Schwanger zu Hitlers Zeiten

"Guter Hoffnung" oder voller Verzweiflung
Sie kennen sich nicht, sie haben sich nie gesehen. Aber sie haben etwa zur selben Zeit ihr erstes Kind bekommen. Gertrud Maaß noch vor dem Krieg in Berlin, Else Röder in einem Lebensbornheim bei München. Ruth Elias hat ihr Mädchen in Auschwitz geboren und verloren. Dass sie im sogenannten Dritten Reich schwanger waren, bedeutete für diese drei alten Damen sehr Unterschiedliches: Schrecken für die eine, Alltag für die anderen. Wenn sie hier von den Umständen ihrer Entbindung erzählen, jede auf ihre eigene, oft eigenwillige Art, sprechen sie als Zeugen einer Zeit, die die meisten heute nur aus dem Geschichtsbuch kennen. chrismon-Autorin Heike Tauch hat in den vergangenen Jahren mit diesen dreien geredet ­und mit vielen anderen Frauen um die 90, die in den Jahren des Nationalsozialismus "guter Hoffnung" oder eben voller Verzweiflung waren

Gertrud Maaß

Gertrud Maaß, geboren 1913 in Berlin, arbeitete unter anderem als Briefträgerin und Straßenbahnkontrolleurin. Ihren Sohn brachte sie 1934 in Berlin auf die Welt.

Ich bin zum Arzt gegangen, hier in der Gürtelstraße, Ecke Frankfurter Allee, da wo Leiser mal war. "Ja", sagt er, "wer A sagt, muss auch B sagen. Wer lieben will, muss leiden." War ein Jude, aber ein netter Arzt. "Ach", sag ich, "so leiden wollte ich ja nun nicht." Sagt er: "Was isst du denn?" "Naja", sag ich, "gestern hab ich mir Pflaumen geholt. Drei Pfund für 25 Pfennige." "Und was hast du damit gemacht?" "Na gegessen." "Alle?" "Nein, alle nicht. Dann kriegte ich Appetit auf Hering." "Einen besseren Beweis kannst du gar nicht haben, du kriegst ein Baby. Du bist nicht krank. Du kriegst ein Baby." Und so war es ja dann. Der war nachher weg. Die Juden haben sie rausgeholt, war ein guter Arzt.

Ich wusste nun, ich bin schwanger, und hab mich gefreut. Ich hatte so einen Bauch, hatte alles vorn. In der Hitze bin ich mit Mantel gegangen, den ich immer zugehalten habe, weil er erstens nicht zuging und zweitens ich mich ein bisschen geschämt habe. Eine Frau im Hause sagte zu mir: "Wenn du Stoff hast, näh ich dir ein Umstandskleid." Ich hatte ja nichts Richtiges. Ich weiß nicht mehr genau, den Stoff muss ich wohl von der Wohlfahrt oder von irgendeiner Behörde gekriegt haben, und da hat die mir das Kleid genäht, einen richtigen ollen Lappen. Aber wenigstens hatte ich nun ein Umstandskleid. Ich hatte ja nicht viel anzuziehen.

Dann hieß es, die Zeit ist dran. Wir mussten jeden Tag hin, da war Erwin mit. Wir sind immer gelaufen, denn erst mal hatten wir nicht so viel Fahrgeld und außerdem, wir konnten ja laufen, wir waren ja jung.

Dann haben sie gesagt, ja, jetzt muss sie rein, es ist jetzt ein bisschen über der Zeit, aber wir können sie nicht aufnehmen, bei uns wird renoviert. Da war alles bestellt, Maler und und und und...

Sie haben uns Telefonnummern gegeben, bei denen wir uns bemühen sollten. Sind wir in eine Telefonzelle ­ das war vielleicht ein Gefühl! Und dann: "Nein, überfüllt, nein, keine Aufnahme." ­ Endlich hatten wir eine Stelle, wo ich dann auch wirklich entbunden habe. Aber es fing schon so doof an.

"Ich wollte vorher noch schnell den Kopf waschen. Ich dachte: Vielleicht hat das Kind dann schöneres Haar"

Auf dem Weg zum Krankenhaus sind wir am Friseur vorbei, da hab ich gesagt, noch schnell den Kopf waschen, 60 Pfennig oder was das kam. Waschen und Legen. Ich dachte, dann hat das Kind vielleicht auch schöneres Haar. Ich war ja so dumm und so unerfahren, Schwiegermutter hat auch nichts gesagt, obwohl sie viere hatte. Ich wollte schön sein. War Wahnsinn, aber an irgendwas hab ich mich eben geklammert. Später hat mir die Friseuse gesagt: "Was ich geschwitzt habe, ich war froh, als Sie raus waren." Hat mir noch eine Flasche Eau de Cologne geschenkt.

