Woher kommt unser Fleisch?

Hier wächst Fleisch
In Deutschland gibt es Millionen Schweine ­ aber wir sehen sie nicht. Erst als Schnitzel erreichen sie uns. Was war vorher? chrismon hat ein paar tausend lebende Schweine besucht

Wenn Bauer Schütte im Stall nach dem Rechten sieht, hockt er sich gern mal zwischen die trächtigen Sauen. Dann krault er sie hinter den Ohren oder schrappst ihnen mit der Hand übers Gesäuge: "Das können die gut haben." 300 Sauen besitzt Tobias Schütte, 33. Das ist viel Arbeit, nicht immer bleibt Zeit für solche Traulichkeiten. Schütte ist ein ganz normaler Schweinebauer. Tierschützer würden sagen: ein Vertreter der tierquälerischen Massentierhaltung.

Tierschützer würden sagen: ein Vertreter tierquälerischer Massentierhaltung

Dr. Hesse sieht das anders. Der Agrarwissenschaftler berät Bauern in Fragen der Schweinehaltung, ein freundlicher Mann, durchaus gewitzt. Der "Zentralverband der Deutschen Schweineproduktion" hat ihn mir zugewiesen, als Pressebetreuer. Dirk Hesse hat mich zu Schüttes Hof gebracht; ich soll sehen, wie es wirklich aussieht in Schweineställen. Fast wäre mein Vorhaben gescheitert. Schlechte Erfahrungen mit der Presse, heißt es, viel Schlimmes sei geschrieben worden. Aber dann darf ich doch Höfe besuchen. Vorzeigebetriebe natürlich, neue Ställe, Lüneburger Heide.

Warm ist es im Ferkelstall von Bauer Schütte, warm und dämmrig rot: die Wärmelampen für die Ferkel. Bevor ich mich orientieren kann, wird mir ein Neugeborenes in den Arm gedrückt. Mir gefällt das, dem Tier nicht ­ es zittert. Berater Hesse macht Fotos für seine Verbandszeitschrift: Journalistin mit Ferkel.

Die Frage, die mich umtreibt, kommt aus einem Unbehagen: 26 Millionen Schweine leben mitten unter uns, nur sieht man sie nicht. Sie erscheinen erst als Fleisch in der Kühltheke. Was war vorher? Darüber ist nichts zu erfahren, genauer: nur Gegensätzliches. Ein jämmerliches Schweinedasein in engen Koben beklagen vehement die Tierschützer. Auch die Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft fordert: Den Schweinen muss es endlich besser gehen. Aber den Schweinen geht es schon bestens, sagen die Funktionäre der Landwirte.

Was würde das Schwein sagen?

Und was würde das Schwein sagen? Der Schweinehalter müsste doch am besten wissen, was seine Zöglinge brauchen. Deswegen stehe ich hier auf diesem Hof.

Erst mal das schlotternde Ferkel unter die Wärmelampe setzen und ein bisschen streicheln. Besser nicht dran denken, was dem Eber demnächst blüht. Bauer Schütte wird ihm mit dem Messer zwei Schnitte in den Unterleib setzen, ihm dann mit dem Emaskulator die Samenstränge abklemmen und abschneiden, eine Desinfektionslösung drübersprühen, die Hoden fallen in einen Eimer.

Wollte ich das so genau wissen? "Das müssen Sie", hatte mir vor meiner Besichtigungsreise Bodo Busch erklärt, der Vorsitzende der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz. "Denn das geschieht alles ohne Betäubung." Für eine Narkose müsste ein Tierarzt kommen ­ zu teuer. Der Bauer selbst könnte dem Tier höchstens eine schmerzhafte Spritze in die Hoden geben. Diese örtliche Betäubung würde den Kastrationsschmerz zwar reduzieren, es wäre aber doppelt so viel Arbeit ­ nicht drin bei den gegenwärtigen Schweinefleischpreisen, sagen die Landwirtschaftsverbände.

Und Kastrieren ist notwendig in Deutschland, denn hierzulande reagieren mehr Verbraucher empfindlich auf Ebergeruch als in Spanien oder in Großbritannien. Möglicherweise unterscheiden sich die Menschen genetisch, aber möglicherweise könnte man die Deutschen an Eberfleisch auch gewöhnen. An Methoden, die Kastration zu vermeiden, etwa durch eine medikamentöse Pubertätsverhinderung, wird gearbeitet, wenn auch nicht gerade fieberhaft.

