Katrin Göring-Eckardt, Martin Luther und die DDR

"Da ging eine Tür auf"

Foto: Henriette Kriese

Martin Luther war ein Mann mit klaren Prinzipien. Deshalb wurde er zum Vorbild auch für die DDR-Opposition. Eine Zeitreise mit Synodenpräses Katrin Göring-Eckardt

Ein Leben verändern, sich in einer neuen Ordnung zurechtfinden? „Das macht man nicht einfach so!“ Katrin Göring-Eckardt hat als 17-Jährige in Gotha und in Erfurt erlebt, wie die Mächtigen der DDR den 500. Geburtstag Martin Luthers 1983 nutzen wollten, sich international als Kulturstaat zu präsentieren. Der Vorsitzende des staatlichen Luther-Komitees hieß Erich Honecker. „Da wollte man wohl eine Tür zu Kirche und Glauben leicht aufmachen, um das historische Ereignis im Sinn des Systems zu nutzen“, erinnert sich Göring-Eckardt.

Politische Aktivität und erkennbares Christsein

Wir treffen uns in Erfurt zu einer kleinen Zeitreise. In die 80er Jahre der DDR und zu Luther, wie er sich auf jenen Weg machte, der mit dem Thesenanschlag in Wittenberg am 31. Oktober 1517 die Reformation auslöste. Das Jubiläum dieses 500. Reformationstags feiern wir – anders als Luthers 500. Geburtstag – in einem freien und vereinten Deutschland. Als Treffpunkt haben wir das ehemalige „Schwarze Kloster“ der Augustiner-Eremiten gewählt, in dem der Mönch Luther lebte, bis er an der Universität Wittenberg die Professur für Bibelauslegung übernahm. Katrin Göring-Eckardt ist Präses (Vorsitzende) der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, eine der führenden Persönlichkeiten des deutschen Protestantismus. Und sie ist Vizepräsidentin des Bundestags. Nichts Ungewöhnliches in der Bundesrepublik. Politische Aktivität und erkennbares Christsein haben in diesem Staat eine gute, gemeinsame Geschichte.

Zurück in die DDR. „Meine Eltern waren Tanzlehrer. Die hatten in der DDR die Aufgabe, jungen Leuten Benehmen beizubringen und natürlich tanzen.“ Die Eltern waren nicht gerade das, was man fromm nennt, aber Taufe, Christenlehre, Konfirmation, das sollte sein. „Meine Mutter musste in den 50er Jahren die Schule vor dem Abitur verlassen, weil sie Mitglied der Jungen Gemeinde war. Deshalb hatte sie immer Angst, dass das noch mal passiert. Mir.“

Die Dinge nicht hinnehmen, aufstehen, protestieren

So versuchte die Tochter in der Gesellschaft zu leben und ­neben ihr: „Ich habe in der Jungen Gemeinde Freiheit erlebt und wollte in der Staatsjugend FDJ den Laden von innen aufrollen. Es konnte doch nicht sein, dass wir die Genossen in Ruhe machen lassen und nur noch in einer Art Nebengesellschaft leben.“ Dass die Schülerin Katrin auf Distanz zu Honeckers Republik ging, lag an Erlebnissen wie diesem: „Ich war mit meinem Vater zum Tanzunterricht in einem Jugendwerkhof. Jugendwerkhof hört sich harmlos an. Das war ein Jugendknast und gehörte zum Schlimmsten, was es in der DDR gab, weil die jungen Menschen da richtig gebrochen wurden. Ich hab nur gedacht: Das kann nicht sein! Das ist nicht nur falsch, das ist menschenunwürdig!“ Katrin Göring-Eckardt nennt Vorbilder dafür, die Dinge nicht ­hinzunehmen, aufzustehen, zu protestieren. Albert Schweitzer gehörte dazu, Martin Luther King, Sophie Scholl und eben Martin Luther. „Luther hat genau hingesehen, er hat gerungen und es sich schwergemacht. Aber am Ende hat er trotz aller möglichen Konsequenzen gesagt: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Und eben: Gott helfe mir.“

Ein Leben verändert. Eigentlich wollte die Schülerin Katrin ­unterrichten. Deutsch und Geschichte, das war der Traum. Bis sie von einer Lehrerin beiseitegenommen wurde. „Sie sagte: Katrin, vergiss es! Wenn du diese Fächer geben willst, dann musst du immer auch unterrichten, was dieser Staat sagt. Lass es sein! – Das hat mich in eine totale Krise gestürzt.“ Also beschloss sie, wie ­manche in ähnlicher Lage, Theologie zu studieren. „Ehrlich gesagt, weil ich hoffte, dann wenigstens Religion unterrichten zu können“ – in der Christenlehre, jenem Religionsunterricht, den der Staat tolerierte. Aber auch nur nachmittags in den Gemeinden.