Im Virchow-Krankenhaus im Wedding haben sie mir Milch gegeben. Mensch, ich hab doch nie Milch getrunken! Hab ich zu Erwin gesagt: "Trink doch mal, ich trink das nicht." Nachher hab ich erfahren, da war schon was zum Treiben drin. Ich wurde untersucht und er musste draußen bleiben. Dann haben sie gesagt: "So, jetzt können Sie sich von Ihrem Mann verabschieden."

Mittwoch, Donnerstag. Noch nicht. Und dann hieß es, das Kind liegt schräg, es muss geholt werden. Das haben sie nicht zu mir gesagt, das haben sie untereinander besprochen. Die anderen, die reingekommen sind, die waren eine Stunde drin und haben dann entbunden, ich war den dritten Tag da und es kam und kam nicht. Der hat sich nicht gedreht. Haben sie gesagt, das ist ja ein ganz Bequemer. Ein ganz bequemes Baby! Soll sich bewegen! Damit die Mutti erlöst wird. So haben die Schwestern gesprochen. Kam die Nächste rein, hat entbunden und ich saß immer noch da. Hab schon geheult. Der Erwin hat sich auch nicht mehr gemeldet, dem war scheinbar das Fahrgeld zu teuer, weil er ja auch wetten ging.

Dann hieß es: vorbereiten. Jetzt kommt es. Jetzt oder nie. Haben die Schwestern noch immer ihren Spaß gemacht. Mir war gar nicht zum Lachen zumute. Dann endlich. Dann endlich. Nie wieder, hab ich gesagt, einmal und nie wieder. Nein, ich wollte keine Kinder mehr haben. Bei der vorletzten Presswehe hatte es sich gewendet. Ich hab die Metallgitter über mir verbogen. Freitag, 6 Uhr 20 ist er geboren. War so trübes Wetter, so nieslig. Hab ich noch gedacht: Geldtag. Früher war doch Freitag immer noch Geldtag. Ach, der kommt gleich, wo es Geld gibt. Wir waren 18 in dem Raum. Ich hab schon gefragt, ob das heute noch so ist. Ist heute aber alles ganz anders.

Dann wurde mir das Baby gezeigt. Wenig Haare hat es gehabt, nur ein paar Härchen. Ich hatte so ein Sodbrennen. Die haben immer gesagt, er kriegt viele Haare. War nicht. Hat nicht gestimmt.

Das war also Freitag. Und am Sonnabend gab es Spinat und Ei. Das war doch mein Leibgericht! Und ich als Wöchnerin, ich hab Milchreis bekommen, mit Zucker und Zimt. War ich enttäuscht. Milchreis hatten wir ja genug gegessen. Aber Spinat und Ei! Ich hab geguckt. Keiner hat mir was abgegeben.

Else Röder

Else Röder, geboren 1906 in Neusalsa, arbeitete als Bankangestellte. Ihre Tochter brachte sie 1941 in Steinhöring bei München auf die Welt.

Ja, Steinhöring, Lebensborn hieß das. Das war eine sehr gute Einrichtung, aber von den Nazis. Ein Kinderheim von der SS, glaub ich. Das hat er mir besorgt. Natürlich. Ein Lebensbornheim. Von der SS. Die hatten verschiedene Heime.

"Der Vater war bei der SS, ein hohes Tier. Ich war stolz auf ihn"

Ich hab mich an sich nicht gefreut, als ich erfuhr, ich bin schwanger. Aber ich wollte das Kind haben. Man hätte vielleicht auch eine Möglichkeit gehabt, es wegzumachen, aber ich wollte das Kind. Und der Vater hat sich natürlich gefreut, aber er konnte mich nicht heiraten, weil er verheiratet war. Er war General der SS, ein ziemlich hohes Tier. Ich war natürlich stolz auf ihn, in meinen Augen war er ein Held. Wir lernten uns 1937 im Schwarzwald kennen. Ich hab alleine Urlaub gemacht und er auch. Er hatte schon Familie. Hat mir das erst nicht gesagt, sonst wär ich zurückgetreten, aber als er es sagte, war es schon zu spät, da war ich innerlich schon mit ihm sehr verbunden. Wir waren lange zusammen, bis zu seinem Ende. Er wurde hingerichtet. In Riga.