"Jetzt haben Sie das Ferkel gleich in den Schlaf gestreichelt."

Dem Ferkel fallen die Augen zu. "Jetzt haben Sie es gleich in den Schlaf gestreichelt." Bauer Schütte und Berater Hesse grinsen. Wahrscheinlich denken sie: Die kann sich Sentimentalitäten leisten.

Tobias Schütte hat sich ans Kastrieren gewöhnt. Dabei ist er kein herzloser Mensch. Schwächelnden Ferkeln zum Beispiel schüttet er Cola ins eh schon süße Zusatzfutter ­ damit's besser rutscht. "Das ess ich selbst mal, wenn ich unterzuckert bin." Sagt's und bietet mir ein paar Körnchen an. Dass Bauer Schütte unterzuckert ist, kommt gar nicht so selten vor: Wenn die Sauen "abferkeln", ist er rund um die Uhr im Stall ­ "da häng ich quasi am Puls der Sau".

Schütte nennt sich einen "Ferkelerzeuger". Na ja, eigentlich sind es die 300 Sauen, die jährlich 7000 Ferkel für ihn erzeugen. Das reicht für die Familie so gerade zum Leben und zwei Wochen "im Schnee". Wobei die Urlaubsvertretung noch mal so viel kostet wie der Urlaub selbst. An den PC, der Fütterung und Stallklima regelt, kann man nicht irgendwen lassen.

Der Bauer ist ein schmaler Mann, schwer lastet der Kredit für den neuen Stall auf ihm: eine halbe Million Euro. "Ich muss hier einfach gute Arbeit machen. Das geht nur, wenn beide Seiten zu höchsten Leistungen bereit sind." Er verlangt sich einiges ab. Und den Sauen auch, wie ich jetzt erkenne, da ich mich an das Dämmerlicht gewöhnt habe: Innerhalb der Bucht mit dem wuselnden Ferkelwurf steht ein Metallgerippe, darin das riesige Muttertier, gerade erst hat es geboren, hinten hängt noch die Nachgeburt raus.

Kastenstand, 70 Zentimeter breit. Umdrehen ist nicht möglich.

Das also ist der Kastenstand, den Tierschützer so scharf kritisieren. 70 Zentimeter breit. Ganz schön eng für ein Drei-Zentner-Tier. Umdrehen ist nicht möglich. Die Geburt im Kastenstand dauert deshalb rund anderthalb Stunden länger. Kein Wunder: Die Enge macht der Sau Stress. Das find ich jetzt doch grässlich. Aber bevor ich was sagen kann, quietscht es schrill. Was war das? Die Sau hat sich doch nur hingelegt. Bauer Schütte greift unter den Rücken des Muttertiers und zieht ein Ferkel hervor. Das war knapp. Gefährlich sind die ersten Stunden und Tage, erklärt er, wenn die Neugeborenen noch orientierungslos sind und sich nahe der Mutter aufhalten, auch wenn gerade keine Säugezeit ist. Eine gewisse "Erdrückungsrate" gibt es deshalb am Anfang immer.

Bauernberater Hesse springt hier freudig bei: Deutlich weniger Ferkel sterben, sagt er, wenn man die Sau im "Ferkelschutzkorb" hält. Das hört sich natürlich gleich viel besser an: "Ferkelschutzkorb" statt "Kastenstand". Aber darum gehe es doch, sagt Dirk Hesse: um Ferkelschutz. "Das Leben des Ferkels sollte uns wichtiger sein als die Freiheit der Sau." Ein Satz wie zum Mitschreiben. Nur ein kleiner Einwand, Herr Hesse: Warum nicht das eine haben und das andere auch?

Was eine rechte Muttersau ist, die warnt ihre Ferkel natürlich, bevor sie sich hinlegt, so hat es mir ein Schweizer Forscher erklärt: Sie wühlt erst mal rum, und dieses Wühlen ist das Signal für die herumwuselnden Ferkel: Alle auf einem Fleck versammeln, Mutter will sich hinlegen! Dann weiß die Sau, wo ihre Ferkel sind, und legt sich in sicherem Abstand ab. Nur: Für solch differenziertes Verhalten reicht der herkömmliche Vier-Quadratmeter-Koben nicht, sieben Quadratmeter und natürlich Stroh zum Wühlen müssen es schon sein. In der Schweiz leben bereits ein Drittel der Sauen in solch tiergerechten Bewegungsbuchten ­ der Mehrpreis wird den Bauern anteilig erstattet von willigen Verbrauchern und über staatliche Prämien.

