. Heurer habe sich gern beim Dorffest ihr gegenüber an den Biertisch gesetzt und "Anmacherblicke geworfen". Blicke, die nur sie beide verstanden.

Das Draußen- und das Drinnenleben. Das Schweigen zwang die beiden zusammen. Reicherl kramt eigene Aufzeichnungen hervor, liest: "Als Ausweg aus meiner inneren Verzweiflung 'nahm' ich mir eine Krankheit, und richtete so die Aggression gegen mich selbst. Diese Krankheit hieß erst Sehnenscheidenentzündung, dann federnde Elle, schwache Gelenke, lockere Bänder, Rückenprobleme, usw." Manchmal verschwindet kurz die Kraft aus ihren Händen, einfach so, dann kann es sein, dass ihr der Mixer aus der Hand fällt. Ihre Kraft reicht nicht für zwei Leben. Nach und nach lässt sie das Draußenleben bleiben. Die Feiern finden fortan ohne sie statt. "Und im Dorf hieß es: Die spinnt." 2005 finden Ärzte zwei Tumore in ihrer Brust. Sie spürt: Wenn ihre zwei Leben nicht endlich Frieden miteinander schließen, würde sie nicht wieder gesund. Es geht ihr gar nicht so sehr um Gerechtigkeit oder darum, weitere Missbräuche zu verhindern. "Es geht mir nicht um Rache oder Genugtuung. Es war einfach meine letzte Chance." Sie schreibt den Brief an Heurer, sie erstattet Anzeige. Doch die Tat ist verjährt.

Mehr Bewegung in die Sache bringt eine Eschenauerin, die vor 35 Jahren in die USA ausgewandert ist: Als sie bei einem Besuch von weiteren Missbräuchen hört, kommt ihre eigene Geschichte wieder hoch. Auch sie hat geschwiegen, fühlt sich schuldig an den späteren Missbräuchen. Sie hilft, beim Reden und beim Kämpfen. Einige Frauen erstatten Anzeige, die Kriminalpolizei ermittelt. Ein Verdächtiger wird festgenommen, Fritz Heurer nimmt sich das Leben. Fernsehteams und Zeitungen berichten. Die Opfer sprechen.

"Wie offen die darüber reden!"

Warum erst jetzt? "Wir hatten ja damals noch nicht den Status im Dorf wie heute. Jetzt sind wir eine Großfamilie. Und keine Zugezogenen mehr", sagt Reicherl. Etwas hat sich verschoben - aber innerhalb desselben Koordinatensystems. Dessen Achsen heißen Familiengröße, Dauer des Aufenthalts. Die Kurve beschreibt soziales Selbstbewusstsein. Unter den jüngeren Opfern aber kommt noch etwas dazu, worüber sich Sophie Reicherl wundert: "Wie offen die darüber reden! Wie selbstverständlich es für die war, zur Polizei zu gehen! Ich wusste mit 14 gar nicht, was eine Vergewaltigung überhaupt war. Es war eine andere Zeit, wir waren so naiv. Da hat sich gesellschaftlich einiges verändert."

In Heurers Abschiedsbrief steht: "Die Familien und ihre Helfershelfer werden mit ihren Anschuldigungen und Lügen nicht aufhören. Und ich werde nicht büßen für Dinge, die ich nicht getan habe." Was Reicherl erzählt, bleiben unbewiesene Behauptungen. Es wird keine weiteren Ermittlungen geben, keine Anklage, kein Urteil, keine Entschuldigung.

In Reicherls Brief an Heurer steht: "Vergeben kann man nur, wenn man darum gebeten wird." Sie ist sich neuerdings nicht mehr sicher, ob sie das heute noch so schreiben würde. Denn vor kurzem ist ihr etwas gelungen, woran sie jahrelang gescheitert war. Immer wieder hatte sie angesetzt. Gestockt. Abgebrochen. Immer an derselben Stelle: "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Ging nicht. Wie konnte Sophie Reicherl Gott um Vergebung bitten, wenn sie Fritz Heurer nicht vergeben konnte?

Seit Fritz Heurer tot ist, kann sie wieder das Vaterunser beten. "Nicht, weil ich seinen Tod als späte Gerechtigkeit empfinde, eben das nicht." Sondern weil seine Flucht aus dem Leben ihr gezeigt habe, dass die Macht dieses breitschultrigen Mannes auf tönernen Füßen stand. Dass er schwach war. So schwach, dass er sich an einer wehrlosen Frau verging. Einem übermächtigen Täter konnte sie nicht verzeihen, einem kläglichen Typen eher.

Viele Eschenauer halten die Taten für erfunden.

Viele Eschenauer halten die Taten für erfunden. Oder unbewiesen. Oder wenigstens aufgebauscht. Manche meinen, die beiden hätten eben früher "was miteinander gehabt". Klar, falls es Vergewaltigungen gegeben haben sollte, dann gehören die Täter bestraft, findet etwa Horst Hauck, derzeit so etwas wie der Dorfsprecher. "Aber warum musste das Ganze ausgerechnet vor einem Dorffest angesprochen werden?" Reicherls Mann hatte beantragt, dieses wegen der ungeklärten Vorwürfe heuer ausfallen zu lassen. Horst Hauck erklärt, wie wichtig die Einnahmen aus dem Fest seien, mit denen der Brunnen renoviert und ein schönes großes Gemeinschaftszelt angeschafft worden sei. Er erzählt von der Hüpfburg, der Saftbar, der Hausmacherwurst und davon, wie gut der selbst gemachte Zwiebelplotz schmecke. Und erst recht der Wein "von dem Winzer, den sie uns jetzt weggesperrt haben". Dem Bayerischen Fernsehen sagt er: "Es sind zwei Familien, die das angezettelt haben. Der Rest der Dorfgemeinschaft steht eisern zusammen." Wenn man den angeblichen Opferfamilien auf der Straße begegne, "dann wird schon eher weggeschaut". Es gab Drohungen gegen Leute, die ausgesagt haben, selbst gegen einen Zeitungsjournalisten, der berichtet hat. Sophie Reicherl sagt: "Wir haben so lange geschwiegen aus Angst, dass dann alles noch viel schlimmer würde. So schlimm, wie es jetzt geworden ist."

Doch sie hat eine Entdeckung gemacht: "Wut! Die hatte ich früher nie. Ich hab mich doch jahrelang kleinhalten lassen. Jetzt wird alles verdreht, ich soll schuld sein an seinem Selbstmord."

Wegziehen kommt für sie jedenfalls nicht infrage. Weil sie im Recht ist. Weil sie hier daheim ist. Weil ihre Mutter hier lebt. Weil der Dachboden noch ausgebaut und die Auffahrt gepflastert gehört. Und wegen des Frühstücks neulich. Sechs junge Frauen aus Eschenau hatten sie eingeladen. Aus Solidarität. Lauter Mütter kleiner Kinder.

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