Claudia Rusch will Familie, kanns ich aber nicht entscheiden

Ich will fünf Kinder!
Und ich hätte so gern eine Familie. Aber ich kann mich nicht entscheiden

Meine Patentante hat fünf erwachsene Kinder. Bis auf den Jüngsten sind sie alle verheiratet und haben es bislang bereits auf acht Enkel gebracht. Tendenz steigend. Vergangenen Sommer waren eine der Enkeltöchter und ich gleichzeitig zu Besuch. Eines Abends fragte mich die Fünfjährige am Küchentisch mit großem Ernst: "Wo sind eigentlich dein Mann und deine Kinder?" Ich sah sie freundlich an und antwortete: "Tja, Klara. Das wüsste ich auch gerne." Meine Tante grinste. Ich lächelte tapfer.

Ich bin im besten Fortpflanzungsalter.

Man muss kein Vorschulkind sein und auch nicht aus einer Großfamilie stammen, die, komplett versammelt, jede handelsübliche Wohnung sprengt, um mir diese Frage zu stellen. Sie liegt auf der Hand. Ich bin im besten Fortpflanzungsalter. Trotzdem habe ich keine Familie. Das hat Klara völlig richtig erkannt und in aller Unschuld ihre kleinen Finger in eine offene Wunde gelegt.

Ich hätte wirklich gerne Kinder. Früher wollte ich immer fünf, so wie meine Patentante. Große Familien übten auf mich, das Einzelkind einer Einzelkindmutter, deren Mutter schon Einzelkind war, stets eine Faszination aus. Mit den Jahren habe ich mich auf zwei Kinder runtergehandelt ­ bekommen hab ich bisher kein einziges. Es ist unklar, ob sich das jemals ändern wird. Aber ich bemühe mich, deswegen keine Panik aufkommen zu lassen. Statistisch gesehen bin ich eine von vielen Akademikerinnen im besten Alter ohne Anhang. Den Medien zufolge befinde ich mich seit Jahren im Gebärstreik. Was für ein Quatsch! Wenige Begriffe beschreiben meine Lebensrealität falscher als dieser.

Ich habe mich nie gegen Kinder entschieden, nur nie dafür

Ich habe mich an keinem Punkt meines Lebens gegen Kinder entschieden. Ich habe mich nur nie dafür entschieden. Das ist nicht dasselbe. Und der Grund war immer, dass keine einzige meiner bisherigen Liebesbeziehungen mir "sicher" genug erschien für ein Baby, geschweige denn fünf. Es wäre leicht zu behaupten, es hätte an den Männern gelegen, in die ich mich verliebt habe (natürlich alles Trottel), anderes wäre in meiner Lebensplanung zunächst wichtiger gewesen (Studium, Job) oder ich ließe mir eben Zeit (ich bin ja erst 35). Aber das sind Ausreden. Die ehrliche Antwort lautet: Mir fehlten, trotz großer Sehnsucht danach, letztlich immer Mut und Vertrauen zu einer richtigen, festen Bindung. Bevor es ernst wurde, bin ich getürmt. Eine Freundin, Mutter dreier Söhne, schrieb mir mal: "Familie zu haben heißt, eine Entscheidung zu treffen." Das ist der Punkt. Vor genau dieser Entscheidung hab ich mich mein ganzes Liebesleben lang gedrückt.

Und mit mir anscheinend eine ganze Generation. Denn das Zaudern ist wohl kein Problem, das nur mich betrifft. Wenn ich mich unter Gleichaltrigen so umschaue, stelle ich fest, dass bei einem erstaunlichen Großteil der Mittdreißiger der Familienwunsch lediglich am fehlenden Partner scheitert. In meinem Bekanntenkreis jedenfalls wünschen sich zwar alle von Herzen Nachwuchs, aber die wenigsten haben auch welchen. Nur eine meiner Freundinnen hat absichtlich darauf verzichtet, der Rest (Frauen wie Männer) ist bei der Suche nach dem oder der Richtigen schlicht und ergreifend nicht fündig geworden und deshalb reproduktionstechnisch auf der Strecke geblieben. Das ist besonders tragisch, weil man dafür in der Öffentlichkeit, statt tröstend in den Arm genommen zu werden, auch noch verunglimpft wird.

Genau besehen ist unser viel gescholtenes Singledasein nämlich kein egoistischer Lebensstil, sondern nur die Warteschleife des Lebens. Manchmal glaube ich, meine Generation ist dort hineingeraten wie in eine vertrackte Falle und sitzt jetzt fest. Denn man darf, wenn von der deutschen Kinderlosigkeit die Rede ist, nicht darüber hinwegsehen, dass die, die jetzt Eltern sein sollten, die ersten Produkte eines gesellschaftlichen Umfelds sind, das es so in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben hat: der Kombination aus Massenscheidungen und konsequenter Selbstbestimmung. Wir, die Kinder der Sechziger- und Siebzigerjahre, haben das flächendeckende Auseinanderbrechen unserer Familien erlebt. Wir wissen sehr genau, was es heißt, wenn Mama und Papa sich nicht mehr lieb haben. Das hat Auswirkungen auf unser Familienbild.

