7 Antworten zum Völkermord an den Armeniern von 1915

Wie konnte das geschehen?

Yannis Kolesidis / picture-alliance / dpa

1915: Der osmanische Staat versuchte, seine armenischen Bürger zu vernichten – und die Türkei gibt das als Kriegsgeschehen aus

Die Mitschuld klar benennen

Der Völkermord an den Armeniern ist eine Gewissensfrage nicht nur für die Türkei, sondern auch für die Deutschen. Eine Kolumne der chrismon-Herausgeberin Irmgard Schwaetzer

1. Warum kam es zum blutigen Zerwürfnis ­zwischen Armeniern und Türken?

Die Armenier galten im Osmanischen Reich als eine loyale Bevölkerung. Aber die Regierung setzte die 1878 zugesagten Autonomierechte nicht um, Proteste dagegen sowie gegen die Verdopplung der Steuern wurden von Polizeikommandos und Kurdeneinheiten ab 1894 mit Gewalt erstickt. Bereits bis 1896 wurden mindestens 80 000 Armenier getötet.

2. Wann begann der Völkermord an den Armeniern?

Türkische halboffizielle Milizen provozierten im April 1915 Schießereien in der Armenierhochburg Van. Auch im Bergstädtchen Zeitun kam es zu gewaltsamen Konflikten. Innenminister Talaat befahl im April 1915, die Elite der Armenier in Istanbul – Abgeordnete, Intellektuelle, Künstler, Geschäftsleute – festzunehmen und zu internieren. Die neue nationalistische Regierungskraft, das „Komitee für Einheit und Fortschritt“, und Innenminister Talaat gaben den Anstoß.  

3. Wie rechtfertigte die damalige Regierung ihr aggressives Vorgehen?

Nach dem Kriegseintritt des Osmanischen Reichs im November 1914 aufseiten der Mittelmächte, also auch Deutschlands, verdächtigte die Regierung die Armenier, mit dem Kriegsgegner Russland zu kollaborieren. Das traf aber allenfalls auf einige Söldner und Freiwilligenbataillone zu. Nach dem russischen Sieg im Winter begannen Ende Mai 1915 die ­Deportationen der Armenier im großen Stil.  

4. Wer profitierte vom Völkermord?

Das Deportationsgesetz vom 27. Mai 1915 wurde vom Militär, von Gendarmerie-Einheiten und kurdischen Hilfstruppen auf Regierungsgeheiß brutal durchgesetzt. Der Staat zog das Eigentum der Vertriebenen ein, uniformierte Einheiten und türkische Bevölkerung plünderten Häuser und Geschäfte, raubten Möbel und Wertsachen. Der deutsche Kanzler Bethmann Hollweg, deutsche Diplomaten am Bosporus und die zahlreichen deutschen Militärs in der osmanischen Armee deckten mit wenigen Ausnahmen den Völkermord, denn die Osmanen waren Kriegsverbündete der Deutschen. 

Buchtipps

Rolf Hosfeld: Tod in der Wüste. Der Völkermord an den ­Armeniern. C. H. Beck, 24,95 Euro
Der Autor ist wissenschaftlicher Leiter des Lepsiushauses in Potsdam, das sich mit dem Genozid befasst.

Jürgen Gottschlich: Beihilfe zum Völkermord. Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier. Ch. Links, 19,90 Euro Gottschlich ist Zeitungskorrespondent in Istanbul.

5. Sollten die Armenier überhaupt ­umgesiedelt werden?

Nirgendwo wurde die Ansiedlung der Armenier ernsthaft vorbereitet. Die wenigsten Vertriebenen aus Nord- und Ost­anatolien überlebten die Märsche nach Aleppo und weiter nach Südosten. Sie gerieten in Hinterhalte, wurden gefesselt in Flüsse geworfen oder verdursteten. Die primitiven Zeltstädte in der heißen syrischen Steppe waren völlig ungeeignet.

6. Kann man von einem gezielten ­Völkermord sprechen?

Aus diplomatischen Dokumenten ergibt sich, dass die osmanische Regierung die Vernichtung des armenischen Volkes anstrebte. Das „Komitee für Einheit und Fortschritt“ war ihr Werkzeug dabei. Innenminister Talaat erklärte bereits am 29. August 1915, die Armenierfrage sei gelöst. Die Vernichtung des Volkes begrüßte er als eine politische Erleichterung.

7. Wie stellt sich die Türkei dem Thema ­Völkermord?

Seit 2005 gibt es in der türkischen Öffentlichkeit heftige Debatten über den Genozid, doch die offizielle türkische Geschichtsschreibung und die Regierung reden die Deporta­tionen als kriegsbedingte Sicherheitsmaßnahmen klein sowie die Tötungen als punktuelle Übergriffe. Recep Tayyip Erdogan verbat sich 2014 „Anfeindungen gegenüber der Türkei“.

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Lesermeinungen

Dies war nicht das erste Massaker an den Armeniern, und andere Volks- und Religionsgruppen wurden sowohl vorher als auch nachher grausam verfolgt. Insbesondere gab es vorher den Genozid an den den Assyrern und Aramäern. Die Eroberungsfeldzüge, die die Türken bis vor Wien führten, waren ebenfalls sehr grausam und zogen massive Unterdrückung der unterworfenen Völker nach sich. Im Artikel wird außerdem der religiöse Aspekt vollkommen vernachlässigt. Alle Nichtmuslime (arabisch: Kuffar) waren (und sind) in der Türkei (und allen anderen muslimischen Staaten) bestenfalls Bürger zweiter Klasse. Das ist auf die Aussagen im Koran und in der Sunna zurückzuführen, die die Nichtmuslime massiv diskriminieren und teilweise zum Kampf gegen sie aufrufen (Die älteren Suren sind nicht so radikal wie die jüngeren). Der vollkommen übersteigerte Nationalismus der Türkei hat zusammen mit dieser religiösen Motivation dazu geführt, daß in diesem ursprünglich vollkommen christlichen Land die Christen eine sehr kleine Minderheit geworden sind.

Gut dass nur die Verlierer-Staaten Voelkermord begehen. Wenn die Gewinner-Staaten auch Voelkermord begehen wuerden, dann gaebe es doppelt so viel Gemordete.

Es gibt das Sprichwort, dass die "Geschichte von den Siegern geschrieben" werde. Das stimmt sicherlich. Dennoch müssen alle Massenmorde benannt werden, alle Wahrheiten auf den Tisch, sowohl von den Besiegten, möglichst aber auch von den Siegern. Entschädigungszahlungen der Türkei gegenüber den Armeniern, Griechen, Aramäern, Assyrern und Chaldoassyrern stehen noch aus.