Meine Mutter war natürlich entsetzt. Die ganze Familie. Mein Bruder sagte, ich hätte seinen Namen in den Staub gezogen, und meine Schwägerin, ich an deiner Stelle wär ins Wasser gegangen. Aber es hat mich nicht gekratzt. Ich war auch ein bisschen stolz. Ich hab gedacht, zum ersten Mal hast du etwas geleistet in deinem Leben. Ich hab ein Kind bekommen. Es war ja damals auch nicht mehr so. Meine ganzen Bekannten fanden das nicht ehrenrührig, auch sonst nicht, weder im Dienst noch die Chefs. Im Gegenteil. Sie waren alle sehr nett zu mir. Ich hatte sofort das Recht, mich Frau zu nennen, sonst war es immer Fräulein.

Es war ein schönes Haus, dort in Steinhöring, ganz modern, im Grünen gelegen. Man ging sechs Wochen vor der Geburt dorthin oder sogar acht. Die Frauen, die da waren, die wurden nur mit Vornamen angeredet. Aus Gründen der Geheimhaltung, glaub ich. Natürlich durfte man keine jüdischen Vorfahren haben, da wär man da nicht untergekommen. Arisch musste man sein. Aber wir sind ja keine Arier. Die Arier sind ein Teil der Indogermanen. Arisch sind ja Inder und Perser. Dem Herrn Hitler, dem gefiel wahrscheinlich der Ausdruck so gut, dass er ihn so genommen hat.

Ich bin allein dahin gefahren, hab gesagt: Hier bin ich. Else Röder. Man brauchte nur den Personalausweis. Einen Ahnenpass hatte ich. Das gab es! Aber ich brauchte ihn nicht vorlegen. Das Äußere spielte keine Rolle. Im Zimmer war man zu zweit. Morgens, zum Frühstück, bekamen wir außer Brot Haferflockensuppe. Es gab genügend Milch. Man musste das nicht essen, aber man war ja froh, das war ja eigentlich was Gutes. Da konnte man ordentlich reinhauen. Also, gesund wurde man ernährt. á

Renate ist im November geboren, und ich bin vielleicht im Oktober hingegangen. Und war dann da bis nach Weihnachten. Ich war ganz unglücklich, hab gesagt, was mach ich denn. Hat die Ärztin gesagt, ich schreib ein Attest wegen Kreislaufstörungen, und das habe ich vorgelegt. Aber eines Tages musste doch die Kreislaufstörung beendet sein. Musste ich wieder zur Bank. Meine beiden Kolleginnen, mit denen ich befreundet war, haben das gewusst, natürlich. Aber die anderen nicht. Vielleicht haben sie sichs gedacht. Als ich nach so langer Zeit wiederkam, sah ich ganz blass aus. Und irgendwie verändert.

Der Vater hat bezahlt. Der hat mir Geld zur Verfügung gestellt. Um die Finanzen hab ich mich so genau nicht gekümmert. Er konnte Renate nicht besuchen, es war nicht verboten, aber er tat es nicht. Na ja, es ist vorbei.

Vor dem Kriege haben wir uns natürlich geschrieben, aber aus dem Felde ging es nicht mehr. Er schrieb mir zwar noch Briefe, aber ich konnte nicht antworten, hatte keine Adresse, in Riga sowieso nicht. Ich besitze noch einen ganzen Stapel Briefe von ihm. Renate hat sie alle gelesen und wollte sie behalten. "Nein", sag ich, "die Briefe will ich haben." Jetzt hab ich sie wieder und vor der Renate versteckt. Aber wenn ich tot bin, müssen sie ja doch vernichtet werden. Das heißt, Renate kann sie ja dann haben. Na ja. Darüber mach ich mir keine Gedanken. Die ganzen Bilder, die ich von ihm hatte, die hat sich die Renate untern Nagel gerissen. Ich hab außer diesem Foto, was auf meinem Nachttisch steht, wo sie ja nicht dran kann, hab ich keine Bilder mehr von ihm. Hat sie alle an sich gerissen.

Renate hatte gewusst, ihr Vater war im Krieg. Es ging ja allen Kindern so. Die Väter waren im Krieg oder gefallen. Man wusste ja auch gar nicht, kommt er wieder, kommt er nicht wieder. Das andere hab ich Renate erst später erzählt, wie sie so 16, 17 war. Sie war ziemlich unglücklich.

