Theologe: Kirchen verwechseln Nächstenliebe mit offenen Grenzen

epd-bild / Gion Pfander

Ulrich Körtner

Ulrich Körtner

"Ich kann nicht sagen, es ist moralisch gut, bis an die Grenzen der Erschöpfung zu gehen - und um den Rest kümmert sich der liebe Gott", sagt Theologieprofessor Körtner.

Der evangelische Theologe Ulrich Körtner wirft den beiden großen Kirchen in Deutschland eine unkritische Haltung bei der Flüchtlingspolitik vor. "Man kann nicht aus einem theologischen Universalismus heraus für prinzipiell offene Grenzen plädieren", sagte der Theologieprofessor aus Wien der Zeitschrift "Publik-Forum" (Freitag). "Selbst als es schon eine differenzierte Debatte gab, sind der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, bei ihrer Position geblieben", erklärte Körtner.

Den Flüchtlingskurs der Bundesregierung, "bei dem es vorübergehend zu einem Kontrollverlust des Staates kam", hätten die Kirchen 2015/2016 "massiv" unterstützt. Dabei hätten sie sich auf die "christliche Nächstenliebe" berufen. Nach Ansicht Körtners haben die Kirchen versäumt, sich einer "kontrollierten Einwanderung" zu öffnen. "Aber auch in der Nächstenliebe gibt es unterschiedliche Verpflichtungsgrade, die gegeneinander abgewogen werden müssen", warnte Körtner. Andernfalls drohten Überforderung und Zusammenbruch, so der Theologe.

"Ich kann nicht sagen, es ist moralisch gut, bis an die Grenzen der Erschöpfung zu gehen - und um den Rest kümmert sich der liebe Gott", sagte Körtner. Ulrich Körtner ist Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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