Das achte Schuljahr fällt aus!

Weil Jungs und Mädchen dann nur kriseln. Tipps zur Rettung der Schule

Ich bin eindeutig im falschen Jahrzehnt Mutter geworden. "Es ist ein Junge!" mit dieser Nachricht, längst nicht mehr im Kreißsaal, sondern bereits am Ultraschallgerät verkündet, hätte ich noch vor 30 Jahren Jubel, Trubel und Heiterkeit geerntet. Hurra, ein Stammhalter, ein potenzieller Weltenlenker, Formel-1-Pilot und Nobelpreisträger.

In den 90ern hingegen ging das so: "Ein Junge? Ach so." Freundinnen guckten mitleidig. Kinderkrippen, ohnehin überbucht, ließen wissen: "Wenn es ein Mädchen wäre..." Dann würde man vielleicht die Gruppenstärke überschreiten können um ein "starkes Mädchen", um eine Pipilotta Viktualia Ephraimstochter Langstrumpf. Aber bitte nicht mit einem "Kleinen Helden in Not", so hießen damals die Bücher. Einem potenziellen Zappler oder Zapper ­ denn eines von beiden Zivilisationsübeln befällt offenbar fast jeden kleinen Jungen: Entweder er hat das Zappelphilipp-Syndrom und nervt. Oder er guckt Horrorfilme im Kinderzimmer und nervt ebenfalls. Ein Junge, so habe ich damals gelernt, hat extrem schlechte Karten auf dem Kinderbetreuungsmarkt ­ in einer Elterninitiative ließen sie uns wissen, wenn er wenigstens behindert wäre oder Migrantenkind, dann gäbe es Sozialpunkte. Dann würden sie ihn nehmen.

Sind Jungen die Verlierer, Mädchen die Gewinner des Schulsystems?

Inzwischen schreiben wir das Jahr 2006, ich bin mittlerweile Mutter von zwei Söhnen, die trotz der angeblich bei Jungs weit verbreiteten Dyslexie lesen und schreiben können. Und auf dem Schreibtisch ihrer Mutter so schmeichelhafte Buchtitel entziffern wie "Die Jungen-Katastrophe", "Boys' Crisis" und Zeitungstitel wie "Lauter Problembärchen". Wenn das so weitergeht, kriege ich wirklich bald einen Behindertenbonus mit meinen Söhnen. Aber eigentlich wollte ich in einer Familie leben und nicht im Sozialprojekt. Stimmt das wirklich ­ sind Jungen wirklich das bemitleidenswerte Geschlecht?

Da wäre zum einen der Befund: Kleine Jungs sind schwierig und auffällig. Sie beanspruchen in fast allen Schulklassen mehr Aufmerksamkeit als die Mädchen. Das stimmt. Aber ganz ehrlich: Auch große Jungs sind auffällig und nerven. Ich verbringe jeden Tag drei Stunden in der 1. Klasse des ICE. Es sind zu 99,99 Prozent Männer, die sehr laut an ihrem Handy telefonieren. Ohne die geringste emotionale Intelligenz, sonst würden sie nämlich zum Telefonieren in ein freies Abteil gehen. Will sagen: Mit der männlichen Nerverei bringt man es in unserer Gesellschaft ziemlich weit, zumindest zu einem 1. Klasse-Ticket. Solange das so ist ­ warum soll eine Lehrerin oder eine Mutter denen das abgewöhnen?

Zweiter Befund: Jungen haben viel weniger Disziplin. Die Schreibmäppchen von Mädchen sind immer ordentlich gefüllt. In den Schreibmäppchen von Jungs fehlt das Blau, das Rot ist abgebrochen, und der Reißverschluss ist längst kaputt. Für Lehrerinnen und Mütter sind deshalb Mädchen deutlich angenehmer, weil pflegeleichter. Das ist prima für die Lehrerinnen. Aber ob das auch den Mädchen gut bekommt? Das Loblied auf die ordentlichen Federmäppchen erinnert mich an ein Interview, das ich vor Jahren mit einem Gerichtsmediziner über falsche Sozialprognosen geführt habe. Im Knast sind solche Häftlinge beliebt, die ihre Zelle ordentlich aufräumen und sich bei der Knastzeitung engagieren. Die Angepassten. Oft werden sie vorzeitig entlassen und dann rückfällig, weil sie mit dem Leben nicht klarkommen.

Die angeblich so pflegeleichten Mädchen sind nämlich gar nicht durchweg die Gewinnerinnen des momentanen Schulsystems, wie es derzeit landauf, landab zu lesen ist. Zwar, so der dritte Befund, haben sie die viel besseren Noten, in fast allen Schulfächern. Aber sie haben auch in dramatisch steigendem Ausmaß Magersucht, Migräne und sie verletzen sich selber. Elf bis 16 Prozent der Mädchen ritzen sich mit Rasierklingen die Unterarme auf, weil sie sich leer, taub und stumpf fühlen und "endlich wieder etwas spüren wollen", so die Bremer Psychologin Sandra Winkel. Da ist es mir, ganz ehrlich, lieber, wenn meine Söhne sich mit anderen auf dem Schulhof kloppen, um sich selber zu spüren. Auch wenn ich dafür einmal mehr in die Schule zitiert werde.