Sechs Wochen nach der Geburt war die Namensgebung. Sie sollte die Taufe ersetzen. Das war ein festliches Ereignis. Da kam so ein höherer Mann und hielt eine Rede und gab den Kindern den Namen und legte ihnen einen Ehrendolch auf den Bauch: "Ich gebe dir den Namen Renate." Das war an sich feierlich, muss ich sagen. Anschließend gabs ein Fest mit Kaffee und Kuchen ­ damals ganz selten. Doch, das haben sie ganz nett gemacht, die Namensgebung. Später, als Renate 14 war und konfirmiert werden sollte, da hab ich sie taufen lassen. Musste sie ja, sonst wär sie nicht konfirmiert worden. Es waren noch mehr Eltern, die ihre Kinder damals nicht als Babys taufen ließen, sondern später, als sie erwachsen waren.

Es ist doch jetzt, wo ich darüber nachdenke, eine ganze Zeit her. Stellen Sie sich vor, Renate ist schon pensioniert. Und war so ein kleines Persönchen, war ein lebhaftes Kind, die Renate.

Er hatte den Krieg überlebt. Und (lange Pause) ­ das ist ein Schicksal. Aber ich bin ganz zufrieden mit meinem Schicksal. (Pause) Na ja, es ist vorbei. (Steht auf) Soll ich Ihnen ein Butterbrot machen? Renate kommt heute Abend nicht.

Ruth Elias

Ruth Elias, geboren 1922 in Mährisch-Ostrau, tauchte nach der Besetzung in Posorschitz unter, 1942 Theresienstadt, 1943/44 Auschwitz, 1944/45 Arbeitslager in Taucha bei Leipzig. 1949 Auswanderung nach Israel, wo sie zwei Söhne bekam.

Ich war schwanger im achten Monat. Da war eine Selektion von Mengele. Ich brauch nicht zu sagen, wer Mengele war. Da stand er, ein schöner Mensch, rausgeputzt mit glänzenden Stiefeln, und da mussten wir nackt vor ihn treten und seine Hand ist gegangen rechts, links, rechts, links... Ich stand in der Reihe etwas weiter hinten und hab gesehen: Rechts sind alte Frauen und Frauen mit Kindern und links sind junge Frauen so wie ich, die Mädchen, die wir waren. Mein Instinkt hat mir gesagt, ich will dort sein, bei den Jungen. Aber wie? Ich hab die jungen Mädchen hinter mir gebeten, vor mir zu gehen. Als sie an der Reihe waren, hat er sie nach links geschickt und mich mit ihnen.

So bin ich nach Hamburg gekommen. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich eine zerbombte Stadt. Ein schrecklicher Anblick. Wir kamen in eine Ölraffinerie zu Aufräumungsarbeiten und waren froh und glücklich, denn dieser elektrische Zaun und der Gasgeruch aus Auschwitz waren nicht da. Eines schönen Tages kam ein SS-Mann: "Sind hier Kranke im Block?" Und eine Freundin, die wie ich aus Auschwitz kam und hier verantwortlich war für diesen Block, hat gesagt: "Es gibt keine Kranken. Es gibt zwei schwangere Frauen." Sofort hat man Berta und mich gepackt und einem anderen SS-Mann übergeben. Vor seinem Bajonett mussten wir gehen ­ rechts, links, rechts, links ­ bis wir den Bahnhof erreichten. Dort gab es fahrende Stiegen, Rolltreppen. Noch nie hatte ich so etwas in meinem Leben gesehen. Da hab ich auf Tschechisch zu Berta gesagt: "Gehen wir auf die fahrenden Stiegen!" Selbstverständlich hat uns der SS-Mann gepackt und wieder zurückgebracht.