Bevor es ernst wurde, bin ich regelmäßig getürmt

Wir wünschen unseren eigenen Kindern ein glücklicheres Leben. Deswegen versuchen wir, unsere Ehepartner sehr sorgfältig zu wählen ­ wenn wir überhaupt wählen. Denn die härteste Lektion eines Scheidungskindes ist die Gewissheit, dass keine Familie ewig währt und dass man am Ende sowieso verlassen wird von denen, die man am meisten liebt. Das führt im Erwachsenenalter nicht gerade zu Bindungsbegeisterung. Aber eine Beziehung ist die Voraussetzung für Nachkommen, wenn man das bewährte Familienmodell favorisiert. Kein Partner, keine Babys. Da helfen höheres Elterngeld und Krippenplätze auch nicht weiter.

Zur emotionalen Verunsicherung kommt noch die Krux der Persönlichkeitsentfaltung. Seit die klassischen Geschlechterrollen weggebrochen sind, ist es schwer geworden, sich zwischenmenschlich zu orientieren. Jeder will dies und das und jenes, und keiner weiß, ob die Liebe auf Dauer die unterschiedlichen Interessen aushält. Familie ist längst nicht mehr der einzige Sinn des Daseins. Und das ist auch richtig so. Ich bin sicher nicht die Einzige, die keinen anderen Menschen braucht, nur um sich zu komplettieren. Ich kann sehr gut allein sein ­ das heißt jedoch nicht, dass ich es einer Partnerschaft vorziehe. Es ist nur eine Alternative. Plan A bleibt: Kennenlernen ­ Verlieben ­ Zusammenziehen ­ Kinder ­ Ferienhaus am Meer. So spießig, so schön. Doch mit zunehmendem Alter wird das Einlassen auf neue Lebensgefährten immer verzwickter. Ohne den unbedarften Eifer der Jugend ähneln Beziehungsanbahnungen zunehmend Tarifverhandlungen. Alles will gründlich im Vorfeld erwogen sein. Bloß keine Unwägbarkeiten und Risiken zulassen. Scheitern unmöglich.

Vielleicht hätte es mir geholfen, ins kalte Wasser geworfen zu werden

So haben wir uns allesamt nach und nach zu kleinen Spätzündern entwickelt und verheddern uns auf der Jagd nach Sicherheit immer dichter im Gestrüpp unerfüllbarer Erwartungen. Wer da wie ich unbelehrbar auf der romantischen Idee der Liebe beharrt, muss Schiffbruch erleiden. Denn im Zusammenleben mit einem anderen Menschen gibt es keine Absicherung. Auch wenn alles noch so gut kalkuliert ist. Partner folgt auf Partner, Trennung folgt auf Trennung ­ und eh man sich's versieht, ist der 30. Geburtstag vorbei, und aus dem hoffnungsvollen jungen Menschen ist ein alternder Single im Gebärstreik geworden. Das geht ruck, zuck!

Als meine Freundin J. vor vielen Jahren mit knapp 20 schwanger wurde, haben sie und ihr späterer Mann sich für das Baby entschieden, weil es keinen plausiblen Grund gab, es nicht zu tun. "Kinder kommen immer ungelegen. Und Garantie gibt dir keiner", erklärten sie mir damals. Sie hatten recht. Es war ein Wagnis, aber es hat geklappt. Sie bekamen später noch eine zweite Tochter und heirateten. Die beiden sind immer noch ein Paar, ihre Kinder gehen inzwischen aufs Gymnasium. Ich stand nie vor einer solchen Situation, weil ich offensichtlich besser verhütet habe als J., aber manchmal frage ich mich, ob es mir nicht geholfen hätte, einfach ins kalte Mutterschaftswasser geworfen zu werden. Dann wären meine fünf Wunschkinder vielleicht jetzt auf der Welt und ich eine glückliche Ehefrau. Oder alleinerziehend am Rande des Nervenzusammenbruchs. Egal wie, Schriftstellerin jedenfalls wäre ich mit fünf Kindern nicht so leicht geworden. Und auch sonst hätte ich wohl auf vieles verzichten müssen, das meinen Alltag bereichert.

In meinem Chor beneidete mich neulich eine Mutter um eine Kurzreise nach Finnland. Fast ein bisschen vorwurfsvoll rief sie: "Ach, ich hätte auch gerne mal Urlaub von zu Hause!" ­ "Und ich hätte gerne Kinder!", schoss ich postwendend zurück. Sie tat mir kein bisschen leid. Mein Leben in Unabhängigkeit hat seine Schattenmomente genau wie ihr Dasein als Familienmensch. Da bin ich gnadenlos. Keine Rücksichten nehmen zu müssen ist auf Dauer auch langweilig. Ehrlich gesagt, könnte ich leichtherzig darauf verzichten. Inzwischen. Denn mittlerweile bin ich alt genug, um zu wissen, dass ich nichts verpasse, wenn ich ein paar Jahre nicht spontan ins Kino oder in die Kneipe gehen kann. Der einzige Weg, ganz sicher am Ende unzufrieden mit leeren Händen dazustehen, ist, immer nur zu reden und nichts zu tun.

Vorläufig hoffe ich noch auf ein Happy End. Wer weiß, vielleicht hab ich ja Glück.

 

 

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