So ein Schweineleben ist doch komplex. Bauer Schütte muss jetzt wieder an die Arbeit. Also auf zum nächsten Hof. Vor dem alten Bauernhaus die Familienkutsche mit Aufkleber: "Ich bin Landwirt, und ich bin stolz darauf." Monika Marquardt, 44, bittet herein an eine lange Tafel: stapelweise Bienenstich, in einer blauen Schale schwimmen gelbe Blüten. Wie sie eine "Ferkeltante" wurde, kam so: Als die drei Kinder in die Ausbildung kamen, wurde das Geld knapp. Sollte die Frau ­ gelernte Kauffrau ­ woanders Arbeit suchen? Da fragte Tobias Schütte, der gerade als Ferkelerzeuger anfing: ob sie Lust hätte, seine Ferkel aufzuziehen, bis sie 30 Kilo wiegen? Aber ja! "Ich wollte endlich mal was für mich haben, nicht immer hören: Mach mal eben, hol mal eben!"

Homöopathische Mittel gegen Durchfall

Jetzt hat sie ihren eigenen Stall und 1160 Ferkel. Der Stall ist genauso geworden, wie sie es sich vorgestellt hat: schön hell. "Ich geh da gern hin." Monika Marquardt findet ganz in Ordnung, dass sie ihre Tierproduktion industriell betreibt. Aber sie lässt auch eine gewisse mütterliche Fürsorge in der Ferkelaufzucht walten: "Wenn einer nicht so kann, kriegt er extra Futter." Bei Durchfall verabreicht sie homöopathische Mittel. Und um jeden, der es trotzdem nicht schafft, trauere sie geradezu.

Die Ferkel haben bei ihr, sagt Bäuerin Marquardt, fast schon "Familienanschluss". Aber wenn es um die Kosten geht, muss irgendwo Schluss sein. Jedem Tier ist hier, wie anderswo auch, je nach Gewicht eine Zahl von Quadratzentimetern zubemessen. Und über jeden Quadratzentimeter mehr wird zwischen Politikern, Biologen und Agrarfunktionären erbittert gestritten. Auch darüber, ob Schweine gern rumlaufen oder eigentlich gar keinen Anlass dazu haben, ob sie gelegentlich an die Luft sollten oder ob das hochgefährlich ist.

Die Schweine wurden vorher gefragt

Wie sehen Sie das, Dr. Hesse? Natürlich will der Agrarwissenschaftler, dass es den Schweinen gut geht, sagt er. Er weiß auch, was Schweine wollen, viel Bewegung jedenfalls nicht. Wie, hat man die Schweine gefragt? Tatsächlich, sagt Hesse, man hat.

In Versuchen mussten Schweine mit dem Rüssel einen Hebel drücken. Dafür bekamen sie verschiedene Dinge als Lohn: Futter, Kontakt zum Nachbarschwein, Laufen auf einem Laufband, etwas Stroh. Von Mal zu Mal mussten die Schweine öfter drücken, bis die Belohnung kam. Und man sah: Für Futter nahmen sie jede Anstrengung auf sich; für Stroh taten sie auch noch ziemlich viel; aber nur einige Schweine waren bereit, wirklich oft zu drücken fürs Laufen. Dirk Hesse schließt daraus: Bewegung ist relativ unwichtig.

"Ich geh doch auch nicht gern spazieren. Warum soll ich durch die Gegend laufen ohne Sinn und Verstand?" Hört sich plausibel an. Die Frage ist nur: Warum witscht das Schwein raus, kaum dass man die Tür aufmacht? Weil das Schwein neugierig ist. Spazieren gehen will es nicht, erkunden aber sehr wohl. Ein Fitnesslaufband im altbekannten Stallkoben ist also einfach zu uninteressant, um sich dafür großartig anzustrengen.

Ein kleiner Auslauf ins Freie, der würde doch kein Vermögen kosten, oder? Bäuerin Marquardt ist irritiert, daran hat sie noch gar nicht gedacht. "Ich denk immer, dass es ihnen bei uns gut geht. Sie haben doch Essen und Trinken satt." Und in den Buchten hängen leere Plastikkanister, zum Spielen.

Was ist das Wenigste, das man einem Schwein zugestehen muss?