Wir kamen nach Ravensbrück. Das war ein Wunder. Nur Frauen. Die Befehle hat man durch Lautsprecher gegeben. Plötzlich hörten wir: Alle schwangeren Frauen treffen sich an einem bestimmten Platz. Ich bin mit Berta dorthin gegangen. Sie hat eine Woche nach mir entbunden, aber war zu dem Zeitpunkt viel dicker als ich. Wir kamen also auf diesen Platz, sehen lauter schwangere Frauen, und ich weiß nicht ­ das war reiner Instinkt ­ mir hat das nicht gefallen, und ich hab zu Berta gesagt: "Berta, kannst du Wehen imitieren?" Sie hatte schon ein Kind geboren und verloren. Und während Berta Wehen vorgab, hab ich an die Tür mit dem Schild "Lagerälteste" geklopft. Ich weiß nicht, wo ich den Mut dazu hergenommen hab. Die Lagerälteste, eine SS-Frau, war ganz erstaunt und fragte, was wir wollten. Ich hab gesagt: "Wir sind Schwestern, und meine Schwester hat Wehen und wird gleich entbinden, sie kann jetzt nicht auf Transport gehen." Die SS-Frau hat sofort einen Befehl gegeben, dass wir auf die Krankenstube kommen. In der Früh hat man gesehen, dass Berta noch nicht entbunden hatte, und da hat man uns in ein Polizeiauto gepackt, das wie ein Gefängnis aussieht, und ist mit uns zum Bahnhof. Ich hörte, wie der SS-Mann drei Karten nach Auschwitz verlangte. Ich wusste, wir gehen nach Auschwitz zurück in diese Hölle.

In Auschwitz hat man uns in eine dieser Krankenstuben gesteckt, in denen lauter junge Frauen waren. In den zwei Baracken daneben waren Zigeunerinnen und Zwillinge. Alles Versuchskaninchen von Mengele. Und Mengele hat immer seine Runde gemacht. Als er Berta und mich sah, konnte er es nicht fassen und wollte wissen, wo wir herkommen, aus welchen Lager. Er war sehr elegant, sehr freundlich, sehr nett. "Aus dem Familienlager", haben wir gesagt. Und er: "Legen Sie sich hin, entbinden Sie, und dann sehen wir weiter."

"Nach fünf Tagen kam Mengele und sagte: Ich komm euch holen"

Ich hab als Erste entbunden und durfte das Kind nicht stillen. Meine Brüste waren bandagiert worden. Wie lange war das? Fünf Tage, sechs Tage, ich weiß schon jetzt nicht mehr, wie viel Tage es waren. Ich gab dem Kind von der Suppe, es hat wahnsinnig geweint, ja ­ ein Mädchen war das, hab ihr zerkautes Brot gegeben, was immer ich bekam. Es hat schrecklich ausgesehen nach einigen Tagen, und da kam der Mengele, ich glaub, das war der fünfte, sechste Tag nach der Entbindung, und sagte: "Morgen komme ich euch holen." Ich hab gewusst, wohin. Ich kannte Auschwitz. Ich hab angefangen zu weinen und mich vom Leben zu verabschieden. Da kam eine Ärztin und sagte grob zu mir: "Hör auf zu weinen, du störst die anderen." Plötzlich fragte sie, warum ich weine. Hab ich ihr von Mengele erzählt. Hat sie gesagt: "Ich muss dir helfen." In der Nacht kam sie mit einer Injektionsspritze: "Gib das deinem Kind." Frag ich: "Was ist das?" "Morphium, das wird das Kind töten." So ganz einfach hat sie das gesagt. "Ich kann das nicht tun." Sie hat mir lange zugeredet, sie hat gesagt, sie hat den Hippokrates-Eid geleistet und so lange auf mich eingeredet, dass ich es getan habe. Ich hab die Injektion meinem eigenen Kind gegeben. In der Früh war das Kind tot, und da wurden immer die Leichen eingesammelt und hingelegt zum Zählen. Hat man auch das Baby genommen. Als Mengele kam, war ich bereit, mit ihm zu gehen. Hat er gefragt: "Wo ist das Kind?", sag ich: "Heute Nacht gestorben." Ist er rausgelaufen, aber unter dem Leichenberg konnte er das Kind nicht sehen. Berta hat dasselbe gemacht, aber sie hat die Injektion sofort nach der Entbindung bekommen, so dass das Kind eigentlich tot zur Welt gekommen ist. Wir waren noch zwei, drei Wochen in Auschwitz. Waren noch in Auschwitz, als das eine Krematorium in die Luft gesprengt wurde, waren noch da, als die letzten ungarischen Transporte ankamen. Eines schönen Tages bekamen Berta und ich den Befehl, auf Transport zu gehen. Sind wir nach Taucha bei Leipzig gekommen, ein Arbeitslager, in dem Waffen hergestellt wurden. In diesem Lager hab ich meinen Mann kennengelernt.

 

 

Information

Ruth Elias hat ein Buch über die schwerste Zeit ihres Lebens geschrieben: "Die Hoffnung erhielt mich am Leben. Mein Weg von Theresienstadt und Auschwitz nach Israel" (Piper, 1990, 10 Euro)

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.