In Kindheit und Schule, da bin ich mir sicher, muss sich einiges ändern. Aber nicht nur für die Jungs, sondern für alle. Dabei geistern momentan zwei Mythen durch die Debatte. Erstens: Es ist in den letzten 30 Jahren viel zu viel für die Mädchen getan worden ­ jetzt sind endlich die Jungen dran. Und: Die Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen sind an allem schuld.

Das erste Argument ist ein typisch deutsches. Erst mal zwei Lager bilden. Liegt vom entwicklungspsychologischen Niveau her ungefähr auf Grundschulhöhe. Da sagen sie auf dem Schulhof auch: Doofe Mädchen! Böse Jungs! Verschärft wird das Lagerdenken durch eine handfeste Konkurrenz um Fördergelder: Lang genug wurde in Kurse für "Starke Mädchen" und Unterrichtsmodule für "Mädchen ans Netz" investiert. Jetzt will die Schule bitte auch einen Jungslehrer finanziert kriegen.

Dabei ist die jetzige Krise keine "Boys' Crisis", wie die New Yorker Bestsellerautorin Judith Warner schreibt, sondern die Krise eines ganzen Schulsystems. Ich bin sicher: Eine andere Schule würde Jungen gut tun. Mädchen aber auch! Denn es geht ja nicht nur drum, die Jungs zu zähmen ­ es geht auch drum, die Mädchen ein bisschen wilder zu machen. Der berühmte Schweizer Psychologe Allan Guggenbühl schlägt vor, im Geschichtsunterricht wieder mehr "Kriege, Kämpfe und Katastrophen" zu behandeln: "Das Bombardement von Dresden, die Invasion in der Normandie, über die Auseinandersetzung mit solch grässlichen Themen lernen Jungs die Welt kennen." Mädchen aber auch! Auch sie müssen später Konflikte im Job aushalten, ohne in Tränen auszubrechen, müssen kämpfen, sich messen, verlieren können. Und dass man nach einer Unterrichtseinheit über Krieg mit der Klasse auf den Soldatenfriedhof geht ­ unbedingt! Empathie, Mitleid, ja auch die Pflege von Kranken, die "soft skills", das müssen Mädchen und Jungs gleichermaßen lernen.

Sonderprogramme für Jungen brauchen wir nicht. Aber neue Ideen für alle

"Lasst die achte Klasse ausfallen und schickt die Jungen ein Jahr auf den Bauernhof oder in ein Camp!", schlägt Frank Beuster vor, Religionslehrer, Jungs-Vater und Buchautor. In der achten, weiß er, nerven sie nur, die Jungs, ein verlorenes Schuljahr. Und die Mädchen? Werden mit zwölf als "sozialer Schmierstoff" zwischen zwei nervige Jungs gesetzt. Sind die Stütze des Unterrichts. Und wenn sie nach Hause kommen, wünschen sie sich zum 14. Geburtstag eine Schönheitsoperation. Hallo? Mit den Mädchen in der Achten stimmt auch so manches nicht. Schule ist offenbar in dem Alter keine große Hilfe. Genau, lasst sie ein Jahr raus ins Leben! Vielleicht will ja auch ein Mädchen auf den Bauernhof, vielleicht ein Junge lieber in die Altenpflege. Sonderprogramme für Jungen brauchen wir nicht. Aber neue Ideen für alle, Mädchen und Jungen, in ihrer Unterschiedlichkeit.

Dazu müsste allerdings die Monokultur im Lehrerzimmer erst mal gründlich verwildert werden. Der Männeranteil in Grundschulen liegt bei 14 Prozent ­ vor 20 Jahren waren es noch 50 Prozent! Da auch die Kindergärten weitgehend männerfreie Zonen sind und die Familien oft vaterlos, sind manche Kinder kurz vor der Pubertät, bis sie endlich eine männliche Bezugsperson haben: an der weiterführenden Schule.

Wer ist daran schuld? Die weiblichen Erzieher und Grundschullehrer? Das ist nicht nur ein Mythos, sondern eine glatte Unverschämtheit. Was können die Erzieherinnen, die für ein lächerlich kleines Gehalt Löwenbändigerin, Frühpsychologin und Ersatzmama spielen und notfalls im männerfreien Kindergarten auch noch ein Fußballtor zimmern ­ was können die denn dafür, dass sich Männer zu schade sind für den Job? Es sind doch die Männer, die lieber am Gymnasium die binomischen Formeln erklären statt in der Grundschule Tränen zu trocknen und für Kinder aus verwahrlosten Haushalten ein Frühstücksbrot zu schmieren.

Also her mit den Männern in Kindergärten und Grundschulen! Zum Beispiel mit mehr Geld ­ in Japan verdienen Vorschul- und Grundschullehrer so viel wie Uni-Professoren. Und mit einer sofortigen Image-Kampagne für kleine Jungs. Wer will schon seinen Tag mit kleinen Monstern, notorischen Verlierern und "Problembärchen" verbringen? Bestimmt kein Mann, der vor der Berufswahl steht. Ach, und übrigens: auch keine Mutter.

 

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