Zwölf Afrikanische Künstler, die man kennen sollte

Kultur von Kinshasa bis Kapstadt
Afrikanische Künstler, die man kennen sollte

Nichole Sobecki/VII/ Redux

Der "Vater des Ethio-Jazz", Mulatu Astatke, spielt sein Vibraphon bei einem Konzert in Addis Abeba im Jahr 2014

The legendary Mulatu Astatke, father of ethiojazz, plays at his club the African Jazz Village in Addis Ababa, Ethiopia, on January 25, 2014. In the 1970s Mulatu Astatke pioneered a fusion of western jazz and the traditional sounds and instruments of Ethiopia to create ethiojazz. Four decades on, Ethiopia's capital Addis Ababa is a trove of dim clubs and "bets" where one can explore this innovative genre, and a new generation of musicians are pushing the boundaries even further.

Malerinnen, Regisseure und Musiker: Wir stellen Ihnen Klassiker und Geheimtipps aus afrikanischen Ländern vor.

Literatur

Viel zu erkunden gibt es in der afrikanischen Gegenwartsliteratur, die lange Zeit nur spärlich auf Deutsch erschien. Das ändert sich gegenwärtig, zum Glück. Zum Beispiel dank der in Simbabwe geborenen Petina Gappah. Ihr detailliert recherchierter Roman "Aus der Dunkelheit strahlendes Licht" begibt sich auf die Spur des schottischen Afrikaforschers David Livingstone, er sucht nach den Quellen des Nils. Als Livingstone 1873 stirbt, machen sich seine Gefolgsleute, die von seiner Köchin angeführt werden, auf, den Leichnam quer durch Afrika zu transportieren. Ein aus zwei Perspektiven packend erzähltes Buch, das die Mechanismen von Rassismus und Ausbeutung bloßlegt.

Der Kongolese Alain Mabanckou hingegen führt in "Petit Piment" zurück in die 70er Jahre seines Heimatlandes. Der von der Bibel faszinierte Waisenjunge Moses hat keine Lust, sich vor den Karren der sozialistischen Revolution spannen zu lassen, und flieht in die Hafenstadt Pointe-Noire, wo er als Straßenkind für Gerechtigkeit sorgen will. Ein tollkühnes, oft zum Scheitern verurteiltes Unterfangen, von dem Mabanckou eindringlich – und komisch – erzählt. 

Zu den Klassikern der aktuellen afrikanischen Literatur zählt seit "Americanah" die in Nigeria geborene Chimamanda Ngozi Adichie. Auch in "Die Hälfte der Sonne" erweist sie sich als begnadete Geschichtenerzählerin. Geschickt verknüpft sie die Grauen des Biafra-Kriegs (1967 bis 1970) mit den Alltagsmühen von Menschen, die trotz allem nach Auswegen suchen. Eine bedrängende historische Vergegenwärtigung, die die Vergangenheit in den Träumen und Visionen ungemein lebendiger Romanfiguren spiegelt.

Rainer Moritz

Rainer Moritz ist promovierter Literaturwissenschaftler. Seit 2005 leitet er das Literaturhaus Hamburg. Er ist Essayist, Übersetzer und Autor zahlreicher Bücher, darunter zuletzt "Als der Ball noch rund war" und "Mein Vater, die Dinge und der Tod".  
Gunter Glücklich

Musik

Irgendwann hat sich Mulatu Astatke den Titel "Vater des Ethio-Jazz" verdient. Das ist wohl die Anerkennung der internationalen Musikpresse für das gelungene Experiment, die traditionelle äthiopische Fünftonmusik, Latin-Rhythmen, karibische Elemente und Afro-Funk mit moderner Jazz- und Soulmusik zu verschmelzen. Der Mann aus der westäthiopischen Stadt Jimma, der eigentlich Luftfahrtingenieur werden soll und deswegen Mitte der 50er Jahre zum Studieren nach England geht, interessiert sich dort eher für den Jazz und sattelt alsbald um. Zuerst spielt er Klarinette, dann wechselt er zum Vibrafon, spielt aber auch Piano, Orgel, Keyboards und Percussion in London und New York. Vor allem aber komponiert und arrangiert das Multitalent und beeinflusst mit seinem besonderen Klangmix bald etliche Musikerkollegen. In seiner Heimat gründet er das African Jazz Village, eine Mischung aus Musikschule und Club, und bringt seinen Landsleuten als Radiomoderator und TV-Host die eigene reiche Musikgeschichte näher. Im Ausland hält er Vorträge über die Schwierigkeiten einer eurozentrischen historischen Musikbetrachtung. Vor allem aber wird er auch heute noch von nachwachsenden Generationen bewundert, von Musikern wie den Heliocentrics begleitet oder von Größen wie Kanye West und Damian Marley gesampelt.

Auch Alpha Blondy hat sich so etwas wie einen Ehrentitel erarbeitet: "Bob Marley Afrikas". Der als Seydou Koné 1953 in Dimbokro (Côte d'Ivoire) geborene Sohn eines Christen und einer Muslimin soll eigentlich Englischlehrer werden, macht aber hauptsächlich Musik und fliegt alsbald von der Schule. Also geht er ins Nachbarland Liberia. Ende der 1970er zieht es ihn nach New York, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Dort aber wird er mit Roots Reggae "infiziert" und widmet sich nun ganz der Musik. Nach vielen Schwierigkeiten und der Rückkehr in die Heimat gelingt ihm dort der Durchbruch, ausgerechnet mit einem Song, der erstmals offen Polizeigewalt und -willkür anprangert. Die Musik von ihm und seiner Band "Solar System", die ihn bald zum erfolgreichsten Reggae-Künstler des Kontinents macht, verfeinert die karibische Vorlage vor allem mit westafrikanischen Elementen wie Highlife-Gitarren und polyrhythmischer Percussion. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, singt Alpha Blondy seine Texte in unzähligen Sprachen: in seiner Muttersprache Dioula, auf Französisch und Englisch und einer ganzen Reihe weiterer afrikanischer Idiome. Vor muslimischem Publikum in Marokko singt er auf Hebräisch, in Israel hingegen auf Arabisch. Und diese Texte handeln oft von politischen und sozialen Problemen, von Ungerechtigkeit, Korruption und Ignoranz. Aber Alpha Blondy engagiert sich auch abseits der Musik. Die Vereinten Nationen ernennen ihn deswegen 2005 sogar zum Friedensbotschafter für die Côte d'Ivoire.

Für ein ganz anderes Afrika in musikalischer Hinsicht stehen die Südafrikaner von Die Antwoord mit ihrem skandalumwitterten Rave-Rap. Der Bandname bedeutet "Die Antwort" auf Afrikaans, die Mitglieder sind der Rapper "Ninja", die Rapperin Yo-Landi Vi$$er und DJ Hi-Tek. Eigentlich als experimentelles Fake-Projekt von Comedians gestartet, wurde daraus nach einem massiven Internethype im Jahr 2010 eine längerfristige Geschichte. Ihre Musik und deren Inhalte bezeichnen die weißen Kapstädter als "Zef", was so viel wie "Proll" bedeutet und darauf verweist, dass sie sich überwiegend mit Themen aus der Ghettowelt der sozialen Unterschicht in den südafrikanischen Vorstädten beschäftigen. Dabei bedienen sie sich vor allem auch in ihren Videos einer sogenannten White-Trash-Ästhetik, die einerseits ironisch gebrochen wird, andererseits aber auch gern mal ins Gruselig-Alptraumhafte kippt. Verstärkt wird das durch eine entsprechende Soundästhetik mit kantigen Raps, quietschig gepitchten Stimmen und ravigen Elektrosounds und Technobässen. Flankiert wird das Ganze in bester Marketingmanier von offenbar inszenierten Konflikten im Netz bis hin zu handgreiflichen Auseinandersetzungen hinter der Bühne. Und schließlich gehört es auch zum Konzept, dass nach dem in Kürze erwarteten fünften Album die Bandkarriere planmäßig beendet werden soll.

Claudius Grigat

Claudius Grigat ist Redakteur bei chrismon und evangelisch.de. Magister in Germanistik, Soziologie und Politologie sowie Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in Deutsch und Sozialkunde. Volontariat beim Hessischen Rundfunk, anschließend dort Redakteur und Reporter bei unterschiedlichen Radiowellen und Fernsehsendungen sowie Autor für diverse Zeitschriften.
Foto: Lena UphoffPortrait Claudius Grigat, online-Redaktion, Redaktionsportraits Maerz 2017

Film

© EZEF

2012 wird der senegalesische Spielfilm "Die Piroge" beim Festival in Cannes uraufgeführt. Der Film erzählt in packenden Bildern die Geschichte einer Reise vom Senegal zu den Kanaren. 30 Männer und eine Frau als blinder Passagier brechen in einem Fischerboot zu einer gefährlichen Überfahrt nach Europa auf. Nur der Kapitän weiß um die Gefahren dieser Überfahrt. Ein deutscher Kinoverleih findet sich zunächst nicht für den Film, "weil keiner ins Kino geht, um Migranten zu sehen …". Doch das Schiffsunglück 2013 vor Lampedusa und die Ereignisse von 2015 werden diese Wahrnehmung ändern. Moussa Touré, der 1958 in Dakar geborene Regisseur dieses künstlerisch wie politisch herausragenden Films, kam über verschiedene Aushilfsjobs bei Dreharbeiten dazu, eigene Filme zu machen. Eine Filmschule hat er nicht besucht. Für einige seiner Dokumentarfilme erhielt er internationale Auszeichnungen. 1997 dreht er "TGV Express. Der schnellste Bus nach Conakry", ein Roadmovie, das nicht nur in vielen afrikanischen Ländern gezeigt wurde, sondern auch in Deutschland zu den erfolgreichsten afrikanischen Filmen an der Kinokasse gehört.

© Grandfilm

Alain Gomis, der Regisseur von "Félicité", ist in Paris geboren. Er hat westafrikanische Wurzeln und dieses Bewusstsein, zwischen den Kulturen zu leben, hat nicht nur seinen ersten Spielfilm, "L’Afrance", geprägt, sondern alle seine Filme spielen in Afrika. Mit "Félicité" war er 2017 zum zweiten Mal bei der Berlinale im Wettbewerb vertreten und wurde mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. "Félicité" erzählt die Geschichte einer Sängerin, die in einem Nachtclub in Kinshasa arbeitet. Als sie erfährt, dass ihr 16-jähriger Sohn schwer verletzt im Krankenhaus liegt, muss sie in kürzester Zeit das Geld für eine Not-OP auftreiben. Ungeschminkt zeigt der Film das prekäre Leben der einfachen und armen Bewohner Kinshasas – feiert aber zugleich deren Kraft, Solidarität und Lebensfreude.

© Arsenal

Der Mauretanier Abderrahmane Sissako zählt zu den wichtigsten Regisseuren Afrikas. Er hat in Moskau Film studiert und seitdem ein umfangreiches Werk, sowohl an Dokumentar- als auch Spielfilmen realisiert. Hierzulande ist er gleichwohl erst mit seinem Spielfilm "Timbuktu" (2014) bekannt geworden. Der Film war auch für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert. Vor dem Hintergrund des Eroberungsfeldzugs islamischer Fundamentalisten, die 2012 den Norden von Mali ihrer Herrschaft unterwerfen, erzählt der Film von einer Hirten- und einer Nomadenfamilie, die in der Nähe der legendären Wüstenstadt leben, die von den Dschihadisten beherrscht und zunehmend terrorisiert wird. Sissako setzt diesem Terror eine zutiefst menschliche Haltung entgegen und vermeidet es zugleich, das Idyll einer vor dem Konflikt harmonischen Gesellschaft zu zeichnen. Unvergesslich, wie er den passiven Widerstand in einem Fußballspiel ohne Ball choreografiert!

"Félicité" ist bei Absolut Medien, "Timbuktu" bei Arsenal und "Die Piroge" bei EZEF als DVD zu beziehen.

Bernd Wolpert

Bernd Wolpert ist Leiter des Evangelischen Zentrums für Entwicklungsbezogene Filmarbeit (EZEF).
PrivatBernd Wolpert

Kunst

Die Kunst von Emekah Ogboh ist was für die Ohren. Der Nigerianer lässt Besucher ungewohnte Klang-Collagen lauschen. Erst zog er mit dem Aufnahmegerät durch seine Heimatstadt Lagos. Mittlerweile pendelt Ogboh zwischen Nigeria und Deutschland. Und so mischt sich in seinen Werken der Sound der Straßen von Lagos mit dem Rattern der Berliner U-Bahn, oder der Künstler lässt die deutsche Nationalhymne in nigerianischen Dialekten singen. Eigentlich nur konsequent, dass Ogboh auf seinen Eröffnungen in der Regel auch als DJ auflegt. Kommt gut an in der feierlustigen Kunstszene.

 PR Emekah Ogboh
 PR Emekah Ogboh

Die nigerianische Künstlerin Otobong Nkanga sucht nach den Wunden und Narben der Landschaft, sammelt Steine, Teeblätter, Erden, Muscheln, die etwas erzählen über den menschlichen Umgang mit natürlichen Ressourcen. In ihren Installationen und Performances werden Gerüche und Gefühle hervorgerufen, der Körper mit der ihn umgebenden Natur in Verbindung gesetzt. Nkangas mehrfach preisgekrönte Kunst sucht den politischen Dialog mit den Betrachtern. Wie verändert der Mensch die Landschaft durch Krieg, Handel und Ausbeutung? Hochaktuell, aber eben auch ästhetisch höchst eindrücklich.

 PR Otobong Nkanga

Der beninische Installationskünstler Georges Adéagbo ist wahrlich kein Shootingstar der Szene, sondern mit seinen fast achtzig Jahren wohl einer der weltweit unbekanntesten bekannten Künstler. Und dass, obwohl Adéagbo überhaupt nicht vorhatte, Kunst zu machen. Nach einem Jurastudium an der Côte d'Ivoire und in Frankreich kehrte Adéagbo in seine Heimat zurück, wo er zum Ausgestoßenen wurde, weil er sich den gesellschaftlichen Erwartungen an ihn als Familienoberhaupt verweigerte. Aus Einsamkeit und Langeweile begann Adéagbo Objekte zu sammeln und zu großen Installationen zusammenzubauen. Die entdeckte ein französischer Kurator durch Zufall und zum Glück für die Kunstwelt.

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
Privat

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die Publizistin Veye Tatah. Ohne Coltan aus dem Kongo würden im Westen die Fließbänder stillstehen

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