Was braucht ein Schwein? Was ist das Wenigste, das man ihm zugestehen muss? Eigentlich eine einfache Frage, dachte ich, schließlich halten sich Menschen schon recht lange Schweine. Mittagszeit, die nächste Familie wartet: Die Burmesters sind Schweinemäster. Sie haben die Schweine die letzten vier Monate bei sich ­ "bis zum Haken". Burmesters müssen es wissen. Also, was meinen sie, wie sich ihre 1500 Schweine fühlen? Gut, versichern Vater und Sohn. Viermal am Tag Futter, soviel sie wollen. Und sie bringen ja auch "Leistung", das heißt: Sie nehmen zu.

Aber stimmt diese Gleichung wirklich? Nein, sagt Berater Hesse, etwas unangenehm berührt, dass er hier korrigieren muss: "Gute Leistung heißt nicht, dass es dem Tier gut geht." Ein anderer Agrarwissenschaftler hat mir das so erklärt: Heutige Nutztiere sind so stark auf Gewichtszunahme gezüchtet, dass sie bei genügend Futter wachsen, ob ihnen nun wohl ist oder nicht. Wenn sie nicht mehr wachsen, dann geht es ihnen bereits richtig dreckig.

Was würden die Burmesters ihren Schweinen gern gönnen ­ mal angenommen, Geld wäre egal? Sohn Michael, 24, der gerade den Abschluss als Betriebswirt gemacht hat, rutscht in seiner Tarnfleckenhose auf dem Sitz hin und her: "Ich weiß nicht recht. Vielleicht mal toben, um den Block laufen?" Vater Henning, 61, fällt ein, plötzlich von Phantasie beflügelt: "Wühlen würden sie schon." Aber, wendet der Sohn ein, "es sind doch Hausschweine und keine Wildschweine!" Hm, hatte Berater Hesse nicht behauptet, Schweine wühlen nur zur Nahrungssuche, und wenn sie genügend Futter haben, wühlen sie nicht? Was stimmt denn nun?

Das wollten auch Nutztier-Verhaltensforscher wissen, als mit der industriellen Tierproduktion ernsthafte Probleme auftraten: Die Schweine bissen einander die Schwänze ab, nagten ihre Ohren an, wühlten sich gegenseitig die Flanken blutig, Sauen hockten trauernd in ihren Kastenständen. Kurz: Verhaltensstörungen aller Art. Gibt es also neben Fressen und Trinken möglicherweise noch ganz andere Bedürfnisse, die einem Schwein erfüllt werden müssen?

Was Wildschweine brauchen, wusste man, aber Hausschweine? Man setzte Hausschweine in ein halbwildes Gehege. Binnen kurzem zeigten sie das ganze Verhaltensrepertoire ihrer Ahnen. Und, noch irritierender: Selbst wenn sie die volle Futterration vorgesetzt bekamen, wühlten sie das Gehege um. Was zeigt: Wühlen ist ein eigenständiger Trieb, ein Verhaltensprogramm, das in den Genen liegt. Gewühlt wird, sobald es was zu bewühlen gibt. In der konventionellen Mast allerdings stehen die Schweine auf Beton mit Spalten drin, darunter ein Güllekeller.

15 Gramm pro Rüssel reichen, um ein Schwein glücklich zu machen

Also, liebe Burmesters, vielleicht ein klitzekleines bisschen Strohhäcksel ausstreuen? 15 Gramm pro Rüssel und Tag reichen schon, um ein Schwein glücklich zu machen -­ und eine moderne Güllepumpe wird locker damit fertig. Und dann vielleicht noch einen kleinen Auslauf an den Stall dranbauen?

In den Landwirtsköpfen sieht man die Zahlen purzeln. "Kann man sich gar nicht vorstellen", sagt Ingrid Burmester, 58, "welche Fläche bräuchte das?" Der Junior hat sich schon entschieden: "In unserer Größenordnung geht das nicht." Der Senior dagegen hat nur eine Bedingung: "Wenn der Markt sagen würde, macht Schweine auf Stroh und mit Auslauf, das würden wir machen. Aber der Verbraucher muss es auch bezahlen." Berater Hesse hält die Luft an: Was geht hier vor?