"Von da an war es vorbei mit der FDJ"

Ein Leben verändert. Theologie studieren! „Das war der Bruch. Von da an war es vorbei mit der FDJ und dem Versuch, das System zu ändern. Vielleicht war von da an klar, man muss sich entscheiden.“ Wir stehen in der Augustinerkirche vor dem Altar. Hier hat der 21-jährige Luder – so hieß er damals noch – im Sommer 1505 gelobt, Mönch zu werden. Vier Jahre lebte er schon in Erfurt, hatte die schönen Künste studiert und gerade ein Jurastudium begonnen, das er jedoch nach zwei Monaten abbrach, als er in ein Gewitter geriet und in Todesangst ausrief: „Hilf, heilige Anna! Ich will Mönch werden.“

Ein Leben verändert, eine Ordnung, ein Weltgebäude – das hat Martin Luther erreicht. Das umwälzende Ereignis, das sich heute mit seinem Namen, der Reformation und einer anderen Art von Kirche verknüpft – der junge Augustiner mag noch nicht einmal davon geträumt haben. Und wenn, dann werden es Alpträume gewesen sein.

Wir gehen durch die große Kirchentüre. „Da drüben, in der Lorenzkirche, waren 1989 die Friedensgebete, und dann ging es zur Demo, zum Domplatz.“ Sie mit dabei? „Bei den Gebeten, ja. In der Zeit ist aber mein Sohn geboren und den hatte ich bei mir. Deswegen bin ich lieber nach Hause gegangen, weil da noch die Wasserwerfer um die Ecke standen.“ Wir waren auf alles eingestellt, nur nicht auf Gebete und Kerzen, hieß es später aus dem Politbüro der SED.

Das Protestzeichen wurde verboten

„Schwerter zu Pflugscharen“ war das biblische Wort, um das sich die Christen der DDR sammelten und das sie als Aufnäher an ihren Jacken trugen. „Niemand konnte doch gegen das Symbol sein, das die UdSSR der UNO als Denkmal geschenkt hatte.“ Aber das Zeichen wurde verboten. „Manche trugen deshalb bewusst die leere Stelle mit den Nähten auf dem Ärmel. “

Ein Leben verändern, eine Ordnung, ein Weltgebäude: „Keiner von uns dachte damals an ein Ende der DDR. Wir wollten eine freiere Gesellschaft, in der wir leben konnten, wie wir wollten, frei denken, reden, reisen.“ Die Christen, zumal die evangelischen – Außenseiter im real existierenden Sozialismus? „Aus der Sicht der Partei waren wir das. Aus der Sicht der Menschen waren die Kirchengemeinden und ihre Pastoren ein Ort für die, die in Not waren“, erinnert sich Göring-Eckardt, während wir durch den Kreuzgang des Klosters gehen. Das legendäre lutherische Pfarrhaus war zu DDR-Zeiten „ein Zufluchtsort. Man hatte das Gefühl, da sitzt der Pfarrer, ein Typ, der wenig Geld bekommt, der es in der Gesellschaft schwer hat, und bietet Hilfe an. Der muss es ernst meinen mit seinem Gott, also gehe ich dahin, ob ich Alkoholiker war oder eine Frau, die von ihrem Mann verprügelt wurde, ja selbst ein Parteifunktionär, der die Welt nicht mehr verstanden hat. Sie klopften am Pfarrhaus an – und jemand sprach mit ihnen.“ Zwei, die nichts mehr verstanden, waren Margot und Erich Honecker nach ihrer Entmachtung. Auch sie wurden von einem Pfarrer in seinem Haus aufgenommen.

Heimat werden und bleiben für viele, das wünscht sich die Repräsentantin der Evangelischen in Deutschland auch für die heutigen Gemeinden. „Weil die Leute wissen, dass sie hier verlässlich Menschen finden, die frei sind, gerade auch für den Anderen, und deshalb Leid wie Freud mit ihnen teilen.“

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