Es gibt da interessante Berechnungen, habe ich gelesen. Es ging um die wahren Kosten einer gerade eben tiergerechten Schweinewohnung, keineswegs einer Drei-Sterne-Unterkunft. Angenommen, die Schweine hätten doppelt so viel Platz wie derzeit gesetzlich vorgeschrieben, nämlich 1,3 Quadratmeter pro Tier, dann könnten sie drinnen fressen und auf etwas Stroh schlafen, draußen einen Hof erkunden und in einer Ecke ihren Kot loswerden ­ Schweine haben nämlich feine Nasen, sie essen und schlafen nicht gern im Klo. Trotz doppelt so viel Platz, hat die Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig ausgerechnet, würden die Gesamtkosten der Schnitzelproduktion nur um sechs Prozent steigen. Denn das Teuerste an der Schweinemast ist das Futter.

Pause. Frau Burmester bittet zu Tisch. An der Tafel vor dem Panoramafenster gibt es Schweinerücken. Sehr fern ist plötzlich wieder das Lebewesen, verschwunden unter der Sauce hollandaise. Dabei sind auch Schweine Geschöpfe Gottes, hatte mir Margot Käßmann gesagt. Die ist Bischöfin der hannoverschen Landeskirche ­ also ausgerechnet im schweinereichsten Bundesland. "Wir dürfen zwar Fleisch essen, aber wir haben auch die Würde der Tiere zu achten." Und was bitte heißt das für mich als Verbraucherin? "Na", hatte die Bischöfin geantwortet, "weniger Fleisch essen, um mehr für Fleisch bezahlen zu können, damit die Landwirte die Chance haben, die Tiere artgerecht zu halten. Denn heute essen viele viel Fleisch und zahlen wenig. Das aber bringt die Landwirte in die Bredouille. Das ist keine Ernährungsethik!"

Der Braten ist gegessen

Der Braten ist gegessen, jetzt geht es wieder zu den Schweinen, die noch leben. So sacht wir auch den Stall betreten, die Schweine zucken zurück, man hört das Klackern der fliehenden Klauen auf dem Beton, die Tiere stauen sich in den Ecken. Das wollte ich nicht! Aber schon stochern sie neugierig mit dem Rüssel in die Luft, schütteln die Ohrwascheln zurück, damit sie bloß alles sehen.

Ob ich wohl mal zu den Schweinen in die Bucht reindarf? Klar. Die Metalltür klappt hinter mir zu. Da hocke ich nun. Hoffentlich tun die mir nix. Sie kommen näher. Zuppeln an mir. Huch, eins auch am Rücken. Ist das jetzt das Wühlen? Sobald was Verformbares da ist, geht es offenbar los. Ein Schwein kaut zart am Ellenbogen, ein anderes hat meine Schuhe in Arbeit. Neugierig. So wie ich. Diese Schnauzen, pardon: Rüsselscheiben, die schnobernd hin und her kippeln, die muss ich mal anfassen: Warm sind sie und ein bisschen klebrig. Bevor die Viecher gar zu zudringlich werden, lieber wieder zurück auf den Gang.

Was mein Eindruck ist, wollen die Burmesters wissen. Ich winde mich. Was soll ich sagen? Im Rahmen des ihnen angeratenen Systems machen sie ihre Sache so anständig, wie es ihnen eben möglich ist. Aber ist dieses System anständig? Burmesters führen einen modernen Vorzeigebetrieb. Experten würden möglicherweise auch hier gestörte Schweine sehen oder jene schmerzhaften Druckstellen an den Gelenken, die vom Schlafen auf Beton kommen. Sie könnten Stresshormone im Blut der Schweine entdecken. Aber ich bin Laie und kann nur Eindrücke sammeln.

Und so gehe ich durch die Halle. Rechts und links die Flucht der Gruppenbuchten. Zum Ende des Gangs hin werden die Schweine immer breiter, die Koben nicht. Die "schlachtreifen" halbjährigen Tiere wiegen 115 Kilo. Jedes hat hier 0,75 Quadratmeter zur Verfügung. Aufschreiben will ich, was die Schweine so machen. Aber was sollen sie schon machen. Sie liegen, stehen, gucken, erschrecken. Es gibt Beton, Bodenschlitze, Wände, einen Trinknippel, einen Fresstrog, eine Eisenkette.

"Natürlich, so wollte ich auch nicht leben."

So heiter hatte der Morgen begonnen, mit dem Ferkel auf dem Arm. Jetzt frage ich mich doch: Ist das ein Leben? Frau Burmester ist mir hinterhergekommen. Legt neben mir die Unterarme auf die Buchtentrennwand. "Natürlich, so wollte ich auch nicht leben. So beengt. Aber es sind Tiere. Und sie fühlen sich auch wohl. Sie spielen oft. Dann rennen sie im Kreis